Wie gut ist unsere Finanzpolizei?

Ehrlich und akribisch

Spitzenleute, Spitzenausrüstung, Spitzenbezahlung – nur das Beste ist gut genug, um der Wirtschaft beim Steuersparen zu helfen. Aber wie sieht das auf der anderen Seite aus? Ein Besuch beim Finanzamt und der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung.





„Der kürzeste Finanzbeamtenwitz: Geht ein Beamter zur Arbeit.“ Mit solchen Schenkelklopfern macht die nordrhein-westfälische Finanzverwaltung unter dem Motto „So sind wir“ seit einiger Zeit auf Plakatwänden und Bussen Werbung für einen Job beim Finanzamt. Ist der Ruf erst ruiniert … Aber schlurfen wirklich nur faule Socken über das Linoleum der Ämter, die, versteckt hinter ihren Aktenbergen, des Dienstschlusses harren? Oder ist ein anderes Image-Video realistischer, in dem sich junge Beamtinnen dreisten Steuerhinterziehern wie Catwoman entgegenstellen und Super-Finanzman für Steuergerechtigkeit sorgt? Das Motto dieses Films: „Unbeugsam. Unerschrocken. Unbestechlich.“

Was verbirgt sich tatsächlich zwischen den Klischees – ein spannender Job oder bleierne Routine? Warum entscheiden sich junge Leute angesichts eines boomenden Arbeitsmarktes für eine Behörde, die fast niemand mag und viele verfluchen? „Ich bin beim Finanzamt“ kommt auf keiner Party gut an. Eingeklemmt in starre Stellenpläne, Beförderung im Schnitt alle zehn Jahre – ist den Leuten die Karriere egal? Und wie gut sind die rund 100.000 deutschen Finanzbeamten wirklich?

Einen Finanzamts-TÜV gibt es nicht, eine Art Qualitätssiegel schon: die zahlreichen Abwerbeversuche. Haben Finanzbeamte ihre Ausbildung abgeschlossen, können sie auf lukrative Offerten hoffen, vor allem aus Steuerberatungskanzleien. Denn viele von ihnen sind gesuchte Spezialisten, etwa für die Prüfung von Immobilienfonds oder IT-Unternehmen. Kein Wunder: Sie kennen die Kniffe bei der elektronischen Überprüfung von Steuererklärungen, das Prozedere bei einer Steuerfahndung und nicht zuletzt aktuelle Steuerschlupflöcher. Das hat sich herumgesprochen. Und in den Ämtern ist man sogar stolz darauf. „Was die Ausbildung betrifft, sind wir spitze“, sagt Gerhard Wipijewski, Vorsitzender der Bayerischen Finanzgewerkschaft.

Und der Einsatz scheint sich zu lohnen, wie man an den Ergebnissen der Betriebsprüfungen sieht: Im Jahr 2018 brachten 13 525 Prüfer der Finanzämter dem Fiskus 13,9 Milliarden Euro ein – gut eine Million Euro pro Kontrolleur. Selbst wenn ein Beamter den Staat pro Jahr 100.000 Euro kostet, bleiben 900.000 Euro Plus.

Dabei helfen vor allem klassische Tugenden, wie ein weiterer Image-Film nahelegt: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Sorgfalt, Unbestechlichkeit. „Ich bin dafür zuständig, dass der Staat sein Geld bekommt“, erklärt eine junge Beamtin selbstbewusst in dem Video „Komm zu den Unbestechlichen“ der Berliner Finanzverwaltung.

Zahl der polizeilich registrierten Wirtschaftsdelikte in Deutschland, 2018: 50.550

Durch Wirtschaftsdelikte entstandener Schaden in Deutschland, 2018, in Euro: 3,4 Milliarden

Der Amtseid, den jeder Beamte am ersten Tag seines Dienstes ablegt, sei keinesfalls altmodisch, meint Thomas Eigenthaler, der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, die bundesweit die Interessen von 70.000 Mitgliedern vertritt. „Durch den Eid sind sie mit dem Staat, dem Grundgesetz und den Steuergesetzen verbunden“, sagt er. „Sie alle eint, dass sie jeden Tag mit voller Hingabe, ihre Pflichten erfüllen.“ Etwas nüchterner formuliert es ein junger Beamter auf Spiegel.de: „Man arbeitet in dem Glauben, dass es etwas wie Steuergerechtigkeit gibt.“

