Die e-ntwicklungshelfer

Ausgebrannte IT-Experten machen Pause vom wohlklimatisierten Arbeitsstress. Sie helfen Hightech-Gründern in der Dritten Welt, den Anschluss zu finden. Ihre Arbeitgeber sehen den Trip als modernes Branding durch humanitäres Engagement.




Integrated Computer Systems (ICS) ist das Start-up am Ende der vernetzten Welt. Eine Flucht von fünf halbdunklen Räumen, in denen Windows NT auf schwarzweißen 13-Zoll-Monitoren flimmert, wenn nicht gerade wieder der Strom ausgefallen ist. Die Firma in Ghanas Hauptstadt Accra hat keine richtige Adresse. Auf der Visitenkarte steht nur: "beim Nyaniba Estate, in der Nähe vom Aquarius Restaurant". Im Staub vor dem Eingang scharren dürre Hühner, in einer Bretterbude daneben treibt der Nachbar seine Nähmaschine mit rhythmischen Fußtritten an oder döst bei sengenden 38 Grad auf seiner Theke.

ICS' größter Schatz sind die Notstromkästen von APC, die unter jedem abgestoßenen Schreibtisch stehen und das Dutzend zusammengewürfelter Rechner am Laufen halten, solange die Elektrizität nicht mehr als ein halbes Dutzend Mal am Tag zusammenbricht.

Was machen Herrschaften aus dem Silicon Valley in Ghana? Sie helfen "anzulegen und abzudrücken" ICS-Gründer Douglas Doe hat allerdings viel größere Sorgen. Seine fünf Jahre alte Firma mit acht Mitarbeitern verkauft maßgeschneiderte Buchhaltungs-programme an örtliche Banken, Kleinunternehmen und die Außenstellen internationaler Hilfsorganisationen. Software und Web-Seiten aus Ghana für Ghana. Nur wissen die wenigsten Kunden in dem kleinen westafrikanischen Land davon, und noch weniger verstehen sie, warum sie ein paar tausend Dollar dafür bezahlen sollen. "Sales und Marketing ist bis jetzt chaotisch. Wir wissen gar nicht, wo unser Markt ist und wie wir diese Leute am besten ansprechen", sagt der Computeringenieur, der jeden Tag bei den Tageszeitungen anrufen muss, um den ständig wechselnden Anzeigenpreis herauszufinden. Seit Anfang Oktober hat er eine Geheimwaffe, direkt aus Silicon Valley nach Accra importiert. Patti Pierson, ehemalige Kommunikationsmanagerin bei Microsoft, sitzt in seinem Büro und hackt eine PR-Strategie fürs neue Jahr in den Rechner, während Doe fotokopierte Flugblätter zurechtschneidet, auf denen Interessenten zu kostenlosen Surf-Kursen eingeladen werden. "Wenn ich Ende Dezember wieder gehe, haben die Jungs genügend Material, um anzulegen und abzudrücken", sagt die 28-Jährige in der aggressiv-selbstbewussten Sprache des Silicon Valleys, dessen Betriebsklima sie sechs Jahre lang verinnerlicht hatte.

Der Wissenstransfer fällt in der Praxis allerdings etwas schwerer. Gemeinsam mit fünf anderen Freiwilligen ist die IT-Expertin für ein Vierteljahr nach Ghana gezogen, um örtlichen Unternehmen Starthilfe zu geben - in ein Land mit bald 20 Millionen Einwohnern, von denen nach jüngsten Schätzungen gerade einmal 60 000 Menschen einen Internetzugang haben. Dafür hat sie ihren Job zu Hause gekündigt.

Organisiert hat die digitale Entwicklungshilfe die neue US-Stiftung Geekcorps in Massachusetts. Deren Gründer Ethan Zuckerman, 27, und Elisa Korentayer, 25, nutzen für ihr Pilotprojekt in Ghana drei Folgeerscheinungen der neuen Wirtschaft aus: die Sinnkrise von gestressten Wissensarbeitern, die sich bereits vor dem 30. Geburtstag ausgebrannt fühlen; den bisherigen Mangel an humanitärem Engagement in der über Nacht steinreich gewordenen IT-Industrie und das wachsende Interesse an dezentraler privater Entwicklungshilfe, um die digitalen Gräben auf diesem Planeten zu schließen. "Das Klischee vom Geek ist ein Technik-Experte, der Probleme im sozialen Umgang hat", sagt Zuckerman nicht ohne Selbsterkenntnis. Mit dem Verkauf seiner Online-Gemeinschaft Tripod wurde er wohlhabend und will nun Gutes tun, anstatt noch ein Start-up hochzuziehen. "Digitale Wanderprediger" will Zuckerman in die Welt hinausschicken - und nebenbei eine Datenbank für Investoren anlegen, wenn das Netz dereinst die Dritte Welt erschlossen haben sollte.

