Die Goldjungs

Vermögensverwaltung ist Vertrauenssache. Und weil das nie reicht, kümmert sich Firstfive um die Kontrolle der Verwalter. Ihre bevorzugten Kunden: Fürsten, Prinzen und Barone.




Mörfelden-Walldorf, Farmstraße 17. Eine unspektakuläre Adresse, gleichwohl klug gewählt: Von hier aus fährt man nur 20 Minuten zum Flughafen Frankfurt und in die Frankfurter Innenstadt, die Mieten sind aber viel günstiger als in der City. Eine Rechnung, wie sie wohl jedes Start-up aufmacht. Auch wenn, wie bei der Firstfive Deutschland AG, die Kundschaft zu einem erklecklichen Teil aus Millionären besteht.

Oberste Etage, dritter Stock. Die Räume sind repräsentativ genug, um die erlauchte Klientel nicht in Ohnmacht sinken zu lassen, sofern sie sich vor Ort bemüht: großzügige Räume - 400 Quadratmeter für 26 Mitarbeiter. Ein neuer blaugrauer Teppich, frisch geweißte Wände. Rechts geht es zum "Trust" -Bereich, wo die vermögenden Privatkunden betreut werden. Links die "Internet-World", wo zurzeit der Service für Vermögensverwalter und ausgewählte Kleinanleger entsteht.

Vorstandssprecher Steffen Pauls, 32, eilt im schwarzen Anzug herbei, die Verbindlichkeit in Person, etwas blass um die Nase. Daran ist die Stirnhöhlenvereiterung schuld, die er seit Wochen mit sich herumschleppt und nie richtig auskurieren kann. Der Stress. Ein Dauerzustand eigentlich, seit er am 30. August vergangenen Jahres bei der Beraterfirma Boston Consulting ausstieg, um sich selbstständig zu machen, wie so viele angesteckt vom Gründungsfieber, aber ohne konkretes Ziel. Zuerst fuhr er für sechs Wochen in die USA. "Ich sprach mit unzähligen Experten und scannte den US-Ideenschatz", erinnert er sich. "Aber richtig überzeugend fand ich nichts." Erst in Deutschland kristallisiert sich in vielen Diskussionen mit ehemaligen Kollegen von Boston Consulting die Geschäftsidee heraus: das Internet als "Transparenz-Maschine" zu nutzen, um Bereiche auszuleuchten, die bislang im Dunkeln liegen. Anfangs will das Quartett die Sonderangebote von Supermärkten tabellieren, stellt aber schnell fest, dass das ziemlich aufwendig wäre und nicht besonders lukrativ. Die bessere Idee: Finanzdienstleister unter die Lupe nehmen. Da weitermachen, wo die Stiftung Warentest mangels Millionärs-Connections aufhört.

Im Monatsrhythmus kündigen Wolf-Hartmut Adler, Jörg Goschin und Heinrich von Liechtenstein ihre Berater-Jobs bei Boston Consulting. Im Februar 2000, als sie gerade den Business-Plan ausgearbeitet haben und Geldgeber suchen, treffen sie Wolfgang Momberger. Ein erfahrener Kämpe: acht Jahre Vorstandssprecher der Steigenberger Hotels, fünf Jahre Vorstandsmitglied der Karstadt AG, von 1981 bis 1991 zugleich persönlich haftender Gesellschafter der Spielbank Wiesbaden. Der 52-Jährige fackelt nicht lange und steigt ins Boot: "Mir war nach zehn Minuten klar, dass es sich um ein absolut überzeugendes Unternehmenskonzept handelt." Ähnlich positiv wie Momberger reagieren fast alle, die von den vieren angesprochen werden. Es sind in der Regel Freunde, Bekannte oder langjährige Geschäftspartner. Wie weit das persönliche Netzwerk der Gründer reicht, zeigt die illustre Besetzung von Aufsichtsrat und Beirat von Firstfive: Metro-Aufsichtsrat Jan von Haeften ist dabei und Consors-Mitgründer Reiner Mauch, der Unternehmenssteuerrechtler Professor Brun-Hagen Hennerkes und die Rechtsanwältin Martine Dornier Tiefenthaler. Auch Seine Königliche Hoheit Donatus Prinz von Hessen, hauptberuflich Immobilienökonom und Verwalter des Familienvermögens, ist hingerissen und übernimmt ein Aufsichtsratsmandat: "Das Konzept ist leicht zu verstehen, aber schwer zu kopieren." Was also finden die Prominenten so faszinierend, dass sie mit ihren guten Namen für den Erfolg des Unternehmens einstehen?

