Ist das Nachwuchsproblem lösbar?

Ganz schön eng

Seit 15 Jahren sinkt die Zahl der Teilnehmer am Wirtschaftsprüfungsexamen, der Beruf erscheint dem Nachwuchs immer unattraktiver. Jetzt soll der Abwärtstrend gestoppt werden.





/ „Das ist Daniel, er hat gerade sein Abitur bestanden und überlegt sich, was er studieren soll. Nach seinem Kurs im Fitnessstudio kommt er mit Anna ins Gespräch. Anna hat Betriebswirtschaftslehre studiert und ist nun Wirtschaftsprüfungsassistentin.“

So werden Anna (mit Pferdeschwanz) und Daniel (mit Haartolle) vorgestellt, die Hauptfiguren in einem Erklärvideo im Kindercomic-Stil, mit dem die Wirtschaftsprüferkammer um Nachwuchs wirbt: drei Minuten, in denen Daniel beim Thema Karriere – was sonst? – eine Leiter hochsteigt und sich in Annas Gesicht beim Thema Gehalt der Lachmund öffnet, weil ihr Geldscheine in die ausgestreckte Hand flattern. Nach erwartbaren Schlüsselbegriffen wie „Verantwortung“, „Führungspersönlichkeiten“ oder „Blick hinter die Kulissen der Wirtschaft“ klatschen sich die Fitness-Freunde lachend ab. Daniel freut sich und „ist sich nun sicher, dass er BWL studieren möchte, um eine Karriere als Wirtschaftsprüfer einzuschlagen.“

Ob und wie viele Abiturienten die Wirtschaftsprüferkammer mit ihrem Filmchen auf den Geschmack bringen kann, lässt sich nicht sagen. Eher schon, dass sie damit das Image des Berufsstands als konservativ, behäbig und umständlich bestätigen dürfte. Wie sich übrigens auch bei der Recherche für diesen Text zeigte: Eine Interview-Anfrage zum Thema Ausbildung beschied die Wirtschaftsprüferkammer in Berlin – ganz Körperschaft des öffentlichen Rechts – mit der Auskunft, man beantworte Fragen nur schriftlich. Gleichwohl haben sich die Kammer und mit ihr weite Teile der Branche auf den Weg gemacht, um neben diversen Erklärvideos neue Antworten auf eine der drängendsten Fragen des Berufsstands zu geben: wie Nachwuchs finden?

EinfühlungsvermögenBirgit Porompka, Steuerberaterin bei Petersen Hardraht Pruggmayer, Leipzig

„Als Steuerberaterin bin ich an elementaren unternehmerischen Momenten beteiligt. Plant ein Mandant eine Investition, eine Akquise oder den Gang ins Ausland, sind das für Inhaber familiengeführter Unternehmen manchmal sehr einsame Entscheidungen. Mitunter haben sie niemanden, der die Zahlen so genau kennt und mit dem sie auf Augenhöhe darüber sprechen können – dann komme ich als eine Art Sparringspartner ins Spiel.

Manchmal werde ich sogar direkt gefragt: Wie würden Sie entscheiden? Da muss ich neben den Zahlen natürlich auch den Unternehmer als Menschen einschätzen: Ist er eher risikofreudig? Oder konservativ auf Sicherheit bedacht? Wichtig sind dabei Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, gut zuhören zu können. Und wenn sich gemeinsame Entscheidungen später als richtig erweisen, ist das natürlich eine schöne Bestätigung.“

BodenständigkeitAlexander Weigert, 42, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, Vorstand der ECOVIS AG Steuerberatungsgesellschaft, München

„Man taucht jeden Tag in neue Welten ein und lernt ganz unterschiedliche Charaktere in verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Strategien kennen. Am liebsten gehe ich zu Familienunternehmen. Vor Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihrer Person und ihrem Besitz für alle Entscheidungen einstehen, habe ich höchsten Respekt.

