Steuerberatung im Internet?

Tipp. Klick. Enter.

Steuererklärung per Handy? Das bleibt vorerst ein Traum. Aber Felix1.de arbeitet schon an einer Annäherung.





/ Eine schöne neue Welt, in der sich die Steuererklärung wie von selbst macht? Gibt’s leider immer noch nicht. Aber man kann sie wenigstens übers Internet erledigen, über ein Portal wie Felix1.de, wo jede Rechnung und jeder Gehaltsschein digital verarbeitet wird, um fortan papierlos zehn Jahre lang in der Datenwolke zu schweben. „Was dafür tun muss man aber trotzdem“, sagt der Steuerberater Alexander Berfeld im lakonischen Dialekt der Hauptstadt, der stets die Ergebenheit ins Unvermeidliche in sich trägt. „Nur eben auf andere Art.“ Er lächelt milde. „Das ist die Zukunft.“

In Italien
werden 96 Prozent der Steuererklärungen nicht vom Steuerpflichtigen selbst erstellt. In Österreich vertrauen 82 Prozent der Steuerpflichtigen auf einen Berater. In Deutschland sind es 43 Prozent, in Dänemark nur 5 Prozent.

Mit „trotzdem“ meint Berfeld: All die Daten müssen immer erst einmal an den richtigen Platz in der Wolke, um zur digital erstellten Steuererklärung „einfach“ verarbeitet werden zu können, wie es die Werbung von Felix1.de verspricht. Seine „online-affinen Mandanten“ hätten das aber längst verinnerlicht, sagt der Steuerberater. Selbst wenn sie im Alltag noch mit so etwas Altmodischem wie Papierrechnungen gequält würden, lüden sie die Belege möglichst gleich übers Smartphone hoch. „Und deshalb weiß ich auch, welche Hosen meine Mandanten gerne tragen.“

23,1
Millionen Einkommensteuererklärungen wurden 2018 in Deutschland elektronisch übermittelt – ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

35,5Tage dauert es im Schnitt, bis Arbeitnehmer in Berlin ihren Steuerbescheid bekommen. In Niedersachsen sind es 63 Tage in Nordrhein-Westfalen bis zu sechs Monate.

Der Grund dafür ist simpel: Wenn Mandanten zum Beispiel Tankquittungen einscannen, quasi noch an der Zapfsäule, um sie gleich in ihre Finanzbuchhaltungs-App einzuspeisen, erzählt Alexander Berfeld, „legen sie die Bons dafür gerne auf ihre Knie“. Etwas vom Hosenstoff sei dabei eigentlich immer zu sehen. Cord, hält er fest, stand in Berlins Gastro-Szene zuletzt hoch im Kurs.

Der Berliner Alexander Berfeld, 45, ist einer der Partner der bundesweit 80 Steuerberatungsbüros, die hinter dem Portal Felix1.de stehen. Sie sind die analogen Kontakte hinter dem digitalen Portal. Aber dazu später mehr.

Die Felix1.de AG hat 2014 den Markt der deutschen Online-Steuerberatungen betreten, auf dem damals schon einiges los war. Dafür hatte der neue Mitspieler eine Muttergesellschaft mit viel Wumms hinter sich: Felix1.de ist ein hundertprozentiges Eigengewächs der ETL-Gruppe, zu der fast 900 Kanzleien für Steuer-, Unternehmens- und Rechtsberatung in Deutschland gehören sowie 220 in 50 weiteren Ländern. Knapp ein Zehntel davon steht mit echten Beratern als Ansprechpartnern hinter dem Online-Auftritt von Felix1.de – darunter auch Berfelds Berliner Kanzlei mit 20 Mitarbeitern. Sie hat sich auf Hotellerie und Gastronomie spezialisiert und gehört deshalb in der ETL-Gruppe zur Expertenabteilung „Adhoga“.

Mit einem Umsatz von 812 Millionen Euro im Jahr 2018 zählt sich die ETL-Gruppe kokett zu den „Big Five“ des Landes. Die Eigenwerbung ist eine Anspielung auf den Begriff Big Four, unter dem man die umsatzstärksten internationalen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften fasst (siehe Seite 6), die hierzulande knapp die Hälfte des Wirtschaftsprüfungsmarktes unter sich aufteilen.

In der ETL-Bilanz macht Wirtschaftsprüfung allerdings nur knapp 50 Millionen Euro aus. Der Umsatz der Gruppe im Bereich Steuerberatung – Dienstleistungen für Buchhaltung und Erklärungen ans Finanzamt eingerechnet – summiert sich hingegen auf rund 94 Prozent der 812 Millionen Euro. Damit ist ETL nicht bloß dick im Geschäft, sondern Marktführer beim Erledigen des Unvermeidlichen – der Steuer.

