Wobei können Experten helfen?

Was machen eigentlich Wirtschaftsprüfer und Steuerberater?





/ Steuerberater, die machen die Steuererklärung, oder? Und Wirtschaftsprüfer, die… tja, was? Manche Unternehmen zögern nicht nur aus Kostengründen, sich von dieser Zunft unterstützen zu lassen, sondern auch aus Unwissenheit. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, selbst wenn eine Firma nicht dazu verpflichtet ist. Natürlich unterscheiden sich die Bedürfnisse, je nachdem, ob man Produzent oder Dienstleister ist, ob man 20, 200 oder 2000 Mitarbeiter beschäftigt, ob man nur in Deutschland oder international aktiv ist. Doch die Überlegung lohnt sich. Eine Handreichung.

Kernaufgabe von Wirtschaftsprüfern ist es, die Jahresabschlüsse von Unternehmen zu erstellen oder sie auf ihre Vollständigkeit und Richtigkeit zu prüfen. Sie ziehen dafür Stichproben und steigen tiefer ein, wo es wesentliche Abweichungen von den vorliegenden Zahlen gibt – was als „wesentlich“ gilt, hängt von der Kategorie ab. Außerdem nehmen sie Sonderprüfungen vor, bewerten Firmen und erstellen Gutachten, etwa wenn es um die Kreditwürdigkeit geht oder eine Sanierung.

Laut Wirtschaftsprüferkammer sind 84 Prozent der Wirtschaftsprüfer auch als Steuerberater zugelassen. Sie können also wie Steuerberater Steuerbilanzen und Steuererklärungen erstellen, die Kommunikation mit dem Finanzamt übernehmen, steuerliche Folgen von Transaktionen, Investitionen oder Verträgen prüfen und Strukturen unter Steuergesichtspunkten optimieren. Weil es schwierig ist, auf allen Gebieten auf dem neuesten Stand zu bleiben, konzentrieren sich viele irgendwann auf ein Feld oder einige wenige.

Für Unternehmer kann es hilfreich sein, möglichst viele Dienstleistungen aus einer Hand einzukaufen und eine langfristige Zusammenarbeit anzustreben. Dann kennt der Prüfer respektive Steuer- berater das Unternehmen bereits gut, hat Zugriff auf die wichtigsten Daten und kann deutlich effizienter arbeiten.

Doch Vorsicht: Wächst ein Unternehmen in die Pflichtprüfung hinein, darf der vertraute Prüfer in der Regel nicht gleichzeitig den Jahresabschluss inklusive Handels- und Steuerbilanz erstellen und anschließend selbst kontrollieren – da greift das sogenannte Selbstprüfungsverbot.

Nein. Steuerberater, die stets auf dem letzten Stand des Steuerrechts sein müssen, sind auch juristisch bewandert – häufig ist von „Tax & Legal“ oder von „Steuer- und Rechtsberatung“ die Rede. Wirtschaftsprüfer kennen sich ebenfalls mit Gesetzen aus. Hinzu kommt immer häufiger IT-Fachwissen, denn eine Prüfung fängt heute mit der Frage an, ob die IT-Systeme, aus denen die Daten einer Firma stammen, überhaupt zuverlässig sind. Zudem muss der Wirtschaftsprüfer digitale Hilfsprogramme beurteilen können, denn bei aller technischen Unterstützung zählt am Ende immer sein Urteil.

Weil die Honorare für Pflichtprüfungen in den vergangenen Jahren massiv unter Druck geraten sind, erweitern immer mehr Wirtschaftsprüfer ihren Leistungskatalog. Viele bieten mittlerweile Beratungsdienste aller Art an, mal nahe an ihren Kernaufgaben, mal weit davon entfernt. Letzteres kann zum Beispiel die IT betreffen, Ersteres, etwa im Falle eines geplanten Zukaufs, die „Due Diligence“, sprich die Prüfung der Zahlen, Stärken, Schwächen und Risiken des Übernahmeziels. Im Falle eines geplanten Verkaufs wird auch ein nüchterner, von Emotionen ungetrübter Blick auf den Firmenwert geliefert. Dank ihres breiten Spektrums sind Wirtschaftsprüfer inzwischen eine Art Allzweckwaffe für Unternehmer.

Zur gesetzlichen Pflicht wird eine Prüfung für Unternehmen, wenn sie die Grenzen von sechs Millionen Euro Bilanzsumme, zwölf Millionen Euro Umsatz oder 50 Mitarbeitern überschreiten. Genauer gesagt: zwei dieser Grenzen zweimal in Folge. Doch auch unterhalb dieser Schwelle kann eine Zusammenarbeit sinnvoll sein. Wie klassische Unternehmensberater wissen Wirtschaftsprüfer viel über die Unternehmen, sie kennen ihre Strukturen, Probleme und Lösungen. Mit ihrem Blick von außen können sie Lücken aufzeigen, Altes hinterfragen und eine Kontrollfunktion übernehmen. Daher kann es manchmal helfen, neben Buchhalter, Steuerberater und Coach einen Wirtschaftsprüfer ins persönliche Netzwerk aufzunehmen.

