Das neue Digital-HandWerk.

Digital (lat. digitalis = Finger): 1. In der Medizin: mit dem Finger. 2. Im Kino: die Zukunft. 3. Im Film-Business: Das Werk. 4. Im Ernst: Leider fehlen noch neue Inhalte.




#__Der Fortschritt ist ein Turmspringer, von dem man weiß, dass er eines Tages Großes vollbringen wird, auch wenn er beim ersten Talenttest im städtischen Hallenbad auf dem Zehnmeterbrett ausrutscht, in ungelenken Pirouetten hinabpurzelt und ins Wasser klatscht wie eine Ladung Matsch, worüber man insgeheim auch noch erleichtert ist – wenigstens ist er nicht auf dem Beckenrand aufgeschlagen.

Zum Beispiel im Februar in Berlin. Die Veranstaltung schreit unüberhörbar „Innovation“: Auf dem neuen Potsdamer Platz, im neuen Sony Center, auf der immer noch mal neuen Berlinale, zeigt Sony auf einem neuen Digital-Projektor die ersten Tests mit einer neuen Digitalkamera. Wie aufregend, Journalisten und Filmschaffende teilen sich die historische Stunde. Dann geht das Licht aus, die ersten Bilder, ein Mädchen in einem Zimmer, ja und dann, unglaublich, es ist ... Köln! Wahnsinn. Nein, leider ohne Ton, weil es doch die ersten Experimente sind – durchgeführt von Wim Wenders übrigens, aber, mal ehrlich, das sieht man nicht -, der Kölner Dom am frühen Abend, ohne Ton, das ist, nun ja, irgendwie recht bodenständig.

Später wird alles besser: Die Bilder, anfangs in 35 Millimeter projiziert, sind digital tatsächlich zehnmal schärfer als alles, was irgendwer jemals auf einer Leinwand gesehen hat. Und als dann noch der neue Videoclip von U2 läuft, von Wim Wenders als ein Mix aus analogem und digitalem Film produziert, merken auch die Zweifler, dass hier in der Tat eine Technik mit Zukunft am Horizont erscheint. Für alle, die es trotzdem nicht glauben wollen, lobt in der folgenden Diskussion Star-Kameramann Michael Ballhaus Bilder und Kamera, auch Wim Wenders ist komplett begeistert, und so wundert es nicht, dass am Schluss ein aus London eingeflogener Sony-Angestellter strahlt, als dürfte er dieses Jahr ausnahmsweise zweimal Geburtstag feiern.

Wim Wenders freut sich schon lange über die technische Weiterentwicklung. Mit gutem Grund: „Man kann digital dasselbe machen wie mit herkömmlichem Film, hat aber mehr Möglichkeiten. Früher gab es das Vorurteil, digital sei nur gut für Werbung und Spezialeffekte, so, als sei das in der Technik angelegt. Heute ist klar, dass die digitale Arbeitsweise das fotomechanische Verfahren ablösen wird. Dabei wird sie das Medium auch demokratischer machen, denn viele Effekte, die früher sehr teuer waren, kann man heute günstig am Computer erstellen.“ Folgerichtig wird der Regisseur im Sommer seinen nächsten Film „In Amerika“ digital drehen. „Das war eine einfache Entscheidung. Weil ich einen bestimmten Erzähltrick benutze, muss hinterher der gesamte Film bearbeitet werden. Da ist es günstiger, von vornherein digitale Kameras zu verwenden.“ Wenders ist privilegiert: Er hat schon reichlich Erfahrung mit der neuen Technik gesammelt und weiß, wovon er spricht. Seine einzige Irritation: „Als wir das U2-Video drehten, hatten wir einen hochauflösenden Monitor, auf dem wir sahen, was wir gerade filmten. Das Bild war so scharf, dass man es nicht ertrug. Wir mussten eine künstliche Unschärfe erzeugen, um es unseren Sehgewohnheiten anzupassen.“ Schnäppchenpreise sind gut, fröhliche und kreative Mitarbeiter sind besser.

