Kinowelt Medien AG

Erst hat man einige Filme, dann einige Kinos, dann einige Fußballvereine, am Ende einen Fernsehsender. Das geht so ganz schnell. Zumindest, wenn man so konsequent ist wie die Kinowelt Medien AG.




#__Betrachtet man die Geschichte der Kinowelt Medien AG als Film, ist der Anfang nach einem soliden Drehbuch abgelaufen: Schritt für Schritt haben Michael und Rainer Kölmel 1984 die Kinowelt Filmverleih GmbH gegründet und erweitert. Zehn Jahre später bauten die Brüder eine eigene Filmtheaterkette sowie einen Videovertrieb auf, um ihre Produkte besser verwerten zu können. Und schließlich galt die Firma als erste Adresse im Filmkunst-Verleih – ein Happy-end, bei dem man es hätte belassen können. Doch die Gründer wollten mehr. Und wussten, dass man dafür nicht nur solide sein muss, sondern auch ein wenig unkonventionell.

Also machten sie fortan alles etwas anders: 1995, als der deutsche Film boomte, suchte das Münchner Unternehmen nach internationalen Partnern. Die fand es in Miramax und New Line, den wichtigsten US-Verleihern und -Produzenten für anspruchsvolle Unterhaltung, von denen es sich die deutschen Rechte an Kassenschlagern wie „Der Englische Patient“ oder „Scream“ sicherte. Aber das war nur der Anfang. Während die Kollegen von der Konkurrenz versuchten, etwas zu verdienen, indem sie die Rückzahlung ihrer staatlichen Subventionen verzögerten, planten die Kölmels die Umwandlung ihrer GmbH in eine Aktiengesellschaft. Nachdem der Umsatz von Kinowelt 1997 auf 119 Millionen Mark angewachsen war, ging sie 1998 an die Börse. Ziel für 1999: 350 Millionen Mark Umsatz zu erreichen und damit zum Überflieger der deutschen Filmwirtschaft zu werden.

Mittlerweile sind Michael und Rainer Kölmel Vorstände und Hauptaktionäre eines Unternehmens, das längst nicht mehr Schritt für Schritt voranschreitet, sondern wie bei einem Sternenmarsch aus verschiedenen Richtungen auf sein Ziel zumarschiert. Filmkunst-Verleih, Mainstream-Kino, Sportrechte, DVD-Rechte für Musikveröffentlichungen: In jeden Bereich des Film- und Lizenzgeschäftes wurden Einkäufer geschickt. Und immer kamen sie mit ein paar Leckerbissen zurück. Mit dem Filmverlag der Autoren und der Bioskop Film GmbH erwarb die Kinowelt fast das gesamte bundesdeutsche Filmkunstschaffen der siebziger Jahre; Dazu kamen einige Filetstückchen, die den Marktführer im Segment Filmkunst im Mainstream abrunden sollten: hier ein Time-Warner-Paket, da die Firma Jugendfilm mit ihrem Archiv von „Asterix“ bis Bernardo Bertolucci, ein echtes Kleinod, dazu eine Beteiligung an der Zeichentrickfilm-Produktionsgesellschaft Munich Animation.

Wenn die TV-Sender unsere Filme nicht wollen, machen wir selbst Fernsehen.

In nur zehn Jahren ist aus dem unabhängigen Kleinverleih ein kleiner Lizenzplanet geworden. Heute besitzt das Wunderkind der deutschen Filmbranche über 15.000 Teil-, Neben-, Urheber-, Remake-, DVD- und Airline-Rechte.

Aber wie das so ist im Kino, alle Helden haben eine verwundbare Stelle. Bei der Kinowelt ist es die Tatsache, dass sie fast 50 Prozent ihres Umsatzes mit dem Filmrechte-Verkauf an TV-Sender macht. Da können sich die Kölmels die Filmtitel, die strategischen Allianzen und die Einkäufe noch so oft schön reden. Ende 1999 hatte das Unternehmen plötzlich Probleme, Filme zu seinen Bedingungen ans Fernsehen zu verkaufen. Die Firma reagierte bemerkenswert souverän: „Wenn es gute Spielfilme im TV nicht mehr gibt, steigen wir eben selbst ins TV-Geschäft ein.“ An der Börse kamen die Pläne für den eigenen Sender allerdings nicht gut an. Der Aktienkurs sank um ein Drittel. Zu hohe Anlaufverluste, behaupteten die Analysten. Und Michael Kölmel, der bis dahin mit seinen unkonventionellen Methoden fast immer nur Erfolg gehabt hatte, blies plötzlich der Wind von vom gegen die Locken.

