Wer zahlt bei Schlamperei?

Brauchen wir härtere Haftungs-Gesetze?

In kaum einem Land sind die Gesetze für Wirtschaftsprüfer, die Fehler begehen, so kuschelig wie in Deutschland. Das ist womöglich ein Problem.





/ Im März 2019 einigten sich die Kontrahenten dann doch: Nach einem jahrelangen Rechtsstreit in den USA stimmte der Wirtschaftsprüfungsriese PricewaterhouseCoopers (PwC) einer Zahlung von 335 Millionen Dollar zu. Hintergrund war die Pleite der Colonial Bank im Jahr 2009, die dem nationalen Einlagensicherungsfonds FDIC einen Verlust von drei Milliarden Dollar beschert hatte. Als Zwangsverwalter und Rechtsnachfolger der Bank verklagte er PwC – ihren Prüfer – und forderte Schadensersatz. Ein Gericht gab dem FDIC recht und befand, die Prüfer hätten die Tricksereien des Managements entdecken müssen. Durch den Vergleich konnte PwC das juristische Tauziehen beenden, ohne eine Schuld einräumen zu müssen.

In Deutschland wäre solch ein Fall kaum denkbar. Hier hat der Gesetzgeber die persönliche Haftung für Wirtschaftsprüfer gegenüber Ansprüchen eines Mandanten weitgehend gedeckelt. Im Fall fahrlässigen Handelns ist diese Haftung auf eine Million Euro begrenzt. Nur wenn es sich bei dem geprüften Unternehmen um eine börsennotierte Aktiengesellschaft handelt, kann sich die Summe erhöhen – auf maximal vier Millionen Euro. Selbst das wäre umgerechnet nur etwas mehr als 1,3 Prozent des Betrags, den PwC in den USA gezahlt hat. Anders sieht es aus, wenn bei Pflichtverletzungen Vorsatz, sprich Absicht im Spiel war. Dann ist die Haftung theoretisch unbegrenzt, zudem kann die Haftpflichtversicherung in diesem Fall eine Zahlung ausschließen. Von Forderungen Dritter dagegen ist im Gesetz nicht die Rede. In Deutschland sind die nur schwer durchzusetzen.

Haftungsgrenzen – wenn auch höhere als hierzulande – finden sich innerhalb der EU sonst nur in Österreich, Belgien und (mit Einschränkungen) Griechenland; in Polen und Slowenien sind sie sogar niedriger angesetzt. Wie kommt es zu dieser Unwucht? Spielen die Amerikaner verrückt? Oder sind vielleicht umgekehrt die Regeln bei uns zu lasch? Befürworter wie Gegner härterer Vorschriften sehen gute Gründe für ihre Haltung.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Prüfer gelegentlich in Verruf geraten, denn von ihnen hört die Öffentlichkeit vor allem dann, wenn etwas spektakulär schiefgelaufen ist. Fast immer handelt es sich dabei um saftige Geschichten wie diese: Eine Firma kauft im Namen ihrer Investoren angeblich Gold. Irgendwann stellt sich heraus, dass es sich bei den meisten Barren im Tresor nur um Fälschungen handelt, teilweise gar um billige China-Imitate, wie sie in Souvenir-Shops an Touristen verramscht werden. Die zuständige Prüfungsgesellschaft? Hat von all dem nichts gemerkt.

Derlei Fälle gibt es einige: erfundene Horizontalbohrmaschinen, windige Geschäfte mit digitalem Speicherplatz oder Schiffscontainern, geprellte Anleger, die Millionen, manchmal gar Milliarden verlieren – und häufig kommen die zuständigen Wirtschaftsprüfer ins Gerede.

