Was ist der Preis der neuen Autonomie?

Heimsuchung

Ein Hoch aufs Büro! Schutz, Kreativität, Wahrnehmung: was wir verlieren, wenn wir ins Home Office ziehen.





Eines Tages kam eine stattliche, blond ondulierte Frau aus der Münchner Zentrale nach Berlin. Sie hatte rosige Wangen, aber keinen Humor. Offenkundig war das für sie nicht vereinbar mit ihrer Aufgabe, für unseren Arbeitsschutz zu sorgen.

Tagelang vermaß die Beauftragte leise seufzend die Redaktionsräume, berechnete Abstände, Schreibtischgrößen, den Lichteinfall. Das Hauptstadtbüro der Zeitung war damals in einer herrschaftlichen Etage aus der Kaiserzeit untergebracht, über einem Promi-Lokal, aus dem es oft nach Essen roch.

Die Beauftragte schüttelte den Kopf über die Deckenhöhen im Allgemeinen und das Geknarze im Berliner Zimmer im Besonderen. Darin wurde nicht nur konferiert, sondern auch täglich von zwei Kollegen gekämpft, wenn auch nur im Computerspiel und natürlich nach getaner Arbeit. Der eine Kollege hatte kleine Kinder zu Hause, der andere sich getrennt. Büros, man vergisst das dieser Tage allzu leicht, waren auch mal Zufluchtsorte.

Ein paar Wochen später rückten Handwerker an. Sie stellten unsere Schreibtische fort von den Fenstern an die Wände. Dann dübelten sie Vorrichtungen in die neobarocken Decken von 1899 und hängten, in etwa 2,10-Meter-Höhe, an Drähten balkenförmige Rasterleuchten auf. Hatte man sie eingeschaltet, gossen sie gleichmäßig und blendfrei ein absurd weißes Licht in die Räume. Wir erschauderten kollektiv und lernten den Begriff Tageslichtlampe kennen, was um die Jahrtausendwende der letzte Schrei unter Büroeinrichtern war.

Einige Wochen und viel Geläster über die kostspielige Scheußlichkeit später spürten wir, dass unsere Augen das neue Licht dankten, indem sie nach zehn Stunden am Bildschirm weniger brannten als zuvor und der Kopfschmerz seltener kam, was vielleicht aber auch an dem nun rigorosen Rauchverbot lag. Niemand verlor darüber ein Wort. Wir wussten nicht, wie gut wir es hatten. Jemand kümmerte sich um unser Wohlergehen, ohne zu fragen, denn Vorschrift war Vorschrift.

Drei Tage nicht duschen, Ravioli essen, gute Musik und immer leicht einen sitzen: Andere gehen dafür auf Festivals, ich mach’ Home Office.

Heute dagegen? Wo in der gesamten Republik ein großzügiger Pandemie-Pragmatismus herrscht und das Heer der Schreibtischarbeiter im Home Office sitzt? Könnte man so eine seufzende Beauftragte gut gebrauchen – so allein in der Arbeitsecke im Schlafzimmer oder am Küchentisch neben dem jammernden Kühlschrank. Vielleicht fände sie heraus, warum es nach langen Tagen am Laptop immer in der rechten Schulter zieht? Warum der Blick ins Grüne, durch das Fenster hinterm Bildschirm, die Augen reizt, statt sie zu entspannen? Vielleicht wüsste sie auch, wieso nichts dabei rumkommt, wenn man um 21 Uhr noch mal den Rechner anwirft, nachdem man um sieben in der Früh schon das erste Mal daran saß?

Gleich im April 2020 hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer Befragung erfasst, dass 27 Prozent aller Erwerbstätigen binnen Tagen, höchstens Wochen, mit ihrer Arbeit ganz oder tageweise nach Hause gewechselt sind. Corona hat, sozusagen als Kollateralgewinn, flexiblen und digitalen Arbeitsformen zum Durchbruch verholfen. Bis November 2020 sank der Wert zwar wieder auf 14 Prozent. Aber nachdem die Bundesregierung in der zweiten Pandemiewelle eingriff, spät und auf Druck von außen, stieg der Anteil wieder.

Das Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ging im Februar 2021 sogar von 49 Prozent aller abhängig Beschäftigten aus, die nun ganz oder teilweise von zu Hause aus arbeiten. Damit war, gemessen an Schätzungen aus der Vor-Corona-Zeit, das Potenzial für Telearbeit in Deutschland praktisch ausgeschöpft. Und das Schöne ist: 71 Prozent der Arbeitgeber wollen auch nach der Pandemie flexible Arbeitsformen beibehalten, laut einer Studie vom Dezember 2020.

