Projekt Bullerbü

Ikea verkauft hübsche und erschwingliche Wohneinrichtungen. Jetzt baut das schwedische Unternehmen für Mensch und Möbel auch noch die passenden Häuschen. Eine heile Welt mit kleinen Fehlern.




- Bo Klok wurde 1999 gegründet. Das Unternehmen gehört jeweils zur Hälfte Ikea und Skanska.

- Die Idee zum Projekt entstand vor vier Jahren, die ersten Häuser wurden vor drei Jahren gebaut.

- In Schweden gibt es zwölf Bo-Klok-Siedlungen mit insgesamt 400 Wohnungen. Eine Siedlung besteht aus mindestens drei bis zu sechs Häusern. In jedem Haus sind sechs Wohnungen.

- Die Wohnungen haben ein bis zwei 'Zimmer und eine Fläche von 48 oder 59 Quadratmetern. Die Mieten der reinen Mietwohnungen belaufen sich auf 695 bis 834 Mark. Die Kaufbeträge sind 30144 Mark (plus 463 Mark im Monat) oder 37101 Mark (plus 695 Mark im Monat).

#__Fünf Autominuten vom Ikea-Möbelhaus in Helsingborg entfernt sieht Schweden aus wie amerikanischer Vorstadt-Horror: leere Straßen, gesäumt von windigen Betonklötzchen, die sich hinter abgezirkelten Hecken verbergen. Aber da! Mittendrin sechs gelbe Holzhäuser mit weißen Balkonen, bunten Briefkästen und bescheidenen Grünflächen. Eine Reihenhauszeile mit Bullerbü-Flair. Madeleine Nobs holt tief Luft. Sie wirft ihren Arm in einer hektischen Bewegung Richtung Bretterbauten und ruft ekstatisch: "Und das war unser allererstes Projekt." Dabei zittert sie ein wenig, und man weiß nicht so recht, ob aus echter Begeisterung oder nur vor Kälte.

Madeleine Nobs ist Marketing-Beauftragte von Bo Klok. Das ist Schwedisch und heißt sinngemäß übersetzt " kluges Wohnen". Bo Klok ist kein Anbauregal und kein Schlafsofa aus dem Ikea-Sortiment, Bo Klok ist ein Haus. Oder besser; eine ganze Siedlung, ersonnen und errichtet vom lustigen Möbelhaus Ikea und Schwedens größtem Bauunternehmen Skanska. In Schweden sind in den vergangenen zwei Jahren zwölf Bo-Klok-Siedlungen gebaut worden, im laufenden Jahr soll das Projekt über die Grenzen nach Norwegen, Großbritannien und Polen expandieren.

Günstig, hübsch und auch noch sozial: ein Projekt wie aus dem Imagefolder Die Zusammenarbeit von Ikea und Skanska ist eine Partnerschaft der Erfolgreichen. Skanska gehört zu den zehn größten Baufirmen der Welt, Ikea verkauft seine preisgünstigen Wohnideen zum Selberbasteln gegenwärtig in 29 Ländern und setzt damit jährlich 15 Milliarden Mark um. Dass die zwei Großunternehmen zusammen kleine Holzhäuser bauen, hat gute Gründe. Skanska pflegt damit seine Heimatgefühle und ein menschenfreundliches Image. Kjell-Ake Persson, Bauingenieur bei Skanska und Projektleiter der Bo-Klok-Siedlungen in Helsingborg, lächelt gelassen und gibt unumwunden zu: "Das Ganze ist für uns kein großes Geschäft, aber es ist ein soziales Projekt, und das ist gut für das Profil unserer Firma in der Öffentlichkeit." Für Ikea war der Schritt zum Bau preiswerter Häuser nur die konsequente Fortsetzung der eigenen Ur-Idee. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, so wird man nicht müde zu betonen, ist in einer der ärmsten Gegenden Schwedens aufgewachsen. Seither treibt ihn die Mission um, sozial verträgliche Einrichtungsgegenstände zu verkaufen. Nun kann der Ikea-Kunde seine Möbel auch in die passende Wohnung stellen.

