Bedeutende Orte

Mitten in Deutschland liegt Wolfsburg. Dort besuchen wir einen Erlebnispark: die „Autostadt“ von Volkswagen. Deutschlands neue Mitte liegt in Berlin. Dort besuchen wir ein Markengebäude: das Sony-Center. Und zwischendurch fahren wir ICE. Willkommen auf einer tollen Reise, die wir uns alle nicht ausgesucht haben.




Danke. Danke, dass ich nichts wissen, nichts haben, nichts sagen, niemand sein muss. Danke, dass ich ein kleines Leben leben darf, dass es kein großes ist. Danke.

Dies sind perfekte Tage. Der Himmel leuchtet blau, ungebrochen bis auf den warmen, hellen Fleck einer Sonne auf dem Weg ins Winterquartier. Ein Herbst, an dem man jeden Tag fliegen möchte, auf die einfachste Art, die Menschen kennen, die Arme ausgebreitet und hinaufgestürzt in die gastfreundliche Kuppel. So ein Gefühl, wie man es selten hat, vielleicht noch in riesigen, sehr kargen Kirchen. Oder in der neuen Tate Gallery in London: Dort führt der Eingang über eine Rampe in eine 155 Meter lange, 23 Meter breite und 35 Meter hohe Halle, die sich jedem Besucher anbietet ohne Gegenleistungen zu erwarten. Unzählige Menschen strömen durch das breite Tor, doch nie entsteht der Eindruck von Enge -***in diesem Raum für alle ist die Massengesellschaft nicht Terror, sondern Erfüllung: einzeln zu sein und doch in der Gruppe***. Würden hier alle fliegen, es wäre immer noch genug Platz.

Diese Geschichte handelt von der neuen Mitte Deutschlands, deshalb beginnt sie woanders, denn von außen lässt sich eine Mitte bekanntlich besser erkennen. Die im Mai 2000 eröffnete und seitdem äußerst populäre Tate Modern ist ein Gebäude der Zukunft, weil oder obwohl es auf der Vergangenheit aufbaut: Einst war der gigantische Backsteinbau am Ufer der Themse ein Kraftwerk, entkernt und für die Kunst zurechtgemacht wurde er in fünfjähriger Arbeit unter der Leitung der Architekten Jacques Herzog & Pierre de Meuron. Die beiden Schweizer haben dabei deutlich mehr Platz für freien Raum gelassen als für die ausgestellten Werke. Und selbst zwischen der Kunst, die in den hohen Sälen unaufdringlich gehängt ist, lassen sie den Raum nicht vergessen: Durch Glasfassaden, die sich an den Innenwänden entlangziehen, kann man in jeder Etage einen Blick auf London oder die Eingangshalle werfen. Das tun alle Menschen gern, sie stehen an den Fenstern und lächeln, die Galerie ist jeden Tag voll.

Das liegt natürlich auch daran, dass der Eintritt frei ist. Dabei wird Tate nicht staatlich finanziert, sondern lebt von Spenden und Sponsoren. So wurden die drei riesigen begehbaren Skulpturen der berühmten Bildhauerin Louise Bourgeois in der Eingangshalle von Unilever gestiftet - das Unternehmen übernimmt fünf Jahre lang die Kosten für die jährlich wechselnden Werke in der Halle, wie eine eher bescheidene Plakette verrät. Abhängig von den Unterstützern scheint man sich bei Tate allerdings nicht zu fühlen. Der Auftritt ist selbstbewusst, besonders die neue Galerie verkörpert offensichtliche Qualitäten des Unternehmens: Großzügigkeit, Offenheit, Helligkeit (auch metaphorisch), Leichtigkeit. Nach dem Motto: Wir wollen nichts von dir, aber wir nehmen gern, was du uns bietest. Insofern könnte man die Tate Modern als eine Art Brandscape bezeichnen.