Die Zahl der Mandanten wuchs seit der Gründung der Gruppe 1971 in Nordrhein-Westfalen bis heute auf 180 000. Den größten Schwung brachte die Wende: 320 Büros eröffnete sie in den neuen Bundesländern über ihre Tochtergesellschaft Freund & Partner. Heute unterhält ETL nicht nur eigene Steuerrechtsabteilungen, ein Bildungswerk und Publikationsreihen, sondern mit Eurodata in Saarbrücken auch ein gesichertes Rechenzentrum, das in Größe und elektronischen Services wohl nur dem Marktführer Datev nachsteht.

Mit Felix1.de wollte ETL Mitte des Jahrzehntes etwas auf den Weg bringen, von dem sein Vorstand Marc Müller sagt, dass es das bis dahin nicht gegeben habe: „Dass Steuerberatung einfach geht. Dass vieles online möglich ist und gleichzeitig die Beratung individuell bleibt. Und ich wollte, dass man mit einem Klick verlässlich erfährt, was es kostet.“ Per se billig zu sein, hätten sie dagegen nie versprochen.

Die Latte für den digitalen Service ist hoch gesteckt, was schon der Name suggeriert. Felix, lateinisch: der Glückliche. Und die Eins steht für die angestrebte Marktposition. Sobald Gründer, Firmeninhaber oder Freiberufler im Internet nach einer Steuerberatung suchen, sollen sie beim Start-up der ETL-Kanzleien landen. Marc Müller: „Wir wollen unsere führende Position bei kleinen und mittleren Unternehmen ausbauen.“ Und die fragten nach einfachen Lösungen.

„In der Gründerszene hat keiner mehr Lust, mit einem Pendelordner voller Unterlagen beim Steuerberater anzutreten und bei einer Tasse Kaffee seine Zeit zu verplaudern“, bestätigt Berater Berfeld, der selbst am Anforderungskatalog für Felix1.de mitgearbeitet hat.

Also zog Müller ab 2013 in Berlin, neben Essen, dem Hauptsitz der ETL-Gruppe, ein Start-up für eine hauseigene Ausgründung auf und versorgte es aus dem für Deutschland vergleichsweise gut gefüllten hauptstädtischen Pool mit Entwicklern und Programmierern. Müller: „Wir saßen hier an der Quelle für Innovationen.“ Natürlich habe er sich auch „bei den vermeintlichen Vorreitern“ umgesehen, in Skandinavien und der Benelux-Union. „Aber so weit voraus waren die gar nicht.“

Kostentransparenz und Einfachheit lautete sein Gebot für die Benutzeroberfläche und die dahinter liegende Software. Interessenten sollten lediglich die Gesellschaftsform, den (erwarteten) Umsatz und die Zahl der Mitarbeiter angeben – tipp, klick, enter. Falls danach ein Beratervertrag zustande käme, sollte er jederzeit kündbar sein. „Mindestlaufzeiten stören mich schon bei Handyverträgen“, sagt Marc Müller, seit Gründung Chef von Felix1.de. „In einem sensiblen Bereich wie der Steuerberatung waren sie für mich ein No-go.“

Portal und App bauen auf dem Datenverarbeitungs- und Archivierungsprogramm der ETL auf, das PISA heißt: persönlich, informiert, sicher, aktuell. Wer will, kann seine Buchhaltung, die Betriebswirtschaftlichen Auswertungen (BWA) oder Bilanzen, Mitarbeiterakten sowie Effektivitätsanalysen „in der Hosentasche haben“, also auf dem Smartphone oder Tablet abrufen – und das tages- oder stundengenau. Alles nur eine Frage des Geldes: Die Kosten für einen Felix1.de-Vertrag berechnen sich danach, wie viele Leistungen man abrufen möchte.


Marc Müller, Vorstand von ETL, leitet Felix1.de seit Beginn. Die Entwicklung, sagt er, war dank der vielen digitalen Talente in Berlin eher simpel, aber die Kollegen von dem Online--Angebot zu überzeugen bedurfte einiger Mühe.

Da PISA zur Gründung von Felix1.de bereits seit Jahren bei ETL lief, blieben dem Internet-Ableger auf der App viele Kinderkrankheiten erspart, mit denen vergleichbare Start-ups zu kämpfen haben, etwa das mangelhafte Auslesen von Beleg-Scans oder die falsche Zuordnung einzelner Summen zu Buchungskonten.

