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Aeonic

Böse Überraschung

Wenn Sie vor sechs Monaten auf der Messe Internet World in Berlin waren, ist Ihnen der gigantische Stand von Aeonic aufgefallen. Und Sie haben sich gefragt: Wer ist Aeonic? Und was machen die?
Heute lassen sich diese Fragen ganz leicht beantworten: Aeonic, das waren Anastasios Hatzis und Frank Brinkhaus.
Und sie machten pleite.

Wie konnte das passieren?





Damit eines ganz klar ist. Niemandem, absolut niemandem wäre das passiert. Ihnen nicht und mir auch nicht.

Denn wer würde schon einen erheblichen Anteil an seiner Firma an einen mehr oder weniger Unbekannten übertragen? Noch dazu ganz ohne Sicherheiten und ohne eingehende Prüfung? Wir doch nicht, sagen Sie, sage ich.

Und wer würde bei einer unübersichtlichen Lage zwei Millionen Mark in ein Unternehmen investieren? Und wer würde bei so einem Laden anfangen zu arbeiten, dazu nur auf Erfolgsbasis?

Dies ist die Geschichte eines grandiosen Irrtums. Es ist eine, die sich jeden Tag hundertmal zuträgt, es ist die Geschichte des ganz normalen Wahnsinns im Geschäftsleben.

Dies ist aber auch die Geschichte von viel Hoffnung, gutem Glauben und an Naivität grenzenden Idealismus.

Und ja, das wohl auch, Gier. Der Gier nach dem großen Geld, ausgelöst von der Aussicht auf einen schnellen Börsengang. Einer Gier, der selbst klar denkende Leute erliegen.

Und es ist zu guter Letzt die Geschichte von Menschen, die sich in ihre Welt eingesponnen haben wie in einen Kokon. So fest, dass es am Ende mindestens zwei Wahrheiten gibt.

Welche davon richtig ist, klärt zur Zeit ein Insolvenzgutachter.

Von vorn: Vor drei Jahren gründet Anastasios Hatzis, 27, Autodidakt und Internetfreak, zusammen mit einem Freund in München eine kleine Webagentur. Das Geschäft läuft nach einer Weile nicht schlecht – der Markt entwickelt sich schnell. Ende 1997 müssen sich Hatzis und sein Partner entscheiden: Wollen sie echte Unternehmer werden oder wollen sie Frickler mit einer kleinen Internetbude bleiben, die gerade genug Geld zum Leben verdient?

Hatzis entscheidet sich, „die Welt zu erobern“, wie er sagt. Mit Software. Sein Freund steigt aus, er will ins Providergeschäft.

„Mein Projekt trägt sich auch allein“, da ist Hatzis sicher. Die Idee: eine interaktive HTML-Lösung, eine Server-Script-Sprache, die im Gegensatz zu den gängigen Sprachen wie PHP oder Perl von jedem Benutzer leicht zu lernen ist. Damit soll endlich möglich werden, wovon viele seiner Kunden träumen: intelligente Webanwendungen, die flexibel an die Gegebenheiten angepasst werden können, ohne großen Aufwand.

HTML:

Hypertext Markup Language, gebräuchlichste Programmiersprache im Internet.

Guter Einfall. Branchenkollegen ermutigen ihn. In der Idee könnte eine ganze Menge Geld stecken, wenn es gelänge, sie erfolgreich umzusetzen, sagen sie. Der Erfolg aber lässt auf sich warten. Hatzis' Unternehmen, das er Aeonic nennt, krankt an den typischen Symptomen junger Firmen: Mal sind es zu wenig Leute, mal sind die, die da sind, die falschen. Mal geht es gut, mal weniger, der Zeitmangel ist chronisch. Der Geldmangel auch. Die Eltern, selbst Unternehmer, helfen hin und wieder aus. Doch die geben nicht nur Geld, sondern auch viele gut gemeinte Ratschläge und die will Hatzis nun wirklich nicht hören.

