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Deutscher Atomausstieg

Kritische Masse

Der deutsche Atomausstieg ist gut fürs Gewissen und schlecht für die Sicherheit. Wer die alte Atomkraft nicht mehr will, muss Vorurteile überwinden: etwa, dass es sichere Kernkraft einfach nicht gibt. Ein Gegenbeweis.



Rolf Linkohr ist ein guter Mensch. Der Abgeordnete der SPD im Europäischen Parlament vertritt Dinge, die die meisten Bürger für gut und richtig halten.

Als aktives Mitglied von Eurosolar, der Europäischen Sonnenenergievereinigung, fördert er aktiv die populärste alternative Energieform. 100.000 Dächer in Deutschland, 500.000 in ganz Europa will Linkohr mit seinen Freunden in den nächsten sechs Jahren mit Sonnenkollektoren eindecken. Wer die Umwelt liebt, dem sind auch Menschen nicht egal. Rolf Linkohr macht sich auch dafür stark, dass die Europäische Union mehr Geld in die Entwicklung neuer Methoden zur Auffindung von Landminen investiert.

Mit Tretminen und der Energiezukunft kennt sich Linkohr also aus.

Die Sachkenntnis in beidem ist zur Ausübung seines Hauptjobs unerlässlich: Der Sprecher der sozialdemokratischen Europa-Fraktion für Forschungs- und Energiefragen weiß, dass Deutschland ohne Atomkraft auf Sicht nicht auskommt. Er plädiert dafür, dass die Europäer die Kerntechnik weiter erforschen und an neuen Reaktorkonzepten mitarbeiten. „Wenn wir die Kernkraft nicht ersetzen können, dann sollten wir sie auch nicht tabuisieren“, sagt er.

Es gäbe Gründe genug, das Tabu zu knacken. Es gibt Reaktortypen, die Atommüll verbrennen können und damit auch gleich das Endlagerproblem lösen. Es gibt Reaktoren, die um Klassen sicherer sind als die heute arbeitenden. Und es gibt keine Chance, dass die Welt in den nächsten Jahrzehnten ohne Atomkraft auskommen könnte. Wer etwas anderes behauptet, lügt sich in die Tasche. Die Wahrheit ist ein Skandal. Seit zwei Jahrzehnten, in denen in den reichen OECD-Staaten Slogans wie „Atomkraft, nein danke“ zum festen Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation wurden, gelten Befürworter der Atomkraft als potenzielle Killer. Wer, wie Linkohr, nicht allein in den regenerativen Energien die Lösung der Zukunftsprobleme sieht, wird – längst nicht nur von der grünen Basis und Umweltorganisationen, sondern auch den eigenen Parteifreunden – als Agent der Atomlobby denunziert.

Nachdenken und Nachrechnen ist verboten. Was allein zählt, ist der Glaube. Und der ist stark, wenn er auch auf schwachen Argumenten fußt. Der grüne Katholizismus, der keinen Widerspruch duldet, verhält sich etwa so, als würde mit 30 Jahre alten Crashtest-Fotos das Auto als Todesfalle abgeurteilt – und nicht zur Kenntnis genommen, dass inzwischen Automatikgurt, ABS und Airbag erfunden wurden. Was als berechtigte Sorge, als redlicher Einwand gegen die Großmannssucht der Industrie der sechziger und siebziger Jahre begann, ist selbst zum kritiklosen Dogma verkommen.

Betroffenheit bringt nicht viel. Aber dafür kostet sie auch nichts.

Statt Handeln ist Zetern angesagt. „Das ist wie der Ablasshandel vor der Reformation, die den Sünder von der guten Tat befreite“, sagt Rolf Linkohr. „Zu den SPD-Parteitagen kommen die meisten Delegierten mit dem eigenen Auto, auch wenn der Bahnhof in der Nähe ist. Zur Entlastung des schlechten Gewissens werden dann allerdings lange Traktate beschlossen, wie man die Eisenbahn fördert.“

Im letzten Jahr stieg der Stromverbrauch in den EU-Ländern wieder um 2,1 Prozent. Mitte des nächsten Jahrhunderts wird doppelt, vielleicht sogar dreimal so viel an Kilowatts vonnöten sein, um die Gier nach Energie zu befriedigen.

