Erleuchtung inklusive

Von Star Wars und Julia Roberts haben wir gelernt: Wenn im Kino das Licht ausgeht, verlöscht bald auch das Hirn. Manchmal ist es heute aber anders. Der Film beginnt – und im Kopf wird es heller.




#__Im Film findet die Zukunft statt. Das war schon immer so. Angefangen bei den allerersten Vorführungen der neuen Wundermaschine, in denen Zuschauer ohnmächtig daniedersanken, weil eine Eisenbahn (noch eine mysteriöse Maschine) auf sie zuraste, um sie im nächsten Moment zu überrollen. Und dann doch nicht, welch eine Sensation! Als die Welt das Licht des Films erblickte, bekam sie nicht nur ein neues Instrument, das ihr neue Geschichten erzählte, sondern auch ein Medium, das an und für sich ein Ereignis war. Und blieb: Immer wieder war es das Kino, in dem der allgegenwärtige, unsichtbare Fortschritt, erdacht und ausgehandelt in den Laboratorien der Welt, zur Allgemeinheit fand, als Tonfilm, Farbfilm, digitale Filmbearbeitung. Und das waren nur die ganz großen Dinger.

Der Alltag des Films ist die Sensation – die größte Sensation ist der Fortschritt.

Nebensensationen gehörten zum Tagesgeschäft. Filme, die handkoloriert waren, die auf mehreren Leinwänden gleichzeitig stattfanden, in denen Trick- und Realfiguren miteinander sprachen. Schwarzweiß-Filme mit farbigen Szenen, Filme in 3-D, zum Riechen, im Breitwandformat, im Imax, in Dolby-Surround oder TFLX, mit sieben Minuten digital animierten Dinos, mit mehr digital als irgendwer wissen will und dann nur noch digital, bis in die Zukunft, die man sich jetzt schon vorstellen kann: wo alles in 3-D ist, in Farbe ohne Brille zum Anfassen, Dinos groß wie Häuser, die aus dem Computer kriechen und Hamlet rezitieren, während sie die Zuschauer verspeisen, alles 1 a gepixelt, natürlich von AOL. Sie brauchen nicht mal Ihren Sessel zu verlassen. Geben Sie einfach AOL.fuckyou.com ein und lassen sich fressen.

Soweit die Technik. Parallel fand auch jede soziale Regung, jedes Tabu und sein Bruch, jede Randgruppe und ihre Anerkennung, jedes Denkverbot und sein Ende, jede neue Sehgewohnheit und jede Kündigung des gesellschaftlichen Konsens im Film statt – als kleine oder große Sensation. Das hat sich bis heute grundsätzlich nicht geändert. Nur ist es zu manchen Zeiten besonders deutlich. Zum Beispiel im November vergangenen Jahres, als das US-Magazin »Entertainment Weekly« titelte: „1999 – Das Jahr, das den Film veränderte“. Stellen Sie sich diesen Satz gebrüllt vor, vom Anheizer einer Boxerbude auf dem Jahrmarkt vielleicht, und Sie haben den Ton, in dem amerikanische Zeitungen kommunizieren müssen, damit überhaupt irgendwer zuhört. Doch die Übertreibung war in diesem Fall gering, das machten die auf dem Cover gelisteten Filme deutlich: alle aus dem letzten Jahr und jeder ein Ereignis.

Der Horrorfilm „The Blair Witch Project“: mit 30.000 Dollar Produktionskosten und über 140 Millionen Dollar Einnahmen der lukrativste Film aller Zeiten. Der Thriller „The Sixth Sense“: einer der erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte dank eines simplen Erzähltricks. Der Sciencefiction-Film „The Matrix“: ein Special-Effects-Erdbeben, das neue visuelle Maßstäbe setzte. Das Drama „American Beauty“: die Rückkehr des Problemfilms, aber nicht ins Kunstkino, sondern ins Multiplex und die Film-Charts. „Magnolia“: ein komplexes Opus, das im Februar bei der Berlinale den goldenen Bären gewann. Und „Being John Malkovich“, eine bizarre Kreuzung aus Surrealismus und Screwball-Comedy. Tatsächlich könnte jeder dieser Filme die Zukunft des Kinos darstellen. Aber zusammen? Die Zukünfte? Sehen Sie im Duden nach: Der Plural gilt als selten. Noch.

Bürokratie, Geldgier, Dummheit – so funktioniert Hollywood (nicht mehr).

