Hohe Schule der KI
Anisja Porschke und Patrick Schroer haben mit dem AI Legal Club eine Fortbildungs- und Lernplattform für die Rechtswelt gegründet. Das gemeinsame Unterfangen mit der Bucerius Law School soll Kanzleien helfen, selbstlernende Software klug und gesetzeskonform einzusetzen. Denn das zu können, wird in Zukunft unverzichtbar sein.
Der Einzug künstlicher Intelligenz verliert auch fast drei Jahre nach der Veröffentlichung von ChatGPT nicht an Brisanz. Welche Auswirkungen sehen Sie auf die Rechtsbranche?
Patrick Schroer: Die KI wird unser juristisches Arbeiten auf vielen Ebenen verändern und teilweise transformieren. Anders als Legal Tech, das lange ein Nischenthema für IT-Verantwortliche oder Abteilungen innerhalb von Kanzleien war, trifft KI auf ein viel breiteres Interesse. Das könnte daran liegen, dass viele Menschen KI-Anwendungen wie ChatGPT oder Midjourney bereits selbst im Alltag ausprobieren. Das hat dazu beigetragen, Berührungsängste abzubauen, selbst in einer oft so konservativen Branche wie der unsrigen. Diese Öffnung ist ein wichtiger Impuls für den Fortschritt.
Kann KI die Hoffnungen erfüllen, die unter dem Schlagwort Legal Tech seit Jahren geäußert werden, aber nie den Durchbruch geschafft haben?
Anisja Porschke: Die aktuelle Entwicklung stimmt mich auf jeden Fall optimistisch. Legal Tech war lange ein Top-down-Thema. Viele Kanzleien haben in der Vergangenheit digitale Tools eingeführt, dies aber oft eher aus rein strategischen Überlegungen und von oben vorgegeben, ohne wirklich auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen. Das führte dazu, dass solche Technologien zwar teilweise implementiert, aber nicht wirklich konsequent oder erfolgreich genutzt wurden.
Bei KI beobachte ich eine andere Dynamik: Da gibt es eher eine Bottom-up-Bewegung. Denn die Arbeit mit KI macht meist von Anfang an Spaß, weil Ergebnisse schnell greifbar sind und der Einstieg unkomplizierter ist. Jemand, der privat schon einen Chatbot genutzt hat, wird sich leichter tun, eine ähnliche Technologie im Beruf einzusetzen, um Verträge schneller zu analysieren. Es ist diese Mischung aus intuitiver Bedienung und direktem Nutzen, die KI anders zugänglich macht als viele Technologien, die wir bisher gesehen haben.
Schroer: Ich nutze zum Beispiel ChatGPT, um mir bei Gute-Nacht-Geschichten für mein Kind auf die Sprünge helfen zu lassen. Es braucht keinen großen technischen Vorlauf, keine teuren Lizenzen oder langen Implementierungsprozesse. Man öffnet ein Fenster, gibt einen Prompt ein – und startet einfach. Genau das senkt die Hürden und ermöglicht eine breitere Nutzung.
Wo kommt KI in Kanzleien derzeit am häufigsten zum Einsatz?
Porschke: Den stärksten Einsatz sehen wir in den Bereichen Dokumentenanalyse, beispielsweise bei Due-Diligence-Prozessen. Nüchtern betrachtet besteht der Alltag von vielen Anwältinnen und Anwälten ja oft daraus, Unmengen eingescannter PDF hin und herzuschicken. Und da dann nachzusehen, ob beispielsweise in Hunderten von Arbeitsverträgen jeweils eine bestimmte Klausel enthalten ist oder nicht – das war früher mühsame Handarbeit und kann von KI nun sehr schnell und auch zuverlässig übernommen werden. Wichtig dabei ist aber, dass Anwältinnen und Anwälte verstehen, was künstliche Intelligenz da tut: Wo besteht das größte Fehlerpotenzial, welche Risiken sollte ich im Blick behalten? Sie müssen am Ende ja immer noch dafür die Verantwortung tragen.
„Ich bin gespannt, wie sich die juristische Recherche entwickelt.“Anisja Porschke
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wirtschaftskanzleien 2025