Zunächst war nicht vorgesehen, über Felix1.de auch die PISA-Finanzbuchhaltung als Dienstleistung anzubieten. Aber die Interessenten fragten danach – und so wurde sie implementiert. Jetzt kann man sie buchen, muss aber nicht. Nachdem der erste Anlauf genommen war, wurde bei Felix1.de noch die gesetzlich vorgeschriebene Identifizierung der Mandanten digitalisiert. Statt sich mit Dokumenten zur Post zu bemühen, können die das seitdem online erledigen.

Viel schwieriger war es, die ETL-Partner in den Kanzleien dazu zu bewegen, die Einheitspreise des Online-Zöglings zu akzeptieren und neuen Kunden anzubieten. Zwar gilt mit der Steuerberatervergütungsverordnung bundesweit ein Preiskatalog. Aber natürlich haben Steuerberater Gestaltungsspielräume, sie können für bestimmte Leistungen eine Pauschalvergütung anbieten und „sonstige Einzeltätigkeiten“ abrechnen. Auch das Lohngefüge der ETL-Kanzleien ist regional unterschiedlich, was sich in der Abrechnung niederschlagen darf.

Felix1.de dagegen kennt keinen Unterschied zwischen Württemberg und Vorpommern – preislich herrscht Planwirtschaft. Mittlerweile beteiligt sich trotzdem fast jede zehnte Kanzlei der ETL an dem Projekt, und das verteilt über das gesamte Bundesgebiet, wobei in Bayern und Baden-Württemberg vergleichsweise wenige mitmachen. Marc Müller wertet das als Erfolg. Er sagt, es habe durchaus Debatten gegeben, ihm seien gute Argumente abverlangt worden, um die Partner von Felix1.de zu überzeugen. Steuerberater Alexander Berfeld fasst einige Argumente zusammen: „Eine rein digitale Abwicklung ist nicht nur bald Pflicht in den Finanzämtern – ich kann auch Mitarbeitern nicht mehr zumuten, tagelang Kostenbelege abzutippen und einzupflegen. Damit kann ich keine Fachkräfte halten oder neue gewinnen.“ Und die seien ohnehin rar.

Wie Felix1.de im echten Leben funktioniert, kann Mavi Teicke erzählen. Die 27-jährige Wirtschaftsjuristin aus Berlin hat vor drei Jahren mit ihrer Schwägerin einen Co-Working-Space im hippen Kreuzkölln aufgemacht, also zwischen den Szene-Bezirken Kreuzberg und Neukölln. In ihrem „Heart- space“ können sich Freiberufler oder Projektteams stunden-, tage- oder monatsweise in lichte Großraumbüros einmieten, die im Industrial-Hygge-Chic möbliert sind, Coffee-to-stay und schnelles W-Lan inklusive. Konferenzräume gibt es natürlich auch. Wer mag, darf außerdem Teickes Hunde streicheln.

„Ich habe einfach gegoogelt: Steuerberatung und online“, erzählt sie, „denn ich hatte keine Lust, mit Aktenordnern in ein Steuerbüro zu fahren.“ Die Suchmaschine gab ihr Felix1.de. Und Mavi Teicke tat, was von ihr erhofft wurde: tipp, klick, enter. „Danach rief mich gleich ein total angenehmer Herr an und fragte nach den konkreten Bedürfnissen unserer Firma.“

2018
betrugen die gesamten Steuereinnahmen in Deutschland rund 776,26 Milliarden Euro.

2017
wurden hierzulande 21,8 Prozent der Großbetriebe, 6,3 Prozent der Mittelbetriebe und 3,3 Prozent der Kleinbetriebe steuerlich geprüft.

Rückruf nach höchstens fünf Minuten? Genau so stellen es sich Marc Müller und sein 33-köpfiges Team vor. Kein Wunder, dass Teicke als Testimonial für Felix1.de verpflichtet wurde. Denn musterhaft ging es weiter: Die Unternehmerin schloss einen Beratervertrag zum Festpreis ab, nachdem ihr Felix1.de eine Steuerberaterin vorschlug, die auf junge Geschäftsmodelle wie ihres spezialisiert ist und freie Kapazitäten hatte. Auch sie betreibt selbstverständlich eine ETL-Partnerkanzlei.

Dass ihre neue Steuerberaterin in Wittenberg sitzt, eine Zugstunde entfernt, war für Teicke kein Problem. „Ich muss nicht jemandem gegenübersitzen, um mich gut betreut zu fühlen.“ Überrascht hat sie allerdings, dass ihr Gegenüber das etwas anders sah: Die Steuerberaterin bat darum, sie und ihre Co-Geschäftsführerin einmal kennenlernen zu dürfen. Aber alles war völlig in Ordnung. „Das lief total unverkrampft und hatte gar nichts von einem Pflichttermin.“

Ihre Steuer erledigt Teicke seitdem komplett digital und papierfrei. Hat sie eine Frage, skypt, telefoniert oder chattet sie mit der Kanzlei. Wird es kompliziert, kann sie sich Rat bei den ETL-Juristen einkaufen – die Extrakosten stehen vorher fest.