Natürlich könnte man einwenden, Kunst lebe vom Unterschied, sowieso und schon immer. Aber hier geht es nicht um Kunst, sondern um Film. Und Industrie. Die aktuelle Erneuerung kommt nicht, wie früher, aus dem traditionell progressiven Independent-Kino (der Regisseur bettelt vor jedem Film drei Jahre um das Budget) oder gar Underground (der Regisseur arbeitet vor jedem Film drei Jahre als Aushilfsfahrer), sondern aus den Megastudios. Die Disney-Firma Buena Vista, 1999 mit 17 Prozent Marktanteil Jahressieger auf dem US-Kinomarkt, verdankte das unter anderem „The Sixth Sense“. Und Warner, zweiter mit 14,2 Prozent, landete mit „The Matrix“ den fünfterfolgreichsten Film auf dem US-Markt.

Aus den großen Studios kommen innovative Filme – das ist eine echte Revolution! Denn die Entertainment-Maschine Hollywood arbeitet seit langem bürokratisch, träge und unkreativ. Ein Beispiel? Das Schicksal des im letzten Jahr gelaufenen Thrillers „Payback“: Brian Helgeland, nach gefeierten Drehbüchern für „E.A. Confidential“ und „Fletchers Visionen“ als Genie bekannt, plant als Regie-Debüt einen billigen Thriller über einen harten Gangster. Superstar Mel Gibson, vom Projekt ehrlich begeistert, bietet sich als Hauptdarsteller an, besorgt Gelder und bläst den Film zur Millionenproduktion auf. Das Werk wird gedreht, hat exzellente Ergebnisse in Testvorführungen und gefällt allen Beteiligten. Bis Gibson den Film einem Freund, Joel Schumacher, zeigt. Der Regie-Veteran ist entsetzt: Der Gangster-Charakter zerstöre Gibsons sauberes Image. Der Star reagiert prompt: Er entzieht dem Regisseur den Film (das kann er, weil er auch der Produzent ist), lässt einen Ungenannten (man vermutet Schumacher) neues Material drehen (etwa ein Drittel der schließlich veröffentlichten Arbeit) und verwandelt den Thriller in eine Komödie. Das einzige Problem: Alle Beteiligten halten die erste Version von „Payback“ für gelungener, sogar die Resultate der Testvorführungen waren vorher angeblich besser. Schade, dass wir diese Fassung niemals sehen werden.

Wen wundert's, dass der erfolgreiche, künstlerisch aber stets unabhängig gebliebene Regisseur Tim Burton sagt: „Die Geschäftsleute in Hollywood haben keinen Respekt oder auch nur Interesse für Kreative. Ich glaube, sie hassen sie sogar.“ Das klingt übertriebener, als es ist. Es gibt endlose Geschichten über Dekadenz und Unfähigkeit in Hollywood, über Drogen, Arroganz, Dummheit, über Starlet-Couchen, Seilschaften, Intrigen, über brillante, aber dutzendfach abgelehnte Drehbücher („American Beauty“ war so ein Fall), gebrochene Verträge und verhunzte Filme. Und fast alle Geschichten sind wahr. Die Gründe dafür sind ein altes Ehepaar: Geld und Macht, mit allen bekannten Implikationen. Hinzu kommt, dass man in Hollywood, wie auch in fast jeder anderen kommerziell arbeitenden Branche, die vom Marketing beherrscht wird, davon überzeugt ist, dass der Kunde, in diesem Fall also der Zuschauer, dumm ist. Kein Wunder, dass man letztes Jahr auf eine besonders groteske Idee kam: Kinder sollten die Drehbücher vorab lesen – was die nicht verstehen, ist zu kompliziert und wird geändert. Stellen Sie es sich vor: Ein Zwölfjähriger aus Wisconsin bestimmt, was Sie im Kino sehen dürfen.

Aber das ist nicht die Zukunft, sondern ein letzter Rettungsversuch der Vergangenheit. Denn das System Hollywood funktioniert nicht mehr. Die Beweise sind erdrückend: Filme mit großem Budget floppen, während billiger Stoff Millionen macht, eingeführte Superstars verlieren ihre Anziehungskraft, während junge Unbekannte plötzlich jedermanns Darling sind.

Film hat etwas, was Politik und Gesellschaft fehlt – attraktive Alternativen.

Die Gründe dafür lassen sich als pure Phänomenologie in einem Satz zusammenfassen: Die Mitte, der Mainstream bricht weg. Eine Aussage, die man auch aus der Politik oder dem gesellschaftlichen Diskurs kennt. Und da wird es interessant. denn im Kino gibt es, im Gegensatz zu Politik und Gesellschaft, Alternativen: Wer Julia Roberts (Gerhard Schröder) ebenso wenig mag wie Tom Cruise (Volker Rühe), muss nicht zu Hause bleiben (Nichtwähler), sondern guckt einen Film mit Johnny Depp (tja...). Zeichnet sich im Film die pluralistische Gesellschaft ab?