In den großen Konzernen, die ich während meines Studiums von innen kennenlernen durfte, wurde viel heiße Luft ventiliert. Das war nicht meine Welt. Damals habe ich sogar eine Stelle bei Roland Berger in den USA ausgeschlagen. Statt für die Glitzerwelt habe ich mich für eine bayrische Steuerberatungsgesellschaft entschieden, aus der bald Ecovis wurde. Das war die beste Entscheidung, die ich bisher getroffen habe.“

Wirtschaftsprüfer sind ein relativ homogener Haufen älterer Männer: Nur rund ein Fünftel der knapp 15 000 Prüfer in Deutschland sind Frauen; 60,9 Prozent sind 50 Jahre und älter, 28,1 Prozent sogar über 60. Seit die Kammer 2004 die Zuständigkeit für das Wirtschaftsprüfungsexamen übernahm, hat sich die Zahl der jährlichen Prüflinge nahezu halbiert – von rund 1200 nach der Jahrtausendwende auf 619 im Jahr 2018.

Weil regelmäßig auch noch ein Viertel bis ein Drittel der Prüflinge durchs Examen rauscht, wird der Kampf um die Absolventen härter, sogar „dramatisch“, wie Holger Jenzen findet, Partner bei der großen Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz. Aus diesem Grund habe Ebner Stolz seine jahrelange Werbekampagne, die auf Mandanten zielte, gerade erst um eine Arbeitgeberkampagne erweitert. Denn, so Jenzen: „Die Zukunftsfähigkeit einer jeden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hängt im Kern davon ab, ob sie noch die guten Leute kriegt.“ In den Jahren vor der Finanzkrise folgten Absolventen lieber dem Lockruf der Investmentbanken, und während der zurückliegenden „zehn glorreichen Jahre“ des Wirtschaftswachstums, so Jenzen, gingen sie eher zu den großen Industrieunternehmen, die oft bessere Einstiegsgehälter boten. Warum also eine Prüfgesellschaft bevorzugen und sich dort nach einigen Jahren Berufspraxis auch noch auf ein extrem schwieriges Prüferexamen vorbereiten?

Selbstkritisch sagt Klaus-Hermann Dyck, Personalpartner in der Wirtschaftsprüfung bei EY: „Die Attraktivität unseres Berufs hat abgenommen. Die Branche hat bisher noch zu wenig reagiert auf die veränderten Erwartungen junger Menschen, auch in Bezug auf die Work-Life-Balance.“

Eine besondere Lesart des Problems liefert Michael Gschrei, Sprecher des Verbands für die mittelständische Wirtschaftsprüfung in München. Gschrei sagt, infolge von Überregulierung und gleichzeitig viel zu geringen Honoraren werde das Prüfgeschäft für kleinere Kanzleien immer unattraktiver. „Vor gut zehn Jahren gab es noch 1800 Einzelpraxen, die Abschlussprüfungen machten, jetzt sind es nur noch 1000. Bei einem, zwei oder drei Mandaten im Jahr lohnt sich dieses Geschäft nicht mehr, und zehn Mandate bekommen sie nicht.“

Dafür macht Gschrei auch die Marktmacht der Big Four verantwortlich, die große Teile ihrer Umsätze durch allerlei Beratung generieren und im eigentlichen Prüfgeschäft oftmals, so ein Vorwurf, mit „Dumping-Preisen“ operierten. Viele kleine Prüfer, so Gschrei, würden sich deshalb zwangsläufig auf Steuerberatung, Buchhaltung und andere Dienstleistungen verlegen und daher auch gar keinen Prüfernachwuchs mehr ausbilden. „An Wirtschaftsprüfern gibt es eigentlich keinen Mangel, wenn man bedenkt, dass es genügend gibt, die gar nicht mehr prüfen.“

