Der Preis der Liebe

Ist das Kapital gut angelegt? Stimmt die Dividende? Oder springt anderswo mehr heraus? Fragen, die nicht nur an der Börse eine Rolle spielen, sondern auch in Beziehungen. Aus romantischen Gründen.




Der Hochzeit von Michael Douglas, 56, und Catherine Zeta-Jones, 31, gingen harte Verhandlungen über den Ehevertrag voraus. Sie verlangte laut dem britischen Boulevardblatt "Sun" im Falle einer Trennung mehr als neun Millionen Mark pro Ehejahr. Er handelte sie auf ein Drittel dieser Summe herunter. Außerdem möchte Michael in jedem Fall die besten Hochzeitsgeschenke behalten: alle, die mehr als 36000 Mark wert sind. " Was hat das noch mit Liebe zu tun?", fragt die " Bild".

Allerhand. Noch nie wurde in Beziehungen so viel gefeilscht wie heute. Dabei geht es allerdings meist nicht um Geld wie beim glamourösen Paar aus Hollywood, sondern um immaterielle Werte. Frauen und Männer verhandeln über Familie und Karriere, über ihre gemeinsame Freizeitgestaltung, über Sexualpraktiken, über ein Leben mit oder ohne Kinder, in der gemeinsamen oder in getrennten Wohnungen und und und.

"Das ist der Preis der Freiheit in einer Gesellschaft, in der es keine Normen mehr gibt", sagt der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp. Alles ist möglich. Allem zu leben oder zu zweit, verheiratet oder unverheiratet, mit anders- oder gleichgeschlechtlichem Partner oder mit beiden, mal so, mal anders. Die postmoderne Gesellschaft biete, so Keupp, "die ungeheure Chance, eine Beziehung zu bauen, die mir und meinen Werten entspricht, in der ich mich nicht unterwerfen muss".

Die Liebe ist eine Baustelle und die gemeinsame Selbstverwirklichung das Ziel. Regelmäßig wird Bilanz gezogen: Wie ist das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen? Hat sich die Investition in den anderen gelohnt? Oder wäre das persönliche Kapital beim Mitbewerber/bei der Mitbewerberin besser angelegt? Auf dem Beziehungsmarkt ist alles und jedes verhandelbar - bis hin zu den Trennungsmodalitäten, da helfen dann professionelle Mediatoren.

Die Unübersichtlichkeit der privaten Verhältnisse hat mit den gesellschaftlichen zu tun, das heißt mit der Wirtschaft. So wie die industrielle Produktion die Großfamilie auflöste, so sprengt die postindustrielle die Fesseln der Kleinfamilie. An ihre Stelle tritt - im Idealfall - ein Netz freiwillig eingegangener Kontakte.

Konservative Geister wie Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, prophezeien, dass der Individualismus die Gesellschaft letztlich zerstören wird. Heiner Keupp ist weniger pessimistisch: "Individualisierung heißt ja nicht Individualismus. Die Leute wollen keine Einzelkämpfer sein, sondern wollen ein gepflegtes Beziehungsnetz." Mit einer Partnerschaft im Zentrum.

Der Kurs der Beziehung schwankt wie der einer Aktie: manchmal bis auf null Um sie auf den Begriff zu bringen, bemühen die Sozialwissenschaften verstärkt ökonomisches Vokabular. Von "bargaining" (handeln, feilschen) ist die Rede und von " Opportunitätskosten". Lohnt es sich, ihret-/seinetwegen beruflich zurückzustecken? Das Single-Leben aufzugeben? Auf Abenteuer zu verzichten?

Partnerschaften sind in Bewegung und ihre Kurse häufig genauso volatil wie die am Neuen Markt. So wie Unternehmen können Beziehungen über Nacht massiv an Wert verlieren - und dann ist sie oder er plötzlich weg. "Freiheit", schreibt der Soziologe Trutz von Trotha, "heißt vor allem anderen, kündigen zu können." In Deutschland werden nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes inzwischen fast 40 Prozent aller Ehen wieder geschieden. Die meisten bereits nach fünf bis neun Jahren. Die Halbwertszeit der so genannten wilden Ehen (in denen es heute allerdings genauso zahm zugeht wie in denen mit Trauschein) dürfte eher kürzer sein.

