Ist Deutschland eine Steueroase?

Wo steckt das Geld?

Steueroasen, Schwarzgelder, Bankgeheimnis – das klingt nach Begriffen aus einer ebenso dunklen wie vergangenen Zeit. Aber tatsächlich geht es der Fluchtgeldbranche nach wie vor prächtig, behauptet James S. Henry, der ehemalige Chefökonom von McKinsey & Company, einer der weltweit kundigsten Experten in Sachen Kapitalflucht.





Anteil der Verluste durch Steueroasen an den Einnahmen durch Unternehmenssteuern in ausgewählten Ländern weltweit im Jahr 2017


Quelle: Experte(n) (Gabriel Zucman/Uni Berkeley), Statista

James S. Henry ist investigativer Wirtschaftsautor, Ökonom und Jurist mit Wohnsitz in New York und Sag Harbor. Seine Recherchen waren nach seinen Angaben essenziell für die Verurteilung des panamesischen Diktators Manuel Noriega. Für die Regierung von Paraguay recherchierte er den Verbleib des Vermögens, das der ehemalige Staatschef General Stroessner außer Landes gebracht hatte.

Die Vorstellung, dass es sich bei Steueroasen um exotische Eilande am entlegenen Ende der Welt handelt, ist jedenfalls irreführend. Ohnehin gibt es nicht die typische Steueroase. Wir sprechen vielmehr von einer Branche mit diversen Komponenten und Nutzern unterschiedlicher Größe und Motivlage. Da gibt es zum einen sogenannte Conduit Offshore Financial Centers (OFCs), hoch entwickelte Nationen wie die Niederlande, Großbritannien, Singapur oder Irland. Sie gelten zwar offiziell nicht als Steueroasen, verfügen aber über Steuerinstrumente und Gesetze, mit denen sich Kapital effizient von steuerintensiven Märkten wie Deutschland umleiten lässt. Ihr Zwischenziel sind die „Sink OFCs“, also die klassischen Steueroasen , in denen Kapital vor dem Zugriff von Steuer- und anderen Behörden geschützt ist.

Auf der Klientenseite dieses Systems finden sich zum einen Großunternehmen, die ihre Steuerlast senken wollen. Auf der anderen Seite stehen individuelle Investoren, für die Steuervermeidung bei Weitem nicht der entscheidende Beweggrund ist. Viel wichtiger sind heute Motive wie Geldwäsche, organisierte Kriminalität und die Zustände in Kleptokratien wie China oder Russland, vor denen reiche Bürger ihr Kapital in Sicherheit bringen wollen.

Schwer zu sagen. Da die meisten OFCs Mitglieder von Weltbank und Weltwährungsfonds sind, zeigen diese Gremien wenig Neigung, sich des Problems gründlich anzunehmen. Also haben wir 2012 zusammen mit dem „Tax Justice Network“ erstmals den Versuch unternommen, diese Schattenbranche und ihre Umsätze zu durchleuchten. Unsere wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

• Nach unseren Berechnungen wurden zwischen 21 und 32 Billionen US-Dollar nahezu steuerfrei in mehr als 80 Offshore-Häfen der Welt geparkt.

• Diese Summe entspricht mehr als 20 Prozent des globalen Vermögens.

• Durch diese Steuerflucht entgehen den Staaten jedes Jahr 190 bis 255 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen.

• Weltweit zählen wir heute etwa 110 Offshore Havens oder sogenannte Financial Secrecy Jurisdictions, die Anlegern ein attraktives Maß an Anonymität bieten. Dazu zählt übrigens auch die Bundesrepublik.

Seit 2012, als wir unsere Kalkulationen veröffentlichten, dürfte das Volumen dieses versteckten Wohlstands vermutlich noch gewachsen sein. Allerdings versickert er heute zusehends in anderen Kanälen: Bankkonten sind angesichts der Niedrigzinsen unattraktiv geworden. Stattdessen gewinnen Cash und Kryptowährungen, Hedgefonds und Privatkapitalfirmen an Bedeutung.

Conduit OFCs
(wörtlich: Kanal-Offshore- Finanzcenter) sind hoch ent- wickelte Länder wie die Niederlande, Großbritannien, die Schweiz, Singapur und Irland, die als Zwischenstation für Kapital auf dem Weg zu „Sink OFCs“ fungieren. Weil sie als OECD-konform gelten und bilaterale Steuerabkommen unterzeichnet haben, bilden sie ideale Plattformen für das Manövrieren von Kapital.

