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Was kommt?

Und was nicht?



Wer ein ganzes Jahrhundert voraussehen will, darf kein Wissenschaftler sein (und auch kein Journalist). Er muss Schriftsteller sein (und Phantast). Die besten Voraussagen für das ablaufende Jahrhundert stammten von Jules Verne. Die besten für das nächste Jahrhundert wahrscheinlich von Stanislaw Lern. Wissenschaftler und Journalisten setzen an dem an, was es gibt, und denken von dort weiter. Das hält im besten Fall 20 Jahre vor (okay: „Das Kapital“ von Karl Marx schaffte immerhin 50 Jahre).

Die lineare (oder auch exponentielle) Fortschreibung der Gegenwart in die Zukunft ist für mittelfristige Prognosen so sinnvoll wie für langfristige sinnlos. Technologische, ökonomische oder soziale Quantensprünge kommen in der Rechnung nicht vor, aber genau die sind es, die bei langen Zeiträumen der Entwicklung ihren Stempel aufdrücken. Im 20. Jahrhundert waren solche Quantensprünge die Massenkaufkraft (mehr dazu später), die Atomenergie, der Computer, das Internet und die Anti-Baby-Pille. Im 21. Jahrhundert wird es davon eher noch mehr geben, und sie werden die Entwicklung von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft in völlig unvorhersehbare Bahnen lenken.

Aber auch aus der Kritik an Prognosen entwickelt sich natürlich – eine Prognose.

Wie immer ohne Gewähr.

Für den Blick auf das nächste Jahrhundert gelten vor allem zwei Grundregeln:

1. Die Probleme, die uns heute als die größten des nächsten Jahrhunderts erscheinen, werden unwichtig sein.

2. Die Technologien, die uns heute als die wichtigsten des nächsten Jahrhunderts erscheinen, werden nur eine Nebenrolle spielen.

Jules Verne (1828-1905)

französischer Science-Fiction-Autor, beschrieb in seinen Romanen wie „Von der Erde zum Mond“ und „20000 Meilen unterm Meer“ insgesamt 96 futuristische Erfindungen, von denen bisher 57 realisiert wurden – vom Fernseer bis zur Raumstation.

Stanislaw Lern (geb. 1921)

polnischer Science-Fiction-Autor, beschrieb vor Jahrzehnten in seinen Büchern „summa technologiae“ oder „Imaginäre Größe“ unter anderem Internet, Virtual Reality, Gentechnik und das E-Book.

Die Probleme im Einzelnen:

Überbevölkerung: Das hat sich eigentlich schon erledigt. Die Weltbevölkerung wächst weitaus langsamer als noch vor drei Jahrzehnten befürchtet. 1971 hatte die UNO drei Szenarien für die Bevölkerungszahl im Jahr 2000 veröffentlicht. Das pessimistischste schätzte, dass 7,1 Milliarden Menschen ins nächste Jahrhundert starten würden, das optimistischste prognostizierte eine Bevölkerungszahl von 5,97 Milliarden – Punktlandung. Weltweit sinken die Geburtenraten, die Produktivität der Landwirtschaft steigt – und dazu kommt seit kurzem die Meerwirtschaft in hoch effizienten Fischfarmen, die die archaische Fischerei ablösen wird. Genau wie heute wird auch im nächsten Jahrhundert die Ernährung kein Mengenproblem, sondern ein Verteilungsproblem sein.

Vergreisung: Richtig ist, dass die Menschen immer älter werden. Schon fraglich ist, ob die Gesellschaft immer älter wird. Und völlig falsch ist, dass das die sozialen Systeme vor unlösbare Probleme stellen wird. Schon die normale Hochrechnung führt zu dem Ergebnis, dass mit einer Erhöhung des Rentenalters, oder besser, mit einem flexibleren Übergang von Arbeit zu Nicht-Arbeit, die Rente weiter bezahlbar bleibt. Da die Alten von morgen in der Mehrheit keine schwere körperliche, sondern geistige Arbeit geleistet haben, ist eine Weiterbeschäftigung auch mit 70 oder 75 Jahren meistens unproblematisch.

