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Technik, die verbindet

Der Mensch im Informationszeitalter hat Freiheiten, aber soziale Defizite. Die Technik, die zur Vereinsamung rührte, soll die Menschen in klugen Büros wieder zueinander bringen.



Als Orwell noch aktuell war, so vor 20 Jährchen etwa, war die Welt noch einfach. Computer waren böse und Instrumente der Mächtigen. Wir lernten: Der Mensch kann sich nur in der Gemeinschaft entfalten. Dann kam 1984 und statt der Technodiktatur bekam jeder seinen eigenen PC und mehr als ein Jahrzehnt später seinen Internetanschluss. Das brachte ein gutes Stück Freiheit und mehr Selbstbestimmtheit.

Mehr als zwei Millionen Menschen gehen in Deutschland ihrem Broterwerb bereits in Form von Telearbeit nach. Festgelegte Arbeitszeiten an fixen Standorten weichen der Telearbeit, dem Desk-Sharing, dem Home- oder Mobile-Office. Die Anwesenheit im Büro wird immer weniger erforderlich. Jeder arbeitet, wo er will. Wären da nicht die sozialen Nebenwirkungen. Der Technonomade lebt fernab von Bürotratsch und Kollegen. Was wird aus den vielen Büros, die keiner mehr benutzt? Und was wird aus uns, die wir gewohnt sind, mit den Arbeitskollegen mehr Zeit zu verbringen als mit unseren Lebenspartnern und Kindern? Kann die Technologie den Verlust gewohnter Gemeinschaften erleichtem? Selbst wer im Büro bleibt, arbeitet immer stärker in einer Informationsinsel, isoliert von den Nachbarn. Großraumbüros helfen da wenig, stören höchstens bei der Arbeit.

Was tun? Die Lösung des Problems liegt ironischerweise in der Technologie. Sie dient als sozialer Vermittler, der die Distanz, die die Technik zweifelsohne erzeugt, wenigstens teilweise zu reduzieren vermag. Das gilt in festen Bürogemeinschaften ebenso wie bei virtuellen Teams, die entfernt voneinander an ihren Terminals arbeiten.

Wenn projektbezogene Arbeit in Teams die lebenslange feste Anstellung ablöst, dann müssen auch die Büros anders geplant und gestaltet werden als bisher. Bürogebäude der Zukunft werden in erster Linie Orte der Kommunikation und Teamkooperation sein, in denen Informationsverarbeitung die zentrale Rolle spielt – Kopfbahnhöfe der neuen Arbeitswelt sozusagen. Wer so was plant, muss alle Bereiche des Arbeitens und Lebens im Auge behalten. Ganzheitliche Projekte statt technischer Detaillösungen sind also gefragt.

Damit beschäftigen sich die Mitglieder des deutschen Forschungs- und Entwicklungskonsortiums Future Office Dynamics (FOD). Dem FOD geht es um die Gesamtkonzeption künftiger Arbeitswelten: Neue Organisations- und Flächennutzungskonzepte steuert das „Quickborner Team“ bei, der Büromöbelhersteller Wilkhahn ist auf Objekteinrichtungen spezialisiert, für die Software-Integration zeichnen die Münchener Computerexperten von der Nemetschek AG verantwortlich. Das Institut für integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) des GMD Forschungszentrums Informationstechnik schließlich hat „i-Land“ entwickelt, eine Bürolandschaft, in die Informationstechnologie integriert ist. Die futuristisch gestylten i-Land-Prototypen sind den Anforderungen der künftigen Büroarbeit angepasst: Sie vermögen durch kluge Vernetzung der einzelnen Teilnehmer ein Team zu formen. Die Generalprobe findet noch in den alten Arbeitsgemeinschaften der Büros statt.

Teamarbeit soll künftig per Fingerspitzen-Befehl klappen.

Da ist zum Beispiel der „CommChair“, ein Drehsessel mit integriertem druckempfindlichem Flachbildschirm. Das Technomöbel kann als Einzelarbeitsplatz genutzt werden. Objekte, die dort bearbeitet werden, oder E-Mails, die am CommChair eingehen, können aber auch auf die „DynaWall" projiziert werden, auf die das gesamte Team Zugriff hat. Die DynaWall ist ein interaktiver elektronischer Bildschirm mit berührungsempfindlicher Oberfläche, der in die Wand integriert ist. Ein Fingertipp auf die DynaWall genügt, um ein Dokument zu öffnen. Ein neuer File wird erstellt, indem man mit dem Finger ein imaginäres Rechteck auf dem Bildschirm nachzieht.

