Die Schnellsten im Hinterherlaufen

Christoph Mohn führt das expandierende Web-Portal Lycos nach Art des Hauses Bertelsmann: Größe und Kreativität werden zugekauft. In Sachen Transparenz hält es der Sohn des Konzern-Patriarchen mit Ludwig Wittgenstein: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.




Im Gasthaus Brauhaus in Gütersloh glaubt man zunächst, der örtliche Kegelclub feiere Geburtstag. Es gibt Weißwurst und Leberkäse. Eine kleine Lichtorgel soll etwas Disco-Atmosphäre erzeugen. Der DJ spielt erst "Let's groove tonight" und versucht es dann mit "Get into the groove", doch niemand tanzt. Kurz gesagt: Es sieht nicht nach einer " After-work-Party" eines der größten deutschen Internet-Unternehmen aus.

Am Tresen stehen drei junge Mitarbeiter von Lycos Europe. Sie tragen gestreifte Hemden und unterhalten sich über "Themen-Channels" und die "Burn Rate" einiger Internet-Unternehmen. Der Jüngste fragt ungläubig: "Ist es in den USA wirklich so, dass um 17 Uhr der Hammer fällt?" Die drei sind eben erst aus dem Büro gekommen, um kurz vor neun. Viele ihrer Kollegen arbeiten noch. Das Brauhaus ist dennoch gut gefüllt, weil sich Ereignisse mit modernen Namen wie "After-work-Party" in der ostwestfälischen Provinz schnell herumsprechen. "Wir sind doch schon froh, wenn hier einer mal ein rotes Licht aufhängt", sagt ein Kfz-Mechaniker, der die Autos der Lycos-Mitarbeiter repariert.

Tina ist 22 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau. "Lycos", sagt sie, "ist das Beste, was einem passieren kann." Und dann sagt sie den Satz, der vielen Mitarbeitern junger Internet-Unternehmen ins Gehirn programmiert scheint: "Alle duzen sich, es ist wie in einer Familie." Auch Verantwortung habe sie schon übernommen: Im Auftrag von Lycos-Europe-Chef Christoph Mohn, dem zweitjüngsten Sohn des Bertelsmann-Firmenpatriarchen Reinhard Mohn, organisierte sie im Sommer für alle Mitarbeiter eine Kanu-Tour.

Es war die Zeit, als die Angestellten eine Abkühlung brauchen konnten, die Wochen, als die Lycos-Europe-Aktie zwischen sieben und acht Euro zu kleben schien, die Zeit, als nur noch die Deutsche Bank als Konsortialführerin das Papier munter weiter als "Kauf" (17.8.) und etwas später, Ende September - Lycos dümpelte bei zehn Euro -, sogar als "starken Kauf" empfahl.

Das deutsche Internet-Portal, ein Gemeinschaftsunternehmen des US-Unternehmens Lycos Inc. (43,1 Prozent), Bertelsmann (26,8 Prozent) und Christoph Mohn (16,2 Prozent) war im März dieses Jahres an die Börse gegangen. Wie es sich für eine anständige Neuemission gehört, war das Papier 30-fach überzeichnet gewesen. Doch die Aktie zog nicht an. Das Zauberwort Internet klang längst nicht mehr nach Zukunft, es erinnerte an das verkaterte Erwachen nach einer zu fetten Party.

Lycos warb mit einem schwarzen Hund im Fernsehen um Aufmerksamkeit. Der Hund kauerte mit "His masters voice"-Blick vor einem Computerbildschirm. Er schien eine Fährte zu verfolgen, und es sah danach aus, als würden ihm Lycos-Seiten wie der Internet-Zugang Comundo oder die Suchmaschine Fireball dabei helfen. Lycos Europe sollte nicht nur Suchmaschine sein, sondern ein Portal, eine persönliche Startseite, eine Heimat im Netz.

Lycos wurde bekannter und lag laut Firmenangaben schon im Juni mit einer Reichweite von 44,1 Prozent der deutschen Internetnutzer hinter T-Online und AOL an dritter Stelle - vor dem Hauptkonkurrenten Yahoo. Doch diese Zahlen interessierten die Analysten weniger als das riesige jährliche Werbebudget von 150 Millionen Euro - fast das Vierfache des Umsatzes. Dazu kamen im September die Geschäftszahlen des Jahres 1999/2000: Der Verlust war im Vergleich zum Vorjahr um das Elffache auf 99,7 Millionen Euro gestiegen. Die vom Platow Brief veröffentlichte Burn Rate lag bei 2,5. Damit war Lycos Europe eine der größten Geldverbrennungsmaschinen des Neuen Marktes. Will sagen, mit jeder umgesetzten Mark verlor das Unternehmen 2,50 Mark.

