Globalisierung - Wenn der Job zur Heimat wird

Sie wundern sich, warum sie zu Hause so gestresst sind? Und auf der Arbeit so entspannt? Wahrscheinlich haben Sie es am falschen Ort zu gemütlich gemacht.




#__"Wenn die Kinder mich verrückt machen, geh ich ins Büro", meint eine Mutter von zwei Kindern. Der Vater eines drei Monate alten Sohnes, den er neun Stunden täglich in der Krippe parkt, möchte, "dass der Sohn selbstständig wird". Wozu? Damit der Vater weiter arbeiten kann. Zwar arbeiten laut Statistik die Deutschen durchschnittlich 38 Stunden pro Woche, doch wie viele Menschen kennen Sie noch, deren Arbeitstag nach acht Stunden endet? In Großkanzleien werden die guten Mandate am Sonntagnachmittag verteilt, und in zahlreichen Branchen sind 70 Wochenstunden die Norm. Viele Mütter und Väter sind gleichzeitig berufstätig. In den USA werden Babys von Doppelverdienern durchschnittlich 42 Wochenstunden fremdbetreut. Wen wundert es, wenn Eltern klagen, sie hätten zu wenig Zeit für ihre Familien? Bessere Betreuungsangebote und flexiblere Arbeitsmöglichkeiten stehen auf ihren Wunschlisten ganz oben. Doch auch das scheint nicht der Ausweg aus der Zeitspirale zu sein.

Eltern arbeiten am längsten. Zur Entspannung.

Mitte der achtziger Jahre baute ein Konzern in den USA eine hervorragende ganztägige Kinder- und Schülerbetreuung auf. Work-Family-Balance-Committees wurden gegründet. Ihr Programm sah Teilzeitarbeit und Jobsharing ebenso vor wie flexible Arbeitszeiten und bezahlten Mutter- und Vaterschaftsurlaub. In nationalen Umfragen zu familienfreundlichen Unternehmen belegte die Firma nach Einführung der Veränderungen Spitzenplätze. Doch es gab ein Problem: Die Angestellten nutzten begeistert die Kinderbetreuungsangebote, doch fast niemand interessierte sich für die neuen Arbeitszeitmodelle. In sieben Jahren beantragten nur zwei Männer den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Mitarbeiter mit Kleinkindern verbrachten statt weniger sogar mehr Stunden in der Firma als kinderlose Arbeitnehmer. Der überraschte CEO wandte sich an die Soziologin Arlie Hochschild. Drei Sommer verbrachte sie in der Hauptniederlassung des Unternehmens auf der Suche nach Gründen für den Misserfolg des Programms. Ihre Schlussfolgerungen überraschen.

Konventionelle Erwartungen, die Arbeitnehmer hätten Angst um Job und Einkommen oder fürchteten ihre Vorgesetzten, wurden enttäuscht. Kaum jemand sah seinen Arbeitsplatz Anfang der neunziger Jahre bedroht. Außerdem waren Besserverdienende an den Programmen weniger interessiert als Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen. Die Mehrzahl verzichtete zudem auf ihre bezahlten Urlaubstage. Selbst in Abteilungen mit extrem kooperativen Vorgesetzten gab es kein Interesse für mehr Freizeit und weniger Arbeit.

Offensichtlich widersprach die familienfreundliche Politik des Unternehmens der realen Arbeitskultur seiner Angestellten. Quer durch die Hierarchie waren 60 bis 80 Wochenstunden keine Seltenheit. Weniger das Resultat, sondern Zeit galt als Maßstab für Engagement und Leistung. Die Bereitschaft, Teilzeit zu arbeiten, wurde als Ausdruck mangelnden Ehrgeizes interpretiert. Um nicht als Verlierer oder (noch schlimmer) als Mutter abgestempelt zu werden, arbeiteten auch die wenigen, die einen Halbtagsjob angenommen hatten, de facto Vollzeit.

Wenn die Hierarchien fallen, wird es so richtig gemütlich im Büro.