Der Generationenvertrag wird sich im Nachhinein darstellen als ein Vertrag für eine Generation: Die Nachkriegsgeneration wird für ihre Aufbauarbeit durch ein sorgenfreies Alter belohnt. Für alle, die schon im Wohlstand aufgewachsen sind, ist eine gleichermaßen starke staatliche Fürsorge weder nötig noch durchsetzbar. Dann wird eine andere Entwicklung an Boden gewinnen: die Neuentdeckung der ältesten Form der privaten Vorsorge – die eigenen Kinder. Was ganz nebenbei auch dafür sorgen wird, dass die Deutschen doch nicht so schnell aussterben werden.

Umweltzerstörung: Leichen pflastern den Weg der Ökobewegung – Prognose-Leichen. Wir erinnern uns an „die Grenzen des Wachstums“, „Das Öl geht zur Neige“, „Der Wald stirbt“, an das Ozonloch und den Ozonsmog. Gerade kämpft noch der Treibhauseffekt um sein Überleben, aber er wird das Schicksal seiner Vorläufer teilen. Denn die Polkappen werden sich auch weiterhin weigern abzuschmelzen. Der Nachfolger des Treibhauseffektes steht schon fest: der Golfstrom, der jederzeit umkippen kann und damit Europa in eine Eiswüste verwandeln könnte. Und wenn nicht die Ökologen selbst aussterben, werden sie auch danach alle zehn Jahre eine neue Katastrophe erfinden (die natürlich nur deshalb nicht eintritt, weil sie rechtzeitig davor gewarnt haben).

Die Technologien im Einzelnen:

Internet: Das Fließband hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Produktionswesen revolutioniert. Der Container hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Transportwesen revolutioniert. Und das Internet wird in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts das Bestellwesen revolutionieren. Das heißt: Wenn ich weiß, was ich haben will, ob Waren, Informationen oder Dienstleistungen, werde ich es bekommen können. Das löst viele Probleme, schafft viele neue Angebote und vernichtet viele alte Arbeitsplätze. Das ermöglicht (und erfordert) neue Formen der Arbeits- und Unternehmensorganisation. Zwei Probleme aber wird das Internet nicht lösen können. Das eine müssen weiterhin die Unternehmen lösen: Was wollen meine Kunden? Und das zweite wird das große Problem der Kunden: Was will ich überhaupt? In beiden Fällen wird das Internet nur eines von vielen Hilfsmitteln sein – und bei weitem nicht das beste.

Biotechnologie: Gut, der Medizinmarkt ist wichtig. Er macht zehn Prozent des Bruttosozialprodukts in entwickelten Volkswirtschaften aus – mit steigender Tendenz. Er wird durch die Gentechnik komplett umgewälzt werden und damit die Gewähr bieten, dass auch bei höherem Anteil alter Menschen der Anteil der Gesundheitsausgaben am Sozialprodukt in diesem Zehn-Prozent-Rahmen bleibt.

Aber die meisten Biotechprognosen folgen der großen Linie des 20. Jahrhunderts: Krankheiten werden repariert, der Normalzustand Gesundheit wird möglichst lange und störungsfrei aufrecht erhalten. Diese Strategie beruht noch auf dem Menschenbild der Industriegesellschaft, das den Fokus auf die körperliche Leistungsfähigkeit legt.Doch aus der Industrie- wird die Wissensgesellschaft. Also wird sich im nächsten Jahrhundert der Schwerpunkt von der Reparatur des Körpers auf die Entwicklung des Geistes verlagern. Das ist bisher die Domäne von Pädagogik und Psychotherapie, doch immer stärker wird sich hier die medizinische Forschung einschalten.

