Im Osten viel Neues?

Die Stunde Null

1990 war in Dresden alles möglich. Wenn man wusste, wie es geht. Es wusste nur keiner. Außer man hatte Glück – und eine gute Steuerberaterin.




Viel Historie, viel Blick ins Blaue: Dresden nach der Wende

/ Dresden im Spätsommer 2019. Noch ist es nicht kalt. Christina Westphal fährt durch die Neustadt, auf der Suche nach Kuchen – der gute Bäcker hat zu. Und „backen“, sagt die quirlige 64-Jährige mit leichtem bayrischem Zungenschlag und ebenso bayrischem Nachdruck, „das können sie hier nicht“. In ihrer Wohnung, kompakter Altbau, hängt an den Wänden Kunst dicht an dicht, ansonsten wirkt die Dekoration eher konzentriert, wie bei einer, die weiß, was sie will. Der Kuchen ist nicht so schlecht. Die Gastgeberin wechselt nach dem Kaffee zu Wein und erzählt ihre Geschichte.

Es war 1990, und Christina Westphal hatte einen guten Teil des vergangenen Jahrzehnts vergeblich darauf gehofft, einige Jahre im Ausland leben zu können. Als Steuerberaterin konnte sie nur in Deutschland arbeiten, aber für ihren Mann, einen Juristen, gab es das Problem nicht. Er hatte oft beteuert, dazu bereit zu sein, teilte aber am Ende wohl doch nicht die Abenteuerlust seiner Frau. So war die Münchnerin vage interessiert, als eine ihrer Mitarbeiterinnen nach einem Besuch in Dresden kurz nach dem Mauerfall erzählte, dass es im neuen Landesteil Bedarf für ihre Fachkenntnisse gab. Sicher, Dresden war nun Teil des geeinten Deutschlands, aber erst seit einer so kurzen Zeit, dass es sich wie Ausland anfühlte. „In Thailand konnte ich nicht arbeiten, also ging ich in den Osten.“

Sehr viele Menschen hatten damals in Dresden keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Für Westphals erste Tour in die sächsische Hauptstadt waren 40 Mitarbeiter der von der Allianz übernommenen staatlichen Versicherung verantwortlich, die vor einer schwierigen Frage standen: Sollten sie angestellt arbeiten oder selbstständig? Was bedeutet es, in der BRD selbstständig zu sein? Westphal erklärte es der Gruppe an einem Abend, und „drei Wochen später riefen sie an“, erzählt sie lächelnd. „,Wir werden alle selbstständig, wann kommst du, wir brauchen einen Steuerberater.‘ Ich sagte: ,Nein, nein, nein, nein, nein. Ich habe in München genug Arbeit.‘ Und so hat sich das entwickelt.“

Für Steuerberater waren die neuen Bundesländer ein Traum. Zur Wende gab es in der gesamten ehemaligen DDR fünf von ihnen – der jüngste war 78. Die großen Kanzleien schickten ihre Leute in den Osten, um Zweigstellen aufzubauen, doch Christina Westphal wollte es anders machen. Das war ihr Ding, seit sie in ihrer Ausbildung in den Siebzigerjahren gesehen hatte, dass schon ein Bürofußboden falsch sein kann: „Man ging auf Linoleum, aber im Chefbüro lag Teppich.“ 1979 machte sie sich mit einigen Klienten, die beim Fernsehen arbeiteten, selbstständig. Bald sprach sich ihre Kanzlei unter den Kreativen herum: „Geh mal zu der, mit der kannst du reden, die erklärt es dir so, dass du es verstehst.“ Für ihre Dresdner Niederlassung wusste sie: „Ich wollte jemanden von dort.“

Die Suche nach ihrer ersten Mitarbeiterin übernahmen ihre zukünftigen Klienten, die Versicherungsmakler. Niemand erfüllte die klassischen Voraussetzungen, erinnert sie. „Die Fragen waren eher: Passt es menschlich? Traue ich ihr das zu?“ Westphal arbeitete nur mit Frauen. „Und fast alle hatten kleine Kinder. Aber Frauen, die gewöhnt sind, zu arbeiten und sich dann auch noch um ihre Kinder zu kümmern, sind zuverlässig. Sicher, die Kinder sind auch mal krank, aber das gehört zum Leben.“ Ihre erste Mitarbeiterin hatte bessere Angebote, fand aber den Job interessant. Anfangs arbeiteten sie in ihrem Wohnzimmer, es gab zwar Büros, aber deren Ausstattung ließ zu wünschen übrig. „Das erste Büro habe ich angemietet, weil es Telefon hatte. Wir hatten nur einen Apparat, den wir von Zimmer zu Zimmer getragen haben.“ Die Mitarbeiterin ist noch heute in der Kanzlei tätig.