Ein Fachmann aus dem Westen ist wie Manna vom Himmel Weder bei Freiwilligen noch bei den bedürftigen Firmen muss sich Geekcorps über einen Mangel an Interesse sorgen. Nach ersten Berichten über die Stiftung in diesem Frühling bewarben sich über 160 IT-Experten von Australien über Deutschland und Holland bis nach Chile für einen Einsatz in der Netz-Einöde. Sechs wählten Zuckerman und Korentayer für den Stapellauf in Ghana aus, mindestens weitere 32 sollen im kommenden Jahr in Ghana, Lateinamerika und den Nahen Osten vermittelt werden.

Warum der Enthusiasmus für Web-Development und eBusiness-Beratung in Ländern, die Computer oft noch als geheimnisvolle, hoch besteuerte Ressourcen behandeln? "Normalerweise könnten wir uns solchen Aufwand nie leisten", sagt ICS-Gründer Doe, der die ersten zwei Wochen mit Patti Pierson erst einmal damit zubrachte, sein Geschäfts- und Preismodell zu durchdenken. " Wenn wir am Ende dieses Prozesses angekommen sind, werden wir zum ersten Mal wissen, was wir wirklich verkaufen wollen und wie wir's anpacken. Das ist ein Wettbewerbsvorteil für die Zukunft." 20 holprige Autominuten entfernt, erinnert sich Joseph K. Boateng an ein Berufsleben in der IT-Branche unter widrigen Umständen. "Seit 1966 bin ich in der Branche", sagt der Geschäftsführer von Ananse Systems, das Datenbank-Programme unter anderem an Bankgenossenschaften auf dem Land verkauft. "Ich habe gute Leute, aber die IT-Industrie galoppiert so schnell, dass sie keine Chance haben mitzuhalten, wenn sie nicht ständig auf Konferenzen in England oder Fortbildungsprogramme in Amerika gehen würden. Das ist allerdings viel zu teuer, und Austauschprogramme von Unternehmen im Silicon Valley gibt es nicht", klagt der Unternehmer.

In Boatengs Büro ist es feucht und schwül. Ananses 20 Programmierer und ihr Boss rücken die Möbel je nach Arbeitsbedarf hin und her, um sich durch die Tür zu quetschen, Besprechungen abzuhalten und Codes zu schreiben. Ihre einzige Informationsquelle über die Fortschritte der Informatik sind normalerweise Handbücher, die ein Viertel des Monatslohns von knapp 200 Dollar kosten, oder Web-Seiten, die so langsam auf dem Schirm erscheinen, dass man nebenbei die Tageszeitung "The Daily Graphic" durchblättern kann.

Einen Fachmann aus dem Westen zu bekommen ist für diese Unternehmer wie "Manna vom Himmel", sagt Ebenezer Aryee. Der 35-jährige Ghanaer arbeitete bis Anfang des Jahres für das Entwicklungshilfe-Programm USAID, das jahrelang die Entsendung pensionierter amerikanischer Manager durch das International Executive Service Corps (IESC) in sein Land subventionierte. " Eine hervorragende Idee, aber das ist nicht die IT-Generation, und sie haben andere Ansprüche, was Lebensstandard und Arbeitsbedingungen angeht", sagt Aryee, der nun der Landesdirektor von Geekcorps ist und seine alten Beziehungen spielen lassen kann, um die Geeks mit den Firmen in Kontakt zu bringen.

Die Firmen zahlen für die Hilfe, die sie bekommen, indem sie anderen helfen Das Verkaufsgespräch für Aryee und seinen Kompagnon Stophe Landis ist denkbar einfach. " Wir zahlen für alles", sagt Landis, "den Flug, die Unterbringung und 500 Dollar monatliches Stipendium." Das addiert sich auf knapp 4000 Dollar pro Teilnehmer, während die Senioren-Expertise mit 15 000 bis 23 000 Dollar zu Buche schlug.

Den einzigen Einsatz, den die Empfängerfirmen zeigen müssen, um ein Vierteljahr Know-how zu erhalten, ist ein "Sozialbeitrag" zur Weiterbildung ihrer unmittelbaren Umgebung. "Was genau das sein kann, überlassen wir den Unternehmen. Wir wollen uns weder einmischen noch inhaltlich etwas vorschreiben. Das würde das falsche Signal senden, denn wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben", sagt Landis.