In der Branche heißt es, die Scheidungs- beziehungsweise Trennungsrate unter angehenden Wirtschaftsprüfern sei überdurchschnittlich hoch, und ein wesentlicher Grund dafür sei das alte Wirtschaftsprüfungsexamen. Es gilt als eine der schwierigsten Berufsprüfungen überhaupt mit bis zu sieben Klausuren in den Prüfungsgebieten „Wirtschaftliches Prüfungswesen, Unternehmensbewertung und Berufsrecht“, „Angewandte Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre“, „Wirtschaftsrecht“ und „Steuerrecht“ sowie einer mündlichen Prüfung. Der hohe Anspruch und die ebenso hohen Durchfallquoten von mehr als vierzig Prozent im ersten Anlauf geben denen, die durchkommen, zwar das Gefühl, zu einer Elite zu gehören, als die sich Wirtschaftsprüfer seit jeher verstehen. Kandidaten bereiten sich darauf neben ihrem Job als Prüfassistent in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft monate-, wenn nicht jahrelang vor und zahlen oft viele Tausend Euro für spezielle Vorbereitungslehrgänge. Andererseits entfaltet die sehr späte Selektion (andere Berufe machen die zu Beginn der Berufslaufbahn) offensichtlich eine zunehmend abschreckende Wirkung.

Bislang waren die Klausuren mit ihrer überbordenden und stetig wachsenden Stoffmenge innerhalb eines dreiwöchigen Blocks abzulegen. Seit 2019 allerdings erlaubt es die veränderte Wirtschaftsprüfungsverordnung, das Examen nicht mehr ausschließlich in einem dreiwöchigen Block abzulegen, sondern die Prüfungen der vier Module über einen Zeitraum von sechs Jahren zu verteilen, wobei die Reihenfolge frei wählbar ist. Diese Modularisierung des Examens sei ein Instrument, schreibt Kammerpräsident Gerhard Ziegler, um den Beruf attraktiver zu machen und den „Wettlauf gegen die demografischen Herausforderungen nicht zu verlieren“.

KlarheitNathalie M. Funk, 30, Wirtschaftsprüferin, Senior Managerin bei Ernst & Young, Hamburg

„Das Schönste in unserem Beruf ist die Flexibilität, es wird nie langweilig, weil man ständig herumkommt. Ein Arbeitsplatz mit Stechuhr und jahrein, jahraus demselben Schreibtisch, den ich mir häuslich einrichte, wäre für mich ein Graus. Doch zugleich gibt mir der Umgang mit Zahlen ein Gefühl von Vertrautheit und Orientierung.

Am Anfang meines International- Business-Studiums waren mir viele Lehrveranstaltungen zu schwammig. Da hieß es immer: „Das kann man so sehen oder auch so, es kommt darauf an!“ Im Bereich Finance and Accounting dagegen gab es nur richtig oder falsch – nichts dazwischen. Damit wurde das Thema für mich richtig greifbar. Ich möchte keinen anderen Beruf ausüben.“

An einem Samstagmittag im Oktober 2019 sitzen mehr als sechzig junge Frauen und Männer beim „Infotag“ in einem Hörsaal der Mannheimer Universität – es sind die „Annas“ und „Daniels“, nach denen die Branche so verzweifelt sucht. Sie haben schon einen Bachelor (meist in Wirtschaftswissenschaften) und arbeiten als Assistent in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft oder stehen kurz vor ihrem ersten Hochschulabschluss. Nun hören sie sich eine Präsentation von Jens Wüstemann an, dem Präsidenten der Mannheim Business School. Die bietet, wie fünf andere Hochschulen, einen berufsbegleitenden Studiengang an, der nach drei Jahren mit einem Master abschließt und zugleich auf das Wirtschaftsprüfungsexamen vorbereitet.

Der Vorteil des Studiengangs, den in der Branche alle nach dem Paragrafen in der Wirtschaftsprüferordnung „8a“ nennen: Einige Leistungen aus dem Studium werden beim Examen angerechnet, es verkürzt sich dadurch, die Durchfallquoten sinken. Genau das war das Ziel, als die Wirtschaftsprüferordnung 2005 entsprechend verändert wurde: Das Examen sollte weniger Kandidaten abschrecken. Die Mannheimer Uni und ihre Business School gehörten zu den ersten, die sich dafür akkreditierten, seit 2008 bieten sie den „Master of Accounting & Taxation“ mit inzwischen 35 Plätzen im „Accounting Track“ an, dazu weitere 35 im „Taxation Track“ für angehende Steuerberater.