Gibt es Bewusstseinserweiterung, die Pille gegen die Dummheit, jemals auf Krankenschein? Wahrscheinlich nicht. Denn es wird keine Pille sein (dem Gehirn werden wir anders beikommen müssen) und dass die Kasse nicht für Dummheitsbekämpfung zahlt, macht diese Sparte ökonomisch erst richtig interessant: Angesichts chronisch knapper Sozialkassen winkt hier ein neuer Markt für die Pharmakonzerne, auf dem sie sich nicht ständig mit sparwütigen Gesundheitsministern rumschlagen müssen. Doch wie wir zu einem, sagen wir mal, Viagra fürs Gehirn kommen, müssen wir einem dieser unvorhersehbaren Quantensprünge überlassen.

Was also prägt das neue Jahrhundert? Technologisch ist Stanislaw Lern noch immer wenig hinzuzufügen. Ökonomisch ist Peter F. Drucker, dem großen Universalisten unter den Managementtheoretikern, ein Blick tief ins nächste Jahrhundert gelungen – und das im Alter von 89 Jahren. „Der wichtigste und tatsächlich einzigartige Beitrag des Managements im 20. Jahrhundert war die funfzigfache Steigerung der Produktivität der Industriearbeiter. Die Produktivität der Wissensarbeit und der Wissensarbeiter auf ähnliche Weise zu steigern dürfte sich als der Beitrag erweisen, den das Management im Laufe des 21. Jahrhunderts leisten muss.“

Doch bei der Frage, wie das gehen könnte, bleibt Drucker schnell stecken. Weil er, von der Managementlehre herkommend, den falschen Ansatz wählt. Für Drucker spielt Frederick Winslow Taylor die wichtigste Rolle bei der Produktivitätssteigerung im 20. Jahrhundert, folglich versucht er, für die Weiterentwicklung der Wissensarbeit Kriterien à la Taylor aufzustellen und kommt damit nicht weit. Zu Recht.

Denn der in diesem Zusammenhang wichtigste Anstoß im letzten Jahrhundert kam nicht vom Innovator Taylor, sondern vom Revolutionär Henry Ford. Nicht weil er das Fließband erfunden hätte (was er nicht hat), sondern weil auf sein Konto die Erfindung der Massenkaufkraft geht.

Vor 100 Jahren sah die keiner voraus, weil es schlicht nicht vorstellbar war, dass es eines Tages einen Unternehmer geben könnte, der freiwillig die Löhne seiner Arbeiter verdoppelt – und damit seinen Profit steigert. Aber genau das machte Henry Ford schon im Januar 1914.

Peter Drucker (geb. 1909)

Professor, Unternehmensberater und Managementautor. Jüngste Veröffentlichung: Management im 21. Jahrhundert, Econ-Verlag 1999

Frederick W. Taylor (1856-1915)

US-Ingenieur, entwickelte eine (später Taylorismus genannte) Methode zur Rationalisierung von Arbeitsabläufen.

Henry Ford (1863-1947)

US-Industrieller, Gründer der Ford Motor Company, wurde kürzlich vom Magazin »Fortune« zum bedeutendsten Unternehmer des Jahrhunderts gekürt. 

Damals war es völlig unvorstellbar, dass es dem Wohl einer Firma dienen könnte, ihren Beschäftigten mehr als unbedingt nötig zu bezahlen. Die gesamte Mehrwerttheorie von Karl Marx zum Beispiel fußt auf dem Axiom, dass Arbeiter nicht entsprechend ihrer Wertschöpfung bezahlt werden, sondern gerade so viel erhalten, dass sie überleben können. Mit diesem Grundsatz hat Henry Ford gebrochen und damit das Fundament der modernen Industriegesellschaft gelegt.

Wenn wir versuchen, eine Parallele für das nächste Jahrhundert zu ziehen: Welchen Grundsatz muss man heute brechen, um das Fundament der modernen Wissensgesellschaft zu legen? Nun, heute ist es völlig unvorstellbar, dass es dem Wohl einer Firma dienen könnte, ihre Beschäftigten das tun zu lassen, was sie wollen. Theorie und Praxis der Betriebswirtschaft gehen selbstverständlich davon aus, dass im Mittelpunkt die Interessen des Betriebes stehen. Ausgenommen sind nur winzige Wissenseliten wie die Bell Laboratories, einige Professoren und da und dort ein Werber.