Doch erst jenseits der Firmentore, als die Soziologin die Mitarbeiter beim Einkaufen begleitete, mit den Kindern spielte und mit den Männern grillte, fand sie das wesentliche Hindernis für ein ausgewogenes Leben. Gefühle, die wir gemeinhin mit dem häuslichen Umfeld assoziieren - also emotionale Geborgenheit und Anerkennung -wurden am Arbeitsplatz erlebt. Typische Aspekte der Arbeitswelt jedoch, wie Stress und Funktionalität, prägten nun das Zuhause.

Diese Werteverschiebung war kein Zufall. Als einer der Vorreiter neuen Managements hatte das Unternehmen Anfang der Achtziger die Firmenkultur umgebaut. Bis dato starre hierarchische Strukturen wurden durch Teams ersetzt, und in Fortbildungen und Memos appellierte die Firmenleitung an die Eigenverantwortlichkeit ihrer Mitarbeiter. Besondere Leistungen wurden in öffentlichen Zeremonien gewürdigt, kostenlose Seminare zu Themen wie Konfliktverhalten suggerierten den Arbeitnehmern, dass die Firma nicht nur an der Maximierung ihrer Profite interessiert war. Firmenfeste, kostenlose Getränke und Slogans wie "Wir sind für Vielfalt und gegen Diskriminierung" machten den Arbeitsplatz zur Pseudoheimat.

Je länger die Arbeit, desto gehetzter gerät die zweite Schicht zu Hause.

Je länger die Arbeitstage, desto kürzer und gehetzter gerät die zweite Schicht, in der Kinder und Haushalt versorgt werden. In den meisten Familien blieb diese Schicht an den Frauen hängen, die zwischen Essen kochen und Wäsche waschen noch die Schularbeiten überprüfen und den Anrufbeantworter abhören mussten. Dabei halfen ihnen auch keine Kurse wie "Hausarbeit partnerschaftlich teilen". Nur sechs Wochen nachdem Vicky King ihr zweites Kind bekommen hatte, arbeitete sie wieder. Endlich, denn "während dieser sechs Wochen hatte ich niemanden, mit dem ich reden konnte. Meine Freunde sind alle auf der Arbeit. Die Dinge, die mich interessieren, finden dort statt. Ich bin froh, dass ich wieder da bin." Allen Klagen über Zeitmangel zum Trotz verbringen viele Arbeitnehmer offensichtlich ihre Zeit lieber in der Firma als zu Hause. Die Familie wird zur Produktionseinheit. Dem effizienten Umgang mit Zeit im Büro entspricht die viel beschworene amerikanische "Quality Time": 30 Minuten intensives Baden und Spielen mit den Kleinen sollen das gleiche Resultat bringen wie viele gemeinsame Stunden. Ballett-, Klavier- und Nachhilfestunden werden ausgelagert und diverse Babysitter angeheuert.

Doch der Preis für die taylorisierte Familie ist hoch: Die Kinder wollten ihre Gutenacht-Geschichten langsamer vorgelesen bekommen und reagierten mit Wutanfällen und schulischen Problemen. Und die Eltern mussten mit ihren eigenen Schuldgefühlen, unglücklichen Kindern und vertrocknenden Partnerschaften umgehen, um irgendwann vielleicht zu merken, dass noch nie jemand auf seinem Sterbebett geklagt hat, zu wenig gearbeitet zu haben.__// Literatur: Arlie Russell Hochschild: The Time Bind - When Work Becomes Home and Home Becomes Work. Henry Holt and Company, New York 1997 uww.familydiscussions. com/books/hochschild.htm Deutsche Studien: Susanna Jäger/Petra Notz: "Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei mittleren Führungskräften im Kontext neuer Organisations- und Managementkonzepte". Forschungsbericht des Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft, Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. max.lui.uni-tuebingen.de/fp/verein.html Information: www. beruf-und-familie.de www.arbeitszeit.de