„Sie finden für Ihre Filme keine Abnehmer, Herr Kölmel. Ist das jetzt Ihre Flucht nach vorn?“ „Nein, das klingt ja so, als ständen wir unheimlich unter Druck. Ich würde es eher eine konsequente Weiterentwicklung nennen. Wir haben in unseren Vermarktungsstrategien immer auf neue, ungewöhnliche Maßnahmen gesetzt. Heute beim Fernsehen, so wie 1994, als wir unsere Arthaus-Filme auf VHS veröffentlichen wollten. Damals haben auch alle gesagt: Video ist Gewalt, Porno und Action. Filmkunst macht keinen Sinn. Es hat sich aber trotzdem sehr gut entwickelt. Und wenn wir jetzt anfangen, unsere Filme auf DVD auszuwerten, haben wir noch bessere Chancen, weil dieses Medium so schön handlich ist und nicht so, na wie sagt man da... ?“ „...prollig?“ ,Ja, genau. Wenn jemand früher Videos im Regal hatte statt Bücher, hieß es: Kann der nicht lesen? Unsere Erfahrung ist, dass man für seine Filme den richtigen Vertriebsweg finden muss. Und wenn den keiner bietet, machen wir ihn selbst.“ Die TV-Sender wünschen viel Spaß und die gesamte Branche erinnert mahnend an TM 3, wo selbst die teuer eingekaufte Champions League plus Spielfilme nicht ausreichen, um den Sender ins Laufen zu kriegen. Zudem weiß niemand, wieso Kinowelt glaubt, in nächster Zeit einen der heiß begehrten analogen Kabelplätze zu ergattern. Den freundlichen Herrn Kölmel scheint das aber nur wenig zu stören. So, als sei die Ankündigung eines eigenen TV-Senders weniger ein konkretes Vorhaben als eine kleine Warnung: Wir können auch anders... Realistisch ist sowieso eher, dass die Kölmelwelt auf einen digitalen Satellitenkanal spekuliert. Der wäre billig (für etwa 600.000 Mark) aufzuziehen und gewinnbringend zu betreiben – der Schweizer TV-Sender Star TV macht es seit zwei Jahren vor.

Außerdem rechnet Kölmel fest damit, dass die TV-Verkäufe bald wieder laufen werden. Das Fernsehen braucht Filme. Pro Sieben etwa erzielt mehr als die Hälfte seiner Werbeumsätze im Umfeld von Spielfilmen: „Sie können mal die Werbeinseln in einem guten Film durchzählen. Bei der Erstausstrahlung von„Independance Day“ kommen Sie nach Preisliste auf zwölf Millionen Mark. Wenn Sie alle Rabatte abziehen, bleiben immer noch sieben Millionen übrig. Wir haben Filme wie „Outbreak“ oder „Matrix“, die da durchaus mithalten können.“ Mittelfristig will man den Marktanteil im Lizenzhandel mit Fernsehsendern auf zehn Prozent erhöhen. Da sind die Brüder durchaus optimistisch. „Es ist doch so“, erklärt der 52-jährige Rainer Kölmel, „die TV-Movies aus unserem Time-Warner-Paket kosten etwa 250.000 Dollar. Dafür können die Sender in Deutschland keinen Film machen.“ „Warum werden Sie die Filme dann nicht los?“ „Das ist eine politische Sache, das hat mit der Neuformierung der Sender zu tun. Es kann hundertmal heißen, dass Kirch und Bertelsmann scharfe Konkurrenten sind. In diesem Punkt haben sie gemeinsame Interessen.“ „Von außen sieht es so aus, als sollten Sie in die Knie gezwungen werden.“ „Aber das geht ja nicht nur uns so. Die TV-Sender wollen einfach die Preise für Filmlizenzen senken. Und das werden sie in bestimmten Fällen auch erreichen. Aber Kinowelt hat Prime-Time-Ware. Die brauchen sie.“ Zum Riesen reicht es noch nicht, zu einem großen Zwerg aber allemal.

Wer hier wen braucht, bleibt eine spannende Frage. Pro Sieben dementiert jedes Interesse an dem als zu teuer eingestuften Time-Warner-Paket von Kinowelt und macht sich erstaunlich wenig Sorgen darüber, dass die schönen Filme bei der Konkurrenz laufen könnten. „So ist das eben. Zu unserem Geschäft gehört es, dass wir uns schnell umorientieren und nach einem neuen Partner umsehen müssen“, erklärt Michael Kölmel lapidar. Schließlich hat man im Jahre zwei nach dem Börsengang noch andere Dinge zu tun.

Es gilt die Devise: größer werden, Strukturen besser nutzen. Die Ausweitung in die Bereiche Produktion und Koproduktion will auf den Weg gebracht werden, denn da kann man früh in Filme einsteigen und sich so die Rechte günstig und langfristig sichern. Um den Produktionsbereich zu professionalisieren, hat Kinowelt die Abteilung, die 1998 noch mit einem einzigen Mitarbeiter auskam, auf 74 Angestellte aufgestockt. Zudem hat die Firma den Autor und Produzenten Ulrich Limmer samt seiner Projekte eingekauft (siehe Randspalte). Gleichzeitig engagiert sie sich stärker für amerikanische Filme mit „europäischem Blickwinkel“. Die Vertriebs-Deals, die die Kinowelt mit New Line und Miramax verbinden, sollen vertieft werden.