"Wir haben Middelhoff malträtiert: Hör auf, Dein AOL zu pushen." Viele der jungen Lycos-Mitarbeiter haben Stock Options ihres Unternehmens, Anrechtsscheine, die sie nach einer Sperrfrist in Aktien eintauschen können. Doch sie hörten bald auf, die Aktienkurse von Lycos Europe zu verfolgen. Es war zu frustrierend. So frustrierend, dass sich Deutschland-Chef Robert Wuttke noch an einen Tiefstkurs von 6,60 Euro erinnert - dabei fiel die Aktie in Wahrheit nicht unter sieben Euro. Mitte Juli, als das Papier ins Bodenlose zu rutschen schien, ging Wuttke durch viele der hellen Büros des neuen vierstöckigen Lycos-Gebäudes und beruhigte die Mitarbeiter. "Ich habe den Leuten erklärt, dass sie Lycos mit dem Internet-Index des Neuen Marktes vergleichen müssen. Der war ja auch schlecht." Manchmal taten die Mitarbeiter das, und an manchen Tagen sahen sie, dass Lycos noch unter dem miesen Index lag. Schließlich ließen es die meisten.

Die Führungscrew von Lycos hätte in diesen Wochen Fonds-Anleger anrufen, Kleinanleger beruhigen, Analysten ihre Strategie erklären und Journalisten Interviews geben können. Christoph Mohn tut das bis heute nicht gem. Die ewige Frage nach den Verlusten scheint ihn zu nerven. Natürlich macht Lycos Verluste. Warum auch nicht? Der Umsatz kletterte schließlich auch um 271 Prozent. Der dünne 34-Jährige mit dem schütteren Haar mag Interviews, wo er unsichtbar bleiben kann, im Chatroom der Deutschen Bank etwa. Dort werden ihm dann Fragen folgender Güteklasse serviert: "Stimmt es wirklich, dass Comundo schneller wächst als T-Online und AOL?" Und er braucht nur mit "korrekt" zu antworten.

Bei öffentlichen Auftritten verschanzt er sich gern hinter Phrasen, die draufgängerischer wirken, als er ist. Mohn sagt oft, dass Lycos Europe schneller wachse als Yahoo und er den Konkurrenten bald als rührende Online-Plattform in Europa überholen wolle. Er spricht über Größe, nicht über Neuigkeiten auf den Lycos-Seiten. Er redet von Nutzer-Reichweite, nicht von der Reichweite seiner Vision. Mohn redet von Wachstum, weil Lycos keine andere Chance hat. Manchmal schildert Mohn Lycos als Unternehmen mit einer "lebendigen Start-up-Kultur". Manches sieht auch danach aus: Seine Mitarbeiter können sich an ihrem Schreibtisch massieren lassen, es gibt Rhetorik- und Body-Styling-Kurse, der letzte Betriebsausflug führte nach Mallorca.

Doch ein klassisches Start-up mit zwingenden neuen Ideen und einer Nische im Markt war das Unternehmen nie. Das war Yahoo. "Wir waren die Schnellsten im Hinterherlaufen", sagt Marcus Riecke, der 1997 erster Geschäftsführer von Lycos Europe wurde. Das Unternehmen bekam von Beginn an, seit Januar 1997, Geleitschutz von Berteismann, als Projekt der Konzern-Tochter Telemedia. Zwar lag das Schwergewicht der Internet-Aktivitäten damals auf der Kooperation mit AOL, doch das war gebührenfinanziertes Internet.

Werbefinanziertes Internet gab es in Deutschland noch nicht, aber einige Berater um Thomas Middelhoff hatten es bereits gerochen. Middelhoff war damals Chef der Unternehmensentwicklung, und einer seiner Mitarbeiter war Marcus Riecke. "Wir haben Middelhoff malträtiert", sagt Riecke. "Wir haben ihm gesagt: Hör auf, immer dein AOL zu pushen, mach mal Internet-Werbung mit weniger Geld." Bertelsmann schloss einen Lizenzvertrag mit Lycos Inc. in den USA, und im Juni 1997 wurde Lycos Europe gegründet. Die Strategie war simpel: Lycos sollte nicht nur Suchbox sein, sondern ein Zuhause im Netz werden. "Wir wollten wie Yahoo werden", sagt Riecke.