Ein Band lässt sich nicht so ohne weiteres auflösen: das zum Kind. Es wird, schreibt der Münchner Soziologe Ulrich Beck "zur letzten verbliebenen unaufkündbaren, unaustauschbaren Primärbeziehung". Und damit gleichzeitig zum Sargnagel für viele Ehen, wie eine Untersuchung im Auftrag der Landesbausparkasse (LBS) ergab: am häufigsten ließen sich junge Paare drei bis vier Jahre nach der Geburt des ersten Kindes scheiden. Selbstverwirklichung mit Nachwuchs ist schwierig.

Alles nur Berechnung, alles nur eiskaltes Kalkül? Nein, es gibt sie natürlich nach wie vor, die Schmetterlinge im Bauch. Wenn sie zu flattern beginnen, ist der Verstand ausgeschaltet, dann regiert allein die Biologie. Verliebte stellen keine Kosten-Nutzen-Rechnung an, sie riskieren Kopf und Kragen, sind bereit, alles zu investieren - auch in hoffnungslose Unternehmungen. Ein schönes Stück Anarchie, hormongesteuert. Dummerweise ist dieser Zustand nie von Dauer - weil aus der Perspektive der Evolution die Paarung, aber nicht die Partnerschaft zählt. Wer sich länger binden will, muss die Ärmel hochkrempeln.

"Zu einer stabilen Beziehung gehört sehr viel Anstrengung", sagt Maren Weidner, Therapeutin bei Pro Familia in Hamburg. Das fange schon bei der Frage an: "Was will ich eigentlich? Was ist gut für mich?" Und endet mit der Frage: Geht das mit dem/der? In die Beratungsstelle kommen Männer und Frauen, die meinen, Liebe sei ein Selbstläufer. Stattdessen müssen sie das Spiel von Angebot und Nachfrage erlernen, müssen erkennen, dass moderne Beziehungen auf Absprachen beruhen. Selbst im Bett.

Denn auch die alte Sexualmoral wurde von einer Verhandlungsmoral abgelöst, so die These des Hamburger Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt: Alles ist erlaubt (auch sexuelle Abstinenz) - solange man sich darüber einigt. "Nur noch solche sexuellen Besonderheiten, die die Verhandlungsmoral inhärent verfehlen, zum Beispiel die Pädophilie wegen des Machtungleichgewichts der Partner, bleiben als Perversion erhalten und werden heute unnachsichtiger ausgespäht und verfolgt als früher." Gelungene Beziehungen funktionieren so wie liberale Wirtschaftstheoretiker sich die Ökonomie vorstellen: freier Austausch unter Gleichen. Nicht aufregend diese Idee, aber vernünftig. Tatsächlich hatten in den Industriegesellschaften dank allgemeinem Wohlstand, allgemeiner Bildung und der Emanzipation der Frauen noch nie so viele Menschen die Möglichkeit, ihr Liebesleben so frei zu gestalten wie heute.

Zwar gibt es immer noch etliche, denen die Voraussetzungen dafür fehlen, und solche, die sie nicht nutzen. Doch die Vorstellung von gleichberechtigter Partnerschaft, die allein auf gegenseitiger Zuneigung beruht, die ist Allgemeingut. Heiner Keupp erzählt, dass seine heutige Frau vor mehr als 30 Jahren noch für einen Eklat sorgte, als sie dem Pastor bei der Trauung (" Bis dass der Tod euch scheidet") widersprach: " Nein, bis dass die Liebe reicht." Heute würde diesen Satz fast jeder unterschreiben. Und überall wird diskutiert, was Männer und Frauen tun können, damit das Glück möglichst lange hält, im Kirchenkreis genauso wie im Uni-Seminar, bei Biolek wie im "Big Brother"-Container.