Doch nicht nur die Werte im Finanzamt wirken altmodisch. „Die Sicherheit des Arbeitsplatzes rangiert bei unseren Bewerbern ganz oben, mehr noch als vor ein paar Jahren“, weiß Doris Berger, Referatsleiterin Personalentwicklung bei der Senatsverwaltung für Finanzen in Berlin, aus vielen Interviews. Unter den Bewerbern fänden sich beispielsweise auch einige, die schon eine Banklehre hinter sich haben. „Aber dann wird ihnen klar, dass ihr Gehalt zu einem beträchtlichen Teil von Vertriebsprovisionen abhängt.“

Für die Behörde spricht außerdem die Work- Life-Balance: geregelte Arbeitszeiten, Teilzeit, Sabbaticals, Home Office – im Finanzamt kein Problem. In Berlin ist die Finanzverwaltung der öffentliche Arbeitgeber mit dem höchsten Anteil an Telearbeits-Plätzen – der Begriff Home Office hat sich noch nicht durchgesetzt. „Ich fange morgens um sechs an“, berichtet eine junge Beamtin in „Komm zu den Unbestechlichen“ fröhlich. „Meine Kollegen belächeln mich mittlerweile dafür. Aber wenn ich dann um 15 Uhr schon am See liege, lächle ich.“

Und doch bleibt das Image der Finanzbeamten schwierig. Viele Bürger stören die meist holzig formulierten, mit Drohungen garnierten Schreiben der Ämter – Säumniszuschlag, Verspätungszuschlag, Pfändung. „Die Sprache ist oft hart, fast militärisch“, findet auch Steuergewerkschafts-Präsident Eigenthaler. Vor Jahren hat er angeregt, den saloppen Begriff „Finanzer“ als Ersatz für das sperrige „Finanzbeamte“ zu etablieren. Einer seiner Landesvorsitzenden verhinderte das mit dem Einwand, „Finanzer“ erinnere zu sehr an „Landser“.

Das größte Problem der Finanzämter ist direkt mit dem Image verbunden: der Personalmangel. Derzeit sind bundesweit 6000 offene Stellen unbesetzt. „Das ist, als würden 30 Finanzämter menschenleer dastehen“, sagt Eigenthaler. Und da geht es nicht um zusätzliche Stellen, die man benötigt, sondern um Planstellen, die sofort besetzt werden könnten – nur dass es keine Bewerber gibt.

Schuld daran sind die Babyboomer: Eine ganze Generation von Finanzbeamten, die ihren Amtseid in den Siebzigerjahren abgelegt haben, geht gerade in Pension. Die Finanzämter bilden zwar auf Rekordniveau aus, doch die Konkurrenz ist groß – und zahlt meist besser. In Berlin fangen junge Finanzbeamte in der Gehaltsstufe A9 mit rund 2600 Euro brutto im Monat an, ein gleichaltriger Steuerberater geht mit fast 1500 Euro mehr nach Hause.

Selbst innerhalb des öffentlichen Dienstes ist das nicht gut: Die Kollegen in der Kommunalverwaltung steigen zwei Gehaltsstufen höher ein, bei A11 – ein Finanzbeamter braucht mindestens zehn Jahre, um das zu bekommen. Wenn die Betriebsprüfer auf die Steuergestalter der Konzerne treffen, sei das Einkommensgefälle enorm, weiß Thomas Eigenthaler: „Das ist, als ob einer mit einem Fahrrad gegen einen Ferrari antritt.“

Kein Wunder, dass jedes Jahr Hunderte Spezialisten dem Finanzamt den Rücken kehren. 2017 ließen sich allein in Bayern 255 Beamte aus dem Staatsdienst entlassen, um ihre Karriere in Kanzleien fortzusetzen. Den größten Wirbel verursachten vor zwei Jahren zwei leitende Steuerfahnder in Wuppertal, die zu Deloitte wechselten. Zu ihren Aufgabengebieten zählt im neuen Job auch „die Begleitung von Durchsuchungen“. Wahrscheinlich treffen sie da auf frühere Kollegen.