Prüfer schauen: Stimmen die Abläufe in der Firma? Passen die Daten aus Bestellungen, Lieferungen und Rechnungen zusammen? Sind die Zahlen so aufbereitet, dass auch ein Außenstehender sie nachvollziehen und richtig interpretieren kann? Kommunizieren IT-Systeme ohne Bruchstellen miteinander – oder müssen Daten noch aufwendig per Hand übertragen werden? Wie steht es um die Liquidität, wie um die Anbindung von Lieferanten und Verkaufsplattformen? Erhalten Banken die für einen Kredit nötigen Informationen?

„Wir sehen uns als unternehmerisches Gegenüber“, sagt Ingrid Westphal-Westenacher, Vorstand des Netzwerks ETL AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das bundesweit über mehr als 35 Niederlassungen verfügt. Es gehe um einen Austausch „auf Augenhöhe“. Könne sie selber nicht helfen, suche sie jemanden in der Gruppe, der geeignet sei. „Wir beherrschen selbst nicht alles, können aber der Ansprechpartner in fast allen Lebenslagen sein“, erklärt die Wirtschaftsprüferin. Sprich: eine Art Lotse.

Für alle, die viel mit öffentlichen Auftraggebern arbeiten, regelmäßig Fördergelder beantragen oder auf Spendenbasis agieren, kann sogar eine freiwillige Prüfung sinnvoll sein. Mit ihr erhöhen Organisationen ihre Transparenz gegenüber Dritten – das schafft Vertrauen. „Behaupten kann man als Unternehmen ja erst einmal vieles“, sagt Corinna Ahrendt, Geschäftsführerin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft 3D.

Die größten Unternehmen am Markt sind die sogenannten Big Four – PwC, EY, KPMG und Deloitte. Sie verstehen sich als „one-stop-shop“, also als alleinige Anlaufstelle vor allem für Konzerne, sodass die nicht ständig Spezialisten suchen müssen. Es folgen die „Next Ten“, Gesellschaften mit 50 bis 250 Millionen Euro Umsatz wie BDO, Rödl & Partner, Baker Tilly, PKF oder Dornbach, die ebenfalls ein großes Portfolio, Büros in der ganzen Republik sowie häufig Partner im Ausland haben.

Darunter zerfällt die Branche in viele kleine nationale, manchmal regional oder fachlich fokussierte Anbieter – bis hin zum Einzelkämpfer. Je nach Firmengröße können auch sie hilfreiche Ansprechpartner sein, speziell bei Fragen, bei denen ein Unternehmen über keine eigenen Kräfte und Erfahrungen verfügt.

Die Wirtschaftsprüferkammer listet derzeit rund 50 Spezialisierungen auf, vom Insolvenzrechtler bis zum Mediator. „Konzerne können sich für all das Abteilungen leisten, der Mittelstand hingegen weiß teils noch nicht einmal, dass dort die Probleme liegen“, sagt Westphal-Westenacher von ETL.

Ein paar Fragen sollten bei der Auswahl bedacht werden: Ist der Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater mit dem Gebiet vertraut? Jede Branche hat ihre eigenen Probleme, Fachbegriffe und Fallen. Wobei soll er helfen? Je klarer abgegrenzt eine Aufgabe ist, desto eher reicht ein einzelner Prüfer. Ist dagegen die Zusammenarbeit umfassend angelegt, sollte eine Prüfungsgesellschaft ins Auge gefasst werden – sie hat in der Regel Experten für viele Themen.

Als Faustregel gilt: Je größer die Gesellschaft, desto höher der Stundensatz und desto dichter der Terminkalender des Prüfers. Wer mit seiner Firma 100 Millionen Euro Umsatz macht und einen regelmäßigen Austausch wünscht, sollte sich im Klaren sein, dass er bei einem mittelständischen Prüfer zu den Top-Kunden zählt, während er bei den Big Four vermutlich deutlich weiter unten auf der Mandantenliste steht. Wer auf Renommee Wert legt und einen großen Namen, der Eindruck macht, ist dagegen bei den Großen richtig.

Geht es um ein einmaliges Problem oder eine langfristige Zusammenarbeit? Für Letzteres sollte die Auswahl in Ruhe erfolgen – es kann helfen, befreundete Unternehmer zu fragen, die schon die Suche hinter sich haben. Wichtig ist, eine gemeinsame Basis mit dem Dienstleister zu finden. „Es ist eine sehr persönliche Beziehung, bei der man auch Probleme offenlegen muss“, sagt Westphal-Westenacher. Passt es persönlich nicht, ist meist ein Wechsel nötig, was bedeutet: alles noch mal erklären. „Ein neuer Prüfer bedeutet immer Aufwand“, sagt Katja Nötzel, Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin bei Ecovis in Leipzig.