Die Gründerinnen des Berliner Co-Working- Projektes Heartspace Mavi Teicke (oben) und ihre Schwägerin Elisabeth von Stackelberg-Teicke gehören zu einer sehr umtriebigen Familie und sind zudem typische junge Unternehmerinnen der Berliner Start-up-Szene.

Mavi Teicke, die sich als „ziemlich zahlenaffin“ beschreibt, hat ihren Brüdern empfohlen, ebenfalls auf Felix1.de und die Steuerberaterin in Wittenberg umzusteigen. Sie arbeiten im selben Gebäudekomplex an zwei Start-ups: Der eine hat 2015 Wefox gegründet, eine Plattform mit heute 230000 Kunden, über die Versicherungsmakler Policen verwalten können. Der andere betreibt Doctorly, ein digitales Praxismanagement-Portal, das viel Aufsehen in der Gründerszene erregt hat.

Für Marc Müller sind das ideale Kunden, auf genau diese Klientel hat er spekuliert, als er vor sieben Jahren die Sache ausbrütete. In letzter Zeit verzeichne ihr Portal einen regelrechten Run aus der E-Commerce-Branche, erzählt er froh. „Für die sind wir ein logischer Partner.“

Die Berliner ETL-Steuerberaterin Franziska Grunske, 40, in deren Kanzlei 20 Menschen arbeiten, sagt sogar, sie könne sich der vielen Anfragen über Felix1.de kaum erwehren. Grunske ist für die Zielgruppe aber auch bestens aufgestellt: Sie ist nicht nur auf einen Wachstumsmarkt spezialisiert, die Gesundheitsberufe, sondern spricht zudem fließend Englisch, weil sie sechs Jahre in Australien gelebt hat, bevor sie in die Steuerberatung ihrer Mutter einstieg. In Berlin hilft das.

Denn für viele Berliner Gründer ist Englisch die Geschäftssprache. Und sie freuen sich, wenn ihnen jemand die komplizierte deutsche Bürokratie erklärt, erzählt Grunske. Außerdem, betont sie, gehöre es heute dazu, die digitalen Datenströme ebenso zu verstehen wie die weltweiten Warenströme. „Was etwa passiert mit der Mehrwertsteuer, wenn zum Beispiel Waren aus China erst in Tschechien landen, um dann im deutschen Onlinehandel verkauft zu werden?“ So etwas muss sie wissen. Dabei seien aber auch die Mandanten gefordert. Wie gesagt: Die kleinen und mittleren Unternehmen müssen selbst etwas tun, damit die Steuer wirklich einfacher wird.

Noch ist die Felix1.de AG längst nicht da, wo Marc Müller hinwollte. 15.000 Mandanten sollten es bis 2018 werden – rund 9000 waren es. Außerdem steht der Ableger bei der Mutter ETL tief in der Kreide – die Gruppe finanziert ihn noch selbst. Der Kapitalfehlbetrag ist von 1,4 Millionen Euro Ende 2016 auf 3,1 Millionen Euro Ende 2017 angewachsen. Vorstandschef Müller erklärt das mit den nötigen hohen Investitionen, insbesondere in die digitale Plattform, das Datenmanagement und die Ausgaben für Marketing und Personal. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr: Sieben Jahre hatten sie sich 2014 gegeben, um die schwarze Null zu erreichen.

Und die Konkurrenz lauert überall. Als Mavi Teicke neulich mit ihrer Schwägerin ihren zweiten Co-Working-Space eröffnete, gleich im Nachbaraufgang, tat sie sich mit einem Geschäftspartner zusammen, der dort jetzt den Coffeeshop betreibt. Der Gastronom, sagt sie, ließ sich nicht überreden, zu Felix1.de zu wechseln. „Er vertraut seinem Berater und kann auch alles online machen.“ Dessen Buchhaltung basiere auf der Konkurrenz von Datev – und habe einen Vorteil: „Er kann direkt daraus seine Rechnungen bezahlen.“ So zufrieden sie auch sei mit Felix1.de – das würde sie sich auch für ihr Unternehmen wünschen. //

brandeins /thema ist das Heft, das Branchen und Trends auf den Grund geht, Märkte und Dienstleistungen transparent macht – und Unternehmern hilft, besser zu wirtschaften.

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