Die Folgen liegen auf der Hand: Die Finanzbeamten kommen mit ihrer Arbeit gerade dort kaum hinterher, wo eine Tiefenbohrung angeraten wäre: bei Betriebsprüfungen und Steuerfahndung. Denn vor allem da werde Personal eingespart, erklärt Harm Thiessen, Landesvorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft in Schleswig-Holstein, „um nicht die Funktionsfähigkeit der Finanzämter in anderen Bereichen wie der Bearbeitung von Steuererklärungen zu gefährden“.

Die Malaise in Zahlen: 2018 konnten lediglich 2,4 Prozent aller registrierten Unternehmen geprüft werden. Ein Kleinbetrieb, also eine Kneipe, ein Gemüseladen, eine Bäckerei, muss derzeit nur alle 31 Jahre mit dem Besuch eines Prüfers rechnen, ein mittlerer Betrieb wie zum Beispiel produzierende Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 560.000 Euro alle 15 Jahre. In Schleswig-Holstein, wo die Situation besonders prekär ist, steht bei Kleinstbetrieben statistisch alle 117 Jahre ein Betriebsprüfer vor der Tür. Wer schummelt, darf darauf hoffen, damit durchzukommen.

Die Finanzämter setzen angesichts der Personalknappheit jetzt auf die digitale Aufrüstung. In der Vergangenheit war die IT-Ausstattung oft antik: Computer und Monitore stammten mitunter aus der Zeit der Kanzlerschaft von Helmut Kohl. Doch jetzt, hieß es kürzlich im Manager Magazin, verwandeln sich die Amtsstuben „peu à peu in eine Armada schlagkräftiger Fahndungszentralen gegen Steuersünder“. Intelligente Software erledigt Routinetätigkeiten und schlägt bei Betrugsverdacht Alarm. Die Finanzbeamten sollen sich auf jene konzentrieren können, bei denen viel zu holen ist.

So wandelt etwa die Software „Risikomanagementsystem“ Standard-Fälle automatisch in Steuerbescheide um. Nur wenn sie Alarm schlägt, weil sie zum Beispiel deutliche Abweichungen gegenüber dem Vorjahr feststellt, der Weg ins Büro auffällig lang ist, die Handwerkerkosten ausufern oder enorm hohe Aufwendungen für eine doppelte Haushaltsführung anfallen, erscheint auf dem Bildschirm des zuständigen Beamten eine Liste mit Warnhinweisen. Dann wird der Fall „ausgesteuert“ und sich die Steuererklärung genauer angeschaut. 3500 Auslöser haben die Programmierer in ihrem Risikofilter definiert – die Liste ist natürlich geheim. Das Risikomanagementsystem wird bereits flächendeckend eingesetzt, derzeit werden rund zehn Prozent der Steuererklärungen ohne menschliches Zutun bearbeitet. 2022 soll der Anteil der „Auto-Fälle“ bei 50 Prozent liegen.

In Zukunft soll außerdem künstliche Intelligenz (KI) für mehr Effizienz in Finanzämtern sorgen. Die Idee speist sich aus Erfahrungen bei der Auswertung der „Panama Papers“, insgesamt fast 49 Millionen Dokumente. Ein achtköpfiges Auswertungsteam im Finanzamt Kassel II-Hofgeismar, bestehend aus Steuerfahndern und Computerforensikern, die mit dem Bundeskriminalamt zusammenarbeiten, setzt dabei eine Spezialsoftware ein, die auf künstlicher Intelligenz basiert. Das Auswertungsteam leitet jeden Tag mehrere Hundert Dokumente an Steuerbehörden im In- und Ausland weiter, insgesamt schon mehr als 350.000 Schriftstücke zu fast 1700 Offshore-Firmen. In rund 150 Fällen wurden damit in Deutschland Steuerstrafverfahren eingeleitet oder laufende Verfahren durch neue Erkenntnisse vorangebracht.

