Viel Geld für ein wenig Theater

Die Berliner Schaubühne hat sich als Medienereignis inszeniert. Nun sind ihr erst einmal wieder die Subventionen sicher. So geht das Spiel, das alle spielen. Immer noch, obwohl die staatlichen Kassen inzwischen leer sind.




#__Gehören Sie auch zu den Menschen, die behaupten, "Die Zeit" ausschließlich wegen ihrer Interviews und Reportagen zu lesen? Na, dann waren Sie ja bei der Ausgabe vom 20. Januar ziemlich überrascht...

Gleich vier Paar knackige Backen wurden damals auf einer Doppelseite präsentiert, wenn auch mit kulturellem Anspruch. Die Hinterteile gehören Thomas Ostermeier, Sasha Waltz, Jochen Sandig und Jens Hillje, der neuen künstlerischen Leitung der Berliner Schaubühne. Und die hatte sich in der Manier der Kommune 1 an die Wand gestellt: Beine breit, Rebellenpose. Bereit zur Durchsuchung oder Erschießung.

Das erste Pin-up-Poster in der Geschichte der " Zeit" ist der Höhepunkt eines Marathons der Schaubühnen-Truppe durch Medien und Münder: Ein Haufen Paarunddreißiger mit Generation-Berlin-Etikett bekommt eines der berühmtesten deutschen Sprechtheater zur freien Verfügung. Prompt beginnen sie mit Einheitsgage zu experimentieren, mit Autorenkollektiven und Basisdemokratie. Ostermeier will Stücke inszenieren, "die so radikal mit der Gesellschaft umgehen, dass man sie nicht mehr zertrümmern muss." Die Kinder der Wende entdecken das Erbe der 68er. Eine schöne Geschichte. Zu schön, als dass irgendein Medium es sich leisten könnte, sie nicht zu erzählen.

Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, ist vergleichsweise langweilig. Sie handelt von Subventionspolitik und Tarifbestimmungen, von Haushaltskürzungen und Einsparungsgutachten. Und sie handelt davon, dass Ostermeier und Kollegen ziemlich clever waren, als sie sich selbst zu neuen 68em stilisierten. Der Rummel darum dürfte der Schaubühne auf absehbare Zeit gut 20 Millionen Mark jährliche Subventionen gesichert haben.

Ökonomisches Handeln heißt für einen Theaterleiter heute vor allem Streben nach Relevanz. Streben danach, dass seine Bühne in den wesentlichen Feuilletons, in den wesentlichen Gesprächen, auf den wesentlichen Partys eine Rolle spielt. Dass das Ensemble der Schaubühne zu Gastspielen an die wichtigen Häuser und auf die wichtigen Theaterfestivals eingeladen wird. Einem Theater, das relevant ist, traut sich kein Politiker die Subventionen zu streichen.

Theater machen kostet Subventionen.

"Die Schaubühne hat immer in der Ersten Liga gespielt", sagt Jens Hillje. "Doch zuletzt ist sie abstiegsgefährdet gewesen. Zuletzt ist an der Schaubühne zu wenig Relevantes passiert." Ohne Relevanz keine Subventionen, ohne Subventionen kein Theater. So hat die Schaubühne 1999 bei 26,6 Millionen Mark Gesamtetat 22,5 Millionen Mark aus staatlichen Zuschüssen bestritten. Und auch die staatliche Berliner Volksbühne verfeuerte 1999 rund 26 Millionen Mark Subventionen. Andernfalls hätten die billigsten Karten zwischen 200 und 300 Mark gekostet. Wie viele Zuschauer wohl bereit gewesen wären, den wahren Preis zu bezahlen?

Es ist der Job eines guten Theaterleiters, sich ein möglichst großes Stück aus dem Subventionskuchen zu schneiden. Ist ja ganz normal. Rundfunkanstalten fordern höhere Rundfunkgebühren, Bauernverbände den Erhalt der Agrarsubventionen. Marketingleiter die Erhöhung ihres Budgets. Wer sich am wichtigsten macht, kriegt am meisten. Wer freiwillig spart, macht sich klein. Unter den vielen Reformideen der neuen Schaubühnen-Leiter taucht eine Idee nicht auf: mit weniger Zuschüssen auszukommen als bisher.

Nirgendwo auf der Welt fließt staatliches Geld so reichlich in die Theater wie hierzulande. Nirgendwo sonst können Bühnenmitarbeiter in so gesicherten sozialen Verhältnissen leben wie an den großen deutschen Bühnen. Aber ebenfalls in keinem anderen Land sind so viele Theater zu so riesigen Kulturproduktions-Einheiten mutiert. Die Schaubühne hat 257 Angestellte. Davon arbeiten 178 im nicht künstlerischen Bereich: Tischler für das Bühnenbild, Schneider für die Kostüme, Elektriker für die Beleuchtung. Es gibt deutsche Opernhäuser, an denen der Chor eine Erschwerniszulage erhält, wenn er in der Wagner-Inszenierung eine gewichtige Walküre tragen muss. "Strukturen wie im Steinkohlebergbau", diagnostiziert die Berliner Kultursenatorin Christa Thoben.