Als Christoph Mohn 1997 zu Lycos Europe kam, beschleunigte sich das Tempo des Hinterherlaufens. Der Joint-Venture-Vertrag mit Beltelsmann, die Erweiterung des Lycos-Angebotes, das Lancieren des Internet-Zugangs Comundo - alles schien schneller zu gehen. Mohn habe "kürzere Wege" im Konzern gehabt, sagt Riecke. Er habe nicht "Gebetsmühlen abwarten müssen" .

Kooperieren, um ganz nach vom zu kommen -auch mit der "Frau im Spiegel" Der Wettlauf mit Yahoo wurde ein Tuning-Wettkampf. Man personalisierte die Portale, erweiterte sie um Shopping-Guides, Wettervorhersagen und Finanz-Channels. "Wir haben so viel Kram wie möglich auf eine Seite gepackt, um die Leute zu halten", sagt Riecke. Die Kunden sollten Lycos nicht nur besuchen (Page-Visit), sondern intensiv nutzen und in den Seiten blättern (Page-Impression). Erst das macht ein Unternehmen für Bannerwerbung interessant.

Lycos Europe kooperierte sogar mit der "Frau im Spiegel", um Hausfrauen über 55 auf ihren Klatschseiten zu halten. Riecke erinnert sich, dass Lycos vor allen anderen einen Telekommunikations-Guide hatte, der Handy-Preise verglich. Nur: Lycos war kein Spezialist, auf dessen Seiten solche speziellen Dinge leicht zu finden waren. Lycos war ein Generalist, der etwa 90 Prozent der Umsätze aus zehn Prozent der Inhalte holte. Nach speziellen Dingen musste man graben, und Lycos Europe hätte sie "kommunizieren", der Öffentlichkeit zeigen müssen.

Mihajio Stevic weiß bis heute nichts von einem Telekommunikations-Guide. Auch von Lycos-Partnerschaften hat er nichts gehört: "Ich kenne nur die Partnerschaft mit der Deutschen Bank." Stevic kann sich nicht erklären, "woher das Geld für die Zukäufe stammt". Wahrscheinlich könnte er auch nicht genau sagen, warum Lycos Europe nach dem Kauf des schwedischen Internet-Unternehmens Spray Network um rund 100 Millionen Euro reicher ist als zuvor. Nicht einmal die Zahl von 19 Millionen Lycos-Nutzern in Europa überzeugt Stevic. "Nutzer ist ein schwammiger Begriff, mit dem man spielen kann", sagt er.

Lycos macht, aber niemand versteht, was genau - weil es niemand erklärt Vielleicht hätte jemand von Lycos Europe einmal mit Mihajlo Stevic sprechen sollen. Er ist Analyst bei Forrester Research in Frankfurt und dort zuständig für eCommerce.

Peter Barkow, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf, hat ähnliche Probleme mit Lycos Europe. Ende Oktober schloss das Gütersloher Internet-Unternehmen mit seinem Anteilseigner Bertelsmann einen Vertrag. Der sah vor, dass die europäischen Bertelsmann-Firmen sich auf den Lycos-Seiten ausstellen, um das Lycos-Angebot zu erweitern. Oben in der Pressemeldung tauchte die Zahl 110 Millionen Mark auf. "Diesen Deal habe ich nie richtig verstanden", sagt Barkow. "Wer zahlt was an wen? Oder ist es nur die Hoffnung, dass dieser Vertrag Lycos Europe zu 110 Millionen verhilft? Wo sollen die Umsätze überhaupt herkommen?" Stevic: "Lycos macht nur Pflichtkommunikation." Marcus Riecke: " Christoph ist ein exzellenter Kontroller, aber kein großer Kommunikator. Er ist eher verschlossen, kein Seelenfanger." Mohn sei nicht unbedingt ein bertelsmanntypisches "Unternehmerheißblut" mit dem entscheidenden Riecher für Akquisition und Verkauf. Christoph Mohn scheint ein guter Dramaturg zu sein, der gegen seinen Willen aus der Bühnennische ans Licht gezerrt wurde und vor jedem Dialog zurückschreckt. Wer ein Interview mit ihm rühren möchte, wird an eine PR-Agentur in München verwiesen. Die Mitarbeiter dort halten Journalismus für einen zeitlosen Servicedienst und sind stolz, wenn sie nach zwei Wochen vermelden können, man warte nur noch auf "das Go" in der übernächsten Woche. Doch "Go's" sind rar.