Das Klischee lautet: Wohlhabende Investoren aus Erste-Welt-Ländern deponieren ihr Kapital in schlecht regulierten Dritte-Welt-Steueroasen. Tatsächlich ist es genau andersherum – das meiste Geld bewegt sich von ärmeren Ländern in reichere Länder. Jene Entwicklungsländer, die wir als arme Schuldner betrachten, sind – wenn man ihre zehn bis 15 Billionen US-Dollar im Ausland gebunkertes Kapital berücksichtigt – unterm Strich in Wirklichkeit Gläubiger. Mit anderen Worten: Das „Schuldenproblem“ der Entwicklungsländer, wie wir es nennen, ist kein Schulden-, sondern im Kern ein Steuerproblem.


Unser Report zeigt auf, dass die Vermögensungleichheit auf nationalem wie auf globalem Level total unterschätzt wird. In den meisten Ländern ist die finanzielle Ungleichheit nicht nur sehr viel größer als angenommen, sondern auch sehr viel schneller gewachsen. Nachdem der überwiegende Teil der nicht öffentlichen privaten Vermögenswerte, die wir quantifizieren konnten, von einer winzigen Elite gehalten werden, ist der Effekt auf unsere Einschätzung von Ungleichheit gewaltig. Nach unseren Erkenntnissen kontrolliert heute eine Gruppe von weniger als 100 000 Menschen – 0,001 Prozent der Weltbevölkerung – mehr als 30 Prozent des weltweiten finanziellen Wohlstands.
James S. Henry, „The price of offshore revisited“

Ganz einfach: Weil ihre Eliten zu den besten Kunden der Offshore-Industrie gehören. Ein klassischer Fall war Ferdinand Marcos, jener philippinische Diktator, der seinem Land etwa zehn Milliarden US-Dollar stahl, indem er die Zentralbank seines Landes als Sparschwein nutzte und das Geld auf ein Familienkonto in der Schweiz transferierte.

Ein anderes Beispiel ist die Republik Angola, wo ein Sozialfonds von einem Sohn des Präsidenten verwaltet wird. Zusammen mit einem Schweizer Banker hat er auf diese Weise etwa fünf Milliarden US-Dollar auf die Seite gebracht.

Die meisten der rund 110 Staaten, die im „Financial Secrecy Index“ gelistet sind, dienen lediglich als Zwischenstationen. Niemand will sein Kapital dauerhaft auf den Cayman Islands parken. Steueroasen wie diese sind lediglich eine Art Durchleitungskanal für Kapital mit Spezialfiltern, die es vor Enteignung, Besteuerung und Anti-Geldwäsche- Gesetze schützen.

Aus Sicht der großen grenzüberschreitenden Investoren ist jede einzelne dieser sogenannten Zwischenstationen unwichtig. Selbst zehn von ihnen könnte man jederzeit problemlos durch andere ersetzen. Entscheidend ist das übergreifende Netzwerk, das das Kapital ebenso effizient wie flexibel an sein eigentliches Ziel weiterleitet: stabile Ökonomien wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland.

Diese Premium-Steueroasen wären nicht so leicht zu ersetzen, weil sie weniger mobile Assets wie Aufenthaltsrechte, Kunst oder Immobilien beherbergen. In der City of London beispielsweise dürften heute etwa 70 000 bis 80 000 Immobilien in den Händen russischer Anleger sein. In Berlin besitzt allein die Investmentfirma Blackstone Tausende Wohnungen, deren Minderheitseigner sie nicht offenlegen muss. Wir wissen also nicht, wessen Kapital in diesem Immobilienbestand steckt. Klar ist nur: In den Immobilienmärkten von Metropolen wie London, Berlin, New York und Vancouver sind in den vergangenen zehn Jahren enorme Summen aus Kleptokratien wie Russland und China investiert worden.

Die ausgeklügelten Transaktionen, mit denen man Geld vor Steuerbeamten und Bevölkerung in Sicherheit bringt, sind nichts, was sich jemand allein für sich ausdenken kann. Sie sind vielmehr die Produkte hoch spezialisierter Fachleute, die man so lange braucht, wie komplexe Geldwäsche und Steuerhinterziehung keine Do-it-yourself-Aktivitäten sind.

