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Markenschutz

Der Jahrtausendsassa

Wie ein Arzt aus Castrop-Rauxel 800 Mark investierte und 1.000 Jahre erwarb. Die Geschichte des kreativen Ungeistes Walter Süß.



Der Mann, dem das Millennium gehört, wohnt in Castrop-Rauxel, trägt ein Jeanshemd am stattlichen Leib und geht zum Lachen nicht in den Keller. Mit seinem entwaffnenden Kohlenpott-Jargon und den braunen Bernhardineraugen kann Walter Süß arglosen Menschen wohl alles verhökern. Ideal: Denn verkaufen, das tut er am liebsten. Dinge, die knapp neben der Spur liegen, aber der Welt keinesfalls vorenthalten bleiben dürfen.

Der Raucher billiger Zigarren handelt erfolgreich mit selbst gemixten Anti-Mücken-Cremes. Oder mit speziell entwickeltem „Erotikschaum“. Oder mit „Damenrasiercreme für die Bikinizone“. Vieles, was Süß heute verhökert, hat seine Wurzeln in seiner Arztpraxis, über die sich der Internist Süß irgendwann hinausentwickelt hat mit seiner überschwappenden Kreativität.

Bisweilen bringen Ideen Ärger. Oder ein Autogramm von Schumi.

Die innere Unruhe zwang den Sohn kleiner Kaufleute vor zehn Jahren geradezu, mal eben auf die Schnelle das postmoderne Castrop-Rauxeler Technologiezentrum mit zu entwickeln, in dem er heute seine Praxis, seine Büros und sechs Mitarbeiter hat. Sie ließ ihn auch mit der Zeit darauf verfallen, zusätzlich noch Wörter in Geld zu verwandeln.

Was dabei herauskommt, birgt ein mit Nippes und Entwürfen vollgestelltes Zimmer: die „Kreativhöhle“. Aus einem der prall gefüllten Regalfächer greift er einen schlichten weißen Keramikbecher mit schrägem Griff und zusätzlichem Porzellansporn dort, wo der Daumen ihn umklammern kann. Das Trinkgefäß für Parkinson-Kranke lässt sich sicher fassen, auch wenn die Hand zittert. Ein früher Achtungserfolg, für dessen Herstellung Süß eine kleine Porzellanmanufaktur in Meißen fand und sich die Ehrfurcht gebietende Marke „Paracelsus Porzellan Meissen“ einfallen ließ.

Der Ärger ließ nicht lange auf sich warten. „Als wir den Namen angemeldet hatten, flogen hier die Rechtsanwälte der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen ein“, erinnert sich Süß ohne Gram. Im Meißener Traditionsbetrieb hatte man sich noch nach DDR-Recht den Namen der Stadt Meißen als Marke schützen lassen, was heute nicht mehr möglich wäre. „Wir kriegten gleich eine einstweilige Verfügung mit Androhung einer halben Million Mark Zwangsgeld ins Haus geschickt.“ Heute lässt Süß unter dem schlichteren Namen „Paracelsus Porzellan“ produzieren – mit dem klein gedruckten Zusatz „Made in Meissen“.

Einen Prozess hat er vermieden. Überhaupt ist Süß zwar kreativ bis zur Schlitzohrigkeit. Aber kurz vor dem Knall löst er Konflikte gern in herzhaftes Lachen auf. Etwa, als er sich die hübsche Zeile: „Piep, piep, piep – der Meister hat Euch lieb" für 800 Mark beim Patentamt schützen ließ. Eindeutig geklaut? Nicht ganz: „Bei Guildo Horn hieß es: Guildo hat Euch lieb.“ Den „netten Brief mit einer gerichtlichen Androhung dieses sehr friedfertigen Menschen“ hat er in seinem Trophäenordner abgelegt. Ebenso wie ein Autogramm von Rennfahrer Michael Schumacher, dessen Anwälte gegen das Süß-Vitaminprodukt: „Schumi – die Formel 1“ zu Felde zogen.

Die Parkinson-Tasse immerhin wurde ein solcher Verkaufsschlager, dass der Mann aus dem Pütt seinen Parkinson-Pott nun auch Kaufhäusern und Biergärten aufschwatzt. Eine Sonderversion mit zwei Parkinsongriffen zu beiden Seiten hat er mit dem Deko-Aufdruck „SPD“ versehen. „Ist doch eine Partei“, lacht Süß, „die man von links und rechts anfassen kann.“

Das Glanzstück der Urkundensammlung aber ist ein Begriff, den Walter Süß schon vor vier Jahren in Besitz genommen hat. Für die üblichen 800 Mark ließ er sich: „Millennium 2000“ schützen – und erwartet nicht weniger als zwei Millionen Mark Erlös an Lizenzgebühren.

