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Konsum an Weihnachten

oh, my holy creditcard!

Wer glaubt, Weihnachten sei im 20. Jahrhundert mehr und mehr zum Konsumterror verkommen, sollte mal den Philosophen Libanius lesen.





• Seit Ende Oktober ist es wieder so weit: Harrods hat die Weihnachtsengel ausgepackt, an Kapstadts Waterfront ertönt „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und im KaDeWe verdoppelt sich die Laufgeschwindigkeit: Der Run auf die Geschenke hat begonnen.

Die Symbiose zwischen Kommerz und christlichem Ritual ist beeindruckend. Das Heilige Fest beschert dem Einzelhandel bis zu einem Drittel seiner Jahresumsätze. Und pünktlich zu den ersten Takten von Jingle Bells ertönt alljährlich die Klage: Weihnachten ist nicht mehr das, was es früher einmal war.

Während man in den guten alten Zeiten der Geburt Jesu vor der kirchlichen Krippe und im engen Kreis der Familie gedachte, verbringen wir heute den Großteil der Vorweihnachtszeit im Einkaufszentrum. Mit dem Vorwurf des Materialismus stehen wir allerdings nicht allein: Schon im vierten Jahrhundert wurde der hedonistische Konsum bei den heidnischen Vorläufern des Weihnachtsfestes, den römischen Saturnalien und Kalendarien, kritisiert. Zu den Kalendarien, so schrieb der Philosoph Libanius, „sprießen Tausende von Geschenken hervor, wie Blumen im Frühling“. Als ausschweifendes Gelage verdammt, wurde das Fest 1647 in England sogar verboten. Und seitdem Weihnachten nicht nur in Europa und in der Neuen Welt, sondern auch in großen Teilen Südostasiens, Chinas, des Pazifiks und der muslimischen Welt gefeiert wird, ist der Chor der Stimmen, die den kommerziellen Charakter des Festes beklagen, weltweit angeschwollen.

E inige Weihnachtsbräuche lassen sich tatsächlich auf Marketingstrategien zurückführen. Das amerikanische rotnasige Rentier „Rudolph“ wurde 1939 von einer Werbeagentur geschaffen. Und die Figur des dicken, gemütlichen Weihnachtsmanns mit roter Kutte entstand zwar schon 1823 durch ein Gedicht von Clement Clarke Moore – zum Bild aber, das jedes Kind kennt, ist der Weihnachtsmann maßgeblich durch die Coca-Cola-Werbung aus den Dreißigern und Fünfzigern geworden, in der der mit Geschenken beladene Santa Claus eine Coke genießt.

Doch auch wenn sich die Industrie des christlichen Festes höchst erfolgreich bemächtigt hat – das Verhältnis zwischen Weihnachten und Materialismus bleibt ambivalent. Denn die jährlichen Weihnachtseinkäufe und Geschenkzeremonien sind nicht nur Ausdruck kapitalistischer Finesse: Sie sind auch Rituale, durch die anonyme und massenproduzierte Waren in bleibende und individualisierte Geschenke verwandelt werden. Durch den zentralen Akt des Schenkens werden Waren „gezähmt“ und als Symbol des Sozialen und Familiären angenommen. Der Parker-Füller ist im Laden noch einer unter Tausenden, unter dem Weihnachtsbaum verliert er die Eigenschaften eines Massenproduktes und wird zum persönlichen Geschenk von Tante Annemarie an Vico.

Weihnachtsbäume sind nicht essbar? Das sehen die Japaner anders.

Wie Rituale aus einem Konsum- ein Gefühls-Ereignis machen, zeigt das Beispiel Japan, wo Weihnachten als Fest der romantischen Liebe gefeiert wird. Vor dem Tokioter Kaufhaus Mitsukoshi bilden sich in der Vorweihnachtszeit lange Schlangen von Menschen, die ein Schmuckstück von Tiffany's, ein Parfüm von Givenchy oder Mozartkugeln „made in Austria“ erwerben wollen.

Den Heiligen Abend verbringen junge Paare idealerweise in einem teuren Restaurant und genießen beispielsweise einen „Delikatessenbaum“. Für diesen wird ein weißer Daikon-Rettich mit Spargel, Hühnerstücken und Croissants bestückt – wer meint der Weihnachtsbaum sei nichts zum essen, versteht nichts von kultureller Kreativität. Nach dem Austausch eines exquisiten Geschenks zieht sich das Paar ins gemietete Hotelzimmer zurück.

Das idealtypische Weihnachtsgeschenk hierzulande ist selbst gemacht: In Marmeladen oder Basteleien ist der Schenkende präsent. Da die Mehrzahl der Geschenke jedoch im Laden und inzwischen übers Internet gekauft werden, geben wir uns große Mühe die massenproduzierten Gegenstände zu personalisieren. Wir entfernen das Preisschild und vermeiden Geldgeschenke, deren materialistischer Charakter nur schwer zu verbergen ist. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden Weihnachtsgeschenke immer eingepackt beziehungsweise, wenn sie zu groß sind, mit einer Schleife versehen. Das Geschenkpapier verdeckt, so der Anthropologe Claude Levi-Strauss, den Warencharakter und kehrt die persönliche Note der Gabe heraus. Der gleichen Logik folgend, müssen selbst gemachte Geschenke nicht eingepackt werden.

Weihnachten wird die Familie geschützt. Nicht immer mit Erfolg.

Bei der Aneignung der anonymen Warenwelt spielt die Familie in vielen Gesellschaften eine zentrale Rolle. Weihnachten wird meist im engen Familienkreis gefeiert und bestärkt häusliche Werte wie Zusammenhalt, Kontinuität und Geborgenheit. Die Gardinen werden gewaschen, das Haus geschmückt und die Plätzchen gebacken. Vieles wird getan, um die Familieneinheit zu diesem Zeitpunkt zu schützen.

So wurden in Großbritannien Fußballspiele, die einst wichtiger Bestandteil des Weihnachtstages waren und die Männer in die Pubs lockten, auf den zweiten Feiertag verlegt. Das übermächtige Ideal der harmonischen Familie bewirkt freilich oft das Gegenteil – in vielen Ländern schnellt die häusliche Gewaltrate zum Jahresende nach oben.

Nirgendwo wird der Geist von Weihnachten treffender beschrieben als in Charles Dickens' 1843 erschienenem Märchen „A Christmas Carol“. Der knauserige und vereinsamte Scrooge lernt durch Schenken, Nächstenliebe zu zeigen und menschliche Beziehungen aufzubauen. Dickens' Geschichte führte zu einem erstaunlichen Revival des Festes, das in den vorangegangenen Jahrzehnten nur gelegentlich gefeiert worden war. Bezeichnenderweise wurde Weihnachten just dann bedeutsam, als die Industrialisierung zu einer noch nie dagewesenen Warenvielfalt führte und das Sozialgefüge durch die neue Arbeitswelt akut bedroht wurde.

Bis heute ist Weihnachten der Versuch, diese Spannung zu überbrücken und anonyme Waren in soziale Werte zu verwandeln. ---