HINTERGRUND - Day-Trader - der riskante Traum

Day-Trading verspricht nun auch privaten Anlegern schnellen Reichtum und Glück. Risiken und Nebenwirkungen sind jedoch weiterhin unbekannt. High risk, no fun? Experte Günter Birnbaum arbeitet mit seinem Team an Regeln für die flotten Händler.




#__Günter Birnbaum ist als Abteilungsleiter im Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel in Frankfurt und dort vor allem für Verhaltensregeln und Wertpapierprospekte zuständig.

Zurzeit arbeitet seine Abteilung an einem Regelkatalog für die Day-Trading-Branche. Day-Trader handeln in der Regel in Derivaten, aber auch in Aktien. In jedem Fall bevorzugen sie Wertpapiere mit hoher Volatilität. Day-Trader sind in der Regel hoch spezialisierte Experten, die im Auftrag von Kreditinstituten handeln. Gegenwärtig wächst in Deutschland jedoch die Zahl der Anbieter, die privaten Anlegern ihre Räume und das Equipment zum Day-Trading vermieten.

brand eins: Ist Day-Trading eine Möglichkeit für jedermann, schnell reich zu werden?

Birnbaum: Dafür gibt es bisher keine Anhaltspunkte. Ihre Frage zeigt aber, dass die Werbung der Branche ihre Wirkung nicht verfehlt. Natürlich träumen seit der Telekom-Emission viele vom schnellen Reichtum durch Wertpapierhandel. Die beträchtlichen Zeichnungsgewinne am Neuen Markt tragen ebenfalls dazu bei. Insofern finden die Anbieter, die Day-Trading ermöglichen, einen fruchtbaren Boden vor.

brand eins: Das klingt nicht sehr positiv.

Birnbaum: Es ist nicht die Aufgabe des Bundesaufsichtsamtes eine Antwort auf die Frage zu geben, oh man durch Day-Trading reich werden kann oder nicht. Wir sind lediglich für den aufsichtsrechtlichen Rahmen eines funktionsfähigen Kapitalmarkts zuständig.

brand eins: Was hat Sie veranlasst, sich um Day-Trading-Center zu kümmern?

Birnbaum: Eine Untersuchung der North American Securities Administrators Association in den USA, wo das Phänomen zuerst auftrat, hat ergeben, dass 70 Prozent der Anleger durch Day-Trading Verluste erleiden. Meines Erachtens sind diese Erfahrungen auch auf Deutschland übertragbar. Wir verfolgen mit Besorgnis, dass Anlegern suggeriert wird, aggressiver Wertpapierhandel führe ohne Risiko zu schnellem Reichtum. Einige Anbieter tun so, als ob es eine Erfolgsstrategie gäbe, also einen berechenbaren Erfolg.

brand eins: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Birnbaum: In Deutschland entwickelt sich gerade die viel zitierte Aktienkultur. Es ist das erklärte Ziel der Aufsicht, dieser Entwicklung den Weg zu ebnen. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es keine Rückschläge gibt. Dies gilt auch dann, wenn wir den Anleger vor sich selbst schützen müssen. Ein Anleger, der sich sehenden Auges um sein Erspartes bringt, kann sich im Nachhinein nicht darauf berufen, er habe die Risiken nicht gekannt. Dem Anleger müssen die besonderen Risiken des Day-Trading wie zum Beispiel die sehr hohen Transaktionskosten von den Anbietern klargemacht werden.

Außerdem setzt Day-Trading ein fundiertes Fachwissen des Anlegers in Bezug auf den Handel mit Wertpapieren, insbesondere mit Derivaten, voraus. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass der Privatanleger, der Day-Trading betreibt, mit professionellen Börsenhändlern konkurriert. Diese Profis haben im Gegensatz zum Privatanleger hohe Rücklagen.

brand eins: Warum überhaupt regulieren? Zocken und Glücksspiel werden doch auch nicht staatlich reguliert.

Birnbaum: Kapitalanlage in Wertpapieren wird zu Unrecht mit Zocken und Glücksspiel verglichen - oder glauben Sie, dass institutionelle Investoren wie Banken und Versicherungen täglich Millionen in eine Spielbank tragen würden?

brand eins: Haben sich Privatanleger schon bei Ihnen beschwert?

Birnbaum: Wir hören zunehmend Klagen von Anlegern, die aufgrund von technischen Unzulänglichkeiten, Kapazitätsengpässen oder oftmals blockierten Online-Verbindungen im Day-Trading-Center ihre Orders nicht platzieren konnten. Die zunehmende Technisierung wirft neue Probleme und damit eben auch neue aufsichtsrechtliche Fragen auf.

Es ist unzumutbar, wenn Anleger machtlos zusehen müssen, wie die Kurse ihrer Wertpapiere einbrechen. Im Hinblick auf die oftmals blockierten Online-Verbindungen haben wir die Direktbanken erst kürzlich an ihre Organisationspflichten :rinnert. Die Unternehmen sind zur ordnungsgemäßen Durchführung der von ihnen angebotenen Dienstleistungen und zur Bereithaltung der dafür notwendigen Mittel und Verfahren verpflichtet.

brand eins: Day-Trading hat es in den Banken doch schon immer gegeben, wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Birnbaum: Es ist eben, lapidar gesagt, ein Unterschied, ob der professionelle Asset-Manager mit Risikokapital oder ob Ihr Vater mit seinen Ersparnissen Day-Trading betreibt. Letzterer muss im Vorfeld zumindest die Chance bekommen, alle wesentlichen Umstände des Day-Trading zu begreifen.

brand eins: Welche Regel werden Sie einführen?

Birnbaum: An dieser Stelle will ich das Ergebnis nicht vorwegnehmen. Die Anbieter sollen vor einer Anhörung nicht aus der Presse erfahren, welche Regelung das Bundesaufsichtsamt im Sinn hat. Es geht uns nicht darum, der Day-Trading-Branche rechtliche Handschellen anzulegen oder Day-Trading gar zu verbieten.

Aber ein Mindestmaß an Regulierung ist unverzichtbar. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, dem Anleger eine Summe X vorzuschreiben, die er dann quasi reinen Gewissens investieren kann. Wir sind jedoch der Ansicht, dass Day-Trading nur mit Risikokapital betrieben werden sollte und dass die Aufklärung über die besonderen Risiken definitiv umfangreicher sein muss als die übliche Risikoaufklärung der Banken. Viele Day-Trading-Center verlangen von ihren Kunden zwar, dass sie erst einmal eine Zeitlang das so genannte Paper-Trading ohne Kapitaleinsatz betreiben. Erst danach dürfen sie richtig traden. Ich bin da eher skeptisch. Das erinnert mich an die meistens für die Praxis nicht sehr sinnvollen Trockenschwimmübungen.

brand eins: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Day-Trading-Branche?

Birnbaum: Die Zahl der Anbieter und der Nachfrager wird steigen. Darum wird auch die öffentliche Beachtung zunehmen. Wir beobachten, dass Day-Trading in den Medien schon jetzt mehr und mehr Platz einnimmt. Deshalb werden wir in absehbarer Zeit wohl auch von einigen enttäuschten Anlegern lesen oder hören. (BS)__//