Nachdem sie sich entschlossen hatte, in Dresden anzufangen, fuhr Westphal eine Woche durch den Osten und hielt jeden Tag in einer anderen Stadt Vorträge über das deutsche Lohnsteuerrecht. Die Begeisterung für den Westen war groß, aber sie traf auch viele der Menschen, die das schnell ändern würden. „Die Ersten, die in den Osten gingen, waren Leute, die im Westen keinen Fuß mehr auf den Boden bekamen, Dampfplauderer, die Pyramidensysteme verkauften oder Plattformen, über die man Aufträge bekommen sollte, auf denen aber nie etwas passierte. Die zweite Welle waren sensiblere Leute, die aber viele Versprechen machten und sie nicht einhielten. Mit der dritten Welle kamen dann die, die wirklich interessiert waren, etwas aufzubauen – aber wir hatten es schwer, weil viele schon schlechte Erfahrungen gemacht hatten.“

Hinzu kam ein weiteres Problem: Die Menschen kannten die Grundregeln der Wirtschaft nicht, sie hatten keine Ahnung, was wichtig war. „Wenn man ihnen sagte, was die monatliche Buchhaltung kostet, haben viele gestöhnt“, erzählt Christina Westphal. „Manche haben gesagt: ,Ach, kein Problem, das macht meine Frau.‘ Doch dann kamen die Steuererklärung, die Nachzahlungen und die Vorauszahlungen – und dann waren sie weg. Aber die, die das Geld investiert haben, die haben es alle geschafft.“

Wirtschaftliches Denken wurde vom DDR-Normalbürger nicht erwartet, von Ideen zur Verringerung der Steuerlast ganz zu schweigen. Das System war sehr überschaubar. Wer angestellt arbeitete, zahlte, je nach Gehaltshöhe, etwa 15 bis 20 Prozent Steuern, über die es nichts zu diskutieren gab. Für Selbstständige waren bei einem Jahreseinkommen bis zu 50.000 Mark deutlich mehr als 50 Prozent Steuern fällig, wer es auf 500.000 Mark brachte, zahlte 90 Prozent. Doch wer jetzt denkt, Leistung lohnte sich in der DDR eben nicht, liegt falsch: Mit einem Jahreseinkommen von 50.000 Mark netto war man steinreich. Zudem gab es durchaus Wege, Ausgaben abzusetzen. Die musste allerdings jeder selbst herausfinden – Bücher wie „1000 ganz legale Steuertricks“ gab es in der DDR selbstverständlich nicht. Unternehmertum wurde geduldet, aber keinesfalls geliebt.

Das kann Mathias Müller, Weinhändler, Spirituosenproduzent und ein früher Mandant Westphals Kanzlei, nur bestätigen. Müller ist ein sanfter, gut geerdet wirkender Mann, dessen Likörfabrik im nahe gelegenen Dürrröhrsdorf seit 1900 in Familienbesitz ist. Er erzählt, wie sein Vater die Firma durch den Sozialismus brachte: Weinhandel gab es nicht, und die Produktion der in der DDR an sich beliebten Kräuter- und Pfefferminzliköre fand nur auf Sparflamme statt, weil die Alkoholzuteilung für Privatunternehmen übers Jahr festgelegt war – das große Geschäft sollten die VEBs machen. So überlebte die Firma vor allem mit der Auslieferung eines gefragten Mineralwassers. „Aber ich will mich nicht beklagen“, sagt Müller. „Wir haben überdurchschnittlich verdient, in gewisser Weise waren wir privilegiert.“

Dass sie irgendwann einmal Dresden ihre Heimat nennen würde, hätte Christina Westphal nach der Wende nicht gedacht. Seit 2010 wohnt sie hier, weil sie sich hier wohler fühlt als an jedem anderen Ort.