So viel Gerede um Partnerschaft war nie. Die einschlägigen Ratgeber erreichen Millionenauflagen, Experten wie der Züricher Psychotherapeut Jürg Willi werden gern gefragt. Seine Antworten klingen dann so: "Ich glaube, dass jedes Paar sich seine Position auf einem Kontinuum zwischen Verschmelzung und rigider Abgrenzung suchen muss. Der Mittelbereich zwischen diesen Extremen erlaubt ein normales Funktionieren einer Paarbeziehung." Glück ist also machbar, aber ziemlich anstrengend. Der Markt der Gefühle hat noch einen anderen Nachteil, da unterscheidet er sich nicht von der Wertpapierbörse: Ohne Kapital ist nichts zu machen. Wer nicht attraktiv oder zu alt ist, wer keinen Esprit hat, wer sich schlecht verkaufen und andere nicht beeindrucken kann, der steht schnell unfreiwillig allein. Einsamkeit ist die Kehrseite der Freiheit.

Auf der Suche nach Romantik werden Liebende zu Schacherern Die Verlierer, das seien meist Männer, sagt Keupp. Viele hätten es nicht gelernt, "Beziehungen zu gestalten", wollten auch heute nur das eine: "Ruhe an dieser Front". Doch die wird es nicht mehr geben. Nie mehr. Obwohl sich das viele wünschen. Sie würden die Uhr gern zurückdrehen - für die Frauen.

Doch die werden das eroberte Terrain nicht aufgeben. Frauen sind den Männer weit voraus, sie sind die " gelernten Beziehungsarbeiterinnen" (Keupp). Sie sind es auch seit langem gewohnt, an äußerlichen Kriterien gemessen zu werden. Das müssen viele Männer noch lernen. Zum Beispiel aus Zeitschriften wie "Men's Health", die ihren Lesern erklären, wie Mann sich einen Waschbrettbauch antrainieren, wie Mann sich schick anziehen und wie Mann Frauen glücklich machen kann. Themen, über die sich die Generation Kohl keine Sekunde lang den Kopf zerbrochen hätte.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass die vehementeste Attacke auf die Kapitalisierung des Zwischenmenschlichen, auf die "Ausweitung der Kampfzone" von einem Mann kommt. Der französische Autor Michel Houellebecq klagte jüngst: "Ich werde umso depressiver, je öfter ich diese glamourösen Models in den Zeitschriften sehe." Er ist nicht der Einzige, dem der anstrengende Zweifrontenkrieg in Beruf und Beziehung zu viel wird. Robert Bolz, Paar- und Sexualtherapeut bei Pro Familia in München, erzählt von "Paaren, die jeden Tag darüber verhandeln, ob sie sich trennen sollen - und die sich eigentlich nichts sehnlicher wünschen als eine dauerhafte Partnerschaft". Auch der " Spiegel" hat jüngst "die Sehnsucht nach der Bindung" entdeckt. Und die Frage aufgeworfen, ob Frauen, die sich recht und schlecht durch die Ehejahre geschlagen haben, nicht besser dran seien als solche (aus der 68er-Generation natürlich), die sich leichtfertig scheiden ließen. Als Kronzeugen für "die neue Zweisamkeit" werden unter anderem die ehemaligen Luder Madonna und Sharon Stone zitiert, die heute auf Familie machen. Außerdem der frisch verliebte Rudolf Scharping mit seiner Gräfin Kristina Pilati-Borggreve. Sie - Beruf: Scheidungsanwältin - sagt: "Es wird ganz, ganz lange halten." Wir sind gespannt. Alles ist möglich, auch ganz altmodische Beziehungen. Aber anders als früher beruhen sie heute auf bewussten - und jederzeit widerrufbaren - Entscheidungen.

Und wo bleibt die Romantik? Sie ist an allem schuld. "Die Menschen suchen in der Partnerschaft Dinge, die sie sonst vermissen", sagt der Therapeut Bolz, " die Symbiose, das große Gefühl des Aufgehobenseins." Die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach der idealen Gegenwelt ist der eigentliche Grund für all das Feilschen und Schachern in Beziehungen.

Eine Umfrage unter Jugendlichen ergab, dass 94 Prozent an die große Liebe glauben. Woran auch sonst? Ulrich Beck schreibt: "In der Idealisierung der modernen Liebesehe spiegelt sich noch einmal der Weg der Moderne. Die Überhöhung ist das Gegenbild zu den Verlusten, die diese hinterlässt. Gott nicht, Priester nicht, Klasse nicht, Nachbar nicht, dann wenigstens Du."