Aber er braucht Hilfe. Nach ein paar Monaten lebt Aeonic immer noch von kleineren Webprojekten, die zwar Geld in die Kassen bringen, aber das Unternehmen kein Stück weiter. Die wegweisende Software besteht gerade mal aus ein paar ungeordneten Codierzeilen. Für mehr fehlen immer wieder die Mittel. Bald ist klar, dass der Zeitplan für die Auslieferung nicht zu halten ist.

Natürlich versucht Hatzis es bei seiner Bank, aber die versteht nicht viel vom Geschäft mit dem Internet. Das gibt die Sachbearbeiterin zu. Wenn sie ganz ehrlich gewesen wäre, hätte sie vermutlich gesagt: „Na, Sie sind gut, junger Mann. Sie wollen ein paar 100.000 Mark und können nichts vorweisen, was ich begreifen kann.“

Die Lage wird immer schwieriger. Die ersten seiner 13 Mitarbeiter kündigen. Und bald ist auch Hatzis mit all seinem Optimismus klar: Die Idee von der neuen Software wird eine Idee bleiben, wenn nicht bald etwas passiert.

Es passiert etwas. Im November 1998 trifft Hatzis einen Mann, der tatsächlich seine Hilfe anbietet. Sein Name: Frank Brinkhaus. Sein Vorschlag: Er besorgt Investoren und bekommt dafür Anteile. Wo er plötzlich herkommt? Vor vielen Monaten, da war noch 1997 und er voller Optimismus, hatte er eine E-Mail an den Münchener Förderkreis Neue Technologien (FNT) geschrieben. Brinkhaus hatte geantwortet. Aber damals war man irgendwie nicht zusammengekommen.

Förderkreis Neue Technologien:

eine Initiative, die aus der Region München ein deutsches Silicon Valley machen möchte.

Nun ist der Kontakt überlebenswichtig. Auch wenn sich beim Kennenlernen herausstellt, dass er für seine Bemühungen immerhin mit einem Drittel der Anteile an Aeonic rechnet und außerdem an der Spitze des Unternehmens stehen will.

Ein Drittel der Anteile und dann noch der Chef? Das ist harter Stoff. Aber die Zeit drängt, es ist schon Spätherbst und Aeonic ist immer noch nicht viel weiter. Hatzis muss für 1998 mit Anlaufverlusten von gut 600.000 Mark rechnen. Und wenn er ehrlich ist, dann sieht es nicht so aus, als könnte er die Situation allein meistern.

Aber irgendwie ist der Vorschlag, so abenteuerlich er zuerst scheint, einleuchtend. Die Firma ist im Aufbau, Hatzis ist voll ausgelastet und auch sein Freund Michael Bader, der fürs Kaufmännische zuständig ist, hat mehr als genug zu tun. Da wäre es nicht schlecht, jemanden an der Unternehmensspitze zu haben, der sich voll auf die Strategie und auch auf den Außenauftritt des Unternehmens konzentrieren kann. Einen, der die Sprache der Banken spricht, einen mit Erfahrung, dem Investoren eher glauben als zwei Mittzwanzigern, die Hosen mit Taschen an der Seite tragen und Sweatshirts dazu. Einen wie Brinkhaus.

Dessen Auftritt hat Grandezza, er ist groß und sieht in seinen dunkelblauen Zweireihern ziemlich gut aus. Er ist eloquent und recht charmant. Er wirkt seriös, sogar ein wenig weltmännisch, wenn er sich durch die Haare fährt, dabei den Blick auf Manschettenknöpfe mit dem Wappen einer Londoner Universität freigibt und über die Dialektik des Geschäfts, die Wirtschaftslage und Deutschlands Start-up-Szene philosophiert.

„Das hat auch was“, denken Bader und Hatzis, „Brinkhaus könnte für uns so eine Art Botschafter sein und wir könnten uns endlich in Ruhe um Marketing, Vertrieb, Personalwesen und Rechnungswesen kümmern.“

Also, wieso eigentlich nicht? Die Vereinbarung über Anteile und Posten, die in einem Letter of Intent festgehalten wird, scheint ungefährlich. Die Firma ist in einer prekären Lage und außerdem will Brinkhaus nur im Erfolgsfall belohnt werden. Und Hatzis ist nun wirklich der Letzte, der nicht von seinem Erfolg etwas abgeben würde.