Marketing-Esoterik: Die Marke ist ein Charakter, das Brandscape ihr Heim Die Idee des Brandscape ist in dem esoterisch angehauchten Zweig des Marketings, der sich mit Branding beschäftigt, also dem Stilisieren einer Marke zu einem Charakter, ein relativ neues Konzept. Räume sollen die Marke, ihre Werte und Eigenschaften verkörpern, das Erleben des Raums wird zum Markenerlebnis. Der Ansatz ist natürlich nicht neu. Seit es Macht gibt, gibt es Inszenierungen der Macht, insbesondere räumliche, von Ehrfurcht gebietenden Monumentalbauten bis zu einschüchternden Thronsälen. Neu ist jedoch der Gedanke der Partizipation. Anstatt die Inszenierung als Trennmittel zwischen Inszeniertem und Betrachter zu benutzen, soll der Besucher eingebunden, zum Teil der Markenwelt werden. Brandscapes sind Massenaufmarschplätze, die das Individuum in den Metacharakter einer Marke eingliedern. Theoretisch zumindest. Praktisch kann es natürlich auch sein, dass die Markenfamilie ernst guckt, behütet sie doch hohe Marken, also irgendwie menschliche Werte, derweil die User-Familie fröhlich durch die Erlebniswelt hopst und nicht aufpasst. So ist das aber nicht gedacht.

Das größte deutsche Brandscape befindet sich in Wolfsburg, womit wir der neuen Mitte Deutschlands näher kommen. Früher Zonenrandgebiet, liegt die Kleinstadt heute relativ zentral zwischen Hannover und Berlin. Hier hat Volkswagen einen Markenerlebnispark namens " Autostadt" gebaut. Was ein wenig ironisch ist, weil Wolfsburg selbst eine Autostadt ist, 1938 von den Nazis als Wohnstadt für Volkswagenarbeiter gegründet. Doch den Scherz erspart man sich hier besser, denn die Anlage ist total postironisch. Alles ist ernst gemeint, gelacht wird nicht, höchstens gelächelt, am besten wissend. Man zeigt sich modern.

Die Planung der Autostadt begann Mitte der neunziger Jahre mit der Frage, wie sich der Konzern transparenter geben könnte, um seinen Kunden näher zu kommen. Viele Ideen sind verworfen worden - nahe liegende, wie der Neubau eines Kundencenters, oder revolutionäre, wie die dauernde Öffnung des gesamten VW-Werks für jedermann - bis der Park unter Leitung einer vierköpfigen Planungsgruppe entwickelt wurde. Heute stehen auf 25 Hektar sieben Markenpavillons, das so genannte Zeithaus (eine Art Automuseum), ein Eingangsgebäude, Konzernforum genannt, sowie ein Kundencenter, ein Hotel und zwei 40 Meter hohe gläserne Autotürme.

Beabsichtigte und unbeabsichtigte Utopien: die VW-Autostadt und das VW-Werk Die letzten drei Komplexe gehören in den Erlebnisbereich Autokauf. Kunden können hier ihren Neuwagen selbst abholen, die Autostadt besichtigen und im Luxushotel Ritz-Carlton übernachten. Das ist Shopping auf höchstem Niveau mit religiösen Untertönen: Die gläsernen Türme, in denen jeder abzuholende Neuwagen einige Zeit wartet, haben unübersehbar sakralen Charakter. Den hedonistischen Teil übernimmt das Hotel, wobei es heißt, dass die Edelkette Ritz-Carlton eigentlich nicht nach Wolfsburg wollte, Volkswagen aber wegen des Markenwertes darum gekämpft hat. Außerdem kann das glückliche Paar, dass hier seinen Shopping-Jahreshöhepunkt erlebt, noch das VW-Werk besichtigen. Das ist eine reine Freude. Angefangen bei dem schönen, mächtigen Kraftwerk, das mit vier gigantischen Schornsteinen das Areal beherrscht, über die zu 96 Prozent automatisierte Produktion bis zu den 15 000 Werksfahrrädern, mit denen auf dem riesigen Gelände alle Wege erledigt werden, hat die Anlage etwas Utopisches: mehr Arbeit für Automaten, weniger Arbeit für Menschen, und der Transport geschieht umweltfreundlich. Außerdem will das Werk nichts von seinen Besuchern. Was man von der Autostadt leider nicht behaupten kann.