"Wir haben es nicht geschafft, zu kommunizieren, warum wir was machen und mit welcher Perspektive", so Deutschland-Chef Robert Wuttke. Das zeige der Aktienkurs. Der Vertrag mit Bertelsmann bringe definitiv 110 Millionen Mark. "Die sind committed, die fließen an uns." Warum stand das nicht so klar in der Pressemitteilung? Die Frage scheint an Wuttke vorbeizuziehen. Gesehen hat er den Vertrag nicht. Wo die Umsätze herkämen? Er antwortet mit einer Rechnung, die an das Prinzip Hoffnung erinnert: Die Ausgaben für Online-Werbung in Deutschland hätten im Augenblick einen Anteil von 1,5 Prozent an den gesamten Werbeausgaben. Dieser Anteil werde in den nächsten fünf Jahren auf fünf bis acht Prozent steigen. Wenn man weiter davon ausgehe, dass der Markt sich verdopple, während Lycos sich verdreifache, dann ...

Es entsteht eine kleine Pause. Dann sagt Robert Wuttke: "Ich habe eine hohe Achtung vor Yahoo." Auch im nächsten Geschäftsjahr wird das Werbebudget von Lycos Europe die Werbeeinnahmen übertreffen.

Ein Lycos-Manager geht: "Ich wollte nicht die ewige Nummer zwei sein." Bei Marcus Riecke war die Achtung so groß, dass er ins Grübeln kam. Er sagte: "Ich wollte nicht die ewige Nummer zwei sein." Riecke verließ Lycos Europe, wechselte zu AOL und wurde im vergangenen Jahr Geschäftsführer der Kommunikations-Plattform eGroups.

Die Achtung vor Yahoo kommt durch die Qualität der amerikanischen Suchmaschine. Sie ist das Herz des Unternehmens, ein riesiger Faktensauger, der das Wissen des Internets sichtet, ordnet und wieder ausspuckt. Sucht man in den Datenbanken von Yahoo, wird man mit weniger Müll beschossen als bei anderen Suchmaschinen, denn im Zentrum von Yahoo sitzt nicht bloß ein Algorithmus, dort sitzen Redakteure, die die Seiten auswählen und pflegen, sie katalogisieren.

Lycos Europe hat bis zum April dieses Jahres gebraucht, um seine Suchmaschine um den Faktor Mensch zu erweitern. Christoph Mohn ordnete an, dass der vorsortierte Katalog entscheidender sein sollte als die oft abstrusen Treffer der Maschine.

Kein Klassenkampf bei Bertelsmann. Also hat Lycos auch keinen Betriebsrat Der Zentralrechner von Lycos Europe verbraucht so viel Energie wie ein Dorf. Er steht dort, wo sich bei Bertelsmann Old und New Economy treffen: In einer Halle auf dem Gelände der Druckerei Mohn-Media. Sonst ist es noch nicht viel, was die neue und die alte Wirtschaft bei Bertelsmann verbindet. Das selbstlose Bertelsmann-Jahresmotto 1999 vielleicht: ,Jeder ist unseres Glückes Schmied." Oder die Leitsätze des alten Firmenlenkers Reinhard Mohn. "Gemeinsamkeit statt Klassenkampf" oder "Erfolg durch Partnerschaft". Parolen, die Mohn gegen den Individualismus der 68er erfand und die es den Gewerkschaften lange schwer machten, bei Bertelsmann Fuß zu fassen. Auch die 160 Lycos-Angestellten in Gütersloh haben keinen Betriebsrat.

Anfang November: Lycos hat gerade wieder eingekauft - Multimania, eine der führenden Internet-Communities in Frankreich. Vielleicht sollte Christoph Mohn den französischen Journalisten bei der Pressekonferenz einmal die neue Suchmaschine von Lycos Europe erklären oder einfach mal ein Bier mit ihnen trinken.

Vielleicht sollte er sich nicht immer die Fragen vor einem Interview schicken lassen, sondern einfach mal auf sich zukommen lassen. Vielleicht ist es am Ende ganz einfach: Vielleicht ist Lycos Europe so ähnlich wie Christoph Mohn, ein Getriebener, der Draufgänger und Riese spielen muss und nicht dazu kommt, seine verschütteten Qualitäten auszuspielen?

Doch auf diese Fragen weiß die Suchmaschine von Lycos keine Antwort.