Die Nachteile des 8a: Interessenten müssen die Zugangsprüfung der Hochschule bestehen, sie brauchen – da berufsbegleitend – einen Arbeitgeber und müssen hohe Studiengebühren aufbringen (in Mannheim 32.000 Euro für den Accounting Track und 25.000 Euro für den Taxation Track), an denen sich die Unternehmen in der Regel beteiligen oder die sie voll übernehmen, wenn sich die Studenten nach ihrem Abschluss für eine gewisse Zeit verpflichten.

Eine maßgebliche Rolle bei der Einrichtung der 8a-Masterstudiengänge in Mannheim und andernorts spielten die Big Four der Branche, die dafür eigens die Initiative „AuditXcellence“ gründeten und viele Dozenten an den Hochschulen stellen. Die großen vier sind es auch, die regelmäßig fast alle der 35 Plätze des Accounting Tracks in Mannheim belegen. „Für viele kleinere und mittlere Non-Big-Four-Gesellschaften ist die Investition sehr hoch“, räumt Jens Wüstemann ein. Klaus-Hermann Dyck von EY, der am AuditXcellence-Konzept mitgewirkt hat, bedauert das: „Wir wollten den Studiengang breit im Berufsstand etablieren. Das hat leider noch nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Von einem Big-Four-Studiengang möchte Wüstemann aber nicht sprechen: „Das würde mich extrem stören, weil wir den Studiengang gründeten, bevor es die Initiative der großen Prüfgesellschaften gab. Wir freuen uns über jeden Studenten – von den Big Four und den Non-Big-Four.“

Vor den Interessenten wirbt Wirtschaftsprüfer Wüstemann, der einen Lehrstuhl für Allgemeine BWL und Wirtschaftsprüfung innehat und akademischer Direktor des Masterprogramms ist, an diesem Samstagnachmittag in den höchsten Tönen für seine Business School, seine Universität und den Beruf im Allgemeinen. Zugleich macht er ihnen unmissverständlich klar, was es bedeutet, in die Wirtschaftsprüfer-Elite vorstoßen zu wollen. „Wir bieten Ihnen viel“, sagt Wüstemann, „neben einer exzellenten Vorbereitung auf ein verkürztes Examen bekommen Sie den Master of Science einer der besten BWL-Fakultäten der Welt. Aber für diesen Karriere-Turbo müssen Sie hart arbeiten. Fürs Privatleben kann die Zeit da manchmal sehr, sehr knapp werden.“

Einer, für den der Karriere-Turbo im ersten Mannheimer Studienjahrgang begann, ist Matthias Koeplin, heute Partner bei KPMG und Chef der Nürnberger Niederlassung. Auch im Abstand von zehn Jahren schaut Koeplin nur positiv auf seine Ausbildung: „Extrem toll am 8a-Master ist der Wechsel von Theorie an der Uni und Praxis beim Arbeitgeber. Wer den 8a in Mannheim gemacht hat, ist breiter und tiefer ausgebildet, der kennt nicht nur die aktuellen Regeln und Gesetze, sondern auch die Theorien dahinter.“

Wenn ihn Mitarbeiter mit Bachelor- Abschluss fragten, ob er ihnen zum 8a- Master rate, falle ihm eigentlich nur ein Nachteil ein, sagt Koeplin: Sie entscheiden sich damit früh und definitiv entweder für den Beruf des Wirtschaftsprüfers oder für den des Steuerberaters. „Wer noch nicht so weit ist in seinem Entscheidungsprozess, muss aufpassen, nicht übereilt zu handeln.“

Julia Brenner, 22, und Marc Maurice Rauch, 25, zwei der Zuhörer beim Infotag in Mannheim, haben sich längst und fest entschieden – sie für den Weg zur examinierten Steuerberaterin, er für den zum examinierten Wirtschaftsprüfer. Beide haben ihren Bachelor schon in der Tasche – sie von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Steuern und Rechnungswesen, er von der Hochschule Koblenz in Mittelstandsmanagement. Sie haben auch beide die Zusage ihres Arbeitgebers für das berufsbegleitende Studium in Mannheim. Jetzt fehlt ihnen nur noch der Erfolg im Zulassungsverfahren der Business School, die für beide erste Wahl war.