Richtig, die Verbrauchswerte für elektrische Geräte sinken kontinuierlich. Das Problem ist nur: Wo früher in Haushalten nur ein Radio stand, gibt es heute außerdem Fernseher, Videorekorder, Sat-Anlage, Heimcomputer und unzählige andere Stromfresser. In Büros schlucken Computer statt Schreibmaschinen Energie. Kaum haben die Automobilentwickler einem Motor ein paar Tropfen weniger Verbrauch abgerungen, plustern sich biedere Kompaktfahrzeuge zum Großraum-Van auf, die Einsparung wird prompt verprasst.

Alles muss machbar sein, alles muss möglich sein – und das hat eben seinen Preis. Deshalb kann Rolf Linkohr das Wörtchen von der „Energiewende“, das seine rot-grünen Freunde in Berlin stets im Mund führen, nicht mehr hören: „Die Menschen sind alle für einen vernünftigen Umgang mit Energie. Doch dafür bezahlen wollen sie nicht. Den meisten genügen Bekenntnisse. Die sind billiger.“

Die 20 Reaktoren, die in der Bundesrepublik installiert sind, tragen mit gut 30 Prozent zur Stromerzeugung bei. Nach den Vorstellungen des grünen Bundesumweltministers Jürgen Trittin soll der Ausstieg lange vor dem Ende der praktischen Nutzungsdauer, die bei Kernkraftwerken heute rund 40 Jahre beträgt, erfolgen. Die Ausstiegspropaganda orientiert sich dabei an den falschen Versprechungen der Atomindustrie aus den fünfziger Jahren: So wie damals die Kernkraft als allein seligmachende Energieform gepriesen wurde, sind es heute die regenerativen Energien, die alle Probleme lösen sollen. Ihr Anteil soll kontinuierlich steigen, bis 2010 auf zehn Prozent des deutschen Energiebedarfs, bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts sollen sie bereits die Hälfte der benötigten Kilowatts zur Verfügung stellen.

Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse liefern den Deutschen heute gerade zwei Prozent am Energiebedarf. Mit weit mehr als 5.000 Windrädern ist Deutschland eine der führenden Nationen beim Ausbau dieser regenerativen Energie. Was die konsequente Forderung nach dem massiven Ausbau von Windkraftanlagen bedeutet, mag eine Berechnung der unverdächtigen Eurosolar belegen: Würde die Stromversorgung der Republik allein durch Windkraft erfolgen, müssten sich 125.000 Räder drehen, jedes davon auf 70 bis mehr als 100 Meter hohen Stahlbetonmasten.

Doch schon die Anlagen, die es heute gibt, sorgen für massiven Ärger mit Bürgern und Umweltschützern. Und Wasserstoffspeicher, die die von Wind und Sonne erzeugte Kraft wie Akkus bunkern und an denen der umweltbewusste Atomfreund Linkohr einst forschte, sind noch weit von einer Realisierung entfernt.

Der Ausstieg – oder wie aus einer denkenden Elite eine elitäre Denke wird.

Blieben Erdgas und Wasserkraft. Gaskraftwerke sind effizient und umweltfreundlich, arbeiten aber mit einer endlichen Ressource, die vorwiegend aus politisch labilen Krisenregionen bezogen werden muss. Der Ausbau der Wasserkraft scheitert in Europa seit Jahren regelmäßig an den Einwänden von Umweltbewegungen.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass der großen Mehrheit der Bevölkerung diese Widersprüche weit klarer sind als der Ökologie-Elite, die es aber trotzdem versteht, Massenmedien und Meinungsführer auf ihre Seite zu ziehen.

Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom September 1999 sind gerade 11,8 Prozent der Deutschen entschiedene Atomgegner. Am stärksten atombewegt ist die Generation, die mit Wackersdorf, Tschernobyl und Three Mile Island aufwuchs: Die 30- bis 44-Jährigen stellen mit 16 Prozent die größte Gruppe der Atomfeinde dar. Das ist nicht zu vernachlässigen. Aber demokratisch legitimiert, wie es stets heißt, ist der Atomausstieg dadurch noch lange nicht. Aus einer denkenden Elite, die zu Recht die Mängel der alten, allzu sorglos agierenden Atomindustrie der sechziger und siebziger Jahre beklagte, ist eine elitäre Denke geworden.

Kernkraft

Die enorme Kraft, die bei der Kernspaltung freigesetzt wird, entdeckten Otto Hahn und Lise Meitner im Jahr 1938. Vier Jahre später entsteht in Chicago CP-1, der erste Kernreaktor, gebaut von Enrico Permi. Heute sind rund 440 Kernreaktoren weltweit in Betrieb.