Am aktivsten sind hier große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die quasi in jedem Land der Welt Ableger betreiben und mit Versicherungskonzernen und Banken wie UBS, Credit Suisse, J. P. Morgan oder Deutsche Bank kooperieren. Zusammen formen sie ein Geflecht von Enablern und Wegbereitern, die im Gleichschritt mit den globalen Veränderungen immer das nächste große Ding aushecken.

Sink OFCs
sind die klassischen Steueroasen, also Länder, in denen ein nennenswerter Anteil des Kapitals dauerhaft von der Oberfläche verschwindet (daher auch die Bezeichnung „Abfluss-OFCs“). Das bedeutet allerdings keineswegs, dass das Kapital auch tatsächlich in den Sink OFCs versickert – es kann von hier aus in Vermögenswerte in aller Welt reinvestiert werden. Entscheidend ist aber, dass Rechtstitel und Gewinne in der Steueroase verbleiben. CORPNET hat 24 Sink OFCs – darunter die Marshall Islands und Hongkong – identifiziert.

Richtig, genau deshalb versuchen stets neue Länder, sich als Steueroasen zu etablieren. Jüngster Neuzugang ist Kenia, das sich wohl in seiner Nachbarschaft umgeschaut und gefragt hat: Mauritius tut es, warum tun wir es nicht auch?

Der Blick auf die Profitabilität von Steueroasen täuscht aber. Der Journalist Nicholas Shaxson hat kürzlich in einem Buch („The Finance Curse – How global finance is making us all poorer“) die negativen Konsequenzen einer strategischen Entscheidung für Steueroasen untersucht. Unterm Strich enden die meisten kleinen mit Problemen wie Geldwäsche, Betrügern, Korruption und einer instabilen Wirtschaft, die einseitig vom Steueroasen- Dasein abhängig ist. Denn der Wohlstand, den sie anziehen, wird nur in den seltensten Fällen vor Ort investiert. Der Grund ist einfach: Dieselben Faktoren, die einen Ort als Geld-Umschlagsplatz interessant machen, lassen ihn als Investitionsziel gefährlich erscheinen. Schließlich zeichnen sich die meisten Steueroasen durch enge Kapitalmärkte, lockere finanzielle Regulierung sowie Richter, Polizisten und Gesetzgeber aus, die gegenüber Einflüssen von außen nicht so unempfindlich sind wie ihre Kollegen in der Ersten Welt.

Zahl der von Mossack Fonseca gegründeten Briefkastenfirmen in Steueroasen weltweit


Quelle: ICIJ, Statista

Die Vereinigten Staaten von Amerika. Mein Land spielt hier eine ziemlich heuchlerische Rolle: Einerseits bestehen wir darauf, dass die ganze Welt ihre Bürger ordentlich besteuern soll, andererseits locken wir wohlhabende Steuerflüchtlinge, Betrüger und Kleptokraten aus dem Ausland mit weitreichenden Steuervorteilen und dem Versprechen auf Anonymität zu uns. In 48 US-Bundesstaaten sind Limited Liability Corporations (LLCs) zugelassen, 13 offerieren Asset Protection Trusts – alles Instrumente, die aus Perspektive eines Kapitalflüchtigen nicht schlechter sind als jene, die ihn auf den Cook Islands erwarten. Zudem sind bei uns natürlich all die wichtigen Wegbereiter des Steuervermeidungs- Systems – Banken, Wirtschaftsprüfer und Anwälte – vor Ort.

Aber auch Sie in Deutschland könnten eine Menge tun. Vermutlich ist es Ihnen gar nicht bewusst, aber die Bundesrepublik ist einer der weltweit wichtigsten Plätze für Geldwäsche. Ihr Immobilienrecht ist voller Schlupflöcher, die zum Beispiel von der organisierten Kriminalität aus Italien genutzt werden. Es wäre ein Anfang, wenn die Deutschen sich bewusst würden, dass Geldwäsche a) ein Problem für ihre nationale Sicherheit und b) schlichtweg nicht mehr akzeptabel ist.

