Cluetrain-Manifest

Im Mittelpunkt der Welt steht der Mensch. Wir alle. Gemeinsam. Das ist die einfache Wahrheit des Cluetrain-Manifests. Die Schlussfolgerung ist ebenfalls einfach: Wir können die Welt verändern. Denn die Welt gehört uns.




#__Vier Personen verfassen ein Manifest zur Neuen Wirtschaft. 95 Thesen, die oft so simpel sind, dass niemand sie auch nur aussprechen würde, ganz zu schweigen von aufschreiben. Zum Beispiel: „ Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden mit der menschlichen Stimme geführt.“ Oder: „Gegen Werbung sind wir immun.“ Oder: „Auf Misstrauen lassen sich keine Gespräche aufbauen.“ Das ist, als würde man sagen: Alle Menschen sind gleich. Oder; Geld ist nicht der Sinn des Lebens. Oder: Respekt gehört zu den Grundrechten, so wie Nahrung, Unterkunft und das Mitspracherecht in der Gemeinschaft. Aber das ist doch klar, das weiß doch jeder – wieso schreiben die das auf?

Sie tun es. Das Manifest erhält den Namen Cluetrain und wird ins Netz gestellt. Das Netz ist das Internet, von dem gern behauptet wird, es gehöre allen. Auch wenn das nicht stimmt, auch wenn Milliarden von Menschen hungern, keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, kein Dach über dem Kopf. Auch wenn drei Milliarden Menschen von durchschnittlich eineinhalb Dollar pro Tag leben und sie nicht fürs Chatten verbrauchen können. Aber immerhin: Das Internet gehört denen, die es nutzen, das ist besser als vieles. Die Nutzer sind die globalen Gewinner, intelligente, gut versorgte, gebildete Eliten der westlichen Welt. Sie zum Beispiel, die Sie gerade dies hier lesen. Und wir, die wir hier schreiben. Wir haben Cluetrain ebenfalls gelesen. Und reagiert. Wie viele andere auch. Warum bloß?

Es wurde eine Diskussion, sie wurde erst mal nur in der Heimat von Cluetrain geführt, im englischsprachigen Internet. Menschen sprachen miteinander, sprachen?, sie kommunizierten über das Internet. Sie formulierten ihre Gedanken zu Hause. Vielleicht ist das nicht unwichtig, vielleicht hilft es, wenn man keine Angst haben muss, dass jemand lacht, nur weil man die Wahrheit sagt. Oder, auch nicht besser, brüllt: „Was quatschst du denn da?“, sobald einer Worte sagt wie „ Vertrauen“, „Glaube“, „Offenheit“, sogar „Liebe“. So sagten es einige, andere antworteten, und bald war es mehr, als nur ein Gespräch unter Fremden. Es war eine Bewegung, die Bewegung einer Mehrheit. Liebe? In der Wirtschaft?

Im Internet wird nicht gebrüllt. Die Brüller sind woanders. Die sehen fern, sitzen in der Kneipe, wollen Recht haben und brüllen, diskutieren ist nicht, Internet auch nicht, dauert zu lange, ist zu kompliziert. Das Internet gehört denen, die es benutzen, und das sind die anderen, die, die nicht brüllen. Weil ihr nicht könnt, sagen die Brüller. Weil wir nicht wollen, denken die anderen und halten die Klappe, weil die Brüller lauter sind und in der Mehrzahl. Außer im Internet. Da treffen sich die anderen wieder. Und sind plötzlich die Mehrheit. Wieso nur im Internet?

Wir sind Menschen, die sich kennen, berühren, erinnern, vergessen, lieben.

Nicht anders in der wirklichen Welt. Die Neue Wirtschart besteht aus neuen Menschen. Das ist wahr, es gibt die neuen Menschen, dafür brauchen wir keine Expertise, keine Statistik, nicht einmal Philosophen. Das sehen wir, wir gehören dazu, unsere Freunde, unsere Kollegen. Und das ist gut. Wir brüllen nicht, sondern hören zu. Wir lernen, wir sind offen, wir versuchen andere Menschen zu verstehen, zu achten, sogar zu lieben, ohne die alten Fehler zu machen. Wir sind nicht perfekt, ach was, aber, hey!, wir versuchen es wenigstens. Und wir fühlen uns bei all dem nicht besser als irgendwer sonst, nicht einmal besser als die Brüller. Und weil wir Wesen aus Fleisch und Blut sind, mit einem echten Leben, eröffnen wir eigene Firmen, wo wir nach eigenen Regeln arbeiten, wann wir wollen, wie wir wollen und wenn wir wollen ohne Krawatte. Oder ohne Hose, na und? Und was wird aus den Brüllern?

Cluetrain hätte untergehen können. Aber es breitet sich aus.

Die alte Welt war keine Welt des Geldes. Geld kam später, ein Mittel zum Zweck, der Zweck war das Überleben, später auch der Genuss. Doch am Anfang war nicht das Geld, am Anfang war die Macht. Man musste nicht reich sein, um Brüller zu sein, man musste nur brüllen. Schon duckten sich die anderen, machten sich kleiner, gingen aus dem Weg, lächelten hilflos. Das ist das Prinzip. Der Brüller ist nichts ohne den Angebrüllten. Das nennt man Hierarchie. Im Internet gibt es keine Hierarchie. In der Neuen Wirtschaft gibt es manchmal Hierarchien, aber oft nur da, wo sie sinnvoll sind und dann meist frei gewählt. Das ist kein Terrain für den Brüller. Der hat Geheimnisse, Herrschaftswissen. Damit ist es aus in der Wissensgesellschaft. Der Brüller braucht Wettbewerb, die Jagd nach dem, was er schon hat. Damit ist es vorbei in der Welt der tausend Möglichkeiten. Der Brüller verliert, wenn er nicht jeden Tag siegt. Aber in komplexen Strukturen gibt es keine Sieger und Verlierer, nur noch komplexe Strukturen. Und die sind gut für alle. Oder nicht. Und jetzt?

Die Welt verändert sich. Cluetrain ist ein leises Angebot. Es ist ein Angebot von Menschen in der Wirtschaft für die Wirtschaft, weil man irgendwo anfangen muss, und die Wirtschaft ist einfacher als vieles sonst im wirklichen Leben. Es ist ein Angebot an die Brüller: Wir wollen mit euch reden. Und es ist eine Versicherung für die, die nicht brüllen wollen. Wir sind viele, vielleicht sogar die Mehrheit, lasst uns zusammen die Welt verändern. Cluetrain hätte untergehen können, ein Manifest unter Tausenden, eine Webseite unter Millionen. Aber Cluetrain breitet sich aus, hat Folgen und Fortsetzungen. Das sagt, mehr noch als seine Existenz: Es ist Zeit für diese Veränderung. Warum nicht auch hier?__//