Ananse etwa hat sich verpflichtet, jeden Monat drei Lehrer im Umgang mit PCs und gängigen Microsoft-Programmen auszubilden. Kauft eine Sparkasse im Busch Boatengs Software und verpflichtet sich, die Trainingsidee zu übernehmen, gibt Ananse dem Käufer 50 Prozent Rabatt. ICS benutzt Flugblätter und Anschläge an Zäunen und Lichtpfosten, um jeden Monat eine Hand voll Anwohner rund ums Büro ins Web einzuführen. Der chilenische Web-Designer Rodrigo Duarte hilft dem Start-up Spectrum 3 am Stadtrand von Accra, einer Mittelschule auf der anderen Seite der Landstraße das Internet nahe zu bringen.

In Ghana ist Internet teuer, Sortware und Computer schwer bezahlbar und der Strom, der alles treibt, rar Der Domino-Effekt der guten Dot.com-Taten kommt in Westafrika allerdings nur schleppend in Gang. Ghanas Statistiken sind ein Schlaglicht auf den Rest des Kontinents. Als die US-Regierung vor vier Jahren die erste IT-Erhebung im Land veranstaltete, gab es einen einzigen Online-Dienst, der 100 Dollar im Monat verlangte. In 1998 waren es bereits drei. Heute hat die Regierung 27 ISP-Lizenzen vergeben, von denen ungefähr zehn aktiv sind und 50 Dollar für ein Einwählkonto verlangen. Neugründungen bieten seit kurzem auch drahtlosen Netzzugang an, der mit 400 bis 1000 Dollar Monatsgebühr nur für große Unternehmen und ausländische Botschaften in Frage kommt. Explosiv gewachsen ist die Zahl der Handynutzer, von denen es nach letzten Zählungen bald 30000 gibt - auch wenn die Mobiltelefone mehr Statussymbol als funktionierendes Kommunikationsmittel sind.

Vergrößert wird der digitale Graben neben dem labilen Stromnetz, das von einem einzigen Staudamm gespeist wird, von hohen Steuern auf Pentium-Computer und Netzwerk-Zubehör, die den Endpreis solcher Geräte um bis zu einem Drittel nach oben treiben. Kein Wunder, dass die meisten Rechner noch unter DOS oder Windows 3.x laufen. Für die lohnt es sich wiederum nicht, Software zu kaufen, die ein Mehrfaches der Hardware kostet. Da die meisten aus Europa und den USA angebotenen Anwendungen Windows 98, Windows NT oder gar eine Web-Plattform verlangen, sind sie für die meisten Nutzer in Afrika Sciencefiction. "Das ist so absurd wie die Tatsache, dass wir hier mit teuer importierten BMW und Mercedes durch Schlaglöcher fahren. Wir brauchen eine eigene Fahrzeugindustrie, die auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist", sagt Hermann Chinery-Hesse. "Das Gleiche gilt für Computer, da brauchen wir tropenfeste Geräte. Die Nutzerkenntnisse sind gering, die Instandhaltung ist schlecht. Alles muss stabil und simpel sein." Der 36-Jährige muss es wissen. Hesse hat nicht nur einen Fuhrpark mit einem halben Dutzend Benz und bayerischen Limousinen, in denen er sich durch die staubige Hitze Accras chauffieren lässt. Hesse ist einer der Mitbegründer von Soft Company, Ghanas größtem Softwarehaus. Mit seinen Programmen arbeiten insgesamt 150 Kunden - Hotels, Supermärkte, Banken und Hilfsorganisationen - von Accra bis zu den frankophonen Ländern Sierra Leone und Mali. Softs Produkte sind der Beweis dafür, dass eine hausgemachte, einfache Software in ganz Afrika Erfolg haben kann. Die Programme tragen Namen in der einheimischen Sprache Twi, die den Büroangestellten schon beim Einschalten signalisieren, worum es geht. Nzama ("Dinge") ist Software zur Lagerverwaltung, Amejro ("Gäste") läuft als Buchungssystem in Hotels, Tsone ("Auto") erlaubt die Verwaltung eines Fuhrparks. Langsam muss die Firma jedoch auf Windows- und Web-Umgebungen umsteigen. Auch um, an Indiens Vorbild orientiert, eventuell Auftragsarbeit für US-Firmen zu erledigen. Geekcorps kommt Hesse daher wie gerufen. Ein Drittel seiner 65 Angestellten schuftete bisher in einem zum primitiven Rechenzentrum umgebauten Schiffscontainer auf einem Parkplatz.