„Mannheim hat ein hohes Renommee, sehr gute Dozenten, hohe Bestehensquoten beim Examen, und das Lehrangebot ist sehr auf die Big Four ausgerichtet“, sagt Julia Brenner, die seit einem guten Jahr in der Abteilung Corporate Tax Services bei KPMG in Frankfurt arbeitet, inzwischen in der Position eines Senior Associate. Er sehe in der relativ frühen Festlegung auf eines der beiden Fächer keinen Nachteil, meint Marc Maurice Rauch, der seit Anfang 2019 als Wirtschaftsprüferassistent bei Warth & Klein Grant Thornton in Wiesbaden arbeitet. „Einen Master-Abschluss wollte ich schon immer machen“, sagt Rauch, „und der hier in Mannheim verlangt zwar eine Entscheidung, aber man legt sich damit nicht für alle Zeit fest. Mit oder ohne späterem Examen stehen einem viele Türen offen, nicht nur als Prüfer oder Steuerfachmann, sondern auch in der Beratung oder in der Industrie.“

AbwechslungAndreas Gerten, 40, Rechtsanwalt und Steuerberater, CMS Hasche Sigle, München

„Im Grunde ist meine Arbeit wie eine Denksportaufgabe beim Sudoku oder bei Rubik’s Cube: Hat man einen weißen Stein im blauen Feld, dreht man so lange an den Seiten und Ebenen des Puzzles herum, bis am Ende der perfekte Zauberwürfel herauskommt. Das ist herausfordernd, macht aber einfach Spaß! Wenn man sich der Schönheit des Steuerrechts mit Leidenschaft und Hingabe nähert, erblickt man eine wunderbare Ordnung darin.

Außerdem führt mich das Thema um die Welt, seit ich als Jurastudent im zweiten Semester das Steuerrecht kennengelernt habe: Mein Masterstudium im internationalen Steuerrecht habe ich in New York absolviert, für meine Doktorarbeit konnte ich in Kalifornien forschen. Und ich besuche mehrmals im Jahr Konferenzen der internationalen Tax Community etwa in London oder Kopenhagen. Oder ich bin in unseren ausländischen Partnerbüros unterwegs. Steuern sind für mich alles andere als piefig und provinziell.“

Einen anderen Weg – in der Branche bekannt als 13b-Bachelor oder -Master – bieten neun Hochschulen an. Auch er wurde 2005 parallel zum 8a-Master geebnet, um dem Wirtschaftsprüfungsexamen zumindest teilweise seinen Schrecken zu nehmen. Denn auch beim 13b erwerben Studenten durch zusätzliche Vorlesungen Scheine, die bei einem späteren Prüferexamen angerechnet werden und es dadurch verkürzen.

Den Unterschied zum 8a-Master erklärt Kai-Uwe Marten, Professor am Institut für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung an der Universität Ulm, so: „Wir bilden nicht zielgerichtet für den Beruf des Wirtschaftsprüfers aus, sondern bieten eine Zusatzqualifikation im Rahmen eines normalen wirtschaftswissenschaftlichen Studienganges an. Wer im Laufe des Studiums feststellt, dass er doch lieber in eine andere Richtung gehen will, ist kein Studienabbrecher wie beim 8a-Master, sondern lässt die Zusatzqualifikation einfach fallen und kann sein Studium dennoch ordentlich abschließen.“ Ähnlich verfahre seine Uni, die den 13b-Bachelor 2007/08 als erste deutsche Hochschule einführte, mit Zusatzqualifikationen für die Aktuarsausbildung.

