Chinesen in Budapest - Der Alltag im globalen Dorf

Für chinesische Emigranten in Ungarn ist die Globalisierung ein persönlicher Lebensstil. Zwischen Kontinenten und Kulturen werden Beziehungsnetze gewebt, die jede Multikulti-Vision übertreffen.




Wir wissen es alle: Die Welt schrumpft. Gemessen an den jeweiligen Transportgeschwindigkeiten, ist die Welt heute um das 50-fache kleiner als im 16. Jahrhundert, denn ein Jet ist 50-mal schneller als ein Segelboot. Doch, so ein anderer Gemeinplatz: Diese Jets besteigen nur Investmentbanker, Spitzensportler und Unterhaltungskünstler, die, mit Notebooks und Mobiltelefonen ausgerüstet, die Hyatts dieser Welt anpeilen.

Zhao, Ende 30, ist ein Global Player der anderen Art. Vor zehn Jahren bestieg die Chinesin mit 2000 Pfauenfedern einen Zug in ihrer Heimatprovinz Yunnan und reiste nach Budapest. Von Bekannten hatte sie gehört, dass Ungarn den Visumzwang für Chinesen aus der Volksrepublik aufgehoben hatte. Die Pfauenfedern verkauften sich gut, heute besitzt Zhao eine florierende Speditionsfirma mit zehn Angestellten in Budapests Theaterbezirk. Vorn ist ein Laden, dessen Aldi-Aura Billigpreise suggeriert, hinten ist das Büro. Vom stöbern Budapester Hausfrauen in Plastikkörben nach Herrenhemden, BHs und Jogginganzügen, hinten sitzt die Chefin am Schreibtisch, umgeben von Computer, Fernseher und Geldzählmaschine. An der Wand hängt eine Fotomontage von Zhao als Mona Lisa - Erinnerung an den letzten Trip nach Paris.

Das Telefon klingelt ständig. Einer ihrer ungarischen Angestellten meldet sich aus der Slowakei. Er soll einen Lastwagen für eine Lieferung aus China beschaffen, die im Hamburger Hafen liegt. Ein anderer Anrufer möchte einen Transport nach Bratislava organisiert haben. Austrian Airlines sendet ein Fax aus China. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist Budapest zum Hauptumschlagsort für chinesische Waren in Zentral- und Osteuropa avanciert. Hier kommen vor allem Kleidung und Schuhe an, die in der Volksrepublik für Warenhäuser à la C&A hergestellt werden. Ein Teil wird auf dem Josefstädter Markt verkauft. Der Rest wird in die Slowakei, nach Tschechien oder Jugoslawien, aber auch nach Italien und in die Niederlande transportiert. Jahreszeiten und Klimazonen werden optimal ausgenutzt: Wenn sich die Winterkleidung in Budapest bis zum Frühjahr nicht verkauft hat, wird sie kurzerhand nach Australien, Chile oder Südafrika weitergeschickt.

Zhao ist andauernd unterwegs: eine Feier in China, ein Urlaub in Ägypten, eine Freundin in Frankreich " Diesen Sommer habe ich in Peking bei meinem ungarischen Freund Antal gewohnt. Der hat mir seine ganzen Lieblingsrestaurants gezeigt", erzählt Zhao bei Steak Tatar und Tiramisu. Wir sitzen im "Zwei Sarazener", einem postmodernen Fusion-Restaurant (Rucola-cum-goat-cheese), wie sie in Budapest heute aus dem Boden sprießen. Zhaos beste Freunde sind alles Chinesen, einige von ihnen leben in Budapest, andere in Peking, Kanton und Kunming. Sie telefoniert mit ihnen fast täglich. Kein Wunder, dass Zhaos Mobiltelefonrechnung monatlich um die 1000 Dollar beträgt, dazu kommen die Bürotelefone und ihr privater Anschluss. Dass es nicht mehr ist, verdankt sie den so genannten IP-Cards, mit denen man weltweit für 70 Pfennig pro Minute über das Internet telefonieren kann. Wieder klingelt das Handy: "Wo könnten 20 Container mit Mänteln gebraucht werden?" Im Jeep fahren wir zu ihrer Drei-Zimmer-Altbauwohnung. Zhao stellt den Fernseher an. Nach der DVD mit chinesischen Popsongs läuft ein französischer Modesender. Gemeinsam wühlen wir in einer Schublade mit Fotos der letzten Monate: Zhao auf der 50-Jahr-Feier zur Gründung der Volksrepublik in Peking, Zhao als Kamelreiterin in Tunesien, Zhao mit Schleier in Ägypten, Zhao in einem ungarischen Dorf. Ein anderes Bild zeigt Zhao vorm Marx-Engels-Denkmal in Berlin. Dort hat sie im August dieses Jahres eine chinesisch-ungarische Frauenorganisation auf dem " Chinesischen Weltkongress für die friedliche Vereinigung Chinas" vertreten. Und sie hat ihre Freundin nach Spanien und Frankreich begleitet, die sich auf Vermittlung einer europaweiten chinesischen Partnerschaftsagentur dort mit Männern verabredet hatte.