Die Geschäftsidee beruht auf der Feststellung, dass es im Bereich der Vermögensverwaltung bisher keine richtige Erfolgskontrolle gibt. Wohlhabende Kunden, die ihre Depots Profis anvertrauen, bauen meist auf Empfehlungen oder auf Familientradition. Gebühren und Provisionen lassen sich noch einigermaßen vergleichen, allerdings steht ihnen oft eine sehr unterschiedliche Renditeentwicklung gegenüber. Die Reichen der Republik quält deshalb schon lange die Frage: Arbeitet mein Vermögensverwalter gut? Ist mein Portfolio mit 20 Prozent Zuwachs top oder nur im Mittelfeld? Kann es wirklich sein, dass mein Golfpartner 80 Prozent Rendite erzielt, oder protzt er nur? Und überhaupt: " Erfolge werden im Freundeskreis gern erzählt, Misserfolge meist verschwiegen", weiß Prinz von Hessen.

Um es mit Firstfive-Vorstandssprecher Pauls zu sagen: "Der Anleger war seinem Vermögensverwalter bisher schutzlos ausgeliefert." Zwar konnte er Musterdepots zum Vergleich heranziehen. Doch viele Anleger misstrauen den Angaben. "Damit versuchen die Banken doch, bestimmte Produkte an den Mann zu bringen", glaubt etwa Hubertus von Frankenberg, Managing Director von Tiffany & Co. in Frankfurt und Kunde der ersten Stunde bei Firstfive. Eine andere Möglichkeit war, Indizes wie den Dax oder den Euro-Stoxx als Maßstab heranzuziehen, eine entsprechende Depotmischung vorausgesetzt. "Von einem guten Vermögensverwalter erwarte ich allerdings ohnehin, dass er den Index schlägt", sagt Prinz von Hessen selbstbewusst.

Irgendwann geht alles vorbei. Auch die Macht der Vermögensverwalter Das reale Portfolio-Controlling bei Firstfive funktioniert hingegen so: Die Kunden beauftragen ihre Vermögensverwalter, die Depotdaten der vergangenen zwei Jahre sowie die laufenden Veränderungen an Firstfive zu melden. Als Clearing-Stelle fungiert eine renommierte Frankfurter Anwaltskanzlei. Anonymisiert kommen die Daten in Mörfelden-Walldorf an und werden in den Computer eingegeben, unterteilt in fünf Risikoklassen. Die Software analysiert die Wertentwicklung und vergleicht die Konten. Alle drei Monate erhält der Kunde ein Ranking, aus dem er ablesen kann, ob sein Depot auf Platz 3 oder 93 gelandet ist.

Hubertus von Frankenberg hat gleich mehrere Depots bei Firstfive eingestellt und wartet nun gespannt auf das Ergebnis. "Mein Vermögensverwalter weiß jetzt, dass er sich mehr anstrengen muss", sagt er fröhlich. Der 37-Jährige hatte zwar bisher den Eindruck, dass sein Banker einen "guten Job" macht, aber jetzt, wo das Tool vorhanden ist, hält er sich an das Leninsche Prinzip "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Und wenn er erleben müsste, dass seine Depots über längere Zeit hinweg im unteren Drittel dümpeln, "würde ich natürlich Konsequenzen ziehen", sagt er.

Der Tiffany-Manager ist ein persönlicher Freund der Gründer, wie viele der ersten Kunden, die das Wagnis eingingen, ihre Depotdaten offen zu legen. Man muss sich das einmal klarmachen: Ein großer Teil, wenn nicht sogar die gesamte Vermögensanlage wird Dritten zugänglich gemacht, allein im Vertrauen auf die Seriösität der Gründer und ihre Zusicherung, den Datenschutz einzuhalten. Nur einem Team, das über so ausgezeichnete Referenzen verfügt wie die Firstfive und das darüber hinaus Zugang zu der weitgehend geschlossenen Welt der rund 250000 Vermögensmillionäre in Deutschland, den "High-Networks" (Prinz von Hessen), hat, konnte das gelingen. Vermutlich ist dies der Grund, weshalb die Geschäftsidee so spät entwickelt wurde.

