Gott sprach:...

"Es werde Licht." Und es ward Licht. Beeindruckend, was? Würden Sie das auch gerne können?




#__Wer zumindest eine grobe Vorstellung von Gott hat (und wer hat das nicht?), wundert sich wenig, wenn in der Katholiken-Komödie "Dogma" ein Engel erklärt, Gottes Stimme sei so gewaltig, dass der einfache Mensch ihren Klang nicht erträgt. Auch am Schluss, wenn nach vielen brillanten und komischen Dialogen Gott (gespielt von der Sängerin Alanis Morisette) dann doch spricht. Und zwar dermaßen gewaltig, dass der einzige sterbliche Zuhörer zerplatzt. Ist das nicht wirklich überraschend? Es ist eben Gott, irgendwie ein "phatter Typ" (was im Film gut rüberkommt), aber manchmal schwierig.

Trotzdem (oder vielleicht auch deswegen, Angst ist schließlich ein prima Antrieb) wollte der Mensch lange sein wie sein Schöpfer, erschuf daher, was ihn diesem Ziel näher brachte, und erfand dabei unter anderem das Mikrofon. Das erste Modell von Emile Berliner hatte einen Schalltrichter, was so ähnlich ist wie Wagen, die von Pferden gezogen werden statt von unsichtbaren Pferdestärken. Also zu offensichtlich, um als göttlicher Akt durchzugehen. Doch 1925 erfand man bei Bell Electronics das handliche Elektro-Mikrofon, mit dem fortan auch kleine Bürger große Aufmerksamkeit erregen konnten. Wenn sie etwa "Wollt ihr den totalen Krieg?" brüllten, was ohne Stimmverstärker eventuell nur ein müdes "Och nö, lass mal" geerntet hätte, mit dagegen ... Na, Sie wissen schon.

Gott spielen, Übermensch werden, in der Barbarei leben. 1958 schlug die Evolution (Zivilisation?) zurück. Joao Gilberto, ein junger Sänger aus der brasilianischen Provinz, traf in Rio zum ersten mal auf ein Mikrofon. Bei ihm zu Hause, in der Pampa, gab es das nicht. Die Musiker spielten, was die Instrumente hergaben, die Vokalisten brüllten zu der Zeit dagegen an. Doch statt lauter zu werden, erkannte Gilberto: Jetzt kann ich ja leiser singen. Er zog sich in das gekachelte Bad seines Bruders zurück, hörte die Schritte aus dem Haus wie entfernte Percussion, zupfte etwas weniger an seiner Gitarre, sang, als würde er helle Gefühle durch dunkle Nächte geleiten. Und erfand den Bossa Nova. So geht zumindest die Legende. Vielleicht war es nicht exakt so. Aber es ist eine schöne Geschichte, oder?

1959 erschien Joao Gilbertos erstes Album "Chega de Saudade", die erste Bossa-Nova-LP überhaupt. 1963 hatte der neue Stil seinen größten Hit: "The Girl From Ipanema", gesungen von Gilbertos Frau Astrud (bei der dank ihrer bodenlosen Stimme alles wie Bossa Nova klingt), begleitet vom Saxophonisten Stan Getz (den viele für den Erfinder der Musik hielten). Das war der Klang dessen, was man von der Zivilisation erhofft: zarte Gefühle, angstfreie Bewegungen, ein großzügiger Raum für Stille, Pause, den anderen, den Zuhörern. Leichtigkeit. Und Zurückhaltung: Bossa Nova drängt sich nicht auf - Bossa Nova kann man sich aussuchen.

Natürlich waren auch die anderen Schöpfer des Ipanema-Liedes hoch zivilisiert. Der Komponist Antonio Carlos Jobim hatte Musik studiert und war von Heitor Villa Lobos und Claude-Achille Debussy ebenso beeinflusst wie von Jazz und Folklore. Texter Vinicius de Moraes, einst Literaturstudent in Oxford, hatte eine Diplomatenkarriere abgebrochen, um (erfolgreich) Dichter zu werden. Der Song war ein Sinnieren zweier Müßiggänger über ein unerreichbares Mädchen in Rio: Tag für Tag ging es an ihrer Stammbar "Veloso" vorbei, ihre Bewegungen leicht, verlockend, schön wie die Musik, der Tag, das Meer. Das Mädchen namens Heloisa Eneida Pinto, wurde berühmt, weil sie toll zum Strand schlenderte, die Bar heißt heute wie der Song " Garota de Ipanema", und die Straße, an der sie liegt, "Rua Vinícius de Moraes". Das ist Zivilisation.

Die Barbarei geht trotzdem weiter, aber die Hoffnung erhebt ihre sanfte Stimme. Gerade hat Joao Gilberto eine neue CD veröffentlicht: "Joao voz e violao" ist mit Gitarre, Gesang und sonst nix noch stiller als alle Vorgänger. Fast zeitgleich kommt vom Quarteto Jobim-Morelenbaum ein Album mit atemberaubend fein arrangierten Jobim-Klassikern. Pure Schönheit.

Noch leiser geht es heute elektronisch: Madonna-Produzent William Orbit erzeugt auf "Pieces In A Modern Style" mit Bruchstücken von Beethoven, Cage, Vivaldi, Satie, Gorecki etc. einen Ambientstrom, der in seiner selbstbewussten Dicklichkeit allerdings sogar in den stillsten Momenten keinen Millimeter Raum freilässt. Ob das gut ist und wenn ja, weshalb und wozu, könnte man überlegen, in einem Moment der Ruhe, der zarten Gefühle, des angstfreien Denkens, der Stille, mit anderen, wenn alles leicht ist. Vielleicht zu etwas Bossa Nova?__//