Was denkt Hartmut Mehdorn bloß?

#__Im Augenblick gehe ich durch die Hölle. Oder besser gesagt, fahre, natürlich mit dem Zug, das ist für den Chef der Bundesbahn wohl selbstverständlich. Mit gutem Vorbild voran. Die Hölle ist es trotzdem. Aber das ist andererseits auch okay, ich brauche den hohen Adrenalinspiegel, denn ich bin ein Kämpfer. Das Weiße im Auge des Gegners treibt mich zur Höchstform. Aber ich bin kein Boxer, auch wenn ich so aussehe, mit meinem breiten Kreuz und den schweren Händen. Ich bin eher ein Fechter, mit dem Florett, ich liebe die elegante Finte. Und ich liebe Publikum.




Mein bestes Publikum sind die Medien. Journalisten wollen Helden besingen, denn Helden bringen Auflage und Einschaltquoten. Deshalb mache ich starke Sprüche. Aber weil ich weiß, dass sympathische Helden auch Schwächen brauchen, rede ich oft und gern von meinen Macken. Wie zerstreut ich bin. Dass ich drei Handys brauche, weil ich mir nicht merken kann, wo ich die Dinger lasse. Und dass Helene mich alle paar Wochen auf Diät setzt, weil ich zu viel Junkfood esse und leicht fett werde. Das geht natürlich nicht. Ein Erfolgsmanager muss drahtig sein, dynamisch, agil – wie ein Held eben. Also so wie ich.

Ich bin ein Energiebündel vom Scheitel bis zur Sohle, gestikuliere, wippe mit den Füßen, balle die Faust, springe vom Sessel hoch. Letztes Jahr hat man mich zum „Ökomanager des Jahres“ gewählt. Zu Recht, ich bin ein guter Manager. Bei der Heidelberger Druckmaschinen AG habe ich den Umsatz verdoppelt, ohne einen einzigen Arbeitsplatz zu streichen. Im Gegenteil, ich habe die Belegschaft verdoppelt – das war, bei aller Bescheidenheit, eine Leistung. Wie auch der Anfang bei Airbus: Ich habe das Ding zum Fliegen gebracht. Und am Ende hat der Schrempp die Lorbeeren geerntet. Daran denke ich am liebsten gar nicht mehr.

Danach hätte ich mich mit Helene in der Provence zur Ruhe setzen können. Aber gehen Helden in Rente? Ich bin rastlos, platze vor Tatendrang und suche das Extremrisiko. Und so habe ich den gefährlichsten Posten angenommen, den es in der deutschen Wirtschaft gibt: Vorstandsvorsitzender bei der deutschen Bahn.

Auf was habe ich mich da bloß eingelassen? Alle guten Freunde haben mich gewarnt. Von Helene ganz zu schweigen. Und sogar die Journalisten. „Ich will etwas fürs Vaterland tun“, habe ich ihnen erklärt. Und das stimmte tatsächlich. Klar, manche haben gesagt: Der will einfach der Größte sein, 240.000 Mitarbeiter hören auf sein Kommando, alle Räder stehen still, wenn sein starker Arm es will. Und zugegeben: Es hat seinen Reiz, Napoleon hat in seinen besten Zeiten zwar fast doppelt so viele Leute kommandiert, aber es ist ein Anfang. Doch irgendwie läuft es anders als geplant. Ich bin zum Erfolg verdammt. Ob Superman auch so einen ungeheuren Druck verspürt?

Wenn ich nur wüsste, wie dieser Laden funktioniert. Die Bundesbahn ist einzigartig: voll genervter Beamter in modernen Hightech-Büros, ein gigantisches Rentnerparadies, ein chaotischer Selbstbedienungsladen, eine Projektionsfläche für frustrierte Politiker, Journalisten und Kunden, die ausrasten, wenn sie mal einen Anschluss verpassen. Ein Albtraum mit tausend Falltüren. Vielleicht sogar zu vielen für einen Helden?

Ich weiß, dass Psychologie wichtig ist. Also gebe ich nach außen den Retter, während ich nach innen den rauen Haudegen mit dem großen Herzen spiele. Die Rolle liegt mir. Ich weiß, wie man mit Herzlichkeit motiviert. „Die Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht nur für Shareholder.“ Ein starker Spruch, das kommt immer gut. Doch gegen das Chaos, das mich umgibt, hilft er auch nicht. Wir hatten im vergangenen Jahr 170 Millionen Mark Verlust, aber der Staat rückt kein Geld raus. So hängt auch die Modernisierung des Streckennetzes in der Luft. Auf den Straßen staut sich der Verkehr, während wir mit halbleeren Zügen Verluste einfahren. Die Politiker müssten den Auto- und Lkw-Verkehr stärker besteuern, aber dazu fehlt denen der Mut. Bald wird das Weltklima kippen, das wird dem Irrsinn auf den Straßen ein Ende machen. Aber so lange kann ich nicht warten.

Stattdessen wollten alle, dass ich mit dem Transrapid sichere Verluste einfahre. Ohne mich! Von wegen Zukunftstechnik – und uns schnüren die Altlasten die Kehle zu, oder was? Aber das war wohl vorerst die letzte echte Heldentat. Jetzt muss ich erst mal 70.000 Arbeitsplätze abbauen, fast ein Drittel der Belegschaft. Das tut weh, auch mir. Ich habe sogar dem jungen Lokführer, der mit 120 seinen Zug aus den Gleisen gekippt hat, den Rücken gedeckt. Ich wollte die Moral der Belegschaft stärken. Aber alles umsonst!

Jetzt schlachte ich eben die heilige Kuh: Die Bahn ist nicht verpflichtet, den Deutschen eine billige flächendeckende Mobilität zu geben. Weg mit den unrentablen Strecken! Und dann gehen wir an die Börse –    schlank, flott und gewinnträchtig. Für den Shareholder Value! Ein Widerspruch? Ich hätte auch lieber weiter den Helden gemimt. Aber ganz allein auf weiter Flur ist das eben nicht so einfach. Selbst Superman hat seinen Freund, diesen Mann mit der Fledermaus. Und wen habe ich? Helene! Natürlich ist sie wunderbar. Aber sie ist nicht der Bundeskanzler.__//