Dieses Argument wird von den Verfechtern und Profiteuren des Systems natürlich immer wieder vorgebracht. Wir sprechen hier allerdings von einem Wettrüsten um die niedrigsten Steuersätze. Und wie bei jedem Wettrüsten genießen die Vorreiter zunächst einige Vorteile, bevor es für alle Teilnehmer des Rennens immer schwerer wird, noch attraktive Konditionen anzubieten. Die Vereinigten Staaten haben heute eines der niedrigsten Unternehmenssteuerniveaus aller OECD-Staaten. Rechnet man die Subventionen ein, die bei uns Unternehmen gewährt werden, ist es nicht mehr weit bis zu Negativsteuern.

Schafft dieses Modell dauerhaft Jobs? Die Wegbereiter bei Banken und Wirtschaftsprüfern einmal ausgenommen, kenne ich kein Beispiel, in dem Niedrigsteuern eine nachhaltige Strategie für die Schaffung von Arbeitsplätzen darstellten. Nehmen Sie Zypern, das über einen großen Finanzsektor verfügt: Den Anwälten und Bankmanagern dort geht es prächtig. Jeder andere aber muss sich fragen: Warum adaptieren wir diese verrückte Strategie? Schließlich fließt das Kapital nicht in Technologien, Ausbildung, hoch qualifizierte Jobs und all das, was dauerhaftes Jobwachstum kreiert. Stattdessen bleiben viele Staaten am Ende mit Massenarbeitslosigkeit, Unsicherheit und einer Wirtschaft in Schieflage zurück. Ich bin beispielsweise sehr gespannt, wie es mit Luxemburg weitergeht, einer Steueroase, deren Geschäftsmodell unter enormen Druck geraten ist. Die Opportunitätskosten dieses Trickserei-Geschäfts sind enorm.


Angesichts der erheblichen Profite (der Steueroasen) stellt sich die Frage, warum es nicht eigentlich mehr von ihnen gibt.
Die Ökonomen Dhammika Dharmapala und James Hines jr. in ihrer Studie „Which countries become tax havens?“ (2009)

Dieselbe Frage habe ich kürzlich einem panamesischen Anwalt gestellt. Ironischerweise lautete seine Antwort: Delaware. Dieser US-Bundesstaat ist, was die Transparenz von Finanzdaten betrifft, genauso heimlichtuerisch wie jede andere Steueroase. Delaware beheimatet heute mehr als eine Million unregistrierter Unternehmen, und bevor Ermittler jemanden in diesem Dickicht aufstöbern, muss schon einiges geschehen.

Mit anderen Worten: Niemand muss heute mehr auf entlegene Inseln flüchten, wenn er Kapital verstecken oder Steuern vermeiden will. Er kann dies gleich vor der Haustür tun.

Wie gesagt, es gibt einen ernsthaften Interessenkonflikt zwischen Entwicklungsländern und entwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Letztere verlieren auf der einen Seite zwar Steuereinnahmen an Steueroasen, profitieren andererseits aber dank ihres starken Bankensektors enorm vom Offshore-System. Das erklärt ihre doppeldeutige Haltung.

Ein Beispiel: Als Reaktion auf „LuxLeaks“, „Panama Papers“ und andere Leaks veröffentlichte die Europäische Union im Dezember 2018 eine Schwarze Liste von 17 Staaten, die die EU in Steuerangelegenheiten offiziell als „unkooperativ“ eingestuft hat. Diese Liste reichte von mittelgroßen Staaten wie Südkorea bis zu Amerikanisch-Samoa, einem Territorium mit gerade mal 55 000 Einwohnern. Dafür sparte sie aber nicht nur sämtliche europäischen Steueroasen – Irland, die Niederlande, Luxemburg, Zypern, Malta und Lettland – aus, sondern auch wichtige Handelspartner der Europäischen Union wie Singapur und Hongkong.

Am augenfälligsten aber ist die Tatsache, dass die drei Top-Destinationen für Fluchtkapital auf dieser Liste fehlen, nämlich die Schweiz, die Vereinigten Staaten und das sogenannte UK-Spinnennetz, also jene ausgedehnte Gruppe von Inseln, die das Vereinigte Königreich seit den Fünfzigerjahren kultiviert hat.