Doch in die Erfolgsmeldungen und Lobpreisungen mischen sich zunehmend Gewinnwarnungen. Von Überlastung, Stress, Entgrenzung im Home Office ist die Rede. Die Stanford University untersucht ernsthaft verhaltensbiologisch das Phänomen der „Zoom Fatigue“, eines Erschöpfungszustandes, den Videokonferenzen auslösen.

Es wird offenbar, was die Freude und Euphorie über den millionenfachen Umzug der Schreibtischarbeiter ins heimische Büro vergessen machen kann: Wir geben damit auch etwas auf. Sogar viel.

Moderne Büroarbeitsplätze, die der nationalen Arbeitsstättenverordnung genügen, sind mehr als nur ein Mittel zum Zweck, um alle Mitarbeiter auf einem Haufen zu wissen, sie koordinieren und schnell anweisen zu können, ihre Leistung im Blick und unter Kontrolle zu haben. Büros, Kantinen, Tagungsräume geben der Zeit, der Kraft und dem Können, die Arbeitnehmer ihren Arbeitgebern gegen Geld und soziale Absicherung verkaufen, einen verlässlichen Rahmen. Sie setzen Grenzen, bieten Schutz, garantieren Wahrnehmung, fördern – ja, doch, das auch – Kreativität.

Alle Gesetze, Verordnungen, Tarif- und Arbeitsverträge, Betriebsvereinbarungen, ob zur Sicherheit am Arbeitsplatz, zum Gesundheitsschutz der Mitarbeiter, zu Arbeitszeiten und der Gleichbehandlung, errungen über Jahrzehnte, in kleinen Schritten und oft zähen Verhandlungen, gelten zwar – theoretisch – auch für die ins Zuhause verlagerte Erwerbsarbeit. Aber die Praxis sieht anders aus. Auf der Flucht vor dem Virus ist so manche Errungenschaft auf der Strecke geblieben. Die neu gewonnene Freiheit hat eine Kehrseite.

Wie lange bist du schon im Home Office? Drei Kilo.

Bettina Kohlrausch untersucht sie. Die Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung und Soziologieprofessorin an der Universität Paderborn telefoniert, klar, vom Home Office aus. Sie sagt, zuallererst sei die Entwicklung hin zu flexiblen Arbeitsformen zu begrüßen. Sie beschere vielen, wenn auch längst nicht allen, Freiheiten, die sie bis dato nicht kannten oder durchsetzen konnten. Dazu zählt Kohlrausch selbstbestimmte Arbeitszeiten oder den Wegfall von Arbeitswegen. „Der Gewinn an freier Zeit erleichtert, zumindest theoretisch, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt sie und: „Moment mal eben …“

Im Hintergrund eine Jungenstimme, die etwas fragt. Kohlrausch: „Es ist gerade schlecht, ich bin im Gespräch.“ Sie entschuldigt sich kurz, gibt ihrem zehnjährigen Sohn den Rat, trotz frühlingshafter Temperaturen den Anorak anzuziehen, fährt dann fort: „Da bin ich wieder.“ Ein kleiner, aber astreiner Fall von Spillover, von Überschwappen des Familiären in die Arbeit, als hätte man ihn bestellt.

Wie das Arbeiten von zu Hause der Vermischung von Privatem und Beruflichem Vorschub leistet, haben Forscherinnen aus Kohlrauschs Team bereits vor der Pandemie ermittelt. Denn das Phänomen der sogenannten Entgrenzung ist weder neu noch trivial, sondern hat Folgen, die Stress und Fehler verursachen, unproduktiv und sogar krank machen können. Dass zu Hause die Grenzen verschwimmen, ist programmiert. Wer den Griffel zwar fallen lassen, aber auch jederzeit wieder aufnehmen kann, wer nie die Bürotür hinter sich zuziehen oder in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause nicht den Tag Revue passieren lassen kann, muss lernen, sich selbst Grenzen zu setzen.

Wem und ob das gelingt, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab: welches Arbeitszeitarrangement man mit dem Arbeitgeber getroffen hat und ob man Mann oder Frau ist. Drei typische Fernarbeitsmodelle hat die Hans-Böckler-Stiftung untersucht: die völlige Selbstbestimmung, die Vorgabe flexibler Zeiten durch den Arbeitgeber und die Gleitzeit, in der die Beschäftigten bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen. Alle drei haben ihre Nachteile, die Gleitzeit die wenigsten.

