Betriebskultur

Für die einen sind sie Rambos, für die anderen gut gelaunte Helden. Über kaum jemanden gibt es so viele Mythen und Vorurteile wie über einen amerikanischen Chef.




#__Es kann immer und überall passieren, Eines Morgens, auf dem Weg zum Schreibtisch steht er da, der neue Vorgesetzte, und sagt nicht etwa "Guten Morgen", sondern einfach: 1 "Hi. I'm Jack." Der Amerikaner ist da.

Und prompt fallen einem die dümmsten Vorurteile ein. Der Ami, der stets freundlich, redselig, im Grunde aber oberflächlich ist. Der zwar der Chef ist, aber sich jovial von seinen Mitarbeitern beim Vornamen rufen lässt. Der zuerst schießt und dann fragt - also feuert und es dann nicht so gemeint haben will. Der alles besser und schneller kann als wir, aber eben nicht so perfekt - und den das gar nicht stört.

In Zeiten des Übernahmefiebers, der unbegrenzten Dot-com-Möglichkeiten ist solch eine Morgenbegegnung gar nicht so abwegig. Sicher, wir sind auch schon mal in New York gewesen, in San Francisco, hören amerikanische Musik und essen auch mal bei McDonald's, wir tragen amerikanische Jeans und surfen auf amerikanischen Webseiten. Alles schön und gut: Doch was, wenn das, wovon so viele träumen - in den USA zu arbeiten -, in Deutschland Wirklichkeit wird? Was, wenn plötzlich stimmt: Mein Chef ist ein Amerikaner.

Was in der vermeintlichen Weltgesellschaft so nah zu sein scheint, ist in Wirklichkeit immer noch durch viele Missverständnisse und Gerüchte voneinander getrennt - vor allem aber auch durch tatsächliche Kulturunterschiede im Job, die man kennen muss, wenn der Chef ein Ami wird. Auch wenn viele den Amerikanern zugeschriebene Eigenschaften bloß Stereotype sind, wie etwa der vermeintlich gnadenlose Konkurrenzkampf auch der Mitarbeiter untereinander.

Zwei, die es wissen müssen, sind Karsten Weide und Gerry Haag. Der gebürtige Hannoveraner Weide hat das Internet-Portal Yahoo-Deutschland mit aufgebaut und zeichnete für die gesamte Produktion von Yahoo-Europa verantwortlich. Yahoo ist ein uramerikanisches Unternehmen, das Parade-Start-up des frühen Internetzeitalters aus dem Herzen des Silicon Valley. Heute leitet Weide das Internet-Unternehmen Sfreport.com in San Francisco. Der promovierte Biomechaniker Gerry Haag kommt aus Kiel und hat acht Jahre lang für E-Commerce-Unternehmen an der Westküste als Marketing- und Salesdirector gearbeitet. Seit Juli vergangenen Jahres ist Haag General Manager der Online-Buchhandlung Amazon.de in München. Dort ist er unter anderem für Online-Auktionen und die virtuellen Gemischtwarenhandlungen Z-Shops zuständig.

Etwas anderes als einen Amerikaner als Chef kann sich Gerry Haag nach all den Jahren kaum vorstellen: " Für mich ist es inzwischen schwieriger, für ein deutsches anstatt für ein amerikanisches Unternehmen zu arbeiten. Vor allem, weil wir eine Internet-Company sind. Das Start-up-Feeling, dieser let's-do-it-spirit', das möchte ich nicht mehr missen", gesteht Haag. Auch Karsten Weide mag die amerikanische Betriebskultur: " Das Positive an den Amerikanern ist, dass sie pragmatisch sind, die Hemdsärmel hochkrempeln und sofort nach einer Lösung suchen. Sie haben - ganz anders als in Europa und Deutschland - nicht den Ballast einer uralten Geschichte zu tragen. Daher haben sie auch kein Problem, etwas, das vielleicht "immer schon so" gemacht wurde, neu zu erfinden, wenn sie glauben, dass es nötig ist." 2 Wie tolerant sind Amerikaner wirklich?