Trotzdem verdient die Zunft kein grundsätzlich größeres Misstrauen. Im Gegenteil: Wirtschaftsprüfer sind als Institution unersetzlich. Ab einer bestimmten Größe müssen Unternehmen ihre Bücher extern prüfen lassen – und zwar „in sämt- lichen Staaten mit entwickelten Kapitalmärkten“, wie der Wirtschaftsrechtler Leonard Kirscht in seinem Buch über die Haftung von Prüfern schreibt. Staaten bestellen eine Art Bilanz-Polizei, auf dass sich alle an die Regeln halten. Diese Aufgabe übernehmen die Prüfer, und aus der psychologischen Betrugsforschung, wie sie beispielsweise der US-Professor Dan Ariely beschrieben hat, lässt sich ableiten, dass ohne Prüfer die Regeln noch häufiger gedehnt oder gebrochen werden würden, als es ohnehin schon der Fall ist. Weit mehr Jahresberichte und Bilanzen wären kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Wirtschaftsprüfer machen die Welt etwas ehrlicher, sie sorgen für mehr Vertrauen in den Kapitalmarkt.

Klingt wie ein Witz, ist aber ernst gemeint. Die Fachwelt spricht vom „audit expectations gap“. Danach klafft ein tiefer Graben zwischen dem, was Laien von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft erwarten, und dem, was die tatsächlich leistet und leisten soll, ja womöglich sogar leisten kann.

Die Öffentlichkeit glaubt: Wirtschaftsprüfer durchleuchten Unternehmen bis in den letzten Winkel und suchen wie Spürhunde nach Fehlverhalten, Skandalen und Risiken. Viele Wirtschaftsprüfer denken: Sie nehmen Stichproben und checken vor allem, ob die Bücher stimmen und alle Vorschriften eingehalten werden. Die gelegentlich aufflammende Empörung über die Branche – und die Lust, sie haftbar zu machen, wenn etwas schiefgegangen ist – ist demnach weniger dem Versagen der Prüfer geschuldet als vielmehr der Ahnungslosigkeit der anderen.

Dieses Argument ist in der Branche sehr beliebt und wurde kürzlich im Zuge einer Untersuchung des britischen Unterhauses zur Lage der Prüferbranche von „den meisten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften“ vorgebracht, wie es in dem entsprechenden Bericht heißt.

Machen es sich die Prüfer zu leicht? Nur zum Teil. Ein Wissenschaftler der Freien Universität Berlin bescheinigte der deutschen Öffentlichkeit 2014 in einer Studie in der Tat „eine überzogene Erwartung an die Verantwortung von Wirtschaftsprüfern“. Doch zugleich gelangt dieselbe Studie zu dem Ergebnis, dass „Wirtschaftsprüfer sich ihrer eigenen Pflicht nicht vollständig bewusst sind“.

Fazit: Ja, es gibt eine Erwartungslücke. Sie verführt die Öffentlichkeit dazu, sehr harte Regeln für Wirtschaftsprüfer zu fordern. Das heißt aber noch nicht, dass bei den Prüfern alles in Butter wäre – just because you’re paranoid, doesn’t mean they’re not after you.

Für Letzteres spricht, dass die Prüfer immer wieder auch von Leuten kritisiert werden, die tatsächlich Ahnung haben: ihren Kontrolleuren. So moniert die zuständige Aufsichtsbehörde in den USA regelmäßig Fehler und Mängel in der Arbeit der Prüfer. Und in Großbritannien befand der Financial Reporting Council zuletzt, dass mehr als ein Viertel aller Prüfungen nicht den Standards entsprachen. Die Untersuchung des Unterhauses kommentierte: Die Qualität der Prüfungen sei von einem „ohnehin niedrigen Niveau“ noch weiter gefallen. „Wir kennen keinen anderen Wirtschaftszweig, in dem 27 Prozent der verkauften Produkte fehlerbehaftet sind“, kritisierte 2019 der zuständige Ausschuss. Hierzulande fallen die Ergebnisse der Kontrollen – von denen es viele verschiedene gibt – weniger dramatisch aus, doch dass die Branche perfekt arbeitet, würden wohl auch in Deutschland nur wenige behaupten.

Die Studie im Journal of Accounting Research ist bereits 2008 erschienen, doch sie bleibt bemerkenswert. Ihre Autoren wollten wissen: Ist es für einen Wirtschaftsprüfer Anreiz genug, wenn er einen guten Ruf zu verlieren hat? Um diese Frage zu ergründen, untersuchten die Wissenschaftler einen der spektakulärsten Betrugsfälle in der Geschichte der Bundesrepublik: die Pleite der Comroad AG.