Und wenn jetzt ein Konzern auf die Idee käme, dieses Privileg plötzlich allen seinen Beschäftigten zukommen zu lassen?

Nennen wir diesen Konzern einmal amazon.com. Nehmen wir an, dass diesem Konzern seine Hauptstütze, der Internetbuchhandel, abhanden kommen wird (wie, wird nicht verraten). Was könnte dieser Konzern Besseres tun, als die Kreativität seiner Beschäftigten freizugeben? Sie kennen die Kunden, sie kennen das Netz, sie wollen Erfolg, also, lass sie machen, was sie wollen. Alles ist möglich, vieles ist machbar, manches wird erfolgreich und irgendetwas davon wird amazon.com in eine neue Dimension katapultieren. Und weil dieses Businessmodell die besten Leute nicht nur des Valley, sondern der Welt anziehen wird, wird die ganze Branche gezwungen sein nachzuziehen. Und eine Branche nach der anderen wird folgen.

Amazon.com müsste sich dafür natürlich radikal wandeln, von einer Marketingmaschine in einen Coachingkonzern. Jeff Bezos müsste über seinen Schatten springen. Das musste Henry Ford auch. Wenn Bezos das nicht schafft, wird er eben so wie David Buick eine Fußnote der Wirtschaftsgeschichte bleiben. Und der Henry Ford der Wissensgesellschaft kommt ein paar Jahre später und heißt anders.

So wie der säkulare ökonomische Trend der Produktivitätsfortschritt in der Industrie war, war der säkulare politische Trend der Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Auf dieser Ebene scheint das neue Jahrhundert nichts zu bieten – schließlich ist keine Ideologie in Sicht, die es mit dem Kapitalismus aufnehmen könnte.

Was nicht heißt, dass sie nicht noch auftauchen könnte. 1900 stand der ideologische Konflikt fest, aber es war nicht absehbar, dass sich ausgerechnet Russland hierbei zum Hauptgegner der USA entwickeln würde – die meisten tippten auf Deutschland als Keimzelle der Weltrevolution. An der Schwelle zum Jahr 2000 ist nicht absehbar, welche Ideologie den Konflikt mit dem real existierenden Kapitalismus aufnehmen wird, dafür steht schon fest, wer die Gegner sein werden: die USA (der Westen) und China (der Osten).

Zur Zeit befindet sich China in einer dynamischen, nachholenden Entwicklung. Keine 20 Jahre und China wird Japan als die führende Wirtschaftsmacht Asiens überholt haben. Das verschiebt nicht nur das ökonomische und politische Gleichgewicht in der Region, sondern auch das in der Welt. China ist auf absehbare Zeit das einzige Land, das eine Gleichstellung mit den USA beanspruchen kann. Die Frage ist, wie es das tut. Die USA haben einen Anspruch, der weit über ihre Einflusssphäre hinaus reicht - den könnte China auch bald haben. Bisher hat es keine Ideologie, auf deren Basis es diesen Anspruch stellen könnte. Aber eine solche Ideologie kann ja noch kommen.

Sie muss geradezu kommen. Schon einmal wurde China (zwangsweise) so in die Weltwirtschaft integriert, dass es dabei nur verlieren konnte – das begann während der Opiumkriege Mitte des 19. Jahrhunderts und endete 80 Jahre später mit der Machtübernahme Mao Tse-tungs. Jetzt integriert sich China (freiwillig) in eine Weltwirtschaft, die nach westlichen Regeln funktioniert. Individualität, Schnelligkeit, Innovation sind ihre Grundpfeiler und wenn sie auch allen nützen kann, so profitieren doch die am meisten davon, deren Kultur ebenfalls nach diesen Regeln funktioniert – und das ist die westliche Welt. In diesem System könnte China nie mehr werden als ein Schüler, der brav seine Hausaufgaben macht, aber keine Chance hat, Lehrer zu werden.

Wetten, dass China Lehrer werden will?  ---