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„Marktforschung hat für uns überhaupt keinen Sinn, denn wie sollen die Leute wissen, was sie wollen, wenn sie nicht wissen, was sie bekommen könnten.“ (Der Verleger Benedikt Taschen im Interview, August 2000)




Uwe Ommer: 1000 Families ... Taschen Verlag, 29,95 Mark Diverse: The Rough Guide ... etwa 50 CDs, Tis/WSM Diverse: Flashbacks ... 6 CDs, Trikont/Indigo Diverse: A Jewish Odyssey ... Putumayo/Indigo Diverse: A Putumayo World Christmas ... Putumayo/Indigo Jean Klare/Louise van Swaaij: Atlas der Erlebniswelten ... Eichborn, 39,80 Mark Bei einer Weltbevölkerung von gut sechs Milliarden Menschen und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von, sagen wir mal, 70 Jahren, also etwa 2 207 520 000 Sekunden, benötigt man fast drei Leben, um für jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten auch nur eine Sekunde Zeit zu haben. Das ist der Ozean, in dem wir leben.

Wer einen, natürlich nur ganz vagen, Eindruck von dieser menschlichen Unendlichkeit bekommen möchte, sollte sich "1000 Families" ansehen: Der Fotograf Uwe Ommer, der während einer vierjährigen Tour um die Welt Familien in 130 Ländern ablichtete, hat 1000 Porträts zu einem "Familienalbum des Planeten Erde" zusammengestellt. Das Buch ist eine ungefährliche Angelegenheit, solange man nur blättert: Da sind die Amerikaner, die aussehen, als würden sie nur leben, um irgendwann fotografiert zu werden. Es gibt Afrikaner, erodiert und zerschlissen. Dann die Asiaten, wie die Afrikaner in riesigen Familienverbänden, ebenso bunt gekleidet, aber selbst in der Momentaufnahme eigentümlich still. Und die Europäer, selbstbewusst, laut, grinsend, uns geht's doch gut. In Äthiopien gehen die Hirten mit der Kalaschnikow aufs Feld (obwohl die Kugeln eine Mark das Stück kosten), in Portugal gibt es ein schwules Pärchen, in Bolivien sind die Leute ganz klein, leben von Kartoffeln und hoffen auf Regen, und diese Amerikaner, oh Gott, was soll man zu diesen Amerikanern sagen: Die Kinder haben alle Übergewicht, vermutlich von dem ganzen Scheiß, den sie da essen, bis sie älter sind, dann machen sie Diäten, Jogging und Aerobic und sehen neben ihren übergewichtigen Kindern unnatürlich ausgemergelt aus. Weiß man ja, kennt man ja, ist ja klar.

Bis man den Fehler macht, sich auf ein Foto einzulassen. Irgendeins. Egal welches. Es ist ja nicht nur so, dass alle ganz unterschiedlich aussehen, dass man um die Welt fahren könnte und einem bis auf eine Handvoll Zwillinge nie, nie, nie zwei gleich aussehende Menschen begegnen würden. Nein, es ist das Leben, dass sich in diesen Gesichtern spiegelt. Bei einigen ahnt man die Erfahrungen, die ihre Züge geprägt haben: Dieser müde Patriarch von der Elfenbeinküste mit seinen drei Frauen, das ist wohl doch ziemlich anstrengend. Oder die Clown-Familie aus Italien, die mit einem alten, von Pferden gezogenen Wohnwagen, durch das Land fahren möchte - so sieht also Glück aus. Aber so viele andere: Was geht in den drei Massai-Frauen aus Tansania vor? Was sehen sie morgens, wenn sie aufstehen, was essen sie, was ist ihre schönste Erinnerung? Und warum tragen sie zu diesem überwältigenden Schmuck solche Plastiksandalen? Auf der Seite gegenüber eine Kernfamilie aus Litauen, da gäbe es ähnliche Fragen. Und das ist nur ein Ausschnitt, jedes Gesicht ein Leben und eine Sekunde für ein Leben, bitte: Was wäre das für ein Moment?

Am schönsten in dem Buch aber sind die Kinder. Ihr Lachen, überall gleich, auf dem ganzen Planeten. Diese Angstlosigkeit, Neugier, Freiheit, Freude. So viel Leben, so viel Zukunft, was für ein Ozean, in den man sich einfach fallen lassen kann, hinausschwimmen und sich verlieren, denn alle sind Menschen, mit denselben Gefühlen. Außer vielleicht den wenigen seelenlosen Verbrechern -Drogenhändlern, Politikern, Marketingexperten. Aber denen können die Kinder ja in die Oberschenkel beißen. Und nicht loslassen.

Ich denke, man ist nie zu alt, um jung zu sterben, aber irgendwann geht es nicht mehr von selbst. Da fressen sich die Erfahrungen nicht nur ins Gesicht, sondern auch ins Hirn: Der Neurologe in uns murmelt etwas von Nervenzellen und etablierten Schaltkreisen, der Faulenzer brummt matt von Gemütlichkeit und Gewohnheit, und der Realist, ein fetter Funktionär mit Mundgeruch und schlechter Haut, behauptet, seine Sicht der Welt sei die Realität und an der nun mal nichts zu ändern. Alle hassen das Kind. Doch die Kultur ist ihr natürlicher Feind, sie reflektiert die Welt und ihr Fortschreiten, sie lässt uns ungläubig in die Welt schauen wie Kinder, überrascht und glücklich. Und nichts scheint mir überraschender als die Musik. Wer etwa die CDs der "Rough-Guide" -Reihe hört, hoch kompetent zusammengestellte Alben, die schmale Türen in die Klänge Australiens, Japans, Zimbabwes, der Karibik etc. öffnen, sieht den ersten Ansatz weiterer neuer Felder, die aufregende Entdeckungen versprechen. Und begreift, ganz nebenbei, den Begriff "Leitkultur": als den Versuch eines Fisches, sein Aquarium zu verteidigen, ohne zu merken, dass er inklusive Glashaus am Boden eines endlosen Meeres liegt.

Und andauernd gibt es neue Wunderbarkeiten: Die CD-Reihe "Flashbacks", in der amerikanischer Jazz, Country, Gospel und Schlager der zwanziger bis vierziger Jahre nach Themen wie Drogen, Sex oder Obskuritäten sortiert sind, jedes Album eine Wundertüte. Oder zwei neue Platten des Labeis Putumayo, das recht populistisch durch die Musik der Welt führt und nun auf "A Jewish Odyssey" jüdische Musik rund um den Globus und auf "A Putumayo World Christmas" Weihnachtslieder vorstellt. Und hinter jedem Song verbirgt sich ein weiter musikalischer Kontinent.

Kein Wunder, dass da ab und zu der Wunsch nach Ordnung aufkommt, eine in diesem Rahmen abwegige Idee, zurzeit am abwegigsten dokumentiert in dem "Atlas der Erlebniswelten", in dem zwei Holländer Landkarten zu Aspekten des menschlichen Lebens erstellt haben. So kann man auf der Karte "Langeweile" nacheinander die Orte "Übrigens...", " Aha... ja...", "Nun ja...", " Wobei..." bereisen, was lustig ist, fast schon wie eine spirituelle Comedy-Erfahrung. Doch was für andere Karten gilt, gilt auch hier: In der Realität wundert man sich, dass die fein säuberlich eingezeichnete Straße voller Schlaglöcher ist und Anhalter, die einen umbringen wollen oder in ein neues Leben rühren. Beziehungsweise, in diesem Fall: langweilig. Sie ist eben anders, als wir sie uns vorstellen, die wirkliche Welt. Viel besser.