Wozu das Misstrauen? Die Referenzen, die Brinkhaus nennt, sind nicht schlecht: Er war immerhin mal CEO des Bücherversenders buch.de und hat erfolgreich am Businessplan-Wettbewerb der renommierten und über jeden Zweifel erhabenen FNT teilgenommen, über die Hatzis den Helfer schließlich kennen gelernt hat.

CEO

Chief Executive Officer, Vorstandsvorsitzender.

Hätte Hatzis die Angaben geprüft, hätte man ihm bei der FNT gesagt, dass Brinkhaus nicht mehr für den Förderkreis tätig war. Hätte er weiter gefragt, hätte man ihm vielleicht auch gesagt, dass man darüber nicht unglücklich sei. Hätte er im Internet geforscht, wäre ihm aufgefallen, dass Brinkhaus seine Dienste bisher als Spezialist für Biotechfirmen angeboten hatte. Bei Brinkhaus' ehemaligem Arbeitgeber hätte Hatzis erfahren können, dass der CEO nicht durch besonderes Interesse für Technologie aufgefallen war.

Aber der Aeonic-Gründer sieht keinen Grund für Nachforschungen. Es passt nicht zu ihm und es passt auch nicht zur Kultur von Aeonic: Fairness, Menschlichkeit, Vertrauen sind die Schlagworte, mit denen die Firma wirbt und da Gründer und Team es damit ernst meinen, kommen sie nicht mal auf die Idee, weiter zu fragen.

Und der Neue setzt sich wirklich ein. Er peitscht den Businessplan in nur vier Wochen durch, seine Anweisungen sind nicht immer besonders diplomatisch, aber dafür sehr effektiv. Und darauf kommt es nach dem ganzen Heckmeck nun an, auf Effektivität und einen guten Plan. Der sieht so aus: Aeonic soll in eine kleine AG umgewandelt werden (was Hatzis schon einmal vergeblich versucht hatte). Danach könnten die Gesellschaftsanteile unter den potenziellen Investoren besser und schneller verteilt werden als bei der Einzelunternehmung, die die Firma noch ist. Eine gute Idee, finden Hatzis und sein Team.

Der Plan macht Mut und Hoffnung. Alles läuft harmonisch, bis sich der Neue mit einer Projektleiterin verkracht. Sie wollte wissen, wie es denn nun konkret weitergehen soll, und Brinkhaus fand offenbar, dass dies nichts sei, was sie wissen müsse. Ihm geht es vor allem darum, dass das Unternehmen endlich erfolgreich wird, er will Tempo und keine Diskussionen.

Der Ton passt zwar nicht in die Kultur, aber Brinkhaus ist ja noch neu, muss sich erst eingewöhnen. Außerdem: Der Mann ist über 40. Und überhaupt: Das mit dem Businessplan läuft gut.

Und wer sagt es denn, nach ein paar Wochen, so um den Jahreswechsel, signalisieren die ersten Investoren Interesse. Endlich, nach all den Mühen!

Die Umwandlung in die AG läuft ebenfalls reibungslos. Dank Brinkhaus und Bader haben sie es sogar in einer rekordverdächtigen Zeit geschafft: „In nur zwei Wochen“, staunt der Notar.

Nach dem ganzen Chaos scheint sich Aeonic auf gutem Weg zu befinden. Da soll natürlich kein Unfrieden aufkommen. So kommt es, dass Brinkhaus mit der neuen Rechtsform nicht nur zum CEO, sondern auch zum Anteilseigner wird. Das ist eigentlich gegen die Vereinbarung im Letter of Intent. Noch gibt es keine Geldgeber, und erst dann sollte der CEO Anteile bekommen. Aber hey, es geht um 31 Prozent plus eine Aktie an einem Unternehmen, das bisher nur Verluste gemacht hat. Das ist doch nichts Dolles.