In der riesigen gläsernen Eingangshalle mit ihren fast 18 Meter hohen Schwenktüren wäre nämlich an sich auch gut fliegen, aber niemand traut sich, weil alle schon nach einigen Schritten auf einer Installation stehen, die etwas ausdrücken will. Der Künstler Ingo Günther hat unter einem 50 Zentimeter dicken Glasboden 60 Globen aufgestellt, auf denen Probleme, na ja, problematisiert werden. Ein Globus zeigt das Ozonloch, ein anderer Armut und Reichtum, einer die Verbreitung von Aids. Und so weiter, die Botschaft ist deutlich: "Hallo, wir wollen dich was lernen." Volkswagen ist nicht irgendein Konzern, der Autos herstellt -Volkswagen hat dir etwas zu sagen.

Das ist die Autostadt, und das will sie sein: eine Werte vermittelnde, die Besucher belehrende kleine Welt, eingebettet in eine Parklandschaft, in der sogar die Natur Teil der Marken ist - jede Marke hat vor ihrem Pavillon ihren eigenen Baum. Das Niveau der Pavillons ist unterschiedlich. Da gibt es Lamborghinis schwarzen Kubus, in dem Besucher ein Auto betrachten dürfen, während eine sechsminütige Licht-, Nebel- und Tonshow sich bemüht, Wildheit, Kraft und Urwüchsigkeit zu symbolisieren. Im Skoda-Pavillon wird dagegen mit kleinen Skulpturen und eher bescheidenen Installationen leise Sympathie aufgebaut. Bei VW-Nutzfahrzeugen gibt man sich bodenständig, stellt Fahrzeuge vor, etwas Historie und einige virtuelle Drachenflieger, was durchaus passt, denn wie es scheint, werden Nutzfahrzeuge heute eigentlich nur noch als Freizeitfahrzeuge benutzt. Man fährt damit zum Surfen oder macht einen Ausflug, gern auch mit der Familie.

Die Familie. Ein Wert. Das ist das Ziel. Die offene Landschaftsarchitektur mag Leichtigkeit vermitteln, die Gebäude mögen von Eleganz, Fortschritt und Transparenz sprechen, doch die Installationen erinnern permanent an Werte. Volkswagen will vier zentrale Werte verkörpern: Qualität, ist klar, Sicherheit, auch, soziale Kompetenz, na ja, und Umweltbewusstsein. Ahm, tja: Ich kämpfe für den Frieden, sagte der Kriegsherr. Jeder weiß, dass Autos Flächenfresser sind und selbst bei geringstem Rohstoffverbrauch zwangsläufig nicht umweltfreundlich sein können. So ist das eine seltsame Wahl, insbesondere, da es nahe liegendere, glaubhaftere Werte gibt. Treue etwa, immerhin lebt die gesamte Region Wolfsburg von Volkswagen, und der Konzern hält aufrecht zum Standort. Oder Schönheit - gibt es jemanden, dem der New Beetle nicht gefällt? Aber nein, Umweltbewusstsein. Na ja, viele Mysterien des Universums sind noch ungelüftet.

Das angestrengte Aussenden von Botschaften wird ein wenig durch das Personal abgemildert. Überall wimmelt es von freundlichen Ratgebern, die Ausbildung ist offensichtlich exzellent, jenseits davon scheint aber auch die Stimmung recht gut zu sein. Mehrere Angestellte erzählen, wie froh sie sind, hier, an diesem Ort, in dieser Atmosphäre arbeiten zu dürfen. Nur gelegentlich mag man etwas seufzen, etwa im Volkswagen-Pavillon. Da wird in einem Kuppelkino ein 360-Grad-Film gezeigt, dem Regisseur ist zu dem ungewöhnlichen Format, das direkt in die Kuppel projiziert wird, allerlei eingefallen, man will sich gerade erheben, als eine Dame hereinrauscht und erklärt: "Die Botschaft des Films war, dass es gut ist, nach Perfektion zu suchen. Und jetzt gehen Sie bitte durch diese Tür, da können Sie die Markenwelt von Volkswagen erleben." Aber vielleicht soll das so sein.