Der Telematik-Anbieter galt in den Jahren bis zur Jahrtausendwende als eine der Erfolgsgeschichten am Neuen Markt – bis sich 2002 herausstellte, dass mehr als 90 Prozent der angeblichen Umsätze frei erfunden waren. Den zuständigen Prüfern von KPMG – immerhin einer der „Big Four“ – war der Schmu über Jahre verborgen geblieben. Und wie die Daten der Forscher zeigen, hatte der Skandal einen massiven Reputationsverlust für KPMG zur Folge: Im Jahr nach der Pleite von Comroad verlor die deutsche Prüfergesellschaft doppelt so viele Kunden wie in den Jahren davor.

Warum hatten sich die Forscher aus den USA just einen Fall aus Deutschland ausgesucht? Ihre Antwort: Nirgends könne man die Wirkung des Marktes so „relativ sauber“ untersuchen – ein erzieherischer Druck durch eine gesetzliche Haftung sei in Deutschland praktisch nicht vorhanden. So gesehen regelt der Markt tatsächlich vieles.

§ 323 HGB, Absatz 1, Satz 3:
„Wer vorsätzlich oder fahrlässig seine Pflichten verletzt, ist der Kapitalgesellschaft und, wenn ein verbundenes Unternehmen geschädigt worden ist, auch diesem zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.“

Die Annahme ist weitverbreitet: Wenn Prüfer nicht nur durch den Markt bestraft werden, sondern zusätzlich für ihre Schlampereien haften müssen, und zwar so, dass es richtig wehtut, geben sie sich mehr Mühe. In Deutschland sind Wirtschaftsprüfer keinem nennenswertem Haftungsrisiko ausgesetzt – ist das also eine Einladung zur Schlamperei? Tatsächlich haben einige Untersuchungen genau diese Vermutung bestätigt.

Eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Maastricht und Antwerpen bescheinigte Deutschland 2006 eine besonders „flexible“ Einstellung zum Thema Prüfungsqualität. Die Regeln seien bei uns deutlich lockerer als in Frankreich oder Großbritannien, entsprechend weniger, so die Forscher damals, sei die Qualität der Prüfung hierzulande gewährleistet.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine neuere Studie von einem Forscher der Copenhagen Business School: Ihr zufolge fällt die Arbeit der Prüfer selbst zwar nicht schlechter aus, wenn die Haftung gedeckelt ist – was jedoch leidet, ist die „wahrgenommene Qualität“ der Wirtschaftsprüfung. Letztere ist in Ländern mit unbegrenzter Haftung höher, heißt es in der Studie.

Die Studie der Forscher aus Maastricht und Antwerpen sieht Anhaltspunkte dafür, dass sich die Big Four unter strengeren Rahmenbedingungen – einschließlich der Möglichkeit zu klagen – messbar mehr Mühe geben als ihre Konkurrenz, sprich dass sie in Ländern wie Großbritannien und den USA gründlicher arbeiten. Auch dass die Big Four dort höhere Preise einfordern können als die Konkurrenz, gilt unter Wissenschaftlern als Indiz für eine höhere – tatsächliche oder wahrgenommene – Qualität der Prüfungsarbeit. In Deutschland suche man diesen Effekt vergeblich, so die Forscher. Das verlockt zu sagen: Mühe scheint sich bei uns nicht zu lohnen. Aber warum schafft man dann die engen Haftungsgrenzen hierzulande nicht ab?

96,8
Prozent aller deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beschäftigen maximal zehn Wirtschaftsprüfer.

42,1
Prozent der WP-Praxen weisen sogar nur einen Wirtschaftsprüfer aus.

Ein Argument, das nur versteht, wer weiß, dass es sich beim Markt der Wirtschaftsprüfer um ein Oligopol handelt. Beispiel Großbritannien: Dort prüfen die Big Four 97 Prozent des Index FTSE350, der die 350 größten börsennotierten Unternehmen des Landes umfasst. Dieser Umstand hat die Wettbewerbshüter auf den Plan gerufen, die 2019 befanden, dass der Markt „nur für das Oligopol funktioniert, aber nicht für die Gesamtwirtschaft“.