Vor drei Jahren wurden bei Helsingborg die ersten klugen Häuser gebaut, sechs Gebäude mit jeweils sechs Wohnungen zu 48 und 59 Quadratmetern auf zwei Etagen. Klein sollten sie sein, smart und billig. Madeleine Nobs Sendungsbewusstsein erhöht ihre Sprachgeschwindigkeit, vor allem, wenn sie von den Anfängen von "Bo Klok" erzählt. Die Bauprofis von Skanska seien vor vier Jahren auf Ikea mit der Idee eines gemeinsamen Projekts zugekommen. Im Möbelhaus rannte Skanska damit offene Türen ein. "Ikea stattet seit Jahren Wohnungen aus, da liegt es doch nahe, auch selbst welche zu bauen. Wer, wenn nicht wir, könnte am besten wissen, wie Leute leben wollen", erläutert Frau Nobs selbstbewusst.

Um Genaueres über die Bedürfnisse der Verbraucher zu erfahren, wurden sofort Publikumsbefragungen durchgeführt, die Ergebnisse entsprechen der gesellschaftlichen Realität westlicher Industrienationen.

"Die klassische Familie in glücklicher Gemeinschaft von Papa, Mama und zwei Kindern gibt es kaum mehr. Fast die Hälfte aller schwedischen Haushalte sind Single-Haushalte, 80 Prozent der Bevölkerung leben allein, zu zweit oder allenfalls zu dritt. Die Scheidungsrate steigt jährlich, es gibt unglaublich viele allein erziehende Eltern, außerdem alte Leute im Ruhestand und junge Leute mit wenig Geld. Aber für die wird nicht gebaut. Immer noch baut man große Zimmer, große Küchen. Das braucht niemand mehr. Es war also schnell klar, dass kleine Haushalte unsere ideale Zielgruppe sein würden." Bo Klok sollte werden wie ein "Billy"-Regal: funktional, massenkompatibel und für jeden erschwinglich. Von Finanzexperten ließ man sich errechnen, welche Mietbelastung für den durchschnittlichen Kleinsthaushalt tolerierbar sei. Die potenzielle Zielgruppe wurde daraufhin noch einmal detailliert nach ihren Wohnbedürfnissen befragt. Madeleine Nobs referiert ihr erlerntes Credo im Stakkato-Rhythmus: "Die Leute wollen kleine Wohnungen, die wenig Arbeit machen, gute Planung ist wichtiger als großer Wohnraum. Sie wollen einen Garten und Blumen, hochwertige Materialien und Baustoffe, eine funktionelle Küche und viel Tageslicht. Sie wollen Qualität, nicht Quantität. Und die sollte nicht wesentlich mehr als 3000 Kronen (umgerechnet etwa 695 Mark) im Monat kosten." Zur Grundausstattung der Ein- bis Drei-Zimmer-Apartments gehören Eichen-Parkettböden in allen Wohnräumen, bunt gestrichene Wände in sechs möglichen Farbkombinationen, eine komplette Ikea-Küche und eine Waschmaschine. Die kleinen Grünflächen werden von allen Bewohnern gemeinsam beackert und benutzt.

Die ersten Wohnungen in Ödâkra bei Helsingborg wurden vor zwei Jahren noch vermietet, für 3000 bis 3600 Kronen (ca. 695 bis 834 Mark) im Monat. Neuere Bo-Klok-Siedlungen in Schweden sehen ein landesübliches Teilfinanzierungsmodell vor. Mit einem Sockelbetrag von 130000 bis 160000 Kronen (ca. 30000 bis 37000 Mark) kauft man sich in den Wohnblock ein, die monatlichen Zahlungen reduzieren sich dadurch auf 2000 bis 3000 Kronen (ca. 463 bis 695 Mark). Will man ausziehen, verkauft man sein Eigentum zum Marktwert weiter.

Ikea weiß, was Mieter wünschen: Interessenten gibt es viele.

Eine offenbar sichere Investition. Wann immer der Bau bunter Bo-Klok-Häuschen in der schwedischen Lokalpresse angekündigt wurde, standen die potenziellen Käufer vor den Ikea-Möbelhäusern Schlange. Mittlerweile werden die neuen Wohnungen unter den Interessenten verlost.

Sonnendurchflutete, ländliche Schweden-Romantik strahlt von den Fotos, mit denen Prospekte für das Baukonzept werben. Die Vorort-Depression der Umgebung muss draußen bleiben.

- Neue Projekte in Norwegen und England sind noch für dieses Jahr geplant. Nächstes Jahr soll es Bo Klok auch in Polen geben.

- Das Projekt wird ständig fortentwickelt. Aktuell arbeiten die Planer an der vierten Version des idealen Bo-Klok-Hauses und planen auch größere Wohnungen (vier Zimmer, 74 Quadratmeter) ein.