Anteil an den ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland 2017, die allein der Steuervermeidung dienten (Phantomkapital), in Prozent: 40

Anteil des Phantomkapitals, das in Luxemburg, Hongkong, den Niederlanden, den Britischen Jungferninseln, den Kaiman- inseln, der Schweiz, Irland, Bermuda, Singapur und Mauritius investiert wurde, in Prozent: > 85

Höhe des weltweiten Phantomkapitals 2017, in Billionen US-Dollar: 15

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer will prüfen lassen, „inwieweit der Einsatz von KI auf weitere Bereiche innerhalb der Steuerverwaltung ausgeweitet werden kann“. Er verband den Hinweis mit einer Warnung an alle Steuersünder: „Wir knüpfen von Hessen aus ein dichtes Netz im Kampf gegen Steuerkriminalität, das immer engmaschiger wird. Ich hoffe sehr, dass sich darin immer mehr Steuerkriminelle verfangen.“

Die IT-Aufrüstung hat auch das Verhältnis zu den Steuerberatern gewandelt. Junge, technikaffine Finanzbeamte treten selbstbewusster auf als ihre Vorgänger. „Ich begegne seit einigen Jahren immer öfter smarten, dynamischen Beamten“ – das ist in jüngster Zeit häufiger von Steuerberatern zu hören.

Die Beziehung zwischen Beratern und Beamten ist ohnehin überholungsbedürftig. Früher ging man sich oft nach Kräften gegenseitig auf die Nerven: Die Steuerberater nörgelten, weil in den Ämtern niemand zu erreichen war, ständig neue Belege angefordert wurden und zu guter Letzt auch noch eine Betriebsprüfung kam. Die Beamten dagegen witterten allseits Fehler und Betrug. „Steuerbeamte werden schon in der Ausbildung darauf programmiert, dass es in den Genen des Steuerberaters liegt, falsche Angaben zu machen“, sagt Steuergewerkschafts-Präsident Eigenthaler. „Sie müssen nur einmal einen Blick in die Klausuren werfen, dann verstehen Sie vieles.“

Mittlerweile haben jedoch beide Seiten erkannt, dass sie gemeinsam besser und zügiger vorankommen. Vielerorts gibt es „Klimatagungen“, bei denen leitende Finanzbeamte und Vertreter der Steuerberaterzunft über Beleganforderungen, Abgabefristen, elektronische Übermittlung von Bilanzen und „Fragen der Ladenkasse“ diskutieren. Außerdem sorgt nicht zuletzt der Generationswechsel in den Finanzämtern für eine kooperative Stimmung. „Wenn Sie 65-Jährige durch 25-Jährige ersetzen“, sagt der bayerische Steuergewerkschafts-Chef Gerhard Wipijewski, „dann verändert sich natürlich auch die Haltung.“

Und wer setzt diese schöne elektrische Schreibmaschine jetzt wieder zusammen?

Edgar Ernst ist ein Mann, dem Ungenauigkeit von Berufs wegen suspekt ist. Doch wenn Journalisten seine kleine Spezialtruppe flapsig „Bilanzpolizei“ nennen, lässt er Gnade walten. „Ich mag den Begriff“, sagt der Präsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), „auch wenn er sachlich nicht korrekt ist. Aber unseren offiziellen Namen kann sich doch kein Mensch merken.“ Die Prüfer der DPR tragen jedoch weder Dienstwaffe noch können sie Verdächtige vernehmen oder verhaften. Ihre schärfste Waffe ist die Akribie: In monatelanger Kleinarbeit durchforsten sie Bilanzen, Geschäfts- und Lageberichte deutscher börsennotierter Unternehmen, immer auf der Suche nach Bilanz-Doping oder Zahlenkosmetik.

Die Prüfstelle wurde 2005 als deutsche Antwort auf die Pleite des US-Energiekonzerns Enron eingerichtet. Zu den Gründungsmitgliedern zählten diverse Banken-, Wertpapier- und Wirtschaftsverbände, auch die Wirtschaftsprüferkammer war dabei, die Bundessteuerberaterkammer kam später hinzu. Der Verein war letztlich ein Kompromiss, um die Gründung einer staatlichen Stelle mit großen Kompetenzen zu verhindern. Im Gegensatz zu den Betriebsprüfern und Steuerfahndern der Finanzämter sind die DPR-Prüfer keine Staatsdiener, sondern Angestellte des Vereins. Finanziert werden sie durch Beiträge der börsennotierten Unternehmen.