Es hatte doch vor einem halben Jahr alles so gut ausgesehen. Und von Aeonic Script, unserem Product bin ich immer noch überzeugt. Also werde ich einen Weg finden, um weiterzumachen.
Anastasios Hatzis, Aeonic-Gründer

Die Rechte an den Produkten liegen ohnehin noch beim Gründer, der nach der Umwandlung 31 Prozent hält. Die anderen Anteile verteilen sich auf Michael Bader (26 Prozent) und Aufsichtsrat Christian Bäumer, ein Kunde aus den Anfangszeiten (10 Prozent). Die restlichen Prozente sind für besonders verdiente Mitarbeiter vorgesehen.

Im Übrigen erzählt Brinkhaus immer von einem Netzwerk aus Steuerberatern, Anwälten und Investoren, dessen Nutzung er in Aussicht erstellt. Wenn er nun Anteilseigner ist, werde er sich ja noch ein bisschen mehr in die Sache reinhängen, spekuliert das Team.

In der Tat: Wenig später präsentiert Brinkhaus Investoren. Er hat ein Hamburger Emissionshaus aufgetan, dessen Vorstände nach München kommen, um sich Aeonic genauer anzusehen.

Das Team findet es erstaunlich, dass sich ausgerechnet ein Emissionshaus für die kleine Aeonic interessiert. Schließlich ist die Firma noch lange nicht reif für die Börse. Das Team hat zwar einen viel versprechenden Software-Ansatz entwickelt, aber bis zu einem erfolgreichen Produkt ist es noch ein weiter Weg. Von IPO-tauglichen Managementstrukturen ganz zu schweigen.

IPO

Initial Public Offering, das erste öffentliche Kaufangebot für Unternehmensanteile, meist der Börsengang.

Die Investoren reden bei ihrem Besuch fast nur mit dem CEO. Dabei scheint sie vor allem das Businessmodell zu interessieren. Zur Technologie stellen sie kaum Fragen. Ob sich das Emissionshaus an Aeonic beteiligen will oder die Vorstände privat, ist noch nicht raus. Aber Hatzis hat den Eindruck: Das könnte klappen. Und wirklich, kurz danach meldet Brinkhaus das Angebot der Investoren. 20 Prozent Aeonic für 5,4 Millionen Mark.

Im April kommt das erste Geld. Nicht wie erwartet als Beteiligungskapital, sondern als Privatdarlehen an die Gesellschafter. Absender ist eine Frau, von der Hatzis bis heute nur den Namen kennt. Aber, so sagen die Hamburger und Brinkhaus unisono: In der Kürze der Zeit seien keine Verträge machbar gewesen und außerdem stehe die Struktur für die Beteiligung noch nicht. Die Aeonicer wollen nicht undankbar sein. Die Zinsen und Raten sind okay.

Das Geld, rund 100.000 Mark pro Person, überweisen die Gesellschafter sofort aufs Firmenkonto. Es wird nun auch dringend gebraucht.

Bei Aeonic ist man mit Feuereifer dabei, das Versäumte der letzten Monate aufzuholen. Endlich arbeiten die Entwickler wieder an der Server-Script-Sprache und anderen Produkten, endlich können neue Leute eingestellt werden, bald hat die Firma mehr als 20 Mitarbeiter. Und endlich kann ein neues Büro bezogen werden, das alte ist für die neuen Träume längst zu klein geworden.

Aktuelles Ziel des Eifers: die Messe Internet World im Mai in Berlin. Sie soll ein Knaller werden, Aeonic auf einen Schlag bekannt machen. 260 Quadratmeter sind gebucht. Ein Messebauer baut einen gigantischen Stand. Aeonic ist Sponsor des Internetcafes, der Messeparty. Poster, Prospekte müssen gedruckt werden und natürlich müssen endlich Demo-Versionen fertig sein, damit potenzielle Kunden die Chancen der Aeonic-Ware ohne weiteres erkennen können. Das Team hat alle Hände voll zu tun.

Nach wie vor gibt es keinen Vertrag mit den Investoren, aber sie schicken Geld für die Messe. Die rechtliche Grundlage der Zahlungen scheint unklar. Hatzis kann sie bis heute noch nicht so recht erklären, die Experten prüfen sie noch.