Jahrzehntelang haben diese Strukturen ihren Zweck erfüllt: Die Mitarbeiter hatten optimale Arbeitsbedingungen, die Zuschauer günstige Eintrittskarten und die Politiker sonnten sich auf den Premierenfeiern im Glanz der von ihnen geförderten Kunst. Doch die Party ist vorbei, das Geld ist alle. "Die Lösung grundlegender Probleme der Kulturfinanzierung ist über Jahre verschleppt worden", sagt der Bremer Kultursenator Bernt Schulte. Überall in Deutschland suchen die Städte nach Wegen, wie sie im Kulturbereich sparen können.

Theater schließen kostet zu viel Geld.

Am dringlichsten ist diese Suche in der Heimat der Schaubühne, in Berlin. Die Stadt hat mit der Vereinigung eine West- und eine Ostausgabe aller Bühnen geerbt. Zusammen kosten sie viel mehr Geld, als sich die Stadt leisten kann. Berlin ist das Labor, in dem heute die kulturpolitischen Probleme gelöst werden müssen, die auf andere Städte in den nächsten Jahren zukommen werden.

80 bis 85 Prozent der Kosten an einem Theater sind Personalkosten. Von diesen wiederum entfällt an den staatlichen Berliner Bühnen das Gros auf Mitarbeiter, die nicht betriebsbedingt gekündigt werden können. Entweder, weil ein Schauspieler nach über 15 Jahren an einer öffentlichen Bühne unkündbar ist. Oder weil es sich um nicht künstlerisches Personal handelt, also um die erwähnten Verwaltungsmitarbeiter, Bühnentechniker und Garderobenfrauen. Dieses nicht künstlerische Personal gehört zum öffentlichen Dienst des Landes Berlin. Und für die Landesbeschäftigten hat sich der Senat von den Gewerkschaften einen bis 2004 geltenden Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen abhandeln lassen.

Angenommen, der Berliner Senat beschlösse, morgen ein öffentliches Theater zu schließen -dann würde der Zuschussbedarf für diese Bühne womöglich sogar noch steigen. Die Gehälter für die unkündbaren Mitarbeiter müssten weitergezahlt werden, ohne die Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Noch nicht einmal die Steigerungsraten der an den staatlichen Bühnen gezahlten Gehälter lassen sich vom jeweiligen Intendanten oder vom Kultursenat beeinflussen - ihre Höhe entspricht automatisch dem bundesweiten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Ohne strukturelle Veränderungen kann der Senat die Zuschüsse für seine Bühnen kaum verringern. Kurzfristige Kürzungen sind für die Theater nur bei den laufenden Kosten möglich: eine Premiere weniger pro Spielzeit, vielleicht ein weniger aufwändiges Bühnenbild. All das bringt so wenig, dass die Einsparung durch die nächste Tarifrunde wahrscheinlich wieder aufgefressen werden würde.

Die Schaubühne ist keine staatliche Bühne. Sie gehört ihrem Gründer Jürgen Schitthelm und erhält ihre Zuschüsse aufgrund eines Vertrages mit dem Land Berlin. Mit Auslaufen des Vertrages könnten der Schaubühne die Zuschüsse gekürzt werden. Seinen Mitarbeitern könnte Schitthelm dann betriebsbedingt kündigen. Diesen einfachen Weg beschreitet das Land nur dann nicht, wenn die Schaubühne besonders relevant ist. "Wäre die Schaubühne weiter in der Manier der letzten Jahre dahingedümpelt", heißt es in der Senatsverwaltung, "hätte sich schon die Frage gestellt, ob die Zuschüsse in der bisherigen Form bestehen bleiben können." Theater verändern kostet Nerven.

Berlins Kultursenatorin Christa Thoben (CDU) kommt aus dem Bundesbauministerium und übertriebener Respekt vor kulturellen Erbhöfen ist ihr fremd. Sie sucht nach Ideen, wie sich das Land Berlin aus den Fesseln befreien kann, die es sich mit der eigenen Subventionspraxis angelegt hat. Eine Möglichkeit wäre die Umwandlung der Theater in landeseigene Gesellschaften mit beschränkter Haftung. In vielen Städten ist dies bereits geschehen. In einer GmbH wäre der Intendant nicht mehr an die Tarife des öffentlichen Dienstes gebunden. Er könnte Haustarifverträge aushandeln, die Arbeitszeiten flexibler gestalten. Doch: Der Umwandlung müsste die Theater-Belegschaft zustimmen. Solange aber wie in Berlin der öffentliche Dienst den Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen gewährleistet, gibt es kaum eine Chance auf diese Zustimmung.