Zhao ist keine Jetsetterin. Sie ist auch kein Einzelfall. Wer sie, die chinesischen Restaurantbesitzer und die Markthändler aus mittlerer Entfernung betrachtet, könnte meinen, sie lebten zwar fern der Heimat, aber in einer klar abgegrenzten Nische - zwischen Chinatown, Chinarestaurant und Chinesenmarkt. Doch selbst wenig bemittelte Verkäufer auf dem Markt, die sich weder Visa noch Flugtickets leisten können, bewegen sich in einer hochgradig vernetzten Welt. Sie halten mit Verwandten und Bekannten auf mehreren Kontinenten per Telefon, Fax und eMail Kontakt. Und sie beziehen ihre Waren und Informationen aus vielen verschiedenen Ländern.

Das Bild vom Chinesen als mobilen Kapitalisten hat innerhalb der letzten Jahrzehnte das ältere Klischee vom Restaurant- und Reinigungsbesitzer abgelöst, das seinerzeit die Vorstellung vom Chinesen als Kuli oder Mandarin ersetzt hatte. Seit der Einführung wirtschaftlicher Reformen in der Volksrepublik 1978 ist das Volk mobil wie nie zuvor. Schätzungen zufolge sind allein 100 Millionen Chinesen innerhalb des Landes, meist aus strukturschwachen nördlichen und zentralchinesischen Provinzen wie Sichuan, Anhui oderJiangxi in die boomenden südlichen Küstenregionen umgezogen. Einige weitere Millionen leben im Ausland.

In der wirtschaftlichen Aufbruchstimmung sehen Chinesen im Ausland ein viel versprechendes Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere. Doch um einen Pass und die für fast alle Länder benötigten Visa zu ergattern, müssen viele Hebel in Bewegung gesetzt werden. Potenzielle Migranten versuchen, von einem schon im Ausland lebenden Familienmitglied eingeladen zu werden, bewerben sich auf ausländischen Schulen und Universitäten oder setzen sich als Mitglied offizieller Delegationen ins Ausland ab. Andere erkaufen sich die Hilfe von professionellen Migrationsmaklern) so genannten Schlangenköpfen, die auf legale oder illegale Weise die notwendigen Papiere besorgen, Reiserouten planen und zum Teil sogar Jobs in den Zielländern organisieren.

Neue Märkte - neue Mythen: Als Nachfahren der Hunnen sind Ungarn eigentlich Chinesen Bei all diesen Aktivitäten zeigen Migranten eine unglaubliche Risikobereitschaft. Eine chinesische Verkäuferin, die 1997 aus Hongkong nach Ungarn kam, berichtet: "Ich wusste nichts über Ungarn, bevor wir hierher kamen. Ich hatte noch nicht einmal davon gehört. Aber mein Mann sagte, es sei ein netter Ort, modern, sauber und mit fließend Wasser." Die Kunde von lukrativen Zielorten verbreitet sich schnell, von Cousin zu Cousine, von Schlangenkopf zu Klient. Realität und Mythen verschwimmen: Ungarn und China, so eine verbreitete Mär, seien miteinander verwandt. Nicht nur würde in beiden Ländern der Nachname dem Rufnamen vorgestellt - die Ungarn seien als Nachfahren der Hunnen eigentlich auch Chinesen. Meist fällt die Entscheidung für Ungarn jedoch aufgrund der Überzeugung, dort einen nach jahrzehntelanger Mangelwirtschaft unterversorgten Markt mit guter Infrastruktur und lockeren Aufenthaltsbestimmungen vorzufinden. Zwischen 1989 und 1992 kamen 30000 bis 40000 Chinesen in der Donaumetropole an. Dann verschlechterten sich die Konditionen: Der Visumzwang wurde 1992 wieder eingeführt, die Importzölle erhöht. Viele Chinesen wanderten ab, um die 10 000 blieben.

Als Guo, Manager eines volkseigenen Betriebs in Südchina, 1989 in Thailand Urlaub machte, hörte er von den günstigen wirtschaftlichen Startbedingungen in Ungarn. Er kündigte seinen Job, gründete in Hongkong eine Firma und importierte in der Volksrepublik produzierte Schuhe nach Osteuropa. Heute hat Guo nicht nur Unternehmen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei, Polen, Rumänien, Jugoslawien und der Ukraine, sondern auch in Spanien, den USA und Brasilien. Da die osteuropäischen Geschäfte nicht mehr so gut laufen, expandiert das Unternehmen jetzt in den Libanon, nach Jordanien und Südkorea.