Auch deutsche Konzerne haben wenig Auswahl. Laut der jüngsten Studie des Analysehauses Lünendonk & Hossenfelder entfällt fast die Hälfte des Branchenumsatzes hierzulande auf PwC, EY, KPMG und Deloitte. Blickt man auf die Zahl der Abschlussprüfungen kapitalmarktorientierter Unternehmen, liegt ihr Anteil nach Angaben der Wirtschaftsprüferkammer sogar bei 70 Prozent.

Mehr Wettbewerb ist denn auch das derzeit stärkste Argument für den deutschen Haftungsdeckel: Wäre die Haftung unbegrenzt, könnte jedes der kleinen und mittleren Unternehmen durch einen einzigen Fehler vom Markt verschwinden. Die Politik steht vor einem Dilemma: Eine unbegrenzte Haftung würde die Big Four dazu motivieren, ihren Job besser zu machen, zugleich würde sie aber verhindern, dass mittelgroße Firmen sich in deren Revier vorwagen. „Umgekehrt könnte es sein, dass eine Haftungsbegrenzung, die tief genug liegt, um mittelgroße Firmen zu ermutigen, auch größere Unternehmen zu prüfen, nicht die nötigen Anreize für die Big Four erzeugt“, hieß es vor Jahren in einer Studie des Beratungsunternehmens London Economics für die EU-Kommission.

Es gibt zudem etwas, das viele Politiker vermutlich noch mehr fürchten als die Macht der großen Vier: den Kollaps einer der ihren. Die erwähnte London-Economics-Studie von 2006 machte sich die Mühe, alle laufenden Schadensersatzprozesse in der EU und den USA zusammenzustellen. Das dramatische Ergebnis: Nur in Italien kämpften die Big Four damals mit mehr als einem Dutzend Klagen jenseits der 100-Millionen-Euro-Grenze. Für die USA errechnete die Studie jährliche Ausgaben seitens der Big Four für Vergleichszahlungen, Versicherungsprämien und Rückstellungen, die zu jener Zeit mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes für Prüfungen betrugen.

Für das Beispiel Großbritannien – sowie unter der Annahme, dass die Versicherung ausgeschöpft ist und nicht mehr zahlt –, kalkulierte die Studie: Schon ab einem Haftungsfall von 540 Millionen Euro könnte es unter Umständen für eine Landesgesellschaft der Big Four ums Ganze gehen. Angesichts solcher Szenarien drängt sich der Gedanke auf, dass der sehr niedrige deutsche Haftungsdeckel vielen Politiker durchaus gelegen kommt.

Das ist sicher falsch. Allein in der EU haben sich über die Jahre etliche Regeln geändert. Beispiel Großbritannien: Dort können jene, die den Prüfer bestellen, die Haftungsgrenzen längst von Fall zu Fall per Vertrag festlegen – eine „charmante Regelung“, wie Jochen Bigus findet, Professor für Controlling an der Freien Universität (FU) Berlin. Zudem ist 2018 nach mehreren Skandalfällen eine politische Debatte über die Big Four und Fehler der Aufsicht entbrannt, mit Reformen ist zu rechnen.

In Deutschland und im Rest der EU wurde vor ein paar Jahren eine Rotationspflicht eingeführt: „Unternehmen von öffentlichem Interesse“, so die offizielle Formulierung, dürfen sich seitdem im Regelfall nur noch zehn Jahre lang vom selben Wirtschaftsprüfungskonzern testieren lassen, danach ist ein Wechsel Pflicht. Der Gedanke dahinter: Wer den anderen zu gut, zu lange kennt, übersieht womöglich Fehler. Darüber hinaus hat die EU – wenn auch nur in Maßen – die Möglichkeiten des Abschlussprüfers eingeschränkt, den Mandanten auch abseits der Prüfung zu begleiten, um Interessenkonflikte zu begrenzen.

