Qualitätssicherung - Weiße Männer in Plantagen

Wer aus dem Süden kommt, ist verdächtig. Also stellen sich noch immer Männer in Anzügen in die sengende Hitze und sagen: "Keine Angst, wir passen auf. Alles bleibt, wie es war!"




#__Bald kommt Onkel Dittmeyer wieder ins Fernsehen. In den neuen Werbefilmen wird der Pionier des Saftes wieder durch seine andalusischen Orangenplantagen schlendern, seinen alten Strohhut tragen und Kindern, die er unter normalen Umständen nie ansprechen würde, von seinen Apfelsinen erzählen.

Warum macht ein 79-jähriger, gebückt gehender Mann im siedend heißen Süden Spaniens so einen Aufwand um Saft? Warum stellt er sich nicht einfach in ein Fernsehstudio in Deutschland?

Dittmeyer ist in Sachen Vertrauen unterwegs. Wenn er durch seine Plantagen spaziert, geht es um das Urvertrauen des deutschen Verbrauchers. Dittmeyers Pflanzer-Hut mit dem Schweißrand sagt: "Seht her, hier transpiriert der Chef persönlich für die Qualität eures Saftes. Ihm ist kein Weg zu weit. Er kontrolliert sogar den Ursprung des Produktes." Wir wissen doch, was in den Pflanzungen passiert, sobald der Chef den Südländern den Rücken kehrt, so das Signal des Spots.

Die legen sich auf die faule Haut und arbeiten nicht ordentlich. Und wenn ihnen nach Geschmackssabotage ist, dann mischen sie vielleicht faule Früchte unter, und wer weiß, was ihnen sonst noch einfällt. Ach, man mag gar nicht daran denken. Gut, dass der Chef die Sache so ernst nimmt!

Dittmeyer wacht über seine Marke wie über seine ersten Apfelsinensaftflaschen vor 40 Jahren. Zwar gehörte Valensina zwischendurch mal Procter & Gamble, doch für Werbespots stand Dittmeyer als ehrenamtliches Model immer zur Verfügung - der Marke zuliebe. Und wenn er sich bei den jüngsten Spots etwas mehr ins Zeug legt, dann deswegen, weil er den ganzen Laden vor zwei Jahren zurückkaufte. 85 Prozent der Deutschen kennen und schätzen Rolf Hans Dittmeyer. Er ist der Wächter des Orangensaftes, das personifizierte Reinheitsgebot.

Das Motiv des Überwachers ist in der deutschen Werbung sehr beliebt. Einer der populärsten Wächter hieß Wensley Pithey, ein englischer Schauspieler. Seit 1963 war er der "Tchibo-Mann" - ein Garant für beste Bohnen-Qualität, als Tchibo nur Kaffee und nicht auch Duschhauben verkaufte. Die damalige Kampagne beschreibt ihn als "soignierten Herrn mittleren Alters mit Embonpoint und der unauffälligen Physiognomie eines stillen Genießers".

Der dicke Pithey mit "der List eines Elefanten" und "der stoischen Ruhe des Kilimandscharo", so die Kampagne, war der Roger Whittaker der Werbung. Wo er auftrat, herrschte Geborgenheit und Frieden, ihn umgab eine Aura sanften Genusses. Stets trug er einen dunklen Anzug, Bowler und Aktentasche. In diesem Aufzug reiste der Handlungsreisende in Sachen Kaffee um die Welt. Während die deutschen Konsumenten sich gerade mal bis zum Gardasee wagten, schüttelte der Tchibo-Mann in Afrika die Hände eines " Qualitäts-Sicherungs-Empfangskomitees". In einem Werbespot kämpfte er sich sogar mit einer Machete seinen Weg durch den dichten Urwald frei: "Der Tchibo-Kaffee-Experte kommt".

Jacobs klagt, der Gentleman sei nur Schauspieler. Das juckte nicht die Bohne.

Konkurrent Jacobs klagte gegen Tchibo, weil Pithey kein Experte sei, sondern ein Schauspieler. Es half nichts, denn der Tchibo-Kontrolleur war längst zur Vertrauensperson geworden. Im Busch in Übersee, dort, wo die deutsche Hausfrau den Überblick verlor, wo Chaos herrschte und Menschenfresser lebten, da sorgte sich ein Weißer um ihre Kaffeebohne. Und Pithey war streng. Niemals ließ er sich von irgendwelchen dunkelhäutigen Plantagenarbeitern übers Ohr hauen: In einem Film bieten ihm mehrere nicaraguanische Pflücker Kaffee an. Im Off wird erklärt, dass er das Angebot ablehnt, weil die Bohne nicht seinen Vorstellungen entspricht. In einem frühen Schwarzweiß-Film hievt ein Kran Pithey auf zwei Säcken Rohkaffee aus einem Schiffsrumpf in den Hamburger Hafen. Mehr hätte er nicht kaufen können, sagt der Tchibo-Mann, die Qualität habe nicht gereicht.

Der weiße Mann in der Plantage stillt das " Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrauen und Ehrlichkeit" , sagt Rudi Tiedtke, Marktforscher bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Ein Engländer garantiere zudem eine "kolonialerprobte Mentalität". Doch Mitte der siebziger Jahre hatte Pithey ausgedient. Mit dem Jumbojet kamen die Zeiten, in denen die Deutschen weiter reisten und Angst und Misstrauen verloren. Heute wird einer Kolumbianerin, die ihr Leben lang Kaffee wachsen sah, schon mal zugetraut, ein Urteil über Qualität abzugeben. Der Geschmack bekommt diesen gewissen Ethno-Touch. Es ist wie im Urlaub: Ein Zwischenhändler im Anzug verdirbt schnell das Bild der Echtheit.

Zigarren qualmen besser, wenn der Landherr über den Pflücker wacht.

Dennoch: "Die Assoziation des bodenständigen nationalen Unternehmens, das Sicherheit garantiert, ist nicht unmodern geworden", meint Tiedtke. Auch das "Gutsherren"-Motiv des weißen Kontrolleurs in der Plantage ist nicht ausgestorben - man muss nur genau hinsehen. Beim Zigarrenhersteller Dannemann steht ein rauchender Tabakfabrikant in der Plantage, irgendwo in Südamerika, im Hintergrund eine Buschhütte, davor parkt das koloniale Herrscherauto im rostbraunen Staub. Er trägt einen weißen Anzug, mit Weste und Hut und blickt über den Kopf eines anderen Mannes hinweg, der neben ihm steht: ein Pflücker mit dunkler Haut. Der Arbeiter ist einen Kopf kleiner als der hellhäutige Unternehmer, der diesmal aber kein Botschafter oder Handelsreisender ist, sondern ein Landherr, der aus der Oberschicht stammt, ein Herrscher. Der Pflücker trägt ein abgewetztes Hemd und steht ein wenig geduckt vor dem Fabrikanten. Und er wagt es nicht, ihm in die Augen zu sehen.

Wir wissen: Hier geht es nicht um Qualität, es geht um nationale Sicherheit. Hier ist alles unter Kontrolle. Gepanscht wird hier nicht. Geputscht schon gar nicht!__//