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Living Systems AG

Mitarbeiter, die richtig Gas geben

Wie die Living Systems AG in Villingen-Schwenningen ihre Angestellten einbezieht.



Als Kurt Kammerer und sein Partner Christian Dannegger 1996 das E-Commerce-Unternehmen Living Systems AG gründeten, war für beide von vornherein klar, dass sie die Mitarbeiter beteiligen wollten. Sie hatten selbst zehn Jahre in einer Firma ohne ein Beteiligungsmodell gearbeitet und fanden, dass es dort an Motivation und Gemeinschaftsgefühl mangelte. „Wer nur ein Gehalt bekommt, dem fehlt der unternehmerische Antrieb“, sagt Kammerer, heute Vorstand für Consulting. „Wir wollten Mitarbeiter, die richtig Gas geben, um die Firma voranzubringen.“

Das Modell: Die Mitarbeiter haben – wenn sie neun Monate bei Living Systems sind – das Recht, einmal im Jahr Aktien zu kaufen, die Obergrenze liegt bei einem halben Monatslohn. Weil Living Systems noch nicht an der Börse ist, wird der Preis auf Basis des Unternehmenswertes bestimmt, den Wirtschaftsprüfer jeweils zum Jahresende ermitteln. Der Beitrag des Unternehmens: Nach dem Prinzip „Two for one“ schenkt es dem Mitarbeiter zwölf Monate später die gleiche Anzahl Aktien. Es sind vinkulierte Namensaktien, die nicht untereinander handelbar sind. Das Unternehmen gibt aber eine Rückkaufgarantie auf Basis des jeweils aktuellen Unternehmenswertes.

Der Motor Mitarbeiterbeteiligung scheint bei Living Systems zu zünden – Kammerer jedenfalls zeigt sich hochzufrieden. Wichtig für ihn: Nach der Devise „Handeln statt warten“ entwickeln die Mitarbeiter von sich aus neue Ideen, wie sich das Unternehmen am Markt profilieren kann. Wie der Mitarbeiter, der zu Kammerer sagte: „Findest du nicht, wir müssten auch Lösungen fürs Handy entwickeln? Ich habe zu Hause schon mal über ein Konzept nachgedacht.“ „In unserer Branche kann ein guter Einfall eine hohe Wertschöpfung auslösen“, sagt Kammerer. Deshalb tun die Gründer alles, um diese Eigeninitiative zu unterstützen, die in manchen anderen Firmen als Alleingang abgestraft würde. Kammerer: „Wir kommunizieren die Botschaft: Ihr seht die Arbeit, also tut sie.“

Das Modell „Two for one“ macht Living Systems auch als Arbeitgeber attraktiv, zumal in den nächsten zwei Jahren der Börsengang ansteht und die Mitarbeiter auf satte Kursgewinne hoffen können. Trotz des leer gefegten Arbeitsmarktes für Softwarespezialisten gelang es dem Unternehmen, die Belegschaft in nur zehn Monaten auf 70 Mitarbeiter zu verdoppeln.

Die Gründer wollen, dass die Aktien bei ihren Mitarbeitern einen „signifikanten Vermögensbestandteil“ darstellen. Deshalb gaben sie Anfang 1998 in einer einmaligen Aktion weitere fünf Prozent des Kapitals in Mitarbeiterhand: Jeder Beschäftigte erhielt ein individuelles Angebot, zu einem günstigen Preis zusätzliche Aktien zu kaufen. Die Höhe des Angebots richtete sich nach Dauer der Firmenzugehörigkeit und nach Leistung. „Wer Führungsverantwortung trägt, muss sich eine Beurteilung der Mitarbeiter zutrauen“, findet Kammerer. Vor einer breiten Diskussion ihrer Kriterien scheuten die Gründer aber dann doch zurück, sie unterbreiteten die Offerten lieber in Einzelgesprächen. Sämtliche Mitarbeiter nahmen das Angebot an – wer gerade nicht flüssig war, konnte den Kaufpreis abstottern.

Neu für Kammerer und Dannegger, die zusam
men noch rund 90 Prozent des Stammkapitals
halten, ist die Erfahrung, Investor Relations nach 
innen zu pflegen. Auf den „Zwei-Monats-Mee
tings“, auf denen der Vorstand über die geschäftliche Entwicklung informiert, sprechen die Mit
arbeiter Themen an, die woanders tabu wären:
Warum sind wir noch nicht auf dem US-Markt?
 Wie liquide sind wir überhaupt? Fragen, deren 
ehrliche Beantwortung wohl nur möglich ist,
 wenn sich die Mitarbeiter als Mitunternehmer fühlen. Ein Interessengegensatz, wie er in traditionellen Unternehmen zwischen Führungsebene 
und Betriebsrat besteht, ist für Kammerer der 
Horror: „Interne Verteilungskämpfe können wir
 uns nicht leisten. Wir haben genug zu tun, die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.“  ---

Kurt Kammerer
Vorstand der Living Systems AG
Roggenbachstr. 1
78050 Villingen-Schwenningen
Telefon: 07721/9891-0
Fax: 07721/9891-91