Kameras, die mehr sehen als das menschliche Auge – wozu das wohl gut ist? Von diesem Einwand abgesehen, ist es schwer, Argumente gegen die neue Technik zu finden: Erst einmal in digitaler Form vorliegend, können Filme nicht nur günstiger bearbeitet, sondern auch schneller und einfacher vertrieben werden. In die Kinos kommen sie nicht mehr auf schweren Filmrollen, sondern auf handlichen Kassetten, der Versand über Kabel oder Satellit ist bereits geplant: George Lucas wird es mit der nächsten Star-Wars-Folge, die ebenfalls digital gedreht wird, vormachen. Auch die Weitervermarktung ist einfacher. Ob als DVD, Video On Demand oder über das Internet: Überall ist das digitale Material im Vorteil.

Puristen, die, ähnlich wie Indianer angesichts der ersten Fotoapparate, beim Gedanken an digitale Datenträger um die Seele des Kinos bangen, dürfte Wim Wenders mit seinen letzten beiden Filmen zu denken geben. Nicht nur ist ein Viertel von „The Million Dollar Hotel“ digital bearbeitet worden, ohne dass es der zarten Liebesgeschichte geschadet hätte. Auch „Buena Vista Social Club“, von aller Welt als romantische Dokumentation über das Wahre, Schöne, Gute gefeiert, wurde digital gedreht – damals noch mit handelsüblichen Videokameras, die auch Geschäftsreisende für Dokumentationen über ihre Sekretärinnen benutzen. Also nichts mit Untergang der Gefühle im digitalen Ozean. Im Gegenteil.

„Es war ein Glück, dass ,Buena Vista Social Club' digital gedreht wurde“, meint auch Thomas Tannenberger. „So konnte man in allen Situationen die Kamera laufen lassen und hatte schließlich 100 Stunden erstklassige Aufnahmen als Ausgangsmaterial für den Film. Das wäre auf 35 Millimeter nie möglich gewesen, keiner hätte es bezahlen können.“ Der 33-Jährige muss das schon von Berufs wegen sagen, er ist Vorstand der Filmproduktionsfirma Das Werk. Das Unternehmen mit Niederlassungen in Frankfurt, Berlin, München, Hamburg und Ludwigsburg ist Marktführer im Bereich digitale Filmbearbeitung, und zwar in Kontinental-Europa. Damit sich das nicht ändert, lobt er die Digitaltechnik, als hätte 3 jemand eine zweite Realität erfunden. Tannenberger hat aber auch gute Argumente: „Die Technik wird immer besser und billiger. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Preis für die digitale Bearbeitung von einer Minute Film ungefähr halbiert.“ Schnäppchenpreise finden natürlich überall offene Ohren, aber günstig sind auch andere Firmen. Um sich von der Meute abzuheben, setzt man im Werk auf ein besonders rares Gut: Kreativität. So als könne man die züchten? Tannenberger lächelt: „Gib den Leuten Raum, Zeit und Verantwortung, dann werden sie dich nicht enttäuschen. Einfache Praktikanten wachsen über sich hinaus, wenn man ihnen eine Chance gibt. Und wer sich bewährt, wird eingestellt.“ Dazu passt, dass im Münchner Werk eine gehobene WG-Atmosphäre herrscht: Jedes Zimmer hat ein eigenes Design zwischen Alien- und Rammstein-Ästhetik, in der zentralen Bar sitzen junge Menschen, die aussehen, als würden sie ihr halbes Leben in Clubs verbringen – bei entsprechender Neigung könnten sie das auch, denn die Arbeitszeiten sind flexibel. Und von wegen Verantwortung: An einem Bildschirm bastelt ein junger Mann gerade an einer besonders schönen Einstellung für den neuen Film von Tom Tykwer („Lola rennt“). Fröhlich zeigt er das Ergebnis, die Lösung des Problems, erzählt er, habe er sich selbst ausgedacht. Von wegen Digital und Handwerkerstolz würden sich ausschließen: hier jedenfalls nicht. Klar, dass das motiviert.