Nun hat Soft im Neubauviertel Manet direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Kotoka ein Einfamilienhaus gemietet. Die Straße davor ist noch eine rote Erdpiste ohne Beleuchtung, der Geruch brennenden Mülls beißt in der Nase, doch im mit Computern voll gestellten Schlaf- und Wohnzimmer trainiert Sarah Wustner, 24, Hesses blutjunge Belegschaft in der Programmiersprache Java. "Für Afrika sind die Leute gut ausgebildet, aber um international mithalten zu können, müssen sie noch einiges lernen", sagt die Application-Spezialistin, die erst bei Microsoft arbeitete und für ihren Ghana-Einsatz vom Frauenportal Oxygen Media beurlaubt wurde, obwohl sie dort erst vor acht Monaten anfing. "Hier habe ich verstanden, dass man oft genauso viel erreichen kann, wenn man Software benutzt, die nur ein Hundertstel oder gar nichts kostet als die Programme, die wir zu Hause haben.

Die Raser aus dem Silicon Valley lernen in Afrika ein neues Zeitgefühl Und das Tempo ist so anders. Am Anfang war ich genervt, dass vieles hier so langsam passiert. Aber der erste Monat hat mich gelehrt, dass man auch anders arbeiten kann. Vielleicht ist das ein Symptom für frühzeitigen Burnout", grinst sie.

Geekcorps' Programmleiter Stophe Landis sieht die Zeit in Ghana als heilsame Erfahrung für Wissensarbeiter, die oft nicht einmal wissen, wann sie zum letzten Mal Urlaub genommen haben. "Die Leute müssen erst von 80 Stunden auf 30 Stunden die Woche herunterkommen. Viele haben fast verlernt, dass man auch außerhalb der Arbeit Freunde und Interessen haben kann." Scott Ryan, 25, war nach dem MBA-Abschluss eBusiness-Berater für Andersen Consulting (jetzt in Accenture umbenannt) in New York. In Accra hat er sich "die Entdeckung der Langsamkeit verordnet", sagt er, an die Bartheke seiner Partnerfirma Nuku gelehnt. Er hilft dessen Besitzer-Ehepaar Francis Provencal und Catherine McNamara, ihre Idee eines Cybercafes, einer Touristen-Website und dem Online-Verkauf afrikanischer Antiquitäten in einen Business-Plan umzusetzen. Der soll Investoren in Accra überzeugen, die erforderlichen 15 000 Dollar für neue Computer und einen schnellen Internet-Anschluss vorzustrecken. "Ich neige dazu, 25 Dinge gleichzeitig zu machen, selbst in meiner Freizeit", sagt Ryan. "Hier kann ich die Dinge auf mich zukommen lassen." Anstatt die Wochenenden in irgendeinem Flugzeug oder Hotel zu verbringen, geht Ryan dieser Tage von Geekcorps' Wohnhaus um die Ecke zu Nuku und brütet mit Francis bei einer Flasche ghanesischem ABC-Lager über dem Geschäftsplan.

Mit dem Philanthropie-Faktor können IT-Firmen ihre besten Köpfe halten Die Ermüdungserscheinungen der arbeitswütigen Geeks sind einer der Hauptgründe für IT-Arbeitgeber, ihnen drei Monate unbezahlten Urlaub zu gewähren, auch wenn das Geschäft brummt. "Talente in der Hightech-Branche sind nach wie vor rar", sagt Geekcorps-Mitbegründerin Elisa Korentayer. "Die richtig Guten sind nach zwei Jahren ausgebrannt. Wir bieten Firmen, die besorgt sind, ihre besten Köpfe zu halten, eine wichtige Dienstleistung. Außerdem können sie hinterher für den Rest ihres Lebens stolz darauf sein, dass sie die Atempause für etwas Nützliches genutzt haben." Zudem können Firmen, die für knochenharte Arbeitspensa bekannt sind, mit den humanitären Ferien Jobkandidaten ködern. Philanthropie ist ein Markenattribut, das sich außer bei Megaspendern wie Bill Gates noch nicht weit in der immer hektisch betriebsamen IT-Branche ausgebreitet hat. Unternehmensberater Gib Bulloch bei Accenture in London nennt es den "Heiligenschein-Effekt", mit dem sich werben lässt.