Deutschland ist fremdenfeindlich, Belgien zu klein, Jugoslawien macht wütend Ebenso globalisiert wie die geschäftlichen Aktivitäten ist auch Guos Familienleben. Seitdem er die kanadische Staatsbürgerschaft erworben hat, leben Frau und Kinder in Kanada. Andere Familienmitglieder wohnen in Ungarn, der Slowakei und Tschechien, Hongkong und den USA. Er selbst fährt ein- bis zweimal jährlich nach Südamerika, besucht regelmäßig China und pendelt zwischen den Staaten Osteuropas, als gehörten sie längst zu einem vereinigten Europa.

Die osteuropäischen Chinesen reisen viel. Und sie vergleichen die verschiedenen Staaten hinsichtlich Gewinnmargen, sozialer Freiheiten, Wohlfahrtssystemen und dem jeweiligen Grad an Xenophobie. Ständig auf der Durchreise, tragen sie ein Portfolio von Optionen im Kopf. "Nachdem ich meine ungarische Aufenthaltsgenehmigung bekommen hatte, bin ich erst mal ein halbes Jahr durch Europa gereist", berichtet He. Der heute 50-Jährige reiste 1990 über Panama nach Ungarn ein und betreibt im alten Budapester Schlachthof einen Großhandel für Schuhe und Kleider. "Vom chinesischen Gesichtspunkt aus bot Ungarn die besten Konditionen für gute Geschäfte. Anders als in Westeuropa bekommt man hier eine Aufenthaltsgenehmigung. In Deutschland ist die Fremdenfeindlichkeit groß. Da sind die Franzosen besser. Belgien ist zu klein, die Restaurantgeschäfte liefen dort in den letzten zwei Jahren gar nicht gut. In Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Polen bekommt man nur Aufenthaltsgenehmigungen für sechs Monate. Und in Jugoslawien haben sie mich richtig wütend gemacht." Auch Zhu, in seinem früheren Leben Sekretär der kommunistischen Jugendliga im Ministerium der Chemischen Industrie, kam Anfang der Neunziger nach Ungarn. Von dort reiste er nach Italien und eröffnete in Cremona ein Restaurant. Als das nicht lief, kehrte er nach China zurück. Ein Jahr später war er wieder in Ungarn, erst als Ladenbesitzer auf dem flachen Land, dann als Angestellter einer chinesischen Firma in Budapest. 1997 konvertierte Zhu zum Christentum, trat der chinesisch-christlichen Gemeinde bei, die von einem taiwanesisch-amerikanischen Missionar aus Los Angeles geleitet wird, und reiste acht Monate durch Italien, um einige der 17 chinesisch-christlichen Kirchen im Land zu besuchen. Jetzt möchte Zhu in Taiwan Theologie studieren und später in einem osteuropäischen Land seine eigene Gemeinde gründen. Oder soll er vielleicht doch eher eine Partnerschaftsvermittlung in Ungarn eröffnen?

Mehrere Pässe, mehrere Apartments, viele Shopping-Möglichkeiten Der Pragmatismus veranlasst viele chinesische Migranten, ihre Kinder auf englischsprachige Schulen zu schicken oder sie bei Verwandten in China zu lassen. Englische Ausbildungsinstitutionen eröffnen dem Nachwuchs andere Karrierechancen als chinesische, aber beide können weltweite Geltung beanspruchen. Im Vergleich dazu erscheinen ungarische Schulen als echte Sackgassen.

Der europäische Kontinent sieht auf der subjektiven Landkarte neuer chinesischer Migranten radikal anders aus, als wir ihn aus dem Reiseführer kennen: Da gibt es keinen Tower of London, keinen Rhein und kein Monte Carlo, aber den Eiffelturm, die Donau und die Casinos von Budapest. Ebenso bedeutsam sind der 13. Bezirk in Paris und der Markt in Budapest. In Ungarn sind zusätzlich noch einige Thermalquellen eingezeichnet, beliebte chinesische Ausflugsziele.