Diese Top-Destinationen spielen im Offshore-Gewerbe gleich mehrere entscheidende Rollen: Zum einen sind sie sichere Häfen für wohlhabende Investoren, denen sie niedrige Steuerraten, Anonymität, Stabilität, Liquidität und Rechtssicherheit garantieren. Zum anderen sind sie attraktive Ankerplätze für internationale Konzerne und Banken. Und drittens sind sie ein bevorzugter Aufenthaltsort für wohlhabende Offshore-Investoren, die hier lange Zeit nahezu steuerfrei leben können.

Wenn eine Schwarze-Liste-Strategie wie die der Europäischen Union jemals ernsthaft Wirkung zeigen soll, müsste sie auch Premium-Steueroasen umfassen. Irgendwie tut sie das aber nie.

James S. Henry ist Autor des Buches „The Blood Bankers“ (Basic Books 2005) über die finanzielle Schattenwirtschaft. Für seine Studie „The price of offshore revisited“, die er 2012 mit dem Tax Justice Network veröffentlichte, nutzte der Ökonom Daten von Weltbank und Weltwährungsfonds, den Vereinten Nationen sowie den Zentralbanken, um die Tiefe und Breite des Geldstroms zu taxieren, der aus 139 „Geberländern“ in Steueroasen geflossen ist. Die Analyse ist allerdings ähnlich umstritten wie die Definition des Phänomens Steueroase.

Es stimmt, wir haben eine Reihe von Skandalen erlebt – Lux-Gate, Swiss-Gate, die Panama Papers und Paradise Papers. Dort waren aber nur relativ unbedeutende Staaten und kleine Kanzleien beteiligt. Mossack Fonseca & Co, die panamesische Kanzlei, die durch die Panama Papers weltweite Berühmtheit erlangte, war eine mittelgroße Firma mit 500 Angestellten und mehr als 40 Büros, die Aufträge von den großen Banken dieser Welt entgegennahm, wenn die in Panama aktiv werden wollten. Sie war ein Befehlsempfänger, nicht mehr. Viel interessanter wäre es, zu erfahren, was in Finanzzentren wie Genf, New York oder London vor sich geht. Dort sitzen die verantwortungslosesten Akteure in diesem Spiel, nämlich die großen Finanzinstitute, die wir alle gut kennen.

Zwischen 1999 und 2015 sind diese Player in etwa 650 Fällen von illegalem Handel, Finanzbetrug, Geldwäsche und Korruption genannt worden. Sie haben in dieser Zeit insgesamt etwa 300 Milliarden Dollar an Strafen bezahlt. Kein einziger Verantwortlicher aber musste ins Gefängnis, keine einzige Bank verlor ihre Lizenz. Wir brauchen einfach härtere Strafen für diese Serientäter. Die Wirtschaftsprüfungskanzleien und Banken, die Geldwäsche und Steuerflucht ermöglichen, dürfen nicht länger straffrei ausgehen.

Nun, wir haben in den vergangenen Jahren bereits einige erstaunliche Erfolge erzielt. 2010 waren wir ein paar Whistleblower beim Tax Justice Network, die auf ein Problem hinwiesen, das kaum jemand wahrnahm. Heute empört sich jede NGO über die Steuervermeidung durch Großkonzerne. In weniger als zehn Jahren ist Kapitalflucht ein Thema geworden, das von den G20 und der OECD diskutiert wird. Die Bankenbranche ist unter Druck geraten, nicht zuletzt wegen unserer Ermittlungen.

Als Reaktion hat sie ihr Spiel verändert: Von Nummernkonten in der Schweiz für individuelle Klienten ist das Geld in die Hände scheinbar unabhängiger Vermögensverwalter gewechselt, die als „einheimische“ Kunden gelten, obwohl sie die Millionen anonymer Anleger verwalten.

Unser Vorteil ist: Wir haben die Fakten auf unserer Seite. Und die besagen, dass wir Zeugen eines Fehlverhaltens in ungeheuerlichem Ausmaß sind. Außerdem sprechen wir schließlich nicht davon, diese Player zu verstaatlichen, sondern lediglich davon, dass Unternehmen und Vermögende ihren fairen Anteil an Steuern zahlen.