Die Idee kam ihm, als er vor fünf Jahren mit ein paar Informatikern zusammensaß, um eine neue Medizin-Software zu entwickeln. Jemand redete vom Jahr-2000-Problem – und dann verselbständigten sich ein paar Synapsen im Gehirn des kreativen Internisten: „Ich bin nach Hause gefahren und hab gesagt: Das mach ich jetzt!“ Den Begriff legte er in einem Ordner ab, bis ihm etwa ein Jahr später klar wurde, welchen Schatz er zwischen zwei Pappdeckeln hütete. Dann schöpfte er aus, was ihm das Markenrecht erlaubt: Fünf Produktklassen sind in den 800 Mark enthalten, er wählte jene, in die Feuerwerkskörper, Prosecco-Flaschen oder auch Kosmetikserien fallen. Etwa 20 Firmen haben bei ihm schon Lizenzen gekauft.

Einmal auf den Geschmack gekommen, hat Süß seitdem immer, wenn große Ereignisse in der Luft lagen, die passenden Wörter als Marke schützen lassen. Den paar Niederlagen steht eine niemals endende Hut neuer Wortschöpfungen und Markenanmeldungen entgegen, von denen sich nur ein Bruchteil auszuzahlen braucht.

Markenschutz kann zur Sucht werden. Es ist wie Zocken an der Börse.

Das Wichtigste ist Markenzockern wie Süß ohnehin nicht das Geld. Es ist die kindliche Freude, ab und zu ein Goldkorn wie „Millennium 2000“ zu finden. Die Szene ist übersichtlich, Süß trifft die meisten Wortakrobaten ab und zu wieder. Einfällen der Konkurrenz zollt er professionellen Respekt. Ominöse Schöpfungen wie „Buff!!!“ oder „Doppelknust“ in der Markenrolle machen ihm Spaß. Auch kategorische Imperative mit Markenschutz, wie der schöne Satz „Weiß & fest sollen Ihre Zähne sein“, haben einen erheblichen Fun-Faktor. Walter Süß würde den Kollegen auch niemals übelnehmen, dass sie ihm mit Marken wie „Millenniummousse“, „Lüftung 2000“ oder „Objekt zweitausend“ nacheifern.

Was aber ist mit der bizarren Marke „Mauer Acryl nie mehr Pistole“, den die ehrwürdige Düsseldorfer Henkel KGaA imJuH dieses Jahres in die Markenrolle eintragen ließ? „Wetten“, ahnt Süß, „dass wir diese Wörter bald in der Werbung wiederfinden – als Mittelteil eines Reklamesatzes für eine Anti-Graffiti-Chemikalie?“ Die Henkel-Männer wollten wohl einfach der neugierigen Konkurrenz vorab nicht zu viel verraten.

Was er und die anderen Markenschützer da treiben, habe „so ein kleines Suchtpotenzial“, sagt Süß, aber: „Man muss wissen, wie viel man einsetzen will. Wie an der Börse mit hoch risikobehafteten Papieren.“ Bei 300 bisher erworbenen Patenten, mit je 800 Mark multipliziert, kommt eine hübsche Summe zusammen, die erst einmal nur in den Aktenordnern steht. Herauszufinden, welcher Begriff wann geldbringend aktiviert werden kann, sei die eigentliche Arbeit.

Aber was heißt Arbeit? Walter Süß geht's um etwas ganz anderes: „Dieses Spielerische kann man einfach schlecht lassen“, sagt er. Und ist es nicht schön, wenn man nur durch Nachdenken die Großen der Wirtschaft zum Nachdenken bringt? So geschehen, als Hypo-Bank und Vereinsbank vor ihrer Fusion zur HypoVereinsbank standen. Da hatten es die Herren in den Chefetagen versäumt, sich ein flott abgekürztes Markenzeichen einfallen zu lassen. Walter Süß aber hatte daran gedacht. Und handelte für das Kürzel „HVB“ heraus, dass ihm die HVB Risikokapital für die Vermarktung eines neuen potenziellen Verkaufsschlagers aus dem Hause Süß gewährte.

Sollten übrigens eines Tages Deutsche Bank 
und Commerzbank fusionieren wollen, wartet schon eine kleine Überraschung auf die Finanzstrategen: Der Begriff „Deutsche Commerz“ wird vermutlich ganz schön teuer.  ---

Für 800 Mark kann sich jedermann einen Begriff für fünf frei wählbare Produktklassen auf zehn Jahre schützen lassen. Der Markenschutz endet nach Ablauf des Monats, in den der Anmeldetag fällt.

Im letzten Jahr gab es in Deutschland 68.610 Markenanmeldungen. Tendenz: stark steigend.

Adresse:

Deutsches Patent- und Markenamt (DPMA)
80297 München
Telefon: 089/2195-0
Fax: 089/2195-2221
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