Schöne Ideen, gut gemeint: Werte für VW-Arbeiter und der theoretische ICE "Bei Markenwelten ist es unheimlich wichtig eindeutig zu kommunizieren. Wenn man das nicht tut, lässt man den Besucher allein, so dass der nicht mehr weiß, was er denken soll. Das halte ich für fatal." Meint Maria Schneider, künstlerische Leiterin der Autostadt, die auch das künstlerische Konzept entwickelt hat. Die gebürtige Hamburgerin ist unübersehbar eine Dame, Lichtjahre entfernt von einem Marketingmäuschen oder der zynischen Vermarkterin der selbst ernannten Überfliegerelite. Sie spricht von Werten, ihr ist alles sehr ernst. "Wir werden das hier noch weiterentwickeln. Es gibt zum Beispiel den Plan, auch im Werk einiges zu verändern, um den Mitarbeitern ebenfalls die Konzernwerte erlebbar zu machen Allerdings ist das bisher nur eine Idee, es gibt dazu in der Konzernführung unterschiedliche Ansichten." Kurz schaut Otto Ferdinand Wachs vorbei, Geschäftsführer der Autostadt, ein freundlicher eloquenter Mann, der in druckreifen Statement spricht und sich über den Erfolg seiner Arbeit freut. Er spricht von " Wettbewerbsvorteilen"; schließlich habe kein " Mitbewerber" ein ähnliches Objekt zu bieten. Und betont, dass Volkswagen ein Teil der "neuen Mitte" sei. Es sei ja auch nur eine Stunde bis Berlin. Mit dem ICE.

Der ICE ist das Brandscape der Deutschen Bahn AG. Ein Zug, der Tempo verspricht und Zukunft, vorwärts gerichtet, Grundfarbe Weiß für Klarheit, rote Streifen für Energie. Innen gibt es viel Raum, in den Gängen hängen Plakate von Wirtschaftsmagazinen, die Leute lesen, die gern erfolgreich wären. Der Service ist freundlich, die Toiletten werden gereinigt, der Zug wird während der Fahrt repariert, irgendwann ist mal einer entgleist, das war blöd, kommt aber nicht wieder vor. Orte, in denen der ICE nicht hält, sind nicht relevant, die gehören zu der Landschaft, die während der Fahrt vorbeiflitzt, grün, grau, irgendwas, komm, wir gehen in den Bordtreff. Die Deutsche Bahn AG ist eine deutsche Firma mit Zukunft, und der ICE ist ihre Theorie.

Unterwegs: die deutsche Bahn und die Lehre vom offenen oberen Hemdknopf Ich sitze also im ICE von Wolfsburg nach Berlin. Von der Autostadt zum Autokanzler. Von der geografischen neuen Mitte Deutschlands in die metaphorische. Der Zug ist pünktlich, das ist ein prima Gesprächsthema. Für meinen Nebenmann, er fährt viel mit der Bahn, es ist der erste pünktliche Zug seit einer Woche. Wir tauschen Anekdoten aus, die Verspätungen, die überfüllten Züge, die erschöpften Mitarbeiter. Da sind wir uns einig: Würden die Bahnangestellten nicht arbeiten wie die Tiere, wäre der Betrieb bereits zusammengebrochen. Ich erzähle von der Buchmesse in Frankfurt, am Freitagabend stehen im Hauptbahnhof etwa 150 Menschen vor der Gepäckaufbewahrung, sie wollen ihre Koffer, ein einzelner Mann rackert sich ab, aber die Schlange wird nicht kürzer. Wahrscheinlich kam die Buchmesse für die Bahn total überraschend. "Na ja", füge ich beruhigend hinzu. "Immerhin ist die Bahn in Deutschland nicht so schlimm wie in England, wo die Fahrpläne fiktiv sind, die Preise horrend und die Strecken derartig verrottet, dass die Züge entgleisen." Doch das lässt mein Nebenmann nicht gelten. Die haben ja mit der Privatisierung viel früher angefangen.