Möchte ein Kollege am anderen Ende der viereinhalb Meter langen Wand das Dokument weiterbearbeiten, genügt ein Schubs mit dem Finger und das Objekt gleitet zu ihm hin. Ebenso kann ein Dokument von der Wand genommen und an anderer Stelle abgelegt werden.

Die neuen schlauen Räume können die Gestik der Menschen lesen.

Nach demselben Prinzip funktionieren der „InteracTable“, ein Stehtisch, und der „ConnecTable“, ein höhenverstellbarer Arbeitstisch. Die um den Tisch verteilten Teamarbeiter müssen sich nicht den Kopf verrenken, wenn sie die Arbeit ihres Gegenübers begutachten wollen. Entscheidend ist aber, dass diese stationäre Technik schon heute auf einzelne, entlegene Arbeitsräume verteilt werden kann. Das heißt, ein Telearbeiter nimmt an der großen „Planungstafel“ im Informationszentrum des Büros teil. Er muss nicht mehr durch Mails und Anrufe „aktiviert“ werden. Jeder im Team kann genau sehen, woran der andere gerade arbeitet, und jedes Teammitglied kann mit seinen Partnern jederzeit in den Dialog eintreten.

Das ist erst der Anfang. „Smart Rooms“ verspricht uns die Zukunftswerkstätte der Informationstechnologie, das Massachusetts Institute of Technology (MIT). In den schlauen Büroräumen wird die Technologie zum dienstbaren Geist, der dem Menschen die Wünsche von den Augen abliest: Mit Hilfe von Sensoren und Kameras stellen die Smart Rooms fest, wer im Raum ist, und versuchen aus Mimik und Gestik abzulesen, was die Person als Nächstes erledigen möchte.

Das ist das Prinzip des „allgegenwärtigen Computers“ des im Frühjahr verstorbenen Informatikers und Computervordenkers Mark Weiser: Technik vermittelt zwischen Individuen, ist für sich keine Größe mehr, sondern bloß noch unauffälliger Butler im Hintergrund. Wenn der schlaue Arbeitsraum zu dem Schluss kommt, dass die Bearbeitung von Präsentationsunterlagen ansteht, dann lädt er schon mal das entsprechende Programm am Computer oder verständigt die Projektmitarbeiter darüber, dass es gleich wieder an die Arbeit geht. All das darf nicht zum totalen Kontrollsystem werden. Deshalb versteht das kluge Büro, wenn der Mensch, der es benutzt, seine Ruhe haben will.

Wolfgang Prinz vom GMD-Institut für Angewandte Informationstechnik (FFT) hat eine Infrastruktur zur Gruppenwahrnehmung entwickelt, mit der sich virtuelle Teams unabhängig „von den realen Arbeitsorten der einzelnen Mitglieder“ eine gemeinsame virtuelle Bürowelt schaffen können, die auf die Wand über den Arbeitsplatz projiziert wird. Die Teammitglieder sind dort in Form von Avataren, ihren virtuellen Repräsentanten, dargestellt. Die können so aussehen wie die Person, für die sie stehen. Kann aber auch sein, dass jemand seinem Avatar das Aussehen von Mickymaus geben will. Das Sensorsystem MOVY, das jeder Kommunikationspartner bei sich trägt, erfasst Gesten und Bewegungen und überträgt sie in den gemeinsamen virtuellen Raum an der Wand. Ein Avatar mit gerunzelter Stirn will uns sagen: Lass mich in Ruhe, ich arbeite konzentriert. Einer, der fröhlich die Kaffeetasse schwingt, würde sich gern mit den Kollegen in der Teeküche treffen, wo dann die Avatare miteinander plappern.

Mobbing, Klatsch und Tratsch laufen künftig über Videokonferenzen.

Wer möchte, kann sich mittels Audio- und Videokonferenzsystemen direkt ins Geschehen einschalten. „Damit werden Begegnungsstätten für soziale Kontakte zwischen Teammitgliedern geschaffen, die verteilt arbeiten“, sagt Prinz. „Ähnlich wie der oft zufällige Treff auf dem Flur, am Kopierer oder an der Kaffeemaschine.“ Denn eines hat, wie Wolfgang Prinz weiß, selbstverständlich auch im Hightech-Zeitalter Gültigkeit: „Vom Kaffeeautomaten geht man selten dümmer weg, als man hingekommen ist“. (MS) ---

Informationen:

Internet
i-Land:
www.darmstadt.gmd/ambiente/i-land

Future Office Dynamics:
www.future-office.de