Mitte April kommen die Investoren zu Besuch. Aeonic hofft: Nun wird es endlich zum geregelten Verhältnis kommen. Stattdessen reden die Anleger erst mal wieder über Zahlen. Sie sprechen von Due Diligence und wollen auch das Businessmodell noch mal erklärt haben. Es ist auch von einem möglichen Börsengang die Rede.

Dann wird es unangenehm. Das neue Büro ist den Anlegern zu groß, der Messestand auch. Hatzis argumentiert, erklärt, warum der Messestand so groß sein muss (wegen der Markteinführung) und das Büro 1.000 Quadratmeter hat (man will ja wachsen). Er verweist darauf, dass dies alles in den Finanz- und Businessplänen stehe und lange bekannt sei. Aber die Investoren bohren weiter. Als man nicht weiterkommt, fangen sie an, von den falschen Strukturen bei Aeonic zu sprechen und darüber, dass der Vorstand offenbar nicht ordentlich zusammenarbeite. Hatzis ist ratlos.

Im Nachhinein betrachtet, scheint es, als hätte es hier bereits den ersten Riss in der Beziehung zwischen Investoren, Vorstandsvorsitzendem und Gründer gegeben. Aber noch gibt es Hoffnung, dass das Investment für alle Beteiligten glücklich endet. Hatzis hofft auf den Durchbruch, Brinkhaus will ein erfolgreiches Unternehmen leiten und wertvolle Anteile. Die Investoren spekulieren auf ein lukratives Investment.

Die Zeit drängt. Der Umzug, die Messe, es gibt jede Menge zu tun. Die Stimmung ist gereizt. Es werden Stellvertreterdiskussionen über Nebensächlichkeiten geführt: etwa darüber, dass der Neue in den neuen Büros das größte Zimmer für sich beansprucht und sich als Einziger die teureren Kirschholzmöbel bestellt.

Der fühlt sich offenbar immer weniger wohl. Jedenfalls ist er jetzt seltener im Büro in der Riesstraße anzutreffen. Keiner weiß, wo er ist. Wahrscheinlich versucht er die Investoren zu beruhigen, sie von der Richtigkeit des Engagements zu überzeugen. Aber die Gründer ärgern sich doch.

Die Messe läuft gut und alles ist vergessen. Es kommen erste Aufträge auch von namhaften Unternehmen, es melden sich auch haufenweise Bewerber und sogar interessierte Investoren. Aber man hat ja einen, auch wenn außer Brinkhaus offenbar niemand weiß, wie da der Stand genau ist.

Dafür tauchen auf der Messe Leute auf, die sich eingehend bei Aeonic über die Produkte und das Konzept informieren. Zwar ist die Software noch nicht ganz fertig, aber die Herren sind so begeistert, dass sie den verblüfften Aeonicern eröffnen, dass der Hamburger Investor sie geschickt hat, um die Erfolgsaussichten der Technologie zu prüfen. Die Geldgeber meinen es also wirklich ernst, schließt das Team.

Nach der Messe bricht Euphorie aus. Jetzt geht es richtig los, alles wird gut. Halt! Da kommt die Ernüchterung. Brinkhaus verfügt einen Einstellungsstopp. Geld soll auch nicht mehr ausgegeben werden.

Merkwürdig, finden alle. Brinkhaus meldet, in Hamburg würde es mit den Investoren Probleme geben. Er und Hatzis fahren hin. Es stellt sich nach einigem Hin und Her heraus, sie wollen wieder Zahlen haben, Tabellen und Grafiken. Und den Investoren passt die Besetzung des Vorstandes nicht. Außerdem erfahre Brinkhaus nicht genügend Unterstützung bei seiner Arbeit, beklagt der Vorstand des Emissionshauses. Das müsse anders werden. Es wird ohne Ergebnis diskutiert. Hatzis und Brinkhaus fliegen zurück, ihr Verhältnis ist ziemlich abgekühlt.