Tschernobyl 1986

Das Kernkraftwerk Tschernobyl steht für den ersten und bisher einzigen Größten Anzunehmenden Unfall (GAU) in der Geschichte der Kernkraft. Der RBMK wurde in der ehemaligen UdSSR seit 1948 vor allem auch als Brutreaktor für Plutonium zu Waffenzwecken eingesetzt. Westliche Druckwasserreaktoren verfügen anders als der RBMK über eine wesentlich bessere Sicherheitstechnik und vor allem über mehrfach ausgelegte Containments, Stahlbetonbehälter, die sich als Schutzzone rund um den Reaktorkern befinden.

Heuchelei im Westen – neueste Technik wird nicht angeboten.

Emmerich Seidelberger etwa, einer der angesehensten Kritiker von Ost-AKWs und Mitarbeiter des Wiener Instituts für Risikoforschung, erkennt im EPR einen Fortschritt. Das Institut für Risikoforschung gilt als erste Instanz bei der Beurteilung von Sicherheitsmaßnahmen bei Atomkraftwerken in Osteuropa. Seit Jahren belegen die Forscher westlichen Kerntechnik-Konzernen, dass ihnen die Sicherheit von Ost-AKWs weniger wert ist als jene im Westen.

Weil Seidelberger also die Welten, die zwischen entwickelter und fahrlässiger Kernkraft liegen, kennt, hält er die Totalverweigerung für einen falschen Weg: „Es ist unverantwortlich, alte Kerntechnologie weiter zu betreiben. Aber es ist nicht besser, so zu tun, als habe sich nichts entwickelt, als gäbe es nicht auch Verbesserungen“, sagt er. Der Experte plädiert dafür, Ländern, die auf Atomkraft nicht verzichten wollen, die bessere Technologie des EPR zur Verfügung zu stellen, anstatt veraltete Systeme mit westlicher Hilfe ins Laufen zu bringen.

Doch als die Regierung Russlands die deutsche und französische Regierung einlud, nicht den umstrittenen Umbau östlicher AKW-Technik zu finanzieren, sondern einen EPR zu spendieren, winkte der Westen ab. Kein umweltbewegter Politiker aus Deutschland und Frankreich fand die russische Bitte der Rede wert.

Schweigen ist Gold – das gilt nicht nur im Umgang mit den Fakten rund um neue Sicherheitskonzepte bei der Atomkraft, das gilt auch dann, wenn es um die längst überfällige Beseitigung von Altlasten geht. Das strahlendste Beispiel dafür ist der deutsche Atommüllberg, der sich mittlerweile auf 100.000 Kubikmeter aufgetürmt hat.

Noch in diesem Jahr, so berichtet Bernhard Kuczera vom Forschungszentrum Karlsruhe, wird der ungelösten Entsorgungsfrage wegen das westlich von Hamburg gelegene Atomkraftwerk Stade „verstopfen“. Der Techniker-Slang beschreibt einen Notstand: Jedes AKW verfügt über ein Lager, das etwas atomaren Müll aufnehmen kann, bis er zur Wiederaufbereitung oder zur Endlagerung gebracht werden kann. Das geht nur mit Castor-Behältern. Deren Transport ist aber von der Regierung ausgesetzt.

Die Folge: Stade muss, wie bald danach die AKWs Biblis B und Obrigheim, die ähnliche „Verstopfungsprobleme“ haben, aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden. Der Reaktor lagert dann über einer bis zum Rand gefüllten nuklearen Müll-halde. Szenen deutscher Ausstiegspolitik, von denen es künftig noch mehr geben wird.

Selbst wenn die Castoren wieder rollen, reichen die Kapazitäten der Zwischenlager bestenfalls bis zum Jahr 2010. Dann braucht man ein Endlager, das, so Jürgen Trittin, frühestens 2030 vorhanden sein wird. Wo, kann er nicht sagen. Die Anti-Atom-Propaganda der letzten zwei Jahrzehnte war einfach zu gut.

Atom-Endlager-Ignoranz: Noch nie gab es so viel atomaren Schrott wie heute.

Gorleben ist heute überall, niemand will den Schrott haben. So führt die Ausstiegspolitik der rot-grünen Koalition schnurstracks zu dem, wovor es den meisten Atombewegten graut: Noch nie gab es in Deutschland so viel nuklearen Abfall wie heute.