Herrschaft über die eigene Zeit zu erlangen klingt für viele verheißungsvoll. Aber abgesehen davon, dass eine völlige Selbstbestimmung in der Regel Mitarbeitern in höheren Positionen vorbehalten bleibt, birgt sie das größte Risiko, dass sich die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben auflösen – meist zulasten der Freizeit. Das zu unterbinden könne besonders „in Betrieben mit einer starken Leistungskultur schwerfallen, in der lange Arbeitszeiten ein hohes Arbeitsengagement signalisieren und für den weiteren Karriereweg ausschlaggebend sind“, schreibt die Soziologin Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie.

Du bist heute im Home Office, oder? – Ja, warum? – Du druckst hier im Büro schon zum zehnten Mal ein indisches Dal-Rezept aus, und der Chef hat Angst, gehackt worden zu sein.

Besonders Männern bereite es Schwierigkeiten abzuschalten, wenn sie frei über ihre Arbeitszeit verfügen könnten, so Lott. Sie neigten dazu, unter Druck zu geraten und die Arbeit zu extensivieren. Das Phänomen nennt sich in der Forschung „interessierte Selbstgefährdung“.

Lotts Studie, die Anfang 2020 erschien, weist nach, dass Frauen im Schnitt noch immer mehr im Haushalt leisten, aber geübter darin sind, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. Deshalb seien sie die „erfolgreicheren Grenzgängerinnen“. Böse gesagt: Wenn Mama beim Elternabend sitzt, kann sie in der Zeit einfach nicht malochen. Als die Hans-Böckler-Stiftung im November vergangenen Jahres genauer schaute, wie viele Stunden Frauen mit betreuungsbedürftigen Kindern im Lockdown arbeiteten, stellte sich heraus, dass sie statt wie vorher im Schnitt 31 nur noch 28 Stunden pro Woche arbeiteten. Hauptgrund dürfte die zusätzlich anfallende Sorgearbeit sein: 66 Prozent der erwerbstätigen Mütter in einer Partnerschaft gaben an, den größeren Teil der Kinderbetreuung zu übernehmen.

Wenn Frauen dann noch innerhalb starrer oder „arbeitgeberorientierter“ Zeiten im Home Office arbeiten, also fremdbestimmt und mit einem hohen Maß an „Unvorhersagbarkeit und Unzuverlässigkeit“ ihres Pensums, setzt sie das deutlich mehr unter Stress als Männer, heißt es in Lotts Studie. Denn wer auf Zuruf und Ansage hin Aufgaben erledigt, kann das Berufliche schlechter mit den Familienpflichten koordinieren und läuft dem Burnout geradewegs in die Arme.

„Home Office kann öffentliche Kinderbetreuung niemals ersetzen und hilft Familien vor allem dann, wenn der Zuwachs von Mobilität und Flexibilität selbstbestimmt gestaltet werden kann“, sagt WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch.

Im Lockdown und durchs Homeschooling haben sich diese Phänomene verschärft. Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) hat im Dezember 2020 ermittelt, „dass über 70 Prozent der Befragten negative Wirkungen durch eine Entgrenzung bei den Beschäftigten ihres Unternehmens beobachten“. Die Hans-Böckler-Stiftung kam in Familien mit betreuungsbedürftigen Kindern auf 65 Prozent.

Als Gründe nannten die Befragten aus der DGFP-Studie die unüblichen Arbeitszeiten (wie frühmorgens oder spätabends), das fragmentierte Arbeiten (vormittags und nach langer Pause wieder am Abend, oft bedingt durchs Homeschooling) – und das Arbeiten am Wochenende. Jeder Dritte gab an, auch dann ranzumüssen, um sein Soll zu schaffen.

Befragt wurden von der DGFP zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation 179 vorwiegend Personalverantwortliche von Unternehmen und Institutionen, von denen knapp 60 Prozent mehr als 1000 Mitarbeiter haben. Nur 13 Prozent fanden, dass der Umgang ihrer Unternehmen mit der Entgrenzung „vollkommen angemessen“ ist. Alle anderen sahen Defizite, 37 Prozent sogar erhebliche.