„Zusätzlich wollen wir schon in diesem Jahr mit amerikanischen Studios wie Paramount koproduzieren, um uns die deutschen und europäischen Rechte an Produktionen zu sichern“, sagt Michael Kölmel. Wenn den Anlegern und Analysten bei solchen Plänen schwindelig wird, muss man eben noch mal erklären,„dass es nicht um Schrauben geht, sondern um Filme“. Ein komplexes geschäftliches Gefüge aus Monopolen, Abhängigkeiten, Launen und Moden.

Internet, TV, die Kooperation zwischen Telekom und Kirch, der Tanz um den Decoder für digitale TV-Programme, die Medienwelt bewegt sich heftig, und Kinowelt ist dabei. In den verschachtelten Aktivitäten kann es allerdings leicht passieren, dass die Beobachter Kölmels„durchdachtes Unternehmenskonzept“ aus den Augen verlieren. Immerhin bewegt sich sein Unternehmen auf einem Terrain, wo Kolosse wie Bertelsmann, Time Warner, Rupert Murdoch oder die Kirch-Gruppe kämpfen. Da kann Kinowelt schwerlich mithalten, muss also schlauer und beweglicher sein als die anderen. Die Situation verlangt einfache, unkonventionelle Lösungen. Wenn das Lizenzgeschäft mit den TV-Sendern schwierig wird, macht Kinowelt eben selbst Fernsehen. Und wenn sich die Firma mit Lizenzen auskennt, verwertet sie das eben auch als Sportwelt Beteiligungs GmbH.

„Wieso steigen Sie ins Sportrechte-Geschäft ein, Herr Kölmel? Da kennen Sie sich doch gar nicht aus.“ Fußball ist überschaubarer als Schule und braucht auch weniger Werbung.

„Das sehe ich anders: Beim Film haben Sie alle möglichen Verwertungsrechte: Kino, Pay-TV, DVD und so weiter. Beim Fußball haben Sie die Live-Übertragung, Ausschnitte und eine Mannschaft. Da hat es jede Grundschullehrerin schwerer, die 30 Siebenjährige bei Laune halten muss.“ „Sie halten Sportrechte für überschaubar?“ „In jedem Fall ist ein Fußballspiel noch weniger substituierbar als ein Film. Wenn „Jurassic Park“ bei Pro Sieben läuft, müssen Sie drei Wochen vorher anfangen zu werben. Doch die Leute, die ein Fußballspiel sehen wollen, wissen, dass es kommt. Sie brauchen keine Werbung. Moldawien gegen Deutschland, heute, 20 Uhr. Das reicht.“ Bereits 1999 hat sich Kinowelt die Vermarktungsrechte für unterklassige Fußballvereine gesichert – nach deren Aufstieg in die Bundesliga will man an Merchandising und Werbeeinnahmen mitverdienen. Anfang 2000 hat das Unternehmen dann bei den Übertragungsrechten des DFB mitgeboten. Man kann sich vielleicht über die Geschwindigkeit wundern, mit der Kinowelt expandiert – die unerschrockenen Methoden sind allemal respekteinflößend. Um sich als deutsches Medienimperium jenseits von Kirch oder Bertelsmann zu positionieren, bleibt Kinowelt gar nichts anderes übrig, als immer da aufzutauchen, wo sie niemand vermutet. Klein, schnell und wendig, mit diesem Modell setzten sich schon die Säugetiere erfolgreich gegen die Dinosaurier durch.

So geht Synergie: Die Fußballspieler tragen die T-Shirts der Kinohits.

Natürlich gibt es keine Erfolgsgarantie. Doch selbst wenn etwas nicht klappen sollte auf dem Planeten Kinowelt, dürfte irgendwem schon etwas einfallen. So wie letztes Jahr, als die gerade eingekauften Fußballvereine Werbe-T-Shirts für den Film „Blair Witch Project“ trugen. Synergie-Effekte – man muss nur darauf kommen. Oder im Kinobereich: Zurzeit bespielt Kinowelt 36 eigene Leinwände, doch auch hier will man expandieren – vielleicht mit der Cinemaxx AG? Das Ziel ist klar; Das Unternehmen soll ein moderner, unabhängiger Lizenzvermarkter mit einer lückenlosen Verwertungskette für alle Rechte werden.

Angst vor Experimenten haben die Kölmels nicht – außer wenn es um die Finanzlage der Firma geht. In dieser Beziehung ist Michael Kölmel ein Fundamentalist. Er würde nie Firmen übernehmen, nur um den Aktienkurs zu heben. „Man muss den Wert der Firma steigern. Dann ist es Aufgabe der Unternehmenskommunikation dafür zu sorgen, dass sich das im Aktienkurs niederschlägt.“ Da spricht der Diplom-Mathematiker, der promovierte Volkswirt und jemand, der sich im Kinogeschäft auskennt. Jetzt geht es darum, dass ihm viele Anleger auf dem Weg zum Medienimperium folgen. Und das ist vielleicht das Unkonventionellste in dieser Firma, die in einem irrationalen Markt voller eiserner Kartelle operiert: dass sie sich darauf verlässt, dass das klappen wird, weil der Verstand siegt.__//

Kontakt:
Kinowelt Medien AG
Schwere-Reiter-Str. 35
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