Das erste Mal - ... die Dinge anders sehen

Soll ich das wirklich machen? Vom gefragten Internet-Spezialisten zum armen Studenten? Von München in die Provinz? Nahne Steinauer, 22, studiert seit dem 1. Oktober an der Universität Witten/Herdecke. Er erzählt, wie sich seine Zweifel in Glück auflösten.




Die erste Woche wanderten wir durchs Ruhrgebiet. Um uns Kunstwerke, Industrie und alte Zechen anzuschauen. Um unsere neue Umgebung kennen zu lernen und die Menschen, mit denen wir die nächsten fünf Jahre verbringen werden. Begleitet haben uns Professoren, ehemalige Studenten, Workaholics und Leute, die 15 Minuten lang einen Käfer anschauen. Ich kenne meine Kommilitonen jetzt ziemlich gut. Das Spannende an dieser ersten Woche waren all die ganz unterschiedlichen Leute, die doch alle das Gleiche vorhaben, nämlich Unternehmer werden wollen.

In Witten heißt das: Dinge unternehmen. Ich habe mich für Witten entschieden, weil ich später kein Fachidiot sein will. Hier wird mir vom Stundenplan Zeit vorgegeben, die ich anders als mit Wirtschart verbringen soll. Ich habe einen Theaterkurs belegt, im nächsten Semester mache ich vielleicht Philosophie oder Medizin. Bevor ich hierher kam, dachte ich: Gut, ich werde jetzt nicht so viel wirklich Wichtiges lernen, ich werde mir einfach den Luxus eines Studiums gönnen, besser werden und Spaß haben. Jetzt weiß ich: Ich werde hier wahnsinnig viel Neues lernen.

Ich werde lernen, mein Leben zu gestalten und die Dinge aus einer anderen Ecke zu betrachten. Die Vorstellung irritiert mich ein wenig, macht mich aber auch neugierig auf das, was kommt.

Unsere erste VWL-Vorlesung lief zum Beispiel so: Der Professor redete eine halbe Stunde, danach setzte er sich hin, und seitdem sagt er gar nichts mehr. Es ist an uns, die Zeit zu gestalten, mit Referaten, Diskussionen oder was uns so einfällt. Ich weiß, dass ich so später bei den Zahlen nicht der Erste sein werde, aber ich werde vielleicht der Erste sein, der sagt: Daraus lässt sich etwas machen. Wir lernen hier, Überraschungen zu produzieren, Unerwartetes zu tun, nach der Devise: Also, jetzt noch mal ganz anders und von vorn. Letzte Woche haben wir Bäume umarmt. Um festzustellen, ob sie noch leben. Ich habe da gar nichts festgestellt. Aber ich bin froh, dass ich es mal versucht habe.