Beharrlich aber ignoriert die Regierung alternative Entsorgungsmöglichkeiten. Carlo Rubbia, Nobelpreisträger für Physik 1984 und ehemaliger Leiter des europäischen Teilchenforschungszentrums CERN in Genf schlägt vor, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Strahlende Kraftwerksreste – Brennstäbe und Plutonium – sollen in einem Atomkraftwerk verbrannt werden. Das „Rubbiatron“ ist eine Art Nuklear-Müllschlucker. Pro Tag kann der Reaktor etwa ein Kilogramm Plutonium verbrennen und es zu kurzlebigen Spaltprodukten verwandeln. Transmutation heißt der Prozess, bei dem die enormen Halbwertszeiten radioaktiver Stoffe radikal verkürzt werden. Statt mehrerer 100.000 Jahre strahlen die Reststoffe aus dem Rubbiatron nur noch 30 Jahre und auch das auf niedrigerem Niveau als herkömmliche Abfallprodukte aus AKWs. Bereits nach 500 Jahren, in den bisher gewohnten Dimensionen des Atommülls eine geringe Zeitspanne, würden die Endprodukte aus dem Rubbiatron nur mehr so viel Radioaktivität abgeben wie gewöhnlicher Kohlestaub.

Eine ausreichende Anzahl der „Energieverstärker“, wie Rubbia seine Maschine nennt, würden genügen, um die weltweit ungelöste Endlagerdebatte zu beenden. „Man könnte an einen neuen Anfang denken“, sagt Rolf Linkohr, einer der glühendsten Propagandisten des Rubbiatrons, „und wir müssten nicht mit dem schlechten Gewissen leben, dass wir unzählige Generationen nach uns mit unseren Problemen belasten.“

Dabei geht es nicht bloß um Gorleben & Co: Auch die rund 260 Tonnen Waffenplutonium, ein Erbe des Kalten Krieges, könnten mit der neuen Technologie entsorgt werden. Doch in der EU fördern nur Italien, Spanien und Frankreich Rubbias Entwicklungsunternehmen LAESA, das bis zum Jahr 2005 den ersten einsatzfähigen Atommüllschlucker in Spanien bauen will.

Bereit für einen besseren Neubeginn ist auch Alexander M. Bradshaw, Direktor des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Garching bei München. Der gebürtige Brite ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Kernfusion. Die hat mit riskanter Kernkraft im bekannten Sinne nichts gemein bis auf den Namen. Ein Fusionskraftwerk kann nicht „durchbrennen“, ein Fusions-Tschernobyl ist undenkbar. Müll und Strahlung liegen weit unter den Mengen, die bei Spaltreaktoren anfallen.

Bereits in den fünfziger Jahren meinten die Fusions-Fans, innerhalb weniger Jahre einen Fusionsreaktor bauen zu können: „Ein hoffnungsloser Optimismus“, sagt Bradshaw, „das hat der Forschung nicht gut getan“ – und dem Image bei Politik und Bevölkerung auch nicht. Das Problem liegt darin, die „Fusions-Schallmauer“ zu durchbrechen: mehr Energie aus den Systemen zu gewinnen, als man heute noch für das Aufheizen des Plasmarings braucht. Bis aus den heute verfügbaren Prototypen kommerziell sinnvolle Alternativen zu Kernspalt-Reaktoren oder Kohle-Kraftwerken werden, wird noch ein rundes halbes Jahrhundert vergehen. Das sind mehr als ein Dutzend Legislaturperioden. Im Klartext: politisch uninteressant.

Castor-Behälter

Stahlcontainer zum Transport radioaktiver Stoffe zur Wiederaufbereitung oder Endlagerung. Theoretisch bombensicher: Castoren widerstehen einem Aufprall aus neun Metern Höhe, sie sind bei Temperaturen von 800 Grad Celsius eine halbe Stunde feuerfest. Praktisch sind die Castoren in Verruf geraten, weil sich 1998 herausstellte, dass durch Pfusch bei ihrer Reinigung radioaktive Stoffe auf die Außenwand der Container geraten sind.