Marten sieht noch einen weiteren Pluspunkt: In Ulm und den anderen Hochschulen mit 13b-Studiengängen können Studenten Auslandssemester machen, sie sind nicht wie beim 8a-Master an einen Arbeitgeber gebunden, bei dem sie in der vorlesungsfreien Zeit ihre Praxisphase absolvieren. „Wir zwängen die Studenten nicht in ein eng getaktetes Curriculum ein, sondern ermöglichen ihnen ein normales studentisches Leben mit allen Freiheiten, die dazugehören sollten.“

WissenSandy Wegner, 31, Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin, KPMG, Hamburg

„Ich stamme aus einer Nichtakademiker-Familie in Löbau in der Oberlausitz. Und ich war die Erste in der Familie, die an eine Uni ging. Ich wollte immer BWL studieren, ich habe einfach eine Affinität zu Zahlen. In einem Seminar hat uns ein Dozent von der Wirtschaftsprüfung in einem Krankenhaus erzählt – das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Denn da ging es um viel mehr als nur um Kassenbücher und Excel-Tabellen. Man muss ein echtes Verständnis für die Prozesse eines Unternehmens entwickeln, auch um mögliche Fehlerquellen zu entdecken. Heute betreue ich Unternehmen aus der Schifffahrt, Start-ups und Firmen aus der Lebensmittelbranche und bin glücklich als Wirtschaftsprüferin.“

VielseitigkeitMarc Schmidt, 50, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, Partner bei Flick Gocke Schaumburg, Bonn

„Der Reiz meiner Arbeit liegt für mich in der enormen Vielseitigkeit der Beratung, die den gesamten Lebenszyklus eines Unternehmens umfasst: von der Gründung über die Expansion ins Ausland oder die Etablierung von Tochtergesellschaften bis zu einem Verkauf oder einer Weitergabe an die nächste Generation. Mit zunehmender Erfahrung kamen für mich zudem neue Aufgaben hinzu: Personalführung und Nachwuchsgewinnung, Lehraufträge an der Bundesfinanzakademie und an der Uni Bonn, Verwaltungsrat am Institut der Wirtschaftsprüfer, Autor von Fachpublikationen. Stillstand gibt es für mich nicht.

Das wird auch so bleiben, denn unsere Branche wandelt sich durch die Digitalisierung und die zunehmende Internationalisierung der Unternehmen erheblich. Künstliche Intelligenz spielt in der Datenanalyse eine immer größere Rolle. Für größere Mandate braucht man heute eine ganze Mannschaft inklusive IT-Fachleuten. Da sind Offenheit für Neues und gute Organisation besonders wichtig. Für Einzelkämpfer wird es künftig deutlich schwerer werden zu überleben.“

Das Foto zeigt einen grünen und einen roten Apfel, darunter steht: „Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer? Bei uns müssen Sie sich nicht entscheiden.“ Mit dieser Kampagne warb die Stuttgarter Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz schon vor vielen Jahren um Hochschulabsolventen. Bis heute folgt die Nummer sieben in Deutschland mit weit mehr als 1500 Mitarbeitern an 15 Standorten diesem Ansatz und stellt sich damit gegen den Trend zur frühen Spezialisierung an den Universitäten und Business Schools und mehr noch bei den Prüfgesellschaften.

Als Arbeitgeber sieht sich Ebner Stolz eindeutig als Alternative zu den Big Four: „Wir wollen nicht den Fachidioten, der in seinem Silo sitzt und nur das eine oder das andere kann“, sagt Partner Holger Jenzen. „Für unsere Mandanten im gehobenen, inhabergeführten Mittelstand brauchen wir breit ausgebildete Mitarbeiter, die mit allen Anliegen umgehen können.“