Nahes rückt fern, und Fernes rückt nah. Eine junge Chinesin mit 300 Paar Schuhen im Schrank, lebte zehn Jahre in Budapest, ohne einen einzigen Straßennamen zu kennen. Dafür pendelte sie, mit diversen Pässen ausgerüstet, zwischen Apartments in Schanghai, Hongkong und Budapest hin und her. ..Meine Freundin rief an und schlug vor, dass wir mit unseren Deutschlandvisa zum Shoppen nach Mailand fahren könnten." Escada, Fendi und Moschino standen auf der Einkaufsliste. Auch Wang, Managerin eines Budapester Reisebüros, reist möglichst alle zwei Monate zum Kleiderkauf nach Deutschland und Italien. Österreich ist ihr zu teuer. Jetzt fliegt sie zur Avantex nach Frankfurt. Mit den dort erworbenen Stoffmustern geht es weiter in die Volksrepublik, wo die Teile kopiert werden. Dann werden sie auf den Märkten Ost- und Westeuropas verkauft.

Die Chinesen in Budapest bewohnen eine multizentrische, globalisierte Welt. Aber deren Koordinaten überlappen sich nur partiell mit denen, die das Schlagwort der " Globalisierung" herkömmlicherweise meint. Auch sie beziehen sich auf Monica Lewinsky und den Kosovokrieg. Aber statt CNN und Debatten über Tierschutz, sehen sie chinesische Historiendramen und reden über die " Stärke" und "Qualität" von Nationen. Ihre politischen Ansichten beziehen sie aus der Volksrepublik, vermittelt nicht nur durch den staatlichen chinesischen Kabelsender CCTV-4, sondern auch von den acht oder neun in Ungarn erscheinenden chinesischen Zeitungen. Deren Berichterstattung bringt es mit sich, dass US-amerikanische Nachrichten viel mehr Platz einnehmen als europäische und Chinesen in Ungarn besser über Bill Clinton Bescheid wissen als über den ungarischen Regierungschef Victor Orban.

In punkto Mode sind für junge Chinesinnen MTV und die Trends aus Hongkong wegweisend: momentan immer noch Plateauschuhe und Kapuzenshirts der globalen Inner Citys. Ihre Eltern orientieren sich eher an Pariser Haute Couture und dem Anzug- und Krawatten-Regime der High Society Hongkongs. In der Popmusik dominieren Stars aus der Volksrepublik und Taiwan neben westlichen Top-10-Hits. Die Wohnungseinrichtung - verspiegelte Lackvitrinen, Plastikblumen, überdimensionale Fotos, Kuscheltiere und noch mehr Plastikblumen - stellt einen eklektischen Mix dar: aus europäischem Kitsch, der in Russland noch eine Ehrenrunde gedreht hat, bevor er in die Volksrepublik gelangte, und japanischen Einflüssen.

Und dann noch Karaoke: Teresa Teng, die Beatles und Beethoven Eine Reihe von ursprünglich angelsächsischen Konzepten und Dienstleistungen gehört in den Augen der Auslandschinesen zur Grundausstattung jedes zivilisierten Landes. In Osteuropa erwarten sie McDonald's, Hallmark-Glückwunschkarten und Einwanderung- gegen Investitionen-Deals. Und sind enttäuscht, wenn sie letztere nicht vorfinden. "In Deutschland haben wir vergebens versucht, Internet-Telefon-Karten zu kaufen", erzählt uns eine Chinesin im feschen schwarzen Lederkostüm. Unter Migranten gelten Schanghai und Hongkong als wesentlich modernere Städte als die meisten europäischen Metropolen.

Am Vorabend hat Zhao 1500 000 Forint im Kasino gewonnen. Man hätte sie dabei beobachtet, erzählt sie augenzwinkernd, nun müsse sie ihre Freunde zum Abendessen einladen. Wir treffen uns in einem großen China-Restaurant in der Josefstadt. Nach sautierten Entenfüßen, eingelegten Lotuswurzeln und frittierten Krabben kommt ein Hummer auf den Tisch. Während die Gäste sich an dem in dünne Scheiben geschnittenen rohen Fleisch bedienen, bewegen sich noch die Hummerscheren. Der Hummer kam aus den Niederlanden, die Zubereitungsmethode ist momentan in Kanton en vogue.

Die Mobiltelefone biepen. Es herrscht eine warme Atmosphäre. Später greift die 15-jährige Qian zum Mikrofon der Karaoke-Anlage, bald singen alle Songs von Teresa Teng, den Beatles, Beethoven - selbst von " Ode an die Freude" gibt es eine Karaoke-Version. Der Song wird untermalt mit Videobildern von Neuschwanstein, dem Eröffnungsfeuerwerk der Expo 2000 und Niki-de-Saint-Phalle-Skulpturen. Zhao bricht spät auf. Eine der Lieferungen aus China hängt im Hamburger Hafen fest. Morgen fliegt sie mit einem Mitarbeiter an die Elbe, um die Sache zu regeln.