-Zum Einzug bekommen die Mieter einen Ikea-Warengutschein über 3000 Kronen, einen Gratis-Möbeltransport, und einen Monteur zum Möbelaufbau für zwei Stunden umsonst.

Die möblierte Idylle der abgebildeten Innenräume kennt man bereits - aus dem Ikea-Katalog. Konsequenterweise sind die meisten Bo-Klok-Häuser keine zehn Minuten von der nächsten Ikea-Filiale entfernt. Damit auch jeder den Weg dorthin findet, begrüßt der freundliche Vermieter Neuankömmlinge mit einem Warengutschein von 3000 Kronen. Kein Marketing-Trick, sondern ein Geschenk, das die glücklichen Bewohner noch glücklicher machen soll, beteuert die Marketing-Chefin - ihre Argumentation ist verblüffend einfach: "Jeder Schwede kauft bei Ikea. Wer noch dazu im Bo-Klok-Haus wohnt, den müssen wir als Kunden bestimmt nicht mehr gewinnen." Junge Leute, Rentner und Singles: Wenigstens Ikea denkt an sie.

In der Tat: Die selige Riesenfamilie im billigen Wohnglück, die Ikea sich da heranzieht, schmettert Zweifel mit einer großen Portion Zufriedenheit ab. Madeleine Nobs ist sich der Reaktion ihrer Kunden sicher und ermutigt jeden Besucher geradezu euphorisch, an alle Bo-Klok-Türen in Ödäkra zu klopfen. Dahinter verbirgt sich ein perfekter Querschnitt der avisierten Zielgruppe.

Doro Konstantin und Ceciliar Larsson sind beide 22, er ist Schweißer, sie Verkäuferin, und Apartment 18c ist ihr erstes eigenes Reich. Sie lieben ihren Garten, sagen sie, fühlen sich hier, als besäßen sie "ein eigenes kleines Haus" und haben vor jugendlichem Übermut als einzige Mieter die Ikea-Pastellfarben an den Wänden übertüncht. Der große Vermieter wird ihnen diesen Ausbruch aus der vorgeschriebenen Harmonie wohl nachsehen: Für ihre Ersteinrichtung, schätzt Doro, haben sie dem Elch bald 50000 Kronen (11600 Mark) in den Rachen geworfen.

In 24c, im Haus gegenüber, blickt Ulf Södermann, 69, versonnen auf ein zart geblümtes Sofa. "Ein ganz und gar unmännliches Möbelstück", sagt er leise. "Es gehörte meiner Frau." Vor zwei Jahren ist sie gestorben, also hat er das gemeinsame Haus verkauft und ist mit ihrem Sofa in die Nähe seiner Familie und der Enkelkinder gezogen. Herr Södermann ist ein schmaler, blasser älterer Herr, der jede Bewegung so bedächtig und gedankenverloren ausführt, als würde er immer noch darüber rätseln, warum er im Leben plötzlich allein ist. "Ich bin gern hier, es ist klein, leicht sauber zu halten und billig", sagt er. Natürlich würde er lieber mit allen Kindern und Kindeskindern in einem großen Haus leben, aber als ehemaliger Postbote reicht die Pension nur für 48 Quadratmeter Bo-Klok-Parterre.

Seine direkten Nachbarn sind ebenfalls Rentner. Inga-Britt Sjöberg, 62, und Thore Sjöberg, 65, waren die ersten Bo-Klok-Mieter der Welt. Auch sie haben nach dem Ruhestand eine neue Bleibe in der Nähe der Familie gesucht. Hier wohnen zu dürfen sei ein großes Glück, alle ihre alten Freunde seien furchtbar neidisch. Frau Sjöberg lacht unter einem blonden Kurzhaarschnitt, aufgeregt zieht sie ein paar Fotos aus einem Zeitungsstapel hervor: Die Sjöbergs sind darauf zu sehen, in ihrem kleinen Garten im warmen Abendsonnenlicht. Ein glückliches Bild des Ikea-Hof-Fotografen, jüngst veröffentlicht im Ikea-Family-Journal. Im gerade abgedrehten Bo-Klok-Werbefilm seien sie auch die Stars, berichtet Frau Sjöberg stolz. Für ihre Komparsendienste hat ihnen Frau Nobs bei unserer Ankunft dezent einen Umschlag zugesteckt: mit einem Warenscheck von Ikea. Dabei ist ihre winzige Wohnung ohnehin schon bis zum Anschlag mit großen Sesseln und kleinen Figuren vollgestellt. Mit ihrem Einzugsgutschein, verrät sie, haben sie sich einen lebenslangen Wunsch erfüllt: Im kleinen Schlafzimmer dominiert ein jugendlich romantisches Messingbett.