Die Technik ist vorhanden, jetzt geht es um Ideen, die ebenso neu sind.

Die Methode ist offensichtlich erfolgreich: Mit vollen Auftragsbüchern blickt Das Werk zuversichtlich in die digitale Gegenwart. Nach „Million Dollar Hotel“ und dem neuen Otto-Film werkt man gerade an der Leslie-Nielsen-Komödie „2001 – A Space Travesty“ oder eben dem Tom-Tykwer-Film „Der Krieger und die Kaiserin“. Ganz zu schweigen von den unzähligen Werbespots, die seit der Unternehmensgründung 1991 ohne Pause durchs Haus gehen. Doch all das soll nur ein Vorspiel gewesen sein, denn zurzeit ist der Hightech-Dienstleister dabei, sich in einen modernen Film-Multi zu verwandeln. Im Mai 1999 wurde Road Movies, die Filmproduktionsfirma von Wim Wenders und Ulrich Felsberg, in das Unternehmen integriert, im August ging es an die Börse, und nun, mit neuem Kapital ausgestattet, begegnet man dem Universum wie von der Brücke des Traumschiffs Enterprise.

Dabei stellt sich das Unternehmen vergleichsweise klug an – anstatt auf mehr Hightech zu setzen, arbeitet man lieber gegen den Trend: Gesucht werden vor allem Talente, die Ideen haben und Drehbücher entwickeln können. „Es ist furchtbar, niemand kann gute Dialoge schreiben“ , formuliert Tannenberger ein Problem, das den deutschen Film seit Jahren mit der Geduld tropischen Ungeziefers verfolgt. Trotzdem soll in diesem Jahr ein Dutzend Filme entstehen, bevorzugt von Nachwuchsregisseuren, und zwar aus ganz Europa. Auch das nicht dumm: Während sich die Branche zu Füßen von Bernd Eichinger und Roland Emmerich zusammenrollt, weil die es in Hollywood geschafft haben, konzentriert man sich beim Werk auf den Markt vor der Haustür. Mit mehreren über Europa verstreuten Partnern für die Filmbearbeitung sowie Rechtehandel vom Skagerrak bis zum Bosporus lässt sich auch ohne Interkontinentalreisen Geld verdienen. Wozu soll man sich da auf dem vollen US-Markt herumdrängeln? Und mal ehrlich: Gegen Giganten wie Lucas' Star-Wars-Imperium kann das Unternehmen bei aller Einsatzfreude nicht anstinken.

Zumindest nicht in technischer Hinsicht. Um Ideen ist es dagegen in den USA eher dürftig bestellt – und ohne die läuft auch in der digitalen Zukunft des Films überhaupt nichts. Gut gelaunte Mitarbeiter sind ein nicht zu verachtender Standortvorteil, doch schwerer noch wiegt die Verbindung mit Wim Wenders und seinen Kollegen: Bringt man intelligente, kritische Künstler, wie etwa auch Road-Movie-Filmer Ken Loach, mit modernster Technik zusammen, bekommt man mit etwas Glück technisch und inhaltlich hochwertige Unterhaltung – also genau das, was gerade im Kino am gefragtesten ist. Abgesehen davon war die Verschmelzung von Intellekt und Technik früher mal eine Grundanforderung an eine utopische Gesellschaft. Heute wird diese Allianz also Wirklichkeit... Wenn das nicht der erste Schritt ins Paradies ist, hat es wenigstens dafür gesorgt, dass nach den Monstern nun die Liebe ebenfalls einen Platz in der digitalen Welt hat. Das ist doch auch schön.__//

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