In München kippt die Stimmung. So recht glaubt niemand mehr an Brinkhaus und seine Geldgeber. Keiner fühlt sich mehr richtig informiert. Auch Michael Bader, der neben vielem anderen die Buchhaltung betreut, hat kaum noch Überblick. Wo ist das Geld? Woher kommen die sporadischen Zahlungen? Keiner weiß es.

Zu Gesprächen zwischen dem Gründer und dem CEO kommt es immer seltener. Und wenn, dann sind die Fronten so verhärtet, dass nichts dabei rauskommt. Aber gibt es jetzt noch ein Zurück? Die Krise ist da. Statt mehr Erfolg gibt es jetzt mehr Arbeit und Ärger. Der Gründer redet mit dem Aufsichtsrat, in dem neben seiner Mutter auch noch eine Freundin und der Anteilseigner Christian Bäumer sitzen. Aber die haben nicht viel Einfluss. Hatzis will auch seine Mutter nicht mehr belasten als unbedingt nötig. Bäumer verspricht, mit Brinkhaus zu reden.

Mitte Juni kommt es zum Eklat: Michael Bader, der langjährige Weggefährte hält den Druck nicht mehr aus. Er teilt Hatzis mit, dass er seine 26 Prozent der Anteile an die unbekannte Dritte verkauft hat, von der die Gesellschafter im April das Darlehen bekommen haben. Warum? Er sagt es nicht, sagt Hatzis, aber er sagt, er habe Angst vor der Zukunft. Und nun hat er keine Schulden mehr. Im Team glaubt man, Bader wurde systematisch mürbe gemacht.

Hatzis dämmert es: „Die wollen das Unternehmen – und zwar ohne uns.“ Plötzlich fällt ihm das Gerede über den Börsengang wieder ein.


Natürlich bin ich von der Entwicklung enttäuscht. Aber solange das Insolvenzverfahren noch läuft, möchte ich mich zu den Vorgängen bei Aeonic nicht äußern.
Frank Brinkhaus

Hatzis ist verzweifelt. Die Aeonic schafft keines ihrer Ziele mehr. Der Businessplan ist obsolet. Die Liquiditätsplanung ohnehin. Weil kein Geld da ist, hinken sie auch mit dem geplanten Update der Software hinterher. Ein anderes Produkt, das sie schon auf der Messe verkauft haben, kann nicht weiterentwickelt werden, weil Brinkhaus das Geld nicht rausrückt. Und mit Bader ist auch der Letzte, der den finanziellen Überblick hatte, aus dem Unternehmen ausgeschieden. Aber Hatzis will nicht aufgeben. Brinkhaus auch nicht.

Ab Juni ist der Gründer ohne Zahlenwerk. Brinkhaus rückt es nicht raus. Stellt dafür im Juli einen Berater ein. Das Team will Zahlen, Brinkhaus behauptet, Bader habe alles ruiniert, sei unfähig gewesen, der Neue müsse nun alles richten. Vom dem aber gibt es keinen Fetzen Information – offenbar, weil er nicht bezahlt worden ist.

Es ist Hochsommer und es gibt noch immer keinen Vertrag mit den Investoren.

Aber die haben nun über die große Unbekannte 26 Prozent am Unternehmen, die sie Bader abgekauft hat. Mit Brinkhaus' 31 Prozent plus einer Aktie haben sie zusammen die Mehrheit.

Das Team rebelliert. Es hält Sitzungen hinter Brinkhaus' Rücken ab. Der führt im Gegenzug Einzelgespräche mit Leuten, die er zu sich ins Zimmer zitiert. Es gibt nun richtig Zoff, der Chefentwickler steigt aus. Alles, was Aeonic hat, sind nun Aufträge ohne Techniker, Ideen und kein Geld. Die Kunden von der Messe bedrängen die Vertriebsleute. Konventionalstrafen drohen. Lieferanten werden nicht bezahlt. Noch steht das Team ziemlich geschlossen zu Hatzis, aber es ist klar: Die Situation ist total verfahren.