Lagerung

Zwischenlager wie Gorleben und Ahaus nehmen Brennelemente bis zu ihrer Entsorgung auf. Die Entsorgung kann durch Wiederaufbereitung Endlagerung oder durch Transmutations-Techniken wie den Rubbia-Reaktor erfolgen, der die Halbwertszeiten von Atomabfall dramatisch reduziert. Weltweit gibt es laut dem Nuclear Control Institute in Washington heute mehr als 1.600 Tonnen unentsorgtes, hochgiftiges Plutonium aus Waffensystemen und Kraftwerken.

Die Kernfusion steht vor dem Durchbruch – und kämpft ums Überleben.
Dabei fehlt der Technik nicht mehr viel zum Durchbruch. Um die Fortschritte der letzten Jahre nicht versanden zu lassen, um die Energiewende in der Fusion zu schaffen, haben Europäer, Russen, Amerikaner und Japaner ein Projekt namens ITER entworfen. Ein leistungsfähiger Fusionsreaktor mit einem Durchmesser von 40 Metern soll entstehen, der zeigt, was in der sanften Kernenergie steckt.

Die Pläne dafür sind fertig. Drei Milliarden Euro brauchen die Fusionsforscher, um ITER bauen zu können. Das ist bereits die Hälfte dessen, was die Forscher ursprünglich für den Fusionsreaktorbau gefordert haben, der bis 2010 gebaut werden soll.

Doch die westeuropäische Politik zaudert. Statt an der Entwicklung der besseren Alternative zu arbeiten, versickert das Zukunftsprojekt Fusion in der ängstlichen Bürokratie der EU-Verwaltung. Was die Kernkraft angeht, sagt Bradshaw, „muss die Öffentlichkeit bei uns eben auch ihre Probleme lösen“. Als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sagt er das in Vorträgen landauf, landab. Er trifft aber dort immer nur die, die ihm ohnedies zustimmen. Etwa dabei, „dass es einfach unverantwortlich ist, in der jetzigen Situation sichere Atomkraftwerke, wie sie in Deutschland vorhanden sind, abzuschalten“.

Nicht nur allein der mangelnden Alternativen wegen: „Die Deutschen gelten als besonders gute Techniker, sie haben eine Vorbildfunktion in vielen Ländern der Welt.“ Ginge es um Sicherheit müssten die Deutschen für jedes alte AKW, das sie abschalten, ein neues, modernes, sichereres ans Netz bringen. „Und es muss doch um Sicherheit gehen“, glaubt Bradshaw.

Er irrt.

Es geht beim Ausstieg um die Politik der Ge
fühle: „Die Atomdebatte“, weiß Rolf Linkohr seit 
langem, „ist keine Sicherheitsdebatte. Es geht um 
Psychologie.“  

Strahlendosis

Die Einheit für die radioaktive Belastung ist das Millisievertpro Jahr (mSv/Jahr). Die natürliche Strahlenbelastung ist von der kosmischen und der Erdstrahlung abhängig. In Hamburg beträgt sie 0,3 mSv (Erdstrahlen) plus 0,17 mSV (kosmische Strahlung), im Saarland etwa doppelt so viel – aufgrund der dort höheren terrestrischen Strahlung. Ein Langstreckenflug von Frankfurt/Main nach New York und zurück schlägt mit 0,1 mSv zu Buche, das entspricht der Belastung durch deutsche Kernkraftwerke pro Jahr und Kopf im Bundesdurchschnitt.

Kernfusion

Beim Verschmelzen zweier Kerne schweren Wasserstoffs (Deuterium) zu Helium entsteht eine Energie, die zehnmal größer ist als jene der Kernspaltung. Was auf der Sonne seit Jahrmilliarden und bei Wasserstoffbomben seit 1954 funktioniert, ist von der Nutzung als Energiequelle noch Jahrzehnte entfernt. Nach vielen Misserfolgen gelangen den Fusionsforschern in den letzten Jahren Durchbrüche beim Reaktordesign und bei der Entwicklung von Materialien, die Temperaturen von 100 Millionen Grad überstehen. Anfang der siebziger Jahre musste noch 25.000mal mehr Energie ins Starten des Fusionsprozesses gesteckt werden, als an elektrischer Energie gewonnen wurde. Heute erzeugt der britische Fusionsreaktor JET für je 100 eingesetzte Watt bereits 65 Watt Strom. Eine positive Bilanz ist also demnächst zu erwarten. Die deutschen Fusionszentren sind das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München (mit der Außenstelle Greifswald) und das Forschungszentrum Karlsruhe.