Doch ist das genug? Müssten nicht auch die Haftungsgrenzen angehoben werden? Eine redaktionelle Anfrage bei den sechs Bundestagsfraktionen blieb seitens Grünen, SPD und AfD unbeantwortet. Die FDP hält eine Erhöhung der Grenzen für sinnvoll. „Wenn ein Wirtschaftsprüfer fahrlässig handelt, können leicht Schäden entstehen, die ein Vielfaches der Haftungsbegrenzung des Handelsgesetzbuches betragen“, schreibt Marco Buschmann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion in seiner Antwort. „Eine Anpassung macht hier deshalb Sinn. Außerdem ist Haftung auch immer ein Anreiz, sorgfältig zu handeln. Letztlich ist das auch eine Frage der Fairness. Ähnliche Berufe, wie Rechtsanwälte, haften ohne Obergrenze und müssen versuchen, das Risiko zu versichern.“

Drastischer formuliert es Hubertus Zdebel, der für die Fraktion DIE LINKE im Finanzausschuss des Bundestages sitzt. „Die bestehenden Haftungsgrenzen sowie das strukturelle Problem, dass Prüfer und Prüferinnen vom zu prüfenden Unternehmen engagiert und entlohnt werden, müssen beseitigt werden.“ Die Haftungsgrenze „begünstigt Fahrlässigkeit, Gefälligkeitstestate und weniger genaues Hinsehen.“ Auch Zdebel hält das Privileg für ungerecht. „Es gibt keine Rechtfertigung für diese außergewöhnliche Privilegierung. Eine Abschaffung der Haftungsbegrenzung sorgt aus unserer Sicht ferner für mehr präventiven Anlegerschutz.“

Von der Regierung sind strengere Gesetze kaum zu erwarten. Heribert Hirte von der CDU/CSU-Fraktion schreibt, dass eine höhere Haftung „das erwünschte Ziel nicht erreichen“ würde. „Letztlich würde eine Haftungserweiterung damit nur zu einer noch stärkeren Konzentration des Prüfungsmarktes führen, wie wir das im Anschluss an spektakuläre Haftungsfälle vor einigen Jahren schon erlebt haben. Es ist bedauerlich, aber zur Wahrheit gehört leider, dass sich nicht alle Risiken des Kapitalmarktes durch Haftung oder Versicherung abfedern lassen.“

Schadensfall Parmalat
2003 kollabierte der italienische Milchkonzern Parmalat. Jahre später zahlte dessen Prüfer Deloitte 149 Millionen Dollar an das Unternehmen, der ebenfalls beteiligte Prüfer Grant Thornton zahlte 4,4 Millionen Dollar. Zudem zahlten beide Prüfer zusammen 15 Millionen Dollar, um einen Streit mit Investoren von Parmalat beizulegen.

Dies sei „vermutlich nicht“ der Fall, sagt Wirtschaftswissenschaftler Bigus von der FU Berlin. Seiner Ansicht nach schießen die extrem harten Regelungen in einigen Bundesstaaten der USA zwar „über das Ziel hinaus“. Hierzulande sei die Position für Wirtschaftsprüfungsfirmen hingegen doch „sehr, sehr komfortabel“. Zum einen wegen des Haftungsdeckels, zum anderen weil „eine Haftung gegenüber Dritten bei uns fast nicht existent ist“. „Der BGH sieht das nur in sehr speziellen Ausnahmefällen vor.“

In anderen Ländern können sich Investoren zumindest einen Teil ihres Geldes vor Gericht vom Wirtschaftsprüfer wiederholen, wenn eine Firma pleitegeht und eine nachlässige Prüfung daran eine Mitschuld trägt. Eine Möglichkeit, die sich Bigus künftig auch für Deutschland wünscht: „Ich würde die Dritthaftung ausweiten, wenn auch nicht so stark wie in den USA“, sagt er. „Und ich würde die Haftungsgrenze für Wirtschaftsprüfer nach oben setzen. Ich will mich nicht auf eine bestimmte Zahl festlegen. Aber man könnte das sicher auf eine versicherbare Summe ausweiten, auf einen höheren zweistelligen Millionenbetrag, vielleicht sogar auf 100 Millionen Euro.“

Das nächste Problem zeichnet sich derweil schon ab. Laut einer Studie von Lünendonk & Hossenfelder gehen die 25 größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen in Deutschland davon aus, dass ab 2026 „mehr Prüfungsleistungen mittels Rechner erbracht werden als durch menschliche Hand“. Sollte es tatsächlich so kommen – wer haftet wohl, wenn der Rechner sich irrt? Halten sich die Prüfer dann ihrerseits an die Softwarehersteller? Die Diskussion über Fragen wie diese fängt gerade erst an. //

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