Doch es gibt immer noch Hoffnung. Aeonic soll an der New Yorker Internet World im Oktober teilnehmen, darauf haben sich die Beteiligten geeinigt. Plötzlich meldet sich Hamburg wieder, schickt einen Berater. Die Zahlen sollen noch mal neu gerechnet werden. Es entsteht der Eindruck, sie sollen vor allem schöner werden. Gleichzeitig wird der Druck auf Hatzis größer, alle glauben bei Aenoic, „die wollen den Gründer loswerden.“

So ganz ungewöhnlich ist das in der Start-up-Szene nicht, viele Netzwerke würden so funktionieren, sagt ein Branchenkenner, der nicht genannt werden will: „erst versuchen sie, den Gründer aus dem Unternehmen so weit wie möglich rauszuhalten, entmachten ihn, bringen das Unternehmen an die Börse und cashen dann ein.“ 

Das Aeonic-Team hat keine Zeit, über solche Verschwörungstheorien nachzudenken. Der nächste Tiefschlaf kommt: Die für Oktober vorgesehene Teilnahme an der World Internet World muss abgesagt werden, weil dafür auf einmal kein Geld mehr bereitgestellt werden soll.

Brinkhaus will handeln und endlich Klarheit schaffen. Auch für ihn, den CEO, ist die Situation nicht mehr zu halten. Er organisiert ein Treffen mit Investoren, Aufsichtsrat und Gründer für den 28. September.

Aber Hatzis ist durch die ständigen Querelen nicht weich, sonder hart gekocht. Er macht ein Übernahmeangebot, bietet 20 Pfennig pro Aktie. Außerdem präsentiert er einen Brief, den fast alle Mitarbeiter unterschrieben haben: Wenn Hatzis geht, dann gehen sie auch.

Der Aufsichtsrat hatte im Streit bisher kaum eine Rolle gespielt. Jetzt handelt er: Am 1. Oktober beschließt er einstimmig, Brinkhaus zu entlassen (Brinkhaus' Anwalt allerdings hält diesen Beschluss „für rechtswidrig“).

Aeonic ist wieder da, wo es vor einem Jahr war. Nur die Schulden sind größer.

Epilog:

Aeonic hat im Oktober Insolvenz beantragt. Das Verfahren läuft zur Zeit. Möglicherweise wird eine Auffanggesellschaft gegründet, die das Unternehmen wieder flottmacht. Vielleicht lässt sich dann einer der anderen Investoren noch einmal interessieren.

Hans-Ulrich Tittel, Insolvenzgutachter bei Aeonic, hat Mühe, die Unterlagen zusammenzukriegen. Viele seiner Fragen sind noch nicht zufrieden stellend beantwortet.


Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt. Es handelt sich bisher um eine unübersichtliche Gemengelage.
Hans-Ulrich Tittel

Frank Brinkhaus will sich nicht äußern. Er möchte warten, bis die Sache geklärt ist. Aber das kann dauern. Aus der Szene ist zu hören, dass er seine Zukunft weiter im Start-up-Business sieht.

Warum es mit Aeonic gekommen ist, wie es gekommen ist, wissen wohl nicht einmal die Beteiligten selbst so genau. Sicher hatten alle anfänglich das gleiche Ziel: Erfolg. Es bleibt offen, wieso keiner vorher die Notbremse gezogen hat. Warum, dafür gibt es lediglich Hypothesen.

_Einen echten Masterplan, eine Strategie, die den Namen verdient, hat es bei allen Beteiligten niemals gegeben.

_Die Investoren und Brinkhaus planten von Anfang an, Aeonic ohne das Gründerteam zu übernehmen, die Produkte weiterzuentwickeln und die Firma dann schnell an die Börse zu bringen.

_Jeder der Beteiligten war mit der Situation überfordert. Hatzis fehlten die kaufmännischen Grundkenntnisse, Brinkhaus das technologische Verständnis und den Investoren der Einblick.

Suchen Sie sich eine Hypothese aus. Klar ist, uns wäre das nicht passiert. Keinem von uns. Ihnen nicht und mir auch nicht. So was passiert immer nur den anderen.  ---