"Forbes Global" vom 30. Oktober 2000

Befreit Chrysler!


Chrysler, wie es Daimler-Benz kaufte, lebt nicht mehr. Es ist tot, weil Jürgen Schrempp etwas ganz Wesentliches übersehen hat: Die Mitarbeiter von Chrysler waren es, die das Unternehmen ausmachten. Ihre Ideen, ihre Arbeitsfreude waren es, die es attraktiv machten. Nicht die Fabriken, die waren alt, auch nicht die Gewinne, die bekanntlich kommen und gehen. Aber auch Menschen können gehen. Ein paar haben es schon getan, wie Designer Thomas Gale oder Chefingenieur Francois Castaing. Wenn noch mehr folgen, ist Chrysler wertlos. Das haben jetzt auch die Investoren gemerkt und ihr Engagement drastisch zurückgeschraubt: Der Marktwert schrumpfte von 37 auf 35 Milliarden Dollar.

Fest steht, dieses Chrysler ist nicht mehr das, das Schrempp kaufte. Es hat weniger talentierte Mitarbeiter. Das ist umso dramatischer, weil wahrhaft große Aurgaben vor Chrysler liegen: Die bislang erfolgreichen Jeeps und Dodges haben den Zenit überschritten. Ihre Modelle sind veraltet, die Konkurrenz hat weit bessere Modelle auf dem Markt. Noch schlimmer aber: Der Autobauer hat seinen Antrieb verloren. Das wiegt umso schwerer, denn was Chrysler jetzt braucht, ist Mut und Phantasie. Doch das scheint Schrempp nicht zu sehen, sonst hätte er das alte Unternehmen nicht unter deutschem Management begraben.

Gegenwärtig hat Schrempp drei Möglichkeiten, um die Situation zu klären: Er führt Chrysler wie bisher als unmündige Provinz, dann wird es irgendwann ganz sein Gesicht verlieren. Er behandelt Chrysler wie einen Partner und gibt ihm alle Freiheiten, um erfolgreich zu sein. Die dritte Möglichkeit wäre der Verkauf, bevor Chrysler am Ende ist. Schrempp sollte es nicht peinlich sein, das zu tun, wenn er es für richtig hält. Andere haben es vor ihm getan. Und sie werden es wieder tun.