Carina Wiland lebt in 22f allein mit ihrem Wellensittich. Die 45-Jährige ist geschieden, ihre erwachsenen Söhne stehen seit ein paar Jahren auf eigenen Füßen. Ein großes Sofa steht an der Wand, so hat sie vom Esstisch aus freie Sicht zum Fernseher. "Der ist mein bester Freund", sagt sie und versucht ein Grinsen. Carina Wiland hat sich ihr Haar feuerrot gefärbt. Die Wände ihrer kleinen Wohnung hat sie mit bunter Kunst behängt, und nun sitzt sie in ihrem Jungmädchen-Apartment, als wäre das hier alles erst der Anfang. Ihr Wellensittich schläft und der Fernseher läuft. "Ich werde wohl in dieser Wohnung alt werden. Das Einzige, was mich hier noch herausholen könnte, wäre ein reicher Mann." Carina Wiland lacht, als hätte sie einen Witz gemacht.

Der Farbenfreude zum Trotz: Das pralle Glück wohnt nicht im Bo-Klok-Haus.

Es regnet in Strömen, als wir die glücklichen gelben Häuser verlassen, auf dem Parkplatz kommt uns der Wagen eines sozialen Pflegedienstes entgegen. Es gibt viele alte Menschen in der kleinen Siedlung, und eines der sechs Häuser, so erzählten die Sjöbergs, nennen alle nur das "Frauenhaus", weil dort ausschließlich einsame Damen leben. Die Mieter beteuern, sie seien zufrieden. Sie haben ein Fleckchen Rasen, Parkett und eine Waschmaschine. Ikea und Skanska freuen sich am eigenen Engagement und brüsten sich mit Wohltätigkeit, die einen manchmal frösteln lässt.

Das Glück wohnt nicht in Bo-Klok-Häusern, in den kleinen Behausungen leben fast ausschließlich Menschen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Das fröhliche Image der bunten Holzhäuschen täuscht darüber galant hinweg. Wer dort einziehen darf, soll sich in einer besseren Welt fühlen, einer kunterbunten Ikea-Idylle, die "Schöner Wohnen" zum Menschenrecht erhebt.

Doch auch in der Bo-Klok-Zentrale in Malmö scheint die schleichende Tristesse der Mieterstruktur angekommen zu sein. In einer - wie sollte es anders sein - perfekt Ikea-gestylten Büroetage, wo vier Mitarbeiter auf gut 120 Quadratmetern ihrer Kreativität Lauf lassen, sitzen die Planer derzeit über einer kinderfreundlichen Variante der preiswerten Wohnkultur. Im neuen Entwurf sind auch Vier-Zimmer-Wohnungen zu 74 Quadratmetern vorgesehen, weil man nun doch die intakten Familien für sich gewinnen will.

Es herrscht Betriebsamkeit, man erwartet eine Delegation von 45 Skanska-Mitarbeitern, um zukünftige Erfolge zu besprechen. Hier oben wachsen dem Bo-Klok-Gedanken wieder Flügel. In einer Ecke des Raumes lehnt der Spaten, mit dem vor drei Jahren in Ödäkra der erste Stich getan wurde. An seinem Stiel baumelt ein Kärtchen mit einer schwedischen Redensart: "Wann werden wir unsere klugen Köpfe zusammen denken lassen?" Den Spruch servieren sie gern störrischen Politikern bei der Planung neuer Projekte, erklärt Marketing-Frau Nobs engagiert. Ihr sei das soziale Element des Bo-Klok-Gedankens am wichtigsten - fast ist man geneigt, ihr in all dem propagandistischen Eifer zu glauben, wenn sie sagt: "Was mich wirklich freut, ist, dass in diesen Siedlungen echte Gemeinschaften entstehen. Die Mieter halten Kontakt, helfen sich gegenseitig, pflegen Nachbarschaft. Keiner muss dort einsam sein." Sollten sich Carina Wiland und ihre Mitmieter trotzdem mal nicht ganz auf der Höhe fühlen, fahren sie schnell mal bei Ikea vorbei. Dort treffen sie Menschen, die sich ebenfalls nach einer harmonisch-bunten, fröhlichen Welt sehnen.__// Kontakt: www.boklok.com www.ikea.de www.skanska.com