Er selbst arbeitet übrigens freischaffend, zurzeit für einen großen deutschen Autounternehmer (aber nicht für VW). Im Moment hat er dort viel mit Führungskräften zu tun. Unvorstellbare Verhältnisse: "Ich weiß nicht, wie die da arbeiten. Alles wird schriftlich erledigt, um sich abzusichern. Niemand telefoniert, alle schreiben e-Mails, weil sie dann hinterher etwas vorzuweisen haben. Und wenn einer versagt, wird er einfach versetzt, nach oben, versteht sich. Ich würde da sowieso nie Karriere machen, hat man mir gesagt. Ich trage nämlich den obersten Hemdknopf offen. Und so, den obersten Hemdknopf offen, geht es gar nicht vorwärts." Womit wir in der neuen Mitte Deutschlands angekommen wären.

Angekommen: das Sony-Center am Potsdamer Platz und einige Fettflecken als Erinnerung - an was?

Na ja, fast. Zurzeit hält der ICE am Bahnhof Zoo, wo immer noch die Junkies sitzen und lange Gesichter machen. Aber bald ist da ein Bahnhof unter dem Potsdamer Platz, und dann ist es geschafft, denn wo nämlich ist die neue Mitte, wenn nicht hier, zwischen Wirtschaft und Politik. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn so ist hier die Lage. Entweder du gehörst zum Komplex Kanzleramt, wo ein riesiges halbrundes Fenster signalisiert, dass hier ein Herrscher seine ameisengleichen Untertanen beobachten kann oder du gehörst zur Wirtschaft. Im Einkaufszentrum Potsdamer Platz Arkaden, wenn du ein eher kleiner Fisch bist, beziehungsweise mit eigenem Gebäudekomplex, wenn du es dir leisten kannst. Wie zum Beispiel Sony. Das Sony-Center wäre gern ein Gebäude der Zukunft, weil oder obwohl es nichts mit der Vergangenheit zu tun hat. Die fünfflügelige Konstruktion wirkt von weitem wie eine Mischung aus Olympiastadion und abgestürztem Ufo, doch kommt man näher, verliert sich die Fremdartigkeit. Während von außen die Glasfront trotzig erscheint, bewirkt sie innen Transparenz. Man sieht durch riesige Fenster, ein Cafe, ein Kino, ein Elektronikladen, alles ist wie überall. Nun gut, im Elektronikladen gibt es nur Sony-Produkte, und an das Kino ist die Sony Music Box angeschlossen, ein musikalischer Erlebnispark. Doch das ist genau die Menge Innovation, die ein Mensch gern ertragen möchte.

Das wäre dann also das Brandscape von Sony, noch ein Ausdruck von irgendetwas. Was will es uns sagen? Wille zum Fortschritt? Innovation? Soll das so sein, dass das Gebäude aussieht, als würde es versuchen, gleichzeitig groß, also monumental, und klein, also heimelig zu wirken? Wieso sind auf dem Teppich des Sony-Center-Kinos ausgerechnet Dialoge aus "Taxi Driver" gedruckt, einem Film über einen Psychopathen, der die Zivilisation nicht erträgt? Und wieso steht das Sony-Center auf dem Potsdamer Platz? Ist der Potsdamer Platz nicht das Brandscape des Unternehmens Deutschland? Die Zukunft, aber noch im Bau? Doch wenn das so ist, wieso gehört hier jeder Raum einem Konzern, der sich selbst darstellt, seine Werte, seine Produkte, was auch immer? Außer natürlich den Gebäuden für die Politik, doch da hat sowieso niemand Zutritt, der nicht dazu gehört. Na gut, mal als Zuschauer, aber wo kämen wir hin, wenn das Volk sich unter seine Repräsentanten mischen würde. Ja, wohin eigentlich?