Dann kam der Mauerfall. „Mein Vater hat drei Tage später Weingüter an der Mosel angeschrieben. Am 15. März 1990 haben wir unseren ersten Weinverkauf im Dresdner Zentrum gemacht. Wir haben an einem Wochenende 21.000 Flaschen verkauft. Es hat ewig gedauert, bis wir die Einnahmen gezählt hatten. Wir haben sie fifty-fifty mit dem Lieferanten geteilt, und so ging es los. Danach wurden wir wieder Weinhändler.“

An Steuern oder gar eine Rechtsform für ihr Unternehmen, das erst 1991 zu einer GmbH wurde, dachten sie nicht. Keiner dachte damals an Formalien. „Es gab gute Ideen, aber sehr viele kaufmännische Fehler“, sagt Müller. „Vielleicht fehlte auch das kaufmännische Gefühl. Ein Steuerbüro war damals lebensnotwendig. Wer das nicht ernst genommen hat, ist in der Regel auf die Schnauze gefallen. Viele kannten ihre Zahlen nicht, sie wussten nicht, was gerade bei ihnen passierte. Und sie hatten kein Eigenkapital, ganz viele haben bei null angefangen. Dann kam eine Durststrecke, und sie waren weg.“ Christina Westphal nickt: „Fünfzig Prozent der Leute, die wir kennen, waren schon mal pleite.“

„Die Naivität damals“, erinnert sich Müller, „war super und enorm wichtig, um überhaupt etwas anzufangen. Aber es war auch eine Zeit, in der wir viel Geld eingebüßt haben. Wir hatten Geschäftspartner, die ihre Läden nicht im Griff hatten, Gastronomen zum Beispiel, die irgendwann ihre Rechnungen nicht mehr zahlen konnten. Uns fehlte Menschenkenntnis, außerdem gab es eine gewisse Großzügigkeit und Unerfahrenheit.“

Es war die Stunde Null im deutschen Osten, theoretisch ein Moment der unendlichen Möglichkeiten, nur dass niemand den neuen Mitspielern die Marktwirtschaft erklärt hatte. Das überließ man Menschen wie Christina Westphal, die sich echten Herausforderungen stellen musste – und das gern tat. „Ein Anreiz war, dass jeder Mandant, der zu mir kam, bei null anfing“, sagt die Steuerberaterin. „Man konnte alles von Anfang an gemeinsam gestalten.“

Doch der Start war schwer. 1990 mussten Unternehmen eine D-Mark-Eröffnungsbilanz erstellen, was böse Überraschungen mit sich bringen konnte: „Eine Bilanz spiegelt die wahren Verhältnisse wider: was ich auf dem Konto habe, offene Forderungen, Schulden, das Inventar. Da kamen Leute, die sich nach 15 Jahren Wartezeit vor einigen Monaten einen Transporter für 40.000 Mark gekauft hatten – und nun war der Wagen nur noch 5000 Mark wert. Da gab es Tränen! Aber das war der wahre Wert – nach der Wende gab es für alte Ost-Lkw keinen Markt mehr.“ Auch Trabis kosteten in der DDR weit mehr als 10.000 Mark, eine enorme Summe – und plötzlich waren sie nur noch Pappe auf Rädern.

Nach dieser Phase lief es einige Zeit für alle gut. „Die ersten fünf Jahre war viel zu tun“, sagt Westphal. „Vor allem Handwerker haben ordentlich verdient, weil nun alles möglich war, die hatten endlich Material, und Arbeit gab es genug.“ Westphal, die immer noch ihre Kanzlei in München führte, kam regelmäßig nach Dresden, um die vielen Abschlüsse abzuarbeiten, die ihre Mitarbeiterinnen für sie vorbereitet hatten. Und für den Kampf mit dem Finanzamt: „Das war kein schönes Verhältnis. Da herrschte die Überzeugung: Der Bürger und seine Steuerberaterin wollen uns betrügen. Rief ich in München beim Finanzamt an, ging man davon aus, dass ich etwas zur Sache beitragen wollte – den Gedanken gab es hier nicht.“