Ein weiterer Faktor ist die Klimakrise: Allein um die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen zu finanzieren, werden wir 200 bis 400 Milliarden Dollar pro Jahr brauchen und zur CO2-Vermeidung Investitionen in nie gekanntem Ausmaß tätigen müssen. Unsere Enkel werden keine Eisbären mehr erleben und uns fragen, was wir gegen den Klimawandel unternommen haben. Reichtum, der in irgendwelchen Steueroasen geparkt ist, wird dann seinen Glanz verloren haben.

Ich glaube, die Folgen der Klimakrise werden den Leuten bewusst machen, dass wir unsere finanziellen Ressourcen neu verteilen müssen. Die Anhäufung weiterer Besitztümer kann nicht Ziel sein. Es ist an der Zeit, Wohlstand neu zu definieren. Wir können daher in den nächsten Jahren erhebliche Fortschritte im Kampf gegen Steueroasen machen.

Erstens ein Minimalsteuersatz, den jeder Staat bei jedem Unternehmen, das innerhalb seiner Grenzen tätig ist, erheben kann. Dafür müssten allerdings internationale Unternehmen ihre Steuerlast für jedes Land, in dem sie aktiv sind, offenlegen.

Außerdem wäre viel gewonnen, wenn große Steueroasen wie die USA, Deutschland und Großbritannien eine Registrierung des wirtschaftlichen Eigentums von Immobilienbesitz vorschreiben und eine Steuer auf anonymen Besitz einführen würden. Finanzielle Anonymität ist heute einfach viel zu billig zu haben. Wir müssen sie nicht abschaffen. Aber wir sollten sie besteuern.

Man darf allerdings nicht vergessen: Der Kampf gegen Steueroasen und Steuerhinterziehung ist ein Kampf gegen eine der bestvernetzten Interessengruppen. Keine Interessengruppe der Welt ist reicher und mächtiger als jene der Reichen und Mächtigen. Dies ist ein endloser Krieg, in dem die Gegenseite stetig neue Mechanismen ersinnt, gegen die wir angehen müssen.

Natürlich. Die wichtigste lautet, dass es viel Offshore-Kapital gibt, das man zurückbringen könnte. Nach meinen Recherchen haben allein Südafrikaner rund 600 Milliarden Dollar offshore gebunkert. Stellen Sie sich das vor: Wie könnte es in Südafrika aussehen, wenn dieses Geld zurückgebracht und im Land investiert werden würde?

Das Kapital ist schließlich nicht den Amazonas hinuntergeschwommen. Es ist nicht verloren, sondern liegt irgendwo. Und von dort sollten wir es zurückholen. //

Länder mit dem größten Steuervermeidungsaufkommen (Steuereinbußen in Mrd. Dollar)


Quelle: Richard Murphy, Tax Justice Network

Steueroase oder Offshore Financial Center (OFC)?
Beide Begriffe werden häufig synonym verwendet, beschreiben aber unterschiedliche Phänomene. Ein OFC ist per Definition ein „Land oder Rechtssystem, das Ausländern finanzielle Services in einer Größenordnung offeriert, die in keinem Verhältnis zur Größe und Finanzkraft ihrer heimischen Wirtschaft stehen.“ Der Begriff „Offshore“ ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, schließlich liegen OFCs wie Luxemburg und Hongkong bekanntlich auf dem Festland.

Je nach Interessenlage wird in der Literatur und in offiziellen Listen fein zwischen (weithin akzeptierten) OFCs und (verpönten) Steueroasen unterschieden. So umfasste die OECD-Liste der Steueroasen von 2017 nur eine einzige Nation (Trinidad & Tobago). Ein halbes Jahr später nannte die Schwarze Liste der Europäische Union nur wenige der Top 20-Steueroasen, die Wissenschaftler und NGOs als solche bezeichnen; alle wesentlichen hingegen fehlten.

Eine Forschungsgruppe der Universität Amsterdam ignorierte vor zwei Jahren all diese feinen Unterschiede. Auf Basis einer Analyse von 98 Millionen Firmenverbindungen weltweit identifizierte sie Länder, die aufgrund ihrer internationalen ökonomischen Verbindungen als OFCs gelten können. Diese OFCs unterteilten die Forscher ihrer Rolle und Bedeutung nach in fünf sogenannte Conduit OFCs und 24 Sink OFCs.

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