Wenn schon nicht die Theater selbst, könnte man dann nicht wenigstens die nicht künstlerischen Bereiche privatisieren? Nach Erkenntnissen Thobens arbeiten manche Techniker in den Theatern netto nur vier Monate, " werden aber für zwölf Monate bezahlt". Zu ungleichmäßig seien die anfallenden Arbeiten verteilt. Thoben hat ein so genanntes Interessenbekundungsverfahren für die Werkstattarbeiten der staatlichen Berliner Bühnen gestartet. Sie will herausfinden, ob ein Privatunternehmer bereit ist, den Werkstattbetrieb zu den derzeitigen Kosten in Eigenregie zu übernehmen. Die Bühnendekoration würde dann bei einer Firma in Auftrag gegeben, die nebenbei noch andere Aufträge ausführen kann, um ihre Mitarbeiter gleichmäßig auszulasten.

Weitergedacht könnte am Ende ein gemeinsames, privatisiertes Backoffice für mehrere Bühnen stehen: künstlerische Eigenständigkeit nach außen, aber zentralisierte Technik und Buchhaltung. Eine Plattformstrategie fürs Theater. Und eine Idee, die auf wenig Gegenliebe unter den Theaterintendanten stößt. Sie fürchten, dass privatisierte Werkstätten nicht schnell genug auf Änderungswünsche an Bühnenbild oder Kostümen reagieren könnten. Dass die Zusammenlegung der Anfang vom Ende ihrer künstlerischen Unabhängigkeit wäre. "Intendanten neigen nun einmal dazu, für ihr Theater den Status quo als die einzig mögliche Daseinsform zu propagieren", spottet man in der Senatsverwaltung.

In einigen Städten haben sich inzwischen Unternehmensberater an den öffentlich geförderten Bühnen umgesehen. Ein Team von McKinsey durchleuchtete das Bremer Theater. Die Ergebnisse waren nicht überraschend. Man könne Geld beim technischen Personal sparen. Außerdem bei den Bühnenumbauten, indem man ein Stück über einen längeren Zeitraum laufen lasse anstatt jeden Abend das Programm zu wechseln. Die Theatermacher entgegneten, ein Stadttheater lasse sich doch nicht mit einer Studiobühne vergleichen.

Wer wissen will, mit wie wenig Geld ein Theater auskommen kann, der muss sich in die freie, nicht subventionierte Theaterszene begeben. Auf diesen Bühnen wird gespielt, was beim Publikum ankommt: Komödien, Musicals, Liederabende, Varieté. Weil sie aufs Geld schauen müssen, kommen diese Theater ohne Werkstätten aus - die Aufträge fürs Bühnenbild werden an freie Handwerker vergeben. Es gibt kein festes Ensemble, die Schauspieler erhalten Verträge für jeweils eine Inszenierung. Die meisten McKinsey-Ideen sind für diese Theater Alltag: Stücke bleiben so lange im Programm, wie Leute kommen und werden jeden Tag gespielt, 100-, 200-mal.

Natürlich geht so etwas nur mit Publikumsrennern, nicht mit sperriger Kunst. Aber brauchen subventionierte Theater komplexe Strukturen, nur weil sie komplexe Stoffe auf die Bühne bringen?

Ein typisches Beispiel dafür, wie es ohne Geld vom Staat geht, war das Neue Theater in Hamburg. Von 1991 bis 1995 liefen hier vier Musical-Produktionen. Zehn Mann arbeiteten auf der Bühne, zehn dahinter. Eine Produktion war auf 100 Vorstellungen in Folge kalkuliert, bei Kartenpreisen zwischen zwischen 19 und 69 Mark. 70 Prozent Platzauslastung waren das Minimum für schwarze Zahlen; die tatsächliche Auslastung aber lag bei 100, am Wochenende bei unerklärlichen 110 Prozent. Die jährlichen 2,5 Millionen Mark Einnahmen flossen sofort wieder in Miete, Gagen und die nächste Inszenierung. Ein labiles Konstrukt: Als man in einen größeren Saal umziehen wollte, fielen die Umbaukosten höher aus als erwartet. Die Betreiber des Neuen Theaters waren pleite. Für Rücklagen hatte es nie gereicht.

In Deutschland muss nur eine Minderheit der Theater so arbeiten. Im Rest der Welt sind es fast alle. Kein erstrebenswerter Zustand - aber auch die Schaubühne hat ähnlich angefangen. Kurz nach dem Mauerbau hatte sich Jürgen Schitthelm mit einem gefälschten Pass in den Westen geschmuggelt und gründete am Halleschen Ufer eine freie Theatergruppe. Spielstätte war ein leer stehendes Haus inmitten eines Ruinenfeldes; statt Gehalt gab es Essen für alle. Selbstverständlich wurde damals basisdemokratisch ausdiskutiert, was wie wann auf die Bühne kam. Und auch warum, dialektisch-materialistisch betrachtet. Man stand ja irgendwo zwischen Marx und Mao.

Das war übrigens 1962, lange bevor sich die Kommune 1 zu Rebellen stilisierte.__// Kontakt: Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin, www.schaubuehne.de