Aber es gab auch das Gegenteil: „Kam etwas vom Amt, wurde es einfach hingenommen. Ich musste meinen Leuten erst beibringen, dass das Finanzamt nicht etwas anordnen konnte. Wenn ein Steuerbescheid kommt, der nicht stimmt, ist es normal, Einspruch zu erheben. Hier war diese Idee ganz neu. Das Anzweifeln offizieller Dokumente musste erst gelernt werden.“

65 Menschen
wurden 2018/2019 allein in Sachsen zum Steuerberater ernannt. 1989 gab es in der gesamten DDR nur fünf Steuerberater.

Nach fünf Jahren waren die dringendsten Bedürfnisse gesättigt. „Und dann hat auch die Treuhand eingeschlagen“, sagt Westphal, „hinter der die westdeutschen Unternehmen standen, die im Osten keine Konkurrenz wollten.“ Es begann das Elend der Landschaften, die nur in PR-Mitteilungen und Regierungserklärungen blühten. Aber die Sachsen ließen sich nicht unterkriegen, vielleicht weil sie schon immer ein Volk von Unternehmern waren. Bald wurden die ersten Start-ups gegründet, von jungen Leuten, mit denen Christina Westphal gut zusammenarbeiten konnte. Auch sie kamen wieder auf Empfehlung zu ihr.

2006 verkaufte die Steuerberaterin ihre Münchner Kanzlei. Sie stand vor dem Burnout, vielleicht auch dahinter, und machte drei Jahre Pause. 2010 ging sie nach Dresden. Sie wohnte in einer WG, weil sie sich erst einmal orientieren wollte. Die Übergangsphase dauerte länger als geplant, am Ende wurden es drei WGs.

2018 verkaufte sie auch ihre Dresdner Kanzlei, entschied sich aber, vor Ort zu bleiben, obwohl Sohn, Enkel, viele Verwandte und Freunde in München leben. Sie fühle sich hier wohler als irgendwo anders, sagt sie, und sie hat noch Energie: „Ich will noch etwas machen, es muss doch noch was anderes geben.“

Steuerberatung ist heute in Dresden keine Aufgabe mehr für Abenteurerinnen. Allein in Sachsen legen jährlich rund 120 Menschen die Prüfung zum Steuerberater und etwa 300 die Prüfung zum Steuerfachangestellten ab. Kanzleien gibt es überall: Westphal hat ihr Büro an die SGK Steuerberatung verkauft, deren Hauptsitz sich in Heidenau befindet, 15 Kilometer südöstlich der Stadt. Auch in Sachsen kennt man Nachwuchsprobleme und den Digitalisierungsdruck. „Angeblich“, sagt Westphal, „haben sich um die 5000 Kanzleien in Deutschland bislang nicht an der Digitalisierung beteiligt. Die sind nicht mehr marktfähig. Und die Mitarbeiter werden es sehr schwer haben, einen Arbeitsplatz zu finden, wenn ihnen das passende Wissen fehlt.“ Aber so ist es überall.

Heute braucht Christina Westphal keine regelmäßigen Einnahmen mehr, aber sie macht Finanzierungen, weil sie das schon immer interessiert hat. Sie hilft Menschen, ein Haus zu kaufen oder eine Wohnung. Die treffende Berufsbezeichnung dafür wäre wohl Traumverwirklicherin.

Und sie interessiert sich für die Gemeinwohlökonomie. Seit einiger Zeit arbeitet in Dresden eine Gruppe an der Verbreitung der Idee, eventuell wird sie sich da engagieren. Vielleicht, so hat sie sich überlegt, kann sie Unternehmen ja in die Gemeinwohlökonomie begleiten, es gibt mittlerweile sogar den Beruf Gemeinwohlberaterin.

So etwas machen üblicherweise eher Idealisten, denen die Philosophie näherliegt als die Ökonomie. Aber es ist wahrscheinlich ganz hilfreich, wenn auch jemand dabei ist, die sich mit Zahlen auskennt. //

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