Mit nur 17 Köpfen ist die DPR eine ausgesprochen schlank designte Task Force, die pro Jahr rund 100 Jahresabschlüsse und Geschäftsberichte checkt – und damit indirekt auch die Arbeit der Wirtschaftsprüfer prüft, die ihr Plazet gegeben haben. Im Schnitt muss ein Unternehmen alle vier bis fünf Jahre mit einer Prüfung der DPR rechnen, der größte Teil wird zufällig ausgewählt. Manchmal – 2018 waren es drei Fälle – wird der Verein allerdings auch nach gezielten Hinweisen tätig, etwa durch Medienberichte oder Tipps von Insidern.

Nicht jeder kleine Lapsus im Jahresabschluss führt automatisch zu einer Rüge. „Jede Bilanz hat Fehler“, räumt Edgar Ernst ein. „Die für uns relevante Frage lautet: Ist der Fehler wesentlich oder nicht?“ Wenn beispielsweise im Chancen-Risiken-Bericht erhebliche Gefahren für das zukünftige Geschäft verschwiegen werden, ist es ein gravierender Fehler. Zu den Klassikern zählen auch künstlich aufgepumpte Umsätze wie vor einigen Jahren beim Elektronikhersteller Medion: Das Unternehmen hatte im Geschäftsjahr 2016/17 seinen Umsatz auf 408 Millionen Euro hochgerechnet, um den dramatischen Umsatzeinbruch im Vergleich zum Vorjahr zu kaschieren.

Im Gegensatz dazu wies die zur genossenschaftlichen DZ-Bank gehörende DVB-Bank vor drei Jahren ihren Verlust um 150 Millionen Euro zu niedrig aus, weil sie eine Finanzspritze der Konzernmutter keck als Ertrag bilanzierte und damit das Ergebnis aufhübschte. Die Wirtschaftsprüfer sahen darin offenbar kein Problem – die Bilanzpolizisten schon.

Und die Arbeit der DPR zeigt Wirkung, wie ein einfacher Zahlenvergleich belegt: In den ersten Jahren nach Gründung der Prüfstelle lag der Anteil der Bilanzen mit gravierenden Mängeln noch bei rund 23 Prozent – 2018 war er auf 15 Prozent gesunken.

Edgar Ernst, seit 2011 Präsident der Prüfstelle und im Nebenberuf Honorarprofessor an der Otto Beisheim School of Management, würde solche Erfolge gern mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Die Rügen für fehlerhafte Bilanzierung werden zwar veröffentlicht, allerdings im Bundesanzeiger – und wer liest den schon? Außerdem sind die Veröffentlichungen „nach Paragraf 109 Absatz 2 Satz 1 Wertpapierhandelsgesetz“ auf Deutsch verfasst. Ernst schätzt jedoch, dass 80 Prozent der Analysten, für die solch ein öffentlicher Rüffel von Interesse sein könnte, nicht Deutsch sprechen. Sein Vorschlag, die Berichte ins Englische zu übersetzen, fand indes kein Gehör.

In den vergangenen Jahren akzeptierten im Schnitt drei Viertel der gerügten Unternehmen die Forderungen der DPR nach Korrekturen. Bei den anderen leitete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eine erneute Prüfung ein. Danach steht einem Unternehmen nur noch der Weg vor das Oberlandesgericht in Frankfurt/Main offen. In der Vergangenheit folgte das Gericht allerdings fast immer der Einschätzung der Prüfstelle.

Ein Rüffel der DPR ist eine öffentliche Ohrfeige für das geprüfte Unternehmen, aber auch für die Wirtschaftsprüfer, die Bilanz und Lagebericht testiert haben. Und manchmal bleibt es nicht beim Image-Schaden: Nachdem im Mai 2019 bekannt wurde, dass die DPR im Jahresabschluss 2017 des Batteriesystemherstellers Voltabox schwere Mängel gefunden hatte und der Verlust sich nicht auf 238.000 Euro, sondern auf 14,4 Millionen Euro belief, sauste der Aktienkurs des Unternehmens um 24 Prozent in die Tiefe. Fehler in den Jahresabschlüssen mag die Börse nicht.