Also gut, setze ich mich ins Cafe im Sony-Center. Die Serviererin, auf Deutsch eine Berliner Schnauze, spricht mit den Touristen fließend Englisch. Noch eine dieser höchst engagierten Mitarbeiterinnen. Von wegen Dienstleistungswüste Deutschland. An der Wand gegenüber gibt es eine Installation, "Trendmachine - Under Construction" - witzig. Aber vielleicht ist die Sammlung leerer Gesichter, die jeden zu beobachten scheinen, tatsächlich nur eine vorübergehende Einrichtung und der Witz kein Witz, sondern ein schlichter Hinweis auf baldige Veränderung. Das ist noch so ein Problem bei dieser Sorte Gebäude. Man weiß nie so recht, was Architektur ist und was Provisorium, was Kunst, also Absicht, und was einfach nur Zufall. Der Hauptmieter im Sony-Center ist übrigens die Deutsche Bahn AG.

In der Regel ist es ein angenehmes Gefühl, wenn plötzlich alle Teile eines Puzzles ein Bild ergeben. Doch manchmal kann das Bild so unerfreulich sein, dass man lieber nicht genau hinsehen mag. Was wäre, wenn die Deutsche Bahn AG der Archetyp eines Unternehmens der neuen deutschen Mitte wäre? Anfang November wurden einige Intercity-Verbindungen zu ICE-Strecken umgewandelt. Die Züge fahren immer noch dieselbe Route in derselben Zeit, nur ist die Fahrt teurer - die Bahn will endlich Gewinn machen. Da ist es vielleicht gut, wenn man in so einem Gebäude sitzt: Viel Glas, glatte Flächen und sanfte Kurven vermitteln Transparenz und Modernität, während gleichzeitig der Block, die fugenlose Fassade Unnahbarkeit signalisieren - in diesem Trakt hat der normale Mensch nichts verloren. Und noch etwas ist klar. Wenn man hier sitzt, quasi in der Zukunft, kann man nicht nur nicht sehen, was in der Gepäckausgabe in Frankfurt vor sich geht - es interessiert einen auch nicht.

Eine bestimmte Art des Denkens fördert eine bestimmte Art des Handelns, eine Architektur, auch die Idee des Brandscapes, viele neue öffentliche Räume. Ein Denken, in dem der Mensch zwar als Modell vorkommt, doch als ein Modell, das mit uns, den echten Menschen, nur zum Teil identisch ist. Würde man alle diese Anlagen deuten, käme wahrscheinlich heraus, dass wir, die wir sie betreten, etwas zu suchen scheinen, ein Zuhause, das größer ist als alles, was noch zu erwarten wäre. Aber stimmt das? Wie wäre es, wenn man stattdessen die Fettflecken auf den Glasscheiben deuten würde? Die kennt jeder. Sie sind auf allen Fenstern, in dem Cafe im Sony-Center, im ICE, in der Autostadt, in allen Läden, überall. Immer in Blickhöhe. Von Leuten, die sich hingesetzt haben, ihren Kopf ans Fenster gelehnt und dann, nach dem Aufstehen, ein Stück von sich zurückließen. Viel würden die Fettflecken sicherlich nicht sagen. Vielleicht nur, dass hier ein Mensch gesessen hat. Doch wäre das nicht genug?

Es ist wie eine kollektive Amnesie. Als hätten wir alle etwas vergessen, während des Spaziergangs über die neuen Plätze der Stadt, etwas, von dem wir ahnen, dass es immens wichtig ist. Doch wir haben kaum Zeit, uns zu erinnern oder auch nur den Verlust zu bemerken. Denn andauernd passiert irgendetwas.

Und wenn wir uns nicht damit beschäftigen, beschäftigt es sich mit uns.