Die allzu schnelle Spezialisierung sei in Wahrheit eine Beschleunigung zulasten des Nachwuchses, glaubt Jenzen. Die wenigsten wüssten doch zu Beginn ihres BWL-Studiums wirklich, ob ihr Herz für Marketing oder für Personal schlägt, fürs Zahleninterpretieren als Steuerexperte oder Prüfer, für Recht oder Unternehmensberatung. „Viele – und gerade viele von den Guten – wollen sich die Wege so lange wie möglich offenhalten. Das erhöht im Übrigen ihren Marktwert.“ In der unternehmenseigenen Akademie werden deshalb nicht nur langjährige Mitarbeiter weitergebildet, sondern gerade neue Mitarbeiter breit in die Berufspraxis eingeführt. „Jeder Berufseinsteiger hat während der ersten Jahre die Chance, beide Richtungen – Steuern und Wirtschaftsprüfung – gleichwertig in der internen Ausbildung zu lernen. Diese generalistische Ausbildung fördern wir aktiv. Das ist für die Neueinsteiger der anstrengendere, aber bessere Weg“, findet Jenzen. „Und erst wenn sie den Beruf in allen Facetten kennengelernt haben, entscheiden sie, ob sie aufs Steuerberater- oder aufs Prüferexamen zugehen oder etwas ganz anderes machen wollen.“

VerantwortungStefan Grothues, 54, Diplom-Kaufmann, Inhaber Grothues Steuerberatung, Bonn

„Meine Kollegen und ich sind oft Kriseninterventions-Teams – wir werden gerufen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Manchmal müssen wir in existenzbedrohenden Steuerkonflikten moderieren und mit dem Finanzamt Vergleiche in Millionenhöhe schließen. Am liebsten sind mir allerdings Nachfolgefragen für große familiengeführte Unternehmen, mitunter sogar für Hidden Champions.

Doch was mich wirklich umtreibt, ist die bisherige Passivität der Bundesregierung beim Kampf gegen die Umsatzsteuerkarusselle. Allein Deutschland verliert dadurch jedes Jahr 20 bis 25 Milliarden Euro. Dabei könnte man dem Problem mit den Mitteln der Digitalisierung, der künstlichen Intelligenz und Blockchain schnell Herr werden. Man muss lediglich die beiden Rechnungen, die Auftragnehmer stellen und Auftraggeber erhalten, digital abgleichen. Dafür gibt es längst Software-lösungen. In Brasilien, Spanien und Polen werden sie auch schon eingesetzt. Unsere Kanzlei hat mit SAP sogar eine eigene Softwarelösung entwickelt. Aber wenn ich mit Bundestagsabgeordneten oder Vertretern des Finanzministeriums spreche, wird mir erklärt, die Umstellung sei für alle Beteiligten im Moment noch zu aufwendig. Damit kann ich mich nicht abfinden. Ich komme aus -einer bodenständigen Familie, meine -Eltern waren Einzelhändler, ehrbare Kaufleute. Ich bin so groß geworden, dass es für jede Aufgabe eine Lösung gibt. Warum nicht auch hier?“

Haben das modularisierte Examen und die Studiengänge 8a und 13b etwas bewirkt? Zwar erreichte die Zahl der Examensteilnehmer 2018 mit 597 einen Tiefststand. Aber die Zahlen für die relativ neuen Studiengänge steigen seit Jahren, während sich für den klassischen Weg zum Wirtschaftsprüfer immer weniger entscheiden. Außerdem behaupten sich die Absolventen der jüngeren Studiengänge besser im Examen: Bei den 13b-Absolventen bestanden von 39 Teilnehmern 85 Prozent, von den 173 8a-Absolventen 65 Prozent – beide liegen damit über der Gesamtquote von 58,3 Prozent. Und zum Examen 2019 wurden fast 800 Kandidaten zugelassen, immerhin also knapp ein Drittel mehr als 2018.