Ein Indiz dafür wäre, dass das Personal des neuen Hollywoods ebenso unterschiedlich ist wie seine Filme. Da gibt es, am erfolgreichsten und auffälligsten: 1. die Videofraktion, zurzeit vor allem repräsentiert durch die Regisseure der US-Produktionsfirma Propaganda Films. Geschult an Musikclips und Werbespots, bringen Mittdreißiger die Technik und Ästhetik der Commercial- und MTV-Welt auf die Leinwand und feiern damit künstlerische wie kommerzielle Triumphe: Michael Bays Science-fiction „Armageddon“ war 1998 der erfolgreichste Film in den USA. David Finchers „Seven“ gilt bereits als Klassiker, sein „Fight Club“ war zumindest visuell beachtlich. Und Simon West hatte nach „Con Air“ mit „Die Tochter des Generals“ einen weiteren Hit (Platz 18 der US-Jahres-Charts 1999). Doch auch bei Propaganda-Absolventen sind Qualität und Kasse nicht immer Freunde: Spike Jonze, bekannt durch Beastie-Boys-Clips und Nike-Spots, erntete für seine bizarre Komödie „Being John Malkovich“, die weniger durch flotte Ästhetik als durch ein ausgefuchstes Drehbuch glänzte, hervorragende Kritiken, blieb aber kommerziell bescheiden (Platz 81). David Kelloggs dümmliche Klamotte „Inspector Gadget“ spielte dagegen, trotz etlicher Verrisse, fast das Fünffache ein (Platz 20).

Viele Gruppierungen – und keine Ordnung mehr

Weitere Fraktionen: 2. Die Independentfilmer: zum Beispiel Kevin Smith, der zur Finanzierung seines 27.000-Dollar-Debüts „Clerks“ seine Batman-Comics verkaufte (um sie nach dem Riesenerfolg wieder zurückzukaufen) und zuletzt für zehn Millionen Dollar die Komödie „Dogma“ drehte. Einen Film mit vielen Dialogen und wenig Action, der in kurzer Zeit das Dreifache seiner Kosten eingespielt hatte (Platz 65). Andere Kandidaten: die Blair-Witch-Macher.

3. Die Kids aus der Glotze: zum Beispiel Kevin Williamson, der als Autor für die TV-Serie „Dawson's Creek“ und Horror-Hits wie „Scream“ Erfolge feierte, mit seiner ambitionierten Teenie-Comedy „Tötet Mrs. Tingle“ allerdings scheiterte. Andere Kandidaten: fast alle Teenie-Filmer.

4. Die neuen Veteranen: zum Beispiel Steven Soderbergh, der elegant und erfolgreich zwischen Mainstream („Out Of Sight“) und Experiment („The Limey“) balanciert. Andere Kandidaten: Jim Jarmusch.

5. Die Ausländer: zum Beispiel Tom Tykwer, dessen „Lola rennt“ in den USA als Meilenstein des neuen Kinos gefeiert wurde, obwohl er nur in den Großstädten der Ost- und Westküste lief (dort aber sensationelle sieben Millionen Dollar einspielte). Andere Kandidaten: Wim Wenders, Thomas Vinterberg („Das Fest“).

Alles gleichzeitig, alles überall – und alles jetzt

Eines verbindet diese Herren (das hat sich übrigens nicht geändert, Hollywood ist immer noch eine Männerwelt) Kategorien übergreifend: Sie alle erfinden neue Bilder und Geschichten, Perspektiven und Erkenntnisse, spielen mit Seh- und Denkgewohnheiten und verändern unauffällig unser Bewusstsein: Sie machen Entertainment mit Nährwert, ein Gegenentwurf zum Fastfood-Kino des alten Hollywoods. Und sie machen das ganz bewusst, die neue psychedelische Revolution findet im Kino statt. Gleichzeitig ist aber auch jeder Einzelne von ihnen eine Subkategorie, geprägt von unzähligen Einflüssen: Theater, Comics, Videospiele, Literatur, Fernsehen, Musik – alles findet sich irgendwie, irgendwo, irgendwann als Verweis oder Zitat in ihren Filmen wieder. Finanziert in einem sich verändernden Markt: Jim Jarmusch etwa lässt seine Filme von europäischen Firmen produzieren, denn „dort respektiert man Künstler“. Und ist technologisch bestens versorgt: Die (Digital-) Technik macht für immer weniger Geld immer mehr möglich.

Unübersichtlich? Vielleicht ist das die Unüberschaubarkeit unserer neuen Welt: alles gleichzeitig, alles überall, alles jetzt. Und vielleicht spiegelt sich auch genau das in den Filmen wider: nicht die Zukünfte, sondern die Gegenwarten. Mal abgesehen davon, dass es von Gegenwart nicht mal einen seltenen Plural gibt. Noch nicht. Aber falls sich das ändert, erfahren Sie es bestimmt im Kino.__//