Wer sollte die beseitigen? Mehr als die Hälfte sieht an erster Stelle die Vorgesetzten in der Pflicht, 44 Prozent die Beschäftigten selbst. Erstaunlich ist, welche Lösungen sich die Betroffenen wünschen. Die Vorschläge lesen sich, als habe jemand das Rad der Geschichte zurückgedreht in die Yuppie-Ära der Neunzigerjahre, als 15 Stunden Anwesenheit in Kanzleien, Agenturen und Investmentbanken als Ausweis für Erfolg und Engagement missverstanden wurden. Die Angestellten von heute wünschen sich fürs Home Lösungen, die im Office längst erkämpft wurden: teamverantwortete gemeinsame Regelungen von Erreichbarkeit und Reaktionszeiten – auf E-Mails etwa. Ein Drittel der Personaler hat gemeldet, dass die Beschäftigten gern den betrieblichen Gesundheitsdienst zu Rate ziehen würden, um die Arbeitsbedingungen zu Hause zu verbessern. Genauso viele fänden es gut, wenn durch ihre Unternehmen kontrolliert würde, ob die Arbeitszeitrahmen eingehalten würden. Kurz gesagt, alles, was in den Büros gut geführter Unternehmen längst Usus ist, muss für deren Home Offices neu gefordert, verhandelt, beschlossen werden.

Was machst du da? – Home Office. – Du spielst Siedler! – Führungskräfteseminar!

In Kursen zur gelungenen Telearbeit wird geraten, sich morgens nicht nur anzukleiden, als führe man in die Firma, sondern auch einmal ums Karree zu spazieren, bevor man sich an den Schreibtisch setzt. Wenn schon zu Methoden aus der Verhaltenstherapie gegriffen wird, um die verstreuten Mitarbeiter bei Laune zu halten, deutet das auf die größte Baustelle auf dem Weg in die neue Normalität hin: unsere Psyche.

Technisch sei für die neue ortsflexible Arbeit sehr schnell vieles möglich geworden, was zuvor undenkbar erschien, sagt die Arbeitswissenschaftlerin Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut in Stuttgart. Sie nennt als Beispiele Neueinstellungen, Jahresgespräche oder Kundenakquise per Videokonferenz. „Hoppladihopp, wurde gleich eine ganze Reihe von Vorurteilen beerdigt“, sagt die Leiterin des Forschungsteams „Zusammenarbeit und Führung“. Eingestanden werden sollte aber auch, dass digitale Arbeitstreffen die realen in vielem nicht ersetzen könnten. Kreativität so herzustellen, wie man sie aus Brainstorming-Runden kennt, wo alle gemeinsam im Raum sitzen, sei nicht wirklich möglich.

Hofmann nimmt sich als Beispiel: Sie schaut per Microsoft Teams aus ihrem Arbeitszimmer ins digitale Gegenüber. Alle paar Sätze stoppt das Bewegtbild, und der Ton kommt nicht hinterher. Sie sagt, in Videokonferenzen eine lebhafte Debatte über eine Projektidee zu entfachen sei unter solchen Umständen schwierig. Säßen dagegen „alle gemeinsam in einem Raum, kann man die Gedanken frei laufen lassen. Das hat eine Mordskraft. Die kommt am Bildschirm, wo ich vor einer Galerie aus Gesichtern sitze, nicht auf.“ Friere dann noch das Bild ein, „ist der schöne Gedanke von eben schon wieder weg“, sagt sie. Nicht zuletzt übe ein Raum soziale Kontrolle aus. Sich grundlos rauszustehlen käme niemandem in den Sinn. Zu Hause am Bildschirm gehört es dagegen zur neuen Etikette, das Mikrofon abzustellen, wenn andere reden. Nur schaltet sich damit des Öfteren auch der Kopf für Minuten ab.

Wer hätte gedacht, fragt Josephine Hofmann, „dass wir uns alle so schnell nach realen Meetings zurücksehnen?“ Wo doch jahrelang geklagt worden sei über die vielen elend langen Konferenzen? Mit Verklärung habe das nichts zu tun: „Für die meisten ist der Arbeitsplatz auch eine soziale Heimat. Mitarbeiter sind stolz auf die Zugehörigkeit zu ihrem Betrieb, sie identifizieren sich damit. Nicht zuletzt ist der Job der größte Kontakthof nach Ausbildung und Uni. Viele haben über die Arbeit den Lebenspartner kennengelernt.“

Der Mensch ist ein Gruppenwesen. Im Büro wird man gesehen, zu Hause sieht man in die Röhre. Fast jeder Zweite braucht laut einer Forsa-Studie vor allem bessere Bedingungen zum gesunden