"Mein Chef war von der Idee auf Anhieb begeistert. Die Personalabteilung brauchte zwei Monate, um grünes Licht zu geben", berichtet Sarah Wustner. "Die Frage ist nicht, ob sie es sich leisten können, dass ich drei Monate weg bin, sondern ob sie es sich leisten können, nein zu sagen. Wenn man unglücklich und überlastet ist, sinkt die Produktivität. Ein zufriedener Mitarbeiter ist so viel wert wie zehn Gefrustete. Außerdem muss ich den Markt nutzen, so lange er so gut ist. Wann sonst werde ich meine Arbeitsbedingungen nahezu diktieren können?" Doug Auerbach, Web-Entwickler für den Veranstaltungs-Organisator Columbia Resource Group in Seattle, verbrachte bereits 1993 vier Monate in Ghana, um westafrikanische Musik zu studieren, bevor er ins Online-Hamsterrad einstieg. Jetzt ist er zurückgekehrt, um einem halben Dutzend Network-Ingenieuren bei der Firma Datatel in Accra Web-Development beizubringen. "Klar habe ich ein Loch gerissen, als ich wegging. Sie brauchen zwei Leute, um den Job zu füllen", sagt der 30-Jährige, der statt 15-Stunden-Tagen am Bildschirm Yoga-Unterricht nimmt und Xylophon spielen lernt. Er überlegt, seinen Aufenthalt von drei auf sechs Monate zu verlängern. "IT-Firmen müssen nun mal versuchen, mit ihrer Belegschaft eine positive Beziehung zu pflegen." Seine Chefin Leasa Mayer in Seattle, die den Entwicklungshilfeeinsatz online mitverfolgt, fügt sich: "Diese Jungs verdienen mehr Geld, als sie ausgeben können, und finden überall sofort neue Arbeit. Also müssen wir sie bei Laune halten." Bei großen Unternehmen, die auf IT-Experten angewiesen sind, spricht sich der Philanthropie-Faktor für Mitarbeiterbindung, Fortbildung und Rekrutierung herum. Neben Geekcorps hat dieses Jahr auch die britische Volunteer Service Organisation eine viel beachtete "Business Partnerschaft" gestartet, bei der erste Partnerfirmen wie Shell, Accenture und McKinsey, British Telecom und American Express jedes Jahr statt Spendengeldern eine bestimme Anzahl von Mitarbeitern stiften, die zur Entwicklungshilfe geschickt werden, von Äthiopien bis nach Mazedonien. "Bis Ende 2001 wollen wir 120 Leute vor Ort haben", sagt Michael Shann, der das Programm bei VSO leitet. "IT-Personal ist am gefragtesten." Seine Stiftung hat eine unabhängige Beratungsfirma in London engagiert, die vor, während und nach dem Einsatz Management-Fähigkeiten und Motivation unter den Freiwilligen und ihren Vorgesetzten messen soll, damit Personalchefs die Abwesenheit mit harten Zahlen rechtfertigen können.

Ein paar Monate Dritte Welt -Entwicklungshilfe im Internet-Tempo Der gravierende Unterschied zu Geekcorps ist, dass VSO seine Teilnehmer für ein halbes bis ganzes Jahr ins Feld schickt. "Sechs Monate sind das Minimum, um sich in die neue Kultur einzufinden und ein Projekt erfolgreich zu verfolgen -auch wenn das für das Sponsor-Unternehmen ein größeres Loch reißt", glaubt Michael Shann. Das halbe Jahr kostet ein Unternehmen pro Kopf rund 22000 Dollar plus entgangenem Umsatz während der Abwesenheit. Geekcorps hingegen hält drei Monate für ausreichend - vielleicht im irrigen Glauben, Projekte in der Dritten Welt im Internet-Tempo einer Industrienation durchziehen zu können.

Die Empfänger der Hochgeschwindigkeits-Hilfe haben sich mit der kurzen Verweildauer abgefunden, sind aber einhellig der Meinung, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben werden. "Drei Monate sind eine Art Pseudo-Urlaub. In diesem Zeitraum langweilen sich unsere Geeks nicht, wenn jemand hier in Afrika eine lange Leitung hat", scherzt Hermann Chinery-Hesse. Galerie- und Barbesitzer Francis Provencal hat eine etwas andere Sicht der Dinge. "Als wir zum ersten Mal von Geekcorps hörten, dachten wir, es würde wie bei allem hier zwei Jahre dauern, bis jemand bei uns auftaucht" , sagt der Ghanaer bei einer langen Mittagspause und fischt einen Cassava-Kloß aus seiner Okra-Suppe. " Vier Monate später stand Scott auf der Matte. Wir haben in den ersten paar Wochen erkannt, wo unsere Lücken sind und lernen, wie man unsere 60 Geschäftsideen ordnet und methodisch anpackt. Mein Hirn macht seitdem Überstunden."