Mal schauen

Was passiert, wenn man einem Fernsehsüchtigen die Droge wegnimmt? Gucken wir doch mal.




#__Die Kollegen meinen, ich sollte mal eine Woche nicht fernsehen. Den Fernseher nicht mehr anschalten, eine Woche lang. Ich komme gewöhnlich spät nach Hause, putze die Zähne, gehe ins Bett und springe noch ein, zwei Stunden zwischen den Kanälen. Nicht, dass ich wirklich springe, im Gegenteil. Das ist meistens superlangweilig. Aber Abschalten ist schwieriger als Einschlafen.

Da ist die Nanny auf RTL, da sind die ZDF-Talks mit viel Inhalt, wenig Haltung und die 0190er Mädels, bei denen ist es genau umgekehrt. Die eine in der Badewanne übrigens, die rechte -nicht die linke, die grinst, als ob sie mich beim Abschreiben erwischt hätte und in der Wanne zu einem Zungenkuss erpressen wird -, die nicht, sondern die nette Brünette neben ihr, die meine ich zu kennen, aber ich weiß nicht woher. Da schweben die Astronauten in der Space-Night auf Bayern Drei durch ihre Waschküchen, da sind die Talkshow-Proleten, die nur eklig sind, aber das gut, und die warme Stimme aus der Loop-Werbung, die sich anhört wie in der Abflughalle zu einem rosa Ferienplaneten. Ich soll eine Woche nicht gucken und mal gucken, was passiert. Na gut.

Erste Nacht. Ich kann nicht schlafen und merke, ich kann nicht einschlafen. Ich versuche, an die schönen Sachen zu denken, die mir heute passiert sind. Mir fällt nichts ein. Heute war Montag.

Zweite Nacht. Ich stehe in der Kneipe, wo sich jeden zweiten Dienstag lauter Musikindustrieleute treffen. Rainer, Anne und Jessica, meine Freunde, sind schon weg. Ich habe mir noch etwas zu trinken geholt, lehne an einer Wand, um mich herum Musikbranchen-Singles, die sich gegenseitig anrauchen und etwas erzählen. Es ist brechend voll, aber um mich herum ist leerer Raum. Auf dieser Party ist ein Loch und ich stehe mittendrin. Ich habe keinen Grund, hier zu sein, fällt mir ein, und dass mir das unheimlich peinlich wäre, wenn man mir das jetzt ansehen würde. Ich gehe schnell nach Hause und schlafe, seltsam, sofort ein.

Dritter Tag. Morgens. Ich träume wieder! Komplette Spielfilme. Mord, Drama, Liebe, Echsen, Bergseen, Urwälder, alles dabei. An die einzelnen Szenen und Geschichten denke ich tagsüber immer mal wieder zwischendurch. Super.

Vierte Nacht. Ich guck den Fernseher an. Nicht fern, aber ich gucke ihn an, den Fernseher. Gestern startete Big Brother, wo sie zehn Leute in einen Container sperren. Wie ist das bloß, wenn alles, was man tut und von sich gibt, in einer Skala bewertet wird? Aber ich darf ja nicht gucken.

Fünfte Nacht. Halb zwei, Feierabend für heute. ich gehe zu Stefan, dem Grafiker. Der wurde vor neun Monaten Vater und hat einen Sohn, der aussieht wie ein Apfel. Seine Frau fährt ihn täglich im Kinderwagen durch die Gegend. Darin sitzt Jan mit weit aufgerissenen Augen, um bloß nichts von den Feldern und Bäumen zu verpassen, die an ihm vorbeiziehen. Irgendwann wird er müde und schlummert friedlich weg, erzählt Stefan. Vielleicht können wir deshalb beim Autofahren so gut nachdenken, weil wir als Kinder schon auf Rädern durch die Welt geschoben wurden, fällt mir auf dem Nachhauseweg ein. Vielleicht denke ich auch deswegen manchmal, wenn ich fernsehe, dass ich mich bewege. Oder was erlebe.

Sechste Nacht. Ich betrüge. Nur mal gucken. Lande ausgerechnet bei der Spätwiederholung von Big Brother. Am Küchentisch sitzen zwei Typen und bearbeiten ihre Fingernägel, der eine mit einer Nagelschere, der andere mit einer Feile. Der Nagelscherer textet den anderen zu: "Ich habe so viel Selbstvertrauen, da würden andere von platzen", und legt einen abgeschnittenen Nagel in den Aschenbecher. So ein Scheiß. Und dafür breche ich mein Gelübde! Ich mach sofort wieder aus. Anderthalb Minuten waren das. Ob das zählt?

Siebter Tag, morgens. Ich erzähle meinem Mitbewohner, was ich gestern gesehen habe. Felix lacht: "Das war Zlatko. Der ist voll Scheiße. Aber der fliegt bald raus." "Das ist ja wie im Zoo", sage ich, "man hat richtig Mitleid mit denen. Die machen ja gar nichts." "Ja genau", meint Felix, "können sie auch nicht, weil sie eingesperrt sind. Die hängen nur auf der Couch rum. Aber zwischendurch passiert doch was Interessantes, irgendeine Kleinigkeit." - "Aber das guckt man doch nur, wenn man echt nichts Besseres zu tun hat", sage ich und bin ganz entsetzt. "Ja eben. In den Zoo gehst du sonst ja auch nicht, oder?", sagt Felix und fragt mich, ob ich noch mit ihm frühstücke.

Epilog: Samstagmorgen, zwölf Tage später. Ich habe noch ein wenig weitergemacht und habe, sieht man mal von dem Ausrutscher ab, zwölf Tage lang nicht ferngesehen. Rechnet man zwei Stunden pro Tag, habe ich insgesamt 24 Stunden gewonnen. Aber habe ich dadurch mehr erlebt oder mehr geschlafen? Keine Ahnung. Gestern Nacht jedenfalls habe ich erst mal wieder sechs Stunden am Stück geguckt. Und habe ich da mehr erlebt oder eher geschlafen? Keine Ahnung, aber ich musste unbedingt mal wieder sehen, was meine anderen Freunde so machen.__//