brand eins antwortet allen, die ihre Sätze gern beginnen mit: "Also, ich finde, dass..."

Dies ist keine Übung, dies ist die Wirklichkeit. Der Ernstfall. Es kann jederzeit passieren, überall, und dann ist es zu spät, um zu bereuen. Im Restaurant zum Beispiel, nach einem letzten Abendmahl. Der Rest einer guten Flasche Wein kreist bedächtig über der Tafel, das Gespräch hängt tief, da ertönt am Nebentisch ein heftiges Geschrei. Ein Israeli und ein Palästinenser, die nicht mehr zu beruhigen sind, sodass schließlich ein Kellner an den Tisch kommt, an dem der gebildete Mitteleuropäer sitzt, und bettelt: "Schnell, tun Sie etwas. Wie können wir das Palästinenser-Problem lösen?" Und jetzt? Tja, nun wäre es blöd, hätte man nichts anderes zu sagen als "öh, nun ja, ich weiß nicht". Also: Besser man hat eine Meinung.




Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Im Supermarkt mag neben der Fischtheke der Kosovo-Konflikt zu erörtern sein, in der U-Bahn harrt der schwache Euro seiner Stabilisierung. Auch die Lösung der Frage, ob nun Keith Haring oder Andy Warhol New York künstlerisch besser repräsentierten, könnte eines Tages ein Leben retten, wenn sich beispielsweise ein Kunstkritiker vor einen Zug zu stürzen droht. Oder? Na ja, so wie der Bundestrainer nie im Weinlokal "Zur Reblaus" anruft, um den Frührentner Harry F. um seine Meinung zur Nationalmannschaft zu bitten. Obwohl Harry F. doch seit Jahren alle wissen lässt, dass er genau wüsste, wie Deutschland wieder zur Fußballnation Nummer eins werden könnte. So schickt eben auch Quentin Tarrantino an den Kontakter Lars P. nie eine eMail. Obwohl der ihm genau sagen könnte, "was Tarrantino in seinem nächsten Film echt braucht, nämlich mein Drehbuch, das ich schon seit Jahren im Kopf habe". Niemand will sie wissen. Wozu haben dann alle diese vielen Meinungen?

Tatsächlich scheint ein Standpunkt zu praktisch jedem Thema heute zur Grundausstattung des modernen Menschen zu gehören. "Kenn ich, weiß ich, war ich schon" erschallt es aus den Kehlen, egal, ob es um Politik, Kultur, Wirtschaft, Medien, Stars, Tourismus oder Design geht. Ohne zu zögern, werden die obskursten Themen behandelt, als sei zum Beispiel die Lage in Albanien selbstverständlich das persönliche Spezialgebiet eines Webdesigners. Es ist wie eine weit verbreitete Gewohnheit: Meinung zeigen heißt Flagge zeigen. Ohne geht nicht.

Die Verantwortung dafür kann man natürlich leicht den Medien geben. Die sind sowieso ein beliebter Sündenbock. Vor allem in den Medien stellt das Schuldbekenntnis doch einmal mehr die eigene Wichtigkeit unter Beweis. Wir schaffen zwar keine Ordnung, aber machen zumindest prima globale Probleme - ist doch auch etwas. Außerdem: Blättert man auch nur durch die Zeitungen eines Tages, wird man überschüttet von Ansichten und beginnt fast automatisch, sich diverse eigene Meinungen zu bilden. Scheint es doch, als sei das ganz normal.

Aber mal so unter uns: Das ist es nicht. Nicht einmal für Journalisten. Die Idee des Journalismus ist die des ***Reportierten***, das Medium ist das Vermittelnde, es geht um die Darstellung dessen, was ist. Seine Meinung kann der Journalist zu Hause ausbreiten. Falls er eine hat. Aber vielleicht hat er auch keine. Vielleicht kennt er sich richtig aus, ist Korrespondent vor Ort, hat mit vielen Leuten gesprochen, überblickt grob die Lage und weiß von all dem, was eine gepflegte Meinung in der Regel unauffällig unterpflügt: die Widersprüche. Denn die Welt ist schwierig. Wer den Jahre?, Jahrzehnte?, Jahrhunderte?, Jahrtausende? währenden Konflikt um Palästina auf einer Party lösen will, beweist vor allem eines: Ahnungslosigkeit. Die Fakten sind der Feind der Meinung.

In der Regel gilt, wer drinsteckt, hütet sich vor Vereinfachungen. Deshalb blüht die Ausländerfeindlichkeit gern in Orten, in denen man Ausländer nur aus dem Fernsehen kennt. Deshalb haben die Amerikaner für jeden Konflikt in der Welt eine Lösung - weil sie nie ins Ausland fahren. Vor allem aber haben deshalb gerade Betroffene oft keine oder nur eine unscharfe Meinung - sie wissen zu viel. Außerdem haben sie im Einzelfall für ausführliche Meinungsbildungen auch gern keine Zeit - etwa, weil sie gerade ums Überleben kämpfen. Meinungen benötigen Muße.

Und da könnte vielleicht der Kern des Meinungsterrors liegen: Wer nicht viel zu tun hat, wessen Arbeit (ohne Sinn) oder auch Leben (ohne Liebe, ohne Kinder) eher spurlos verläuft, profiliert sich über Meinungen, denn das mag alles sein, was er hat. Das ist natürlich traurig. Daher schlage ich zur Verbesserung der allgemeinen Stimmung für die nächsten Jahre das Motto vor: leben statt meinen. Wer keine Ahnung hat, hält fortan die Klappe und beschäftigt sich stattdessen mit irgendetwas, das ihn erfreut. Vielleicht erfreut es auch andere. So wäre bald nicht nur die Welt wieder ein Stückchen besser, sondern möglicherweise auch das Leben ausgefüllter. Vielleicht sogar derartig, dass man keine Zeit mehr hätte für irgendwelche Meinungen.

Zwei Ausnahmen möge es im hoffentlich bald kommenden Zeitalter der Meinungslosigkeit aber geben. Alle Menschen sollen herzlich eingeladen sein, ihre Meinung zu sagen, wenn sie sich im Thema gut auskennen. Und Genies dürfen natürlich auch weiterhin zu allem etwas sagen. So wie Kollege Wolf Lotter etwa, der kürzlich den Palästina-Konflikt ebenso simpel wie brillant löste: "Die sollen sich nicht so viel streiten." Solche Meinungen sind immer gern gehört.