Doch ob sich in diesen Zahlen tatsächlich schon eine Trendwende zeigt? Der Anstieg könnte auch daran liegen, dass viele Kandidaten in Erwartung des 2019 erstmals möglichen Modul-Examens ihre Prüfung hinauszögerten. Davon abgesehen bleibt für die Branche und ihre Kammer noch viel zu tun. So beklagt der Ulmer Wirtschaftsprüfungs-Professor Kai-Uwe Marten, das Examen müsse in Teilen dringend entrümpelt werden. „Durch die Prüfvorgaben der Kammer müssen wir zum Beispiel in BWL und VWL Inhalte lehren, die schon seit Jahren nicht mehr zeitgemäß sind. Wir tun es nur, damit die 13b-Studenten ihre Leistungen an der Uni für das verkürzte Examen anerkannt bekommen.“

Aber auch die Prüfgesellschaften selbst sind gefordert. Nach Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Lünendonk & Hossenfelder investieren die Studienteilnehmer im Schnitt nur 2,5 Prozent ihres Umsatzes in die digitale Transformation. „Das ist angesichts der rasanten Digitalisierung deutlich zu wenig“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Jörg Hossenfelder. In seiner jährlichen Lünendonk-Liste der führenden Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften prognostizieren die Top 25 der Branche, dass im Jahr 2026 mehr Prüfungsleistungen von Rechnern erbracht werden dürften als von Menschen. „Vor diesem Hintergrund müssen die Prüfer mehr tun“, fordert Hossenfelder. „Wer jetzt nicht in dieses Feld investiert – in Technik für die Datenanalyse, in neue Mitarbeiter, bessere Gehälter und Fortbildung – der wird bald nicht mehr genügend Leistungen erbringen können, wenn die Älteren gehen und Jüngere kaum noch nachkommen.“

Dass die Digitalisierung einmal so viele Mitarbeiter überflüssig machen könnte, dass sich das Problem des Personalmangels von allein löst, glaubt allerdings keiner. „Auf längere Sicht wird man wohl etwas weniger Mitarbeiter in der Wirtschaftsprüfung brauchen“, sagt EY-Partner Klaus-Hermann Dyck. „Unverzichtbar wird aber der Prüfer bleiben, der über professionelles Urteilsvermögen, kritische Distanz und viel Erfahrung verfügt, der klug analysiert, richtig berät und am Ende auch die Unterschrift leistet. Es gibt viel mehr Anlass, sich um den Mangel an guten Leuten zu sorgen als darum, sie könnten nicht mehr gebraucht werden.“ //

Gut zu wissenEin Studium, das direkt zum Beruf des Wirtschaftsprüfers führt, gibt es nicht. Zum Prüfer bestellt werden kann man erst nach erfolgreichem Berufsexamen vor der Wirtschaftsprüferkammer. Der klassische Weg dorthin führt über ein Hochschulstudium (das kann BWL sein, aber auch VWL, Jura, IT oder jedes andere Fach) sowie, je nach Regelstudienzeit, drei oder vier Jahre Berufspraxis als Wirtschaftsprüfungsassistent. Das Brutto-Jahreseinstiegsgehalt als Wirtschaftsprüfungsassistent (noch ohne Examen) dürfte im Bereich von 40.000 Euro liegen – und damit unter dem, was Hochschulabsolventen in der Unternehmensberatung oder in großen Industrieunternehmen verdienen können. Nach erfolgreichem Wirtschaftsprüferexamen allerdings kann der Betrag schnell auf 50.000 bis 65.000 Euro steigen, als Senior mit einigen Jahren Berufserfahrung auf weit mehr als 7000 Euro pro Monat. Als Manager oder Partner in einer Wirtschaftsprüfungskanzlei ist der Verdienst oft sechsstellig, manchmal sogar siebenstellig. Der Beruf gilt als relativ krisenfest und eröffnet Tätigkeiten und Karrieremöglichkeiten jenseits der Abschlussprüfung in vielen Einsatzfeldern wie der Steuer- und Unternehmensberatung oder auf der „anderen Seite“ in der Industrie, der Finanz- und anderen Branchen.

brandeins /thema ist das Heft, das Branchen und Trends auf den Grund geht, Märkte und Dienstleistungen transparent macht – und Unternehmern hilft, besser zu wirtschaften.

Zur interaktiven Karte und Bestenliste

Einzelausgabe kaufen
Abonnement kaufen