Partner von
Partner von

Alexander Kluges Ten To Eleven

Auch wenn das Dranbleiben wehtut und die Bilder schlecht sind und wackeln. Alexander Kluges Ten To Eleven ist die Wunderdroge des Fernsehens.




•  Da sitzt der Hermes Phettberg im Bischofsornat, österreichischer Aktionskünstler und Ex-Talkmaster, und fragt den Alexander Kluge, wie denn das heiße, der Bereich zwischen Skrotum und Anus. „Nun ja, die Naht, denke ich mal“, sagt Kluge und Phettberg: „Genau, die Naht. Die wird ja wunderbar massiert beim Autofahren“, meint Phettberg. Das ist der Grund, warum es ihm, dem ewig Depressiven, momentan, wenn nicht gut, so doch weniger schlecht gehe. Die Hinfahrt, ja, von Wien zum Interview nach München, die hat's ihm schön massiert, die Naht.

Auch beim Zuschauer bewegt sich was, nachts, bei „Ten To Eleven“, Alexander Kluges Interview-, tja, Sendung?, Show?, was denn eigentlich? Wir erinnern uns an einen Satz des großen Meisters: „Warum soll es nicht ein „Fernsehen der Autoren“ geben? Wenigstens in homöopathischer Dosis wie in den Kulturmagazinen der dctp?“ Minimale Potenzen, also kleine Dosen, die maximale Wirkung entfalten. Alexander Kluge, ein Medizinmann? Und der Patient? Das Fernsehen selbst. Das erste Gesetz der Homöopathie besagt, dass Gleiches Gleiches heilt. Also: Minimüll gegen Maximüll.

Tatsächlich: Die dctp-Kulturinjektionen sind so potent, dass Helmut Thoma, als der noch bei RTL das Sagen hatte, sie als „Steinzeitfernsehen“ bezeichnete und ihren Macher als einen „elektronischen Wegelagerer“, der Fernsehen macht, als „hätte er den Schwarzweiß-Vorrat der Volksrepublik China aufgekauft“. Fans halten Kluge für einen „Herrenrapper“ der feinsten Sorte, wie unlängst die »Taz«.

Kluge wurmt das nicht, er hat den Freifahrtschein des deutschen Fernsehens. Erhaben parlieren sie bei ihm wie Soziologen beim Kongress – also kleine Jungs im Sandkasten beim Pillemannvergleich – und orgeln ihre Ideen voreinander ab wie zwei gegenüber geparkte Ghettoblaster.

Die Gäste platziert er am rechten Bildrand. Sie umgibt eine lila-bläuliche Aura, weil sie vor einem Blue-Screen sitzen, und lässt sie aussehen wie Neugeborene. Kluge, die Stimme, der große Antwortfragenfragesteller, der Souffleur, der sich leider nicht selbst gegenübersitzen kann, sitzt unsichtbar am linken Rand. Seine Gegenüber ignoriert er, umkreist sie mit Bandwurmsätzen, bewirft sie mit Lehnstuhl-Bonmots. Die Gäste sind meist einfach überfordert und erzählen, was sie so machen. Wieder Auftritt Phettberg. Der ist mittlerweile bei Gott und der Welt. „Der phantastische Gehalt der Religion sollte erhalten bleiben“, meint Pseudo-Bischof Phettberg. – „Dieses Scholastische macht ja auch Spaß“, füttert Kluge den dauerdeprimierten Wiener. Vielleicht kommt da ja noch was. Kirche. Ist immer gut.

„Genau, man darf es nicht den Reaktionären überlassen“, spielt Phettberg mit, redet dann übers Hotel Kempinski, das ihm auch irgendwie gehöre. Den ausgeblendeten Interviewer stelle man sich als wippenden Dauernicker vor, der „hmm, ja, ja, genau, genau“ sagend, dem depressiven Gesprächspartner Selbstvertrauen in den Monolog schaukelt. Phettberg hebt jetzt ab. Landet nach einer weiteren Schleife bei der österreichischen Kirche, die man gesundschrumpfen solle, sagte ja neulich der Erzbischof von Wien. Worauf ein Grazer Bischof meinte, „wir sind die Kirche des Volkes“, erzählt Phettberg.

„Das heißt übrigens Damm“, sagt Kluge, „dieser Bereich zwischen, äh, Hoden und, äh, Anus. – Phettberg: „Wie?“, beugt sich vor, neigt den Kopf zur Seite. – Kluge: „Damm. Das ist der Damm.“ - „In Hamburg gibt's das Dammtor“, freut sich Phettberg. – „Ja. Der Dammriss ist, wenn das Kind durch will und das zu schmal ist. Dann muss das aufgeschnitten werden von einem Arzt“, macht Kluge weiter. – „Aha. Damm“, Phettberg. – „Ja. Damm“, Kluge. – „Sehen Sie? Sie haben ein größeres Gedächtnispotenzial. Da kommt das irgendwann hoch bei Ihnen“, lobt Phettberg – Kluge: „Ja. Man redet nicht oft darüber.“ – Phettberg: „Und das hat bei mir vibriert. Fünf, sechs Stunden. Und deshalb geht's mir gut.“

Dann: Schlafwagenschaffner, Maria Theresia und Scheiche, die es mögen, wenn Frauen mit ihrem Damm auf ihren Nasen sitzen. Und: Windeln. Denn Phettberg trägt auch welche, jetzt in diesem Moment, live, erzählt der Wiener. Kluge, unerschrocken, besonnen: „Ja, ja, die großen Wagner-Sänger ja auch. Bei den hohen Tönen, so wie die aus dem Bauch gepresst werden, geht ihnen schon mal ...“ – „Ein Tröpferli?“, fragt Phettberg, lehnt sich nach vorn, jetzt ganz Ohr. – „Nein, ein ganzer Strahl“, sagt Kluge.

So kann sie gehen, die Eigenharntherapie des deutschen Fernsehens. Jeden Tag ein Tröpfchen Urin aus Kluges Studio und das Fernsehen ist bald wieder heile.  ---
dctp
steht für Development Company (for) Television Program. Die Firma gehört zur Hälfte Alexander Kluge (50 Prozent), der japanischen Werbeagentur Dentsu (37,5 Prozent) und dem Spiegel Verlag (12,5 Prozent), dctp produziert unter anderem für „Spiegel TV, „Stern TV und die BBC. Die Formate Ten To Eleven und News and Stories werden von Kluge allein betreut und komplettieren die Kulturquoten, zu denen die großen privaten TV-Sender verpflichtet sind.
Ten to Eleven
montags, ca. 0:30 Uhr bei RTL