Aufsichtsrat

Ein Aufsichtsrat ist zur Kontrolle eines Unternehmens da. Klar. Sonst noch was? Aber ja. Ein Aufsichtsrat kann Vermittler, Türöffner, Kronprinz sein. Auf die Auswahl der richtigen Kandidaten kommt es an.




#__Aufsichtsräte, also jene Menschen, die in einer Aktiengesellschaft über das Treiben des Vorstands achten, haben nicht das beste Image. Vielen gelten sie als Absahner, die fürs Nichtstun fürstliche Honorare abräumen und als Kontrolleure komplett versagen. Ein Bild, das durch die überbesetzten schwerfälligen Gremien bei den großen Publikumsgesellschaften entstanden ist und zu dem Beinahe-Pleiten wie weiland bei der Metallgesellschaft oder jüngst bei Holzmann kräftig beitragen.

Am Neuen Markt und in seinem Umfeld sieht die Aufsichtsratstätigkeit ein bisschen anders aus. Die kleinen, dynamischen Start-ups haben weder das Geld noch die Zeit, Frühstücksdirektoren zu beschäftigen. Die Anteilseigner suchen sich gezielt Aufsichtsräte, deren Engagement sich für das Unternehmen bezahlt macht. Dabei erwarten sie erheblich mehr als die gesetzliche Kontroll- und Überwachungsfunktion – und so werden bei der Auswahl eine Menge Kriterien berücksichtigt, die nach konservativer Lesart für einen Aufsichtsrat eigentlich gar keine Rolle spielen: welche Beziehungen der Kandidat mitbringt, ob er dem Unternehmen Publicity verschaffen kann, ob er bei Kapitalgebern Eindruck schindet, ob sein Know-how hilft, die Tücken des Alltags zu bewältigen.

„Die Rolle des Aufsichtsrates hat sich gewandelt“, bestätigt Kim Schindelhauer, Vorstandschef beim Maschinenbauer Aixtron und Aufsichtsrat beim Computerriesen Medion. „Am Neuen Markt ist er mehr Begleiter als Kontrolleur. Er ist ein Sparrings-Partner, der den Vorstand aufgrund eigener Erfahrungen berät. Und zwar nicht nur viermal im Jahr bei den obligatorischen Sitzungen.“ Für Schindelhauer steht es außer Frage, dass er den Medion-Machern stets als Ansprechpartner zur Verfügung steht -nicht nur bei strategischen Fragen. Er hat Medion, zu dessen Hauptkunden etwa Aldi gehört, beim Börsengang massiv unterstützt: Er hat dem Management beigebracht, wie die für börsennotierte Unternehmen so wichtige Investor Relations, die Pflege von Investoren und Analysten, funktioniert. Eine so enge Begleitung kann zeitweise fast in einen Full-Time-Job ausarten. Deshalb sind die häufigen Anfragen von Start-ups, die den Aixtron-Vorstand ebenfalls gern in ihrem Aufsichtsrat sähen, leider vergebens. Schindelhauer: „Ein Mandat reicht.“ Das erweiterte Aktionsfeld der Aufsichtsräte stößt nicht überall auf Wohlwollen. „Tägliche Telefonate zwischen Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden entsprechen nicht meinem Idealbild von einer Kontrollsituation“, sagt Wolfgang Hofmann, Senior Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pannell Kerr Forster GmbH. Das Problem: Je aktiver ein Aufsichtsrat, desto größer die Gefahr, dass er die Distanz zum Unternehmen verliert. Je stärker er in die Entscheidungsprozesse im laufenden Geschäft eingebunden ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er die Vorstandsbeschlüsse nicht in Frage stellen wird. Andererseits räumt auch Hofmann ein: „Ein Vorstand will ja die Expertise seiner Aufsichtsratsmitglieder nutzen, da ist eine enge Abstimmung schon sinnvoll.“ Das Spannungsfeld zwischen Mitwirkung und Distanz ist für Aufsichtsratsmitglieder auch deshalb ein wichtiges Thema, weil sie – auch wenn das praktisch selten passiert – bei einem Scheitern des Unternehmens in die Haftung genommen werden können. Kriterium ist die Verletzung der Überwachungspflichten – ein Begriff, der weit gefasst ist. „Wenn beispielsweise ein Aufsichtsrat den Vorstand zu einer Handlung veranlasst hat, die zum Zusammenbruch der Gesellschaft führt, kann er einem Aktionär auf Schadensersatz haften“, schreibt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dietrich Hoffmann in seinem Buch „Der Aufsichtsrat“. Max Burger-Calderon, Geschäftsführer der Venture-Capital-Gesellschaft Apax Partners in München und selbst in vier Aufsichtsräten vertreten, findet deshalb, dass die Mitarbeit in dem Kontrollgremium eine „undankbare Sache“ ist: „Wenn das Unternehmen gut läuft, ist es der Vorstand, der das Lob kassiert. Wenn es weniger gut läuft, steht auf einmal der Aufsichtsrat in der Verantwortung.“ Da hilft nur eins, meint Jörn Meyer, Finanzvorstand bei Edel Music und Aufsichtsrat bei der Hamburger EPM Media AG: sich das Unternehmen genau ansehen, schon bevor man das Mandat annimmt, die Risiken identifizieren und sie während der Aufsichtsratstätigkeit konstant in den Blick nehmen. Meyer: „Wenn Sie Auto fahren, halten Sie ja auch die Augen offen, um nicht gegen den Baum zu fahren.“ Am Ende lässt sich die Frage nach dem angemessenen Verhältnis zwischen Nähe und Distanz wohl nur individuell beantworten – ebenso wie die Frage, wie denn die Idealbesetzung eines Aufsichtsrates aussieht. Die von brand eins ausgewählten Praxisbeispiele auf den nächsten Seiten zeigen jedenfalls, dass die Unternehmen hier eine Menge Kreativität an den Tag legen – und recht unterschiedliche Ziele verfolgen.__//