Freiheit der Ideen und auch das Recht, mit Neuem zu scheitern. Das klingt nach guten Ausgangspositionen. "Man hat in einem amerikanischen Unternehmen, zumal in der Internet-Branche, die Freiheit, Fehler zu machen, ohne gleich bestraft zu werden", erzählt Haag.

Doch was auch zur amerikanischen Kultur gehört: Ein Fehler ist kein Fehler, der zweite kann schon im Out enden. Wildes Drauflosexperimentieren ist auch bei amerikanischen Bossen nicht gefragt. Hinter jedem Versuch muss harte Arbeit stecken. Fehler, die das Resultat von Laxheit sind, akzeptieren Amerikaner ebenso wenig wie Deutsche. Amerikanische Bosse sagen öfter "Let's do it" als deutsche, aber dieses "Ja, mach es" bedeutet immer auch: Die Verantwortung für das Resultat liegt bei dem, der es macht. Und nur dort. Während deutsche Mitarbeiter sich mit dem Okay für ein Projekt vom Chef zugleich auch den Persilschein dafür abholen, im Falle eines Crashs einfach als Befehlsempfänger gehandelt zu haben, erwarten US-Bosse, dass verantwortliche Mitarbeiter die Konsequenzen ziehen. "In den USA zählt nur der Sieger. Der Zweite, auch wenn er nur um Bruchteile langsamer war, gilt in dieser kompetitiven Kultur nichts", meint Karsten Weide.

3 Hire and Fire Anheuern und Feuern, ist so was wirklich eine Spezialität von US-Managern? Amazon-Manager Gerry Haag bringt Licht ins Dunkel: "Wir geben sehr viel Energie in den Anstellungsprozess. Bei uns gibt es, bevor wir uns für einen neuen Mitarbeiter entscheiden, mindestens sechs bis sieben Interviews. 50 Prozent des Anstellungsgrundes sind Können und Know-how, aber genauso wichtig ist es uns, dass der Bewerber " cultural fit" ist, in das Unternehmen, in das Team passt. Wer auf Egotrip ist, bloß schnelle Karriere machen oder sich auf Kosten anderer profilieren will, braucht gar nicht erst anzutanzen. Wer aber dieses " down-to-earth"-Funkeln in den Augen hat und auch über soziale Kompetenz verfügt, der ist genau richtig in einem US-Unternehmen." Dazu kommt, dass US-Manager in Deutschland der strengeren Kündigungsgesetze wegen ihre Mitarbeiter noch genauer ansehen als in Amerika. Amerikaner als Chefs feuern also nicht schneller als deutsche Bosse. Sie lassen mögliche Kandidaten für den Rauswurf erst gar nicht rein. Ein Recht auf lebenslange Anstellung ist das nicht - doch das gilt längst auch für deutsche Unternehmen. Im Übrigen gilt für amerikanische Manager in Deutschland natürlich auch deutsches Arbeitsrecht, und die Gesetze ihres Gastlandes nehmen Amerikaner sehr ernst.

4 Verkauf dich Bescheidenheit ist eine Zier, der Ami lebt gern ohne ihr. Da ist ein Fünkchen Wahrheit dran. Die Grundregel für den erfolgreichen Umgang mit amerikanischen Chefs lautet: Verkauf dich, zeig, was du hast. Weide beschreibt das so: "Die Amerikaner sind viel perfekter, wenn es ums Marketing oder ums Verkaufen geht. Sie sind wirkliche Blender, sogar darin, außen etwas hui darzustellen, wenn es innen echt pfui ist." Und das gilt auch umgekehrt. Wer es nicht versteht, seine Projekte professionell nach innen zu präsentieren, tut sich in einem Unternehmen mit amerikanischem Chef eindeutig schwerer als mit einem deutschen Boss. Allerdings: Nicht dick auftragen ist gefragt, sondern gesundes Selbstbewusstsein: Schwierig wird das für all jene, die still kreativ sind. Systemerhalter sind nicht gefragt.