Bei Steuerberatern gibt es für die meisten Dienstleistungen eine Gebührenverordnung, die sich mal an der Arbeitszeit, mal an einem Wert orientiert. Wirtschaftsprüfer dagegen arbeiten häufig nach Stunden- oder Tagessätzen, die stark variieren. Wer Planungssicherheit wünscht, kann eine Pauschale oder ein Leistungspaket zum fixen Preis vereinbaren, auf das alles, was darüber hinausgeht, aufgeschlagen wird. Klar ist: Je komplexer das Problem, je komplexer die Firma, desto teurer wird es.

Das hängt von jedem selbst ab: Geht es nicht um eine Pflichtprüfung, gibt der Auftraggeber den Takt vor. Übernimmt der Prüfer die Steuerberatung, gehen täglich oder wöchentlich Dokumente hin und her. Für einen wiederkehrenden Zahlen-Check oder ein freiwilliges Testat ist ein intensiver Austausch alle paar Monate sinnvoller. „Wenn wir Probleme frühzeitig erkennen, können wir sie rechtzeitig lösen. Entdecken wir sie erst im Januar, haben sie sich bereits auf das gesamte abgelaufene Geschäftsjahr ausgewirkt“, sagt Ingrid Westphal-Westenacher.

Bei einer dauerhaften Kooperation sollten Daten möglichst digital ausgetauscht werden – die Prüfer sollten stets in der Lage sein, darauf zuzugreifen. Die nötigen Schnittstellen finden sich heute in den meisten Buchhaltungsprogrammen. Müssen Papiere und Belege gefaxt oder gar per Post verschickt werden, steigen Aufwand und Kosten.

Das kommt auf die Probleme an. Fragt der Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer nach, weil ihm etwas unklar ist oder Dokumente fehlen, gehört das zu seinem Job. Es gilt, Schwachstellen, Fehler und Risiken zu finden, idealerweise bevor sie sich zu einem Schwelbrand entwickeln. Dafür darf, ja, soll der Prüfer seinen Mandanten zur Not auch nerven. Ein Testat klingt meist makellos, doch der Weg dorthin kann manchmal über zähe Diskussionen und hartes Ringen führen.

Passt es hingegen menschlich nicht, steht es jedem frei, sich einen anderen Dienstleister zu suchen. Geht es um eine gesetzliche Abschlussprüfung, ist der Prüfer wie die geprüfte Gesellschaft allerdings gehalten, die Kündigung des Auftrags der Wirtschaftsprüferkammer mitzuteilen, die ihre Zulässigkeit klärt. 2018 erhielt sie nur sieben solcher Mitteilungen.

Da gibt es die Wirtschaftsprüferkammer, die für die sogenannte anlassbezogene Berufsaufsicht – inklusive disziplinarischer Maßnahmen – zuständig ist sowie für regelmäßige, alle paar Jahre vorgesehene Qualitätskontrollen. Daneben führt die APAS, die Abschlussprüferaufsichtsstelle, Inspektionen bei Prüfungen größerer Unternehmen von öffentlichem Interesse durch. Und schließlich checkt die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung, „Bilanzpolizei“ genannt, jedes Jahr die Bilanzen von 80 bis 100 kapitalmarktorientierten Unternehmen (siehe auch Seite 68). Im Übrigen werden die Jahresabschlüsse der großen Prüferfirmen selbstverständlich von Prüfern testiert. Sie stehen im Bundesanzeiger.

Zunächst einmal: Das kommt selten vor. Laut Wirtschaftsprüferkammer gelten hierzulande rund 45 000 Abschlüsse als prüfungspflichtig, von denen jedes Jahr eine Stichprobe untersucht wird. 2018 waren es 733, von denen fast 90 Prozent uneingeschränkt bestätigt wurden. Gut zehn Prozent erhielten einen Vermerk mit Einschränkungen oder Ergänzungen, drei Fällen wurde das Testat versagt.

Kommt es so weit, muss der Aufsichtsrat den Einwendungen nachgehen und dazu Stellung nehmen – billigen kann er den Jahresabschluss trotzdem. Im Streitfall kann das Fehlen des Testats allerdings zur Nichtigkeit des Abschlusses führen und damit weitreichende Folgen haben. Auf jeden Fall ist es ein Signal, wenn nicht eine Warnung für Mitarbeiter, Lieferanten, Investoren und Gläubiger. //

brandeins /thema ist das Heft, das Branchen und Trends auf den Grund geht, Märkte und Dienstleistungen transparent macht – und Unternehmern hilft, besser zu wirtschaften.

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