Viel wichtiger als der nur begrenzt wirksame öffentliche Pranger oder Geldbußen, die die DPR ohnehin nicht verhängen kann, sei allerdings die interne disziplinierende Wirkung, glaubt Edgar Ernst – die DPR erziehe Unternehmen und Dienstleister zu mehr Sorgfalt. Aus vielen Gesprächen mit Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern wisse er, dass eine ihrer Rügen mitunter ein kleines Beben auslöst. „Dann gibt es bohrende Fragen des Aufsichtsrats, auch an die Wirtschaftsprüfer: Wie konnte uns so etwas passieren?“

Manchmal muss sich ein Finanzvorstand oder Accounting-Chef sogar einen neuen Job suchen. Der gleiche Fehler unterläuft den Unternehmen danach in der Regel nicht mehr. Die Nachschau für das Jahr 2017, heißt es im Bericht 2018, zeige erneut, „dass die festgestellten Fehler im nachfolgenden Abschluss fast immer korrigiert wurden“.

Zahl der staatlichen Betriebsprüfungen in Deutschland 2018: 188.973

Summe der zusätzlichen Steuereinnahmen durch Betriebsprüfungen 2018, in Euro: 13,9 Milliarden

Ernst sieht die Prüfstelle durchaus auf Augenhöhe mit den Finanzvorständen und Wirtschaftsprüfern. „Unsere Arbeit wird beobachtet“, sagt er, „das haben wir mit der Zeit geschafft.“ Er führt jedes Jahr Gespräche mit den Führungsvertretern der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die Big Four haben sogar eigene Teams für den Dialog mit der Prüfstelle eingerichtet.

Nicht selten kommen nach der Meldung gravierender Fehler Manager und Wirtschaftsprüfer nach Berlin, dem Sitz der Prüfstelle, um gemeinsam über Zahlen zu brüten und Ermessensspielräume auszuloten. Bei solchen Treffen wird Klartext gesprochen. Ernst: „Haben wir den Eindruck, dass die Qualität des Accounting dringend besser werden muss, sagen wir das den Verantwortlichen auch.“

Fachlich kann man den Prüfern ohnehin nichts vormachen. Sie sind allesamt gestandene Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, mehr als die Hälfte hat bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet, andere im Accounting großer Unternehmen. Bewerber gibt es genug, denn anders als die Behörden zahlt die DPR marktgerechte Gehälter. Die Prüfer werden allerdings nur auf vier Jahre gewählt. Dafür habe man sich bei der Gründung der Prüfstelle bewusst entschieden, sagt Edgar Ernst: „Wir wollen neues Know-how, und wir wollen immer wieder neue Impulse.“

Nach ihrer Zeit bei der DPR wechseln die Prüfer wieder auf die andere Seite. Ernst sieht darin fast nur Vorteile. Ein Wirtschaftsprüfer, der selbst einmal bei der Prüfstelle gearbeitet hat, erklärt er, „weiß, wie wir ticken, und kann sein Wissen in das Unternehmen tragen, um dort heilsamen Einfluss auf die Verantwortlichen im Accounting zu nehmen“. Auch er selbst kennt die Gegenseite bestens – von 1992 bis 2007 war er Finanzvorstand bei der Deutschen Post. Außerdem sitzt er in den Aufsichtsräten der Metro, bei TUI und Vonovia.

Und wenn bei einer Prüfung der Verdacht aufkommt, dass nicht Unkenntnis oder Schlampigkeit das Problem ist, sondern etwas bewusst manipuliert werden sollte? Für die Prüfstelle ist das eine interessante Frage – aber letztlich ohne Relevanz. „Wir haben in solchen Fällen vielleicht eine Arbeitshypothese“, sagt Ernst, „aber für das Ergebnis unserer Prüfung ist es nicht entscheidend, ob kriminelle Absichten dahinterstecken oder nicht.“ Die müsste man nachweisen – wozu der DPR die Befugnis fehlt.

Allerdings sucht die Prüfstelle nach jeder vorläufigen Fehlerfeststellung den Kontakt zum Unternehmen. „Und da gibt es angenehme Gespräche“, sagt Ernst, „aber eben auch solche, die alles andere als angenehm sind.“ //

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