Wichtiger als penibles Tüfteln ist dabei das Tempo, in dem der Mitarbeiter seine neuen Ideen oder auch nur den Status seiner Arbeit vorlegen kann. Dann darf auch mal etwas stärker betont werden, als es hiesige Bosse vertragen würden: "Es gibt eine Tendenz dazu, die ganze Welt zu versprechen, auch wenn nur die Hälfte davon stimmt. Das kann zu dramatischen Qualitätsproblemen führen", weiß Gerry Haag. In den USA würde ein Kunde nichts anderes erwarten. Doch in Deutschland, dem Land der makellosen Qualitätsarbeit, kann so was schon mal zu Irritationen in den Teams und - noch schlimmer -beim Kunden führen. Etwa dann, wenn Mitarbeiter im Verkauf beim Kunden vor Ort die großspurigen Versprechen des Bosses zurechtbiegen müssen.

5 Tempo gegen Qualität Alles ist eine Frage des Tempos. "Die wichtigste Waffe ist Geschwindigkeit", sagt Haag, "die Amerikaner hassen lange Entscheidungswege." Das führt dazu, dass Produkte und Ideen auch mal im halbgaren Zustand auf den Kunden losgelassen werden, findet Karsten Weide: "Der Deutsche sagt: Dieses Produkt ist noch nicht reif für unseren Markt. Der Amerikaner sagt: Egal, bringen wir es erst mal raus, verbessern können wir es dann immer noch." Das hat bei weitem nicht nur Vorteile, wie Weide gelernt hat: "Was den Deutschen oft als schlechte Tugend angedichtet wird - Genauigkeit bis hin zur Pedanterie - ist in Sachen Produktqualität eine Tugend. Die Amerikaner sind überhaupt nicht fleißig, sondern eher schlampig. In den USA hingegen zählt eher der Pioniergeist. Die Mühen der Ebenen sind nicht so sehr ihre Sache." Eine Erfahrung, die auch Gerry Haag teilt: "Das ist sicher richtig. Aber man darf eben auch nicht vergessen, dass es in vielen Bereichen der neuen Branchen einfach wichtig ist, der Erste am Markt zu sein. Im Internet und im Telekom-Business gilt auf der ganzen Welt nur der Schnellere etwas." Fazit der beiden: sich nicht zu sehr antreiben lassen, auch unter einem auf Tempo bedachten Boss auf Qualität achten. Innovationen sollten nicht zu schnell, aber gewaltig - also amerikanisch - auf den Markt kommen.

6 Unternehmensorganisation und Hierarchie "Es gibt in US-Unternehmen weniger Hierarchie und Obrigkeitsdenken. Das gilt natürlich vor allem für Start-ups und Internet-Firmen. Das mag gut klingen, aber meist geht es chaotisch und bisweilen gefährlich anarchisch zu", kritisiert Karsten Weide die flachen Strukturen made in USA. Mit Folgen fürs Personal: "Jedenfalls ist der Einzelne viel stärker auf sich selbst zurückgeworfen, muss extrem konkurrenzfähig sein. In Zeiten der Umbrüche ist das ganz okay." Wer nun allerdings glaubt, für jeden sei alles erlaubt, der irrt. Gerade in Unternehmen, die die Start-up-Phase hinter sich haben, legen Amerikaner durchaus wert auf Titel. Und: Jeder hat einen ziemlich klar abgegrenzten Bereich, in dem er agiert. Das ist eine Art Lebensversicherung. Wer die Konsequenzen seines Handels ziemlich ungedämpft zu spüren bekommt, der will vermeidbare Risiken umgehen - also bleibt er besser auf seinem Terrain. Das muss jeder wissen, der für ein amerikanisches Unternehmen arbeitet: Initiative ist durchaus erwünscht, allerdings in seinem eigenen Bereich, für alles andere sucht man sich besser starke Verbündete.

7 Soziale Codes Bei "gesellschaftlichen Fragen", so hat Weide erfahren, "gibt es sicher Reibungspunkte." Nur ist das, was wir hier leichtfertig als amerikanischen Egoismus, zuweilen sogar als Sozialdarwinismus missverstehen, einfach auch Teil eines Systems, in dem die Eigenverantwortung nicht nur eine Worthülse, sondern fester Bestandteil des sozialen Lebens ist. Amerikaner haben Standpunkte und Meinungen. "Und niemand muss Angst haben, wem auch immer zu sagen, was er meint", sagt Haag. Wenn deutsche und amerikanische Mitarbeiter aber zusammenkommen, kann die neue Freiheit auch zu Irritationen führen: Deutsche missverstehen den raschen Richtungswechsel amerikanischer Kollegen oft als Sprunghaftigkeit. Dabei sind sie auf der Suche nach der richtigen Lösung. "Man muss eben hoffen, dass der Grad an Kreativität höher ist als das Chaos, das daraus entstehen kann. Das ist meistens auch der Fall", so Haags Diagnose. Eigentlich eine Binsenwahrheit, aber trotzdem: Amerikaner sind stärker als Deutsche an Lösungen interessiert. Ein brillanter Analytiker, der lückenlos nachweist, warum etwas nicht geht, hat kaum eine Chance auf Anerkennung. Gefragt sind Problem-Löser. Das gilt nicht nur für Produkte und Prozesse, sondern auch für den Umgang mit Kollegen. Klatsch und Tratsch gilt als absolutes No-no. Wer sich erwischen lässt, muss mit Unannehmlichkeiten rechnen.

Karsten Weides Erfahrungen mit Sozialkontakten: "Es geht in den USA sicher prüder und unlustiger zu als in Deutschland. Und nach der Arbeit gibt es kaum Feiern." Anderes weiß Haag zu berichten: "Wir sind alle sehr jung, natürlich gehen wir abends nach der Arbeit ein Bier trinken. Wir haben auch keinen Dress-Code. Jeder kann kommen, wie er will." Einstimmigkeit herrscht bei beiden darüber, dass Firmenfeiern selten sind; Das habe mit den geringeren Spesenbudgets der Amerikaner zu tun. Wenn der bunte Abend nicht von der Firma bezahlt wird, geht man auch seltener weg.

8 Be Positive In einer deutschen Durchschnittsfirma ist es verpönt, einen Kollegen oder gar den Chef privat und noch dazu abends nach acht oder am Wochenende anzurufen - in den USA ist es völlig normal. Da kann es schon vorkommen, dass der amerikanische Chef am Sonntagmorgen ein paar Fragen hat und am anderen Ende der Leitung ein genervter Angestellter ist, der sich um die wohlverdiente Wochenendruhe geprellt sieht.

Deutsche sind pünktlich, Amerikaner so ungefähr. Darunter leiden aber die amerikanischen Bosse in Deutschland stärker als ihre Mitarbeiter. Nimm's locker - im Rahmen der kulturellen Rahmenbedingungen, die ein amerikanischer Chef eben so mit sich bringt -, das ist ein Rat, den Karsten Weide und Gerry Haag einhellig geben können. Das müssen deutsche Mitarbeiter erst mal lernen: "Amerikaner nehmen sich nicht so schrecklich ernst. Sie wissen Bescheid um ihre Schwächen und lassen sich auch mal auf die Schippe nehmen", sagt Karsten Weide.

Doch da muss seine Mutter, die beim Gespräch anwesend ist, eingreifen: "Was redest du da, Junge? Das können wir doch auch."__// Andrea Müller und Alexander Thomas: Studienhalber in den USA - interkulturelles Orientierungstraining für deutsche Studenten, Schüler und Praktikanten.

Asanger, Heidelberg 1995; 148 Seiten; 32 Mark