Selbst für die Firstfive-Gründer war die Kundengewinnung nicht leicht, "der kritischste Punkt in unserem Geschäftskonzept", wie Pauls ohne Umschweife zugibt. Man konnte nicht einfach bei Familie Quandt anrufen und Telefonmarketing betreiben, "da kommt man nicht mal ins Vorzimmer durch" (Pauls). Aber das "High-Network" trug trotzdem, von einem zum anderen. Die Gründer waren überrascht, wie problemlos sie von einem Gesprächspartner zum anderen weitergereicht wurden. "Weil die Frustration so groß war und sich viele schon lange über diese Intransparenz aufregten", ist Pauls Erklärung.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das Konzept geradezu genial. Den Rohstoff für das Firstfive-Produkt, die Depotinformationen, liefern die Kunden kostenlos. Für die Veredelung, sprich die Analyse, sind sie bereit zu zahlen - und das nicht zu knapp: 2300 Euro im Jahr, und das ist erst der Einführungspreis. Im nächsten Jahr soll die Gebühr deutlich steigen, vielleicht sogar auf das Doppelte. "Uns sagen viele, dass wir viel zu preiswert sind", behauptet Pauls. Für den Normalbürger sind 2300 Euro viel Geld, aber der ist ja nicht Kunde bei Firstfive. Das Durchschnittsdepot umfasst laut Pauls derzeit drei Millionen Mark. Gemessen daran, sind die Gebühren tatsächlich Peanuts. Dazu von Frankenberg: "Wenn meine Rendite durch den Vergleich um ein Prozent steigt, habe ich die Ausgabe schon wieder drin." Die Zielgruppe trifft sich beim Golf und redet: Das spart Marketing Als Firstfive Mitte September die Presse in den Frankfurter Hof einlud und bei Weißwein und Tempura das Geschäftskonzept erläuterte, hatten die Gründer 70 Depots in die Datenbank eingespeist. Anfang November waren es 90 plus 50 feste Zusagen, so Pauls. Die Planzahl bis Jahresende ist 270. Ob sie erreicht wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Mundpropaganda funktioniert. "Unsere Zielgruppe ist sehr homogen", erklärt Pauls, "die kennt sich vom Golfplatz und vom Rotary Club." Das macht teure Anzeigenkampagnen entbehrlich. Firstfive will lediglich im zweimonatlichen Rhythmus Veranstaltungen organisieren, "sehr privat", für 20 bis 40 ausgewählte Besucher. Praktisch: Das Marketingbudget bleibt niedrig und schont das Gründungskapital von sechs Millionen Euro. Bereits Anfang 2002 will Firstfive die Gewinnzone erreichen.

Nicht bei allen Banken und Finanzdienstleistern, welche die Depotdaten im Kundenauftrag an Firstfive weiterleiten müssen, stößt das Konzept auf Begeisterung. Viele denken wie der Geschäftsführer der Düsseldorfer VM Vermögens-Management GmbH, Klaus-Jürgen Becks: " Das macht Arbeit und bringt nur Ärger mit dem Kunden." Einen objektiven Vergleich von Depots hält Becks ohnehin für unmöglich. "In der Regel macht der Kunde gewisse Vorgaben, sei es, dass er nur deutsche Aktien haben will oder aus ethischen Gründen keine Biotech-Papiere. Das sieht man den Depots hinterher nicht mehr an, beeinflusst aber die Wertentwicklung." Pauls hält dagegen: Durch die Einteilung in Risikoklassen und einer mathematischen Risiko-Rendite-Berechnung mit Hilfe der so genannten Sharpe-Ratio sei die Performance "absolut vergleichbar". Und was ist mit Vorgaben hinsichtlich Branchen und Unternehmen? "Wir stellen nur Depots in das Ranking ein, die absolut restriktionsfrei sind", kontert Pauls. Was freilich schwer zu kontrollieren ist. Die Skepsis der Vermögensverwalter bleibt. Lutz Gebser, Vorstandsvorsitzender des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter (VUV), wertet den Firstfive-Service als "Gimmick, der in erster Linie den Unterhaltungswert der Anlageform Aktie erhöht".

Gimmick hin oder her - die Profis von Firstfive haben längst Möglichkeiten entdeckt, den Millionärs-Input zu vermarkten. Die vermögenden Privatkunden räumen Firstfive schriftlich das Recht ein, die anonymisierten Depotdaten kommerziell zu verwerten. So druckt die " Welt am Sonntag" bereits ein Ranking der fünf Top- und Flop-Aktien, wie es sich aus den Firstfive-Depots ablesen lässt. Kein Barter-Geschäft, wie Pauls versichert: "Unser Content kostet immer." Ab Januar 2001 soll zudem eine limitierte Zahl von 30 000 Kleinanlegern gegen eine Gebühr von 200 Euro Zugriff auf die Depotinformationen bekommen, via Internet. Ein Nebenprodukt, sagt Pauls - allerdings ein lukratives: 30000 Kleinanleger à 200 Euro spülen im Jahr sechs Millionen Euro in die Kasse. Die 600 Millionärs-Depots, die Pauls bis Ende 2001 verwalten will, bringen selbst bei einer Verdoppelung der Jahresgebühr nur 2,76 Millionen Euro. Im Jahr 2005, das gibt Pauls sogar schriftlich, soll der Kleinanleger aber nur noch 15 Prozent zu den Gesamteinnahmen beisteuern.

Auch ausgewählte Kleinanleger dürfen Kunden werden - bei weniger Service Detaillierte Depotanalysen werden Otto Normalverbraucher freilich nicht zur Verfügung stehen. "Der Kleinanleger will in erster Linie Hitlisten", glaubt Pauls. Zum Beispiel: die Tagessieger bei den Neue-Markt-Aktien. Oder: die besten fünf Biotech-Aktien. Außerdem können Kleinanleger aktuelle Nachrichten abrufen, die Firstfive-Hausjournalist Sönke Köhler auf Grund der Depotveränderungen bastelt. Der einstige Mitgründer des fnet sitzt im Datencenter von Firstfive, da, wo die Informationen über Bestandsveränderungen einlaufen. Während im Hintergrund ein Fernseher läuft und ihn eine Eule vor dem Computermonitor streng anblickt, formuliert Köhler Meldungen wie diese: "Daimler Chrysler geht in Sachen Internet nun in die Offensive und gründet DCX-Net. Die Aktie ist in zwei der Firstfive-Top-5-Depots stark gewichtet." Oder: "In einem Interview bestätigt der EM-TV-Boss Haffa, dass sich Großinvestoren von EM-TV-Aktien getrennt haben. In den von Firstfive beobachteten Depots ist und war dieses Papier nicht vertreten." Was wird passieren, wenn Kleinanleger Zugang zu solchen Informationen haben? Werden sie sich nach den Einschätzungen der Profis richten und eilends verkaufen, wenn eine Aktie aus den Firstfive-Depots fliegt? Ja, glaubt Pauls. "Deshalb ziehen wir bei 30000 Kunden die Grenze - um Marktbewegungen zu verhindern." Auch Prinz von Hessen geht davon aus, dass Kleinanleger echte Transaktionen der Profis viel ernster nehmen als die Tipps von Analysten und Börsengurus. "Die wissen doch auch: Wenn der Platow-Brief morgen seine Prognose von heute revidiert, bleibt das folgenlos. Der Vermögensverwalter hingegen muss mit den Konsequenzen leben." Allerdings dürfte die Gefahr von heftigen Marktbewegungen bei Depotvolumina von 50000 bis 300000 Mark - so definiert Pauls die Zielgruppe der Kleinanleger - vergleichsweise gering sein.

Aber da gibt es ja noch eine dritte Zielgruppe, die Profis selbst. Sie, die mit Millionen jonglieren, könnten viel eher für Marktbewegungen sorgen. Auch sie können in diesen Tagen gegen eine Jahresgebühr von 2000 Euro von dem Millionärs-Content profitieren und via Internet eine Fülle von Detailinformationen abrufen, von der Zusammensetzung einzelner Depotgruppen bis zu speziellen Kennziffern. Der Clou: Unter der Rubrik " my firstfive" können sie bis zu 50 Kundendepots einstellen und überwachen lassen. Ein Ampel-Chart zeigt Empfehlungen: Grün für kaufen, Rot für verkaufen, je nachdem, was die Kollegen gerade tun. "Wenn zum Beispiel zehn Prozent der Vermögensverwalter innerhalb einer Woche aus einem Wert herausgehen, springt die Ampel auf Rot", erklärt Pauls. Was, wenn die restlichen Banker dem Trend folgen? Vor dieser Vorstellung schreckt er zurück. "Ich glaube nicht, dass Profis so impulsiv handeln", sagt er rasch. "Die nutzen das Tool eher als zusätzliche Info-Quelle." Sicher ist: Das Börsenkarussell wird sich schneller drehen. Dafür wird nicht nur Firstfive sorgen. Seit kurzem verspricht der Internet-Finanzdienstleister Onvista mit seinem neuen Prognose-Tool den Anlegern eine " mathematisch-basierte Entscheidungshilfe für den langfristigen Vermögensaufbau". Das " Handelsblatt" bietet mittels seinem Internet-Angebot Hintergrundinformationen zu Neuemissionen, das Düsseldorfer Wertpapierhandelshaus Lang & Schwarz informiert tagesaktuell per eMail über kursrelevante Einflüsse.

Allen Anfängern, Unbegabten und Langsamen bleibt der Trost, dass Glück und Zufall auch den besten Profis die Prognosen durcheinander wirbeln. Gab es da nicht den Affen, den Forscher per Wurfpfeil Kauf- und Verkaufsempfehlungen ermitteln ließen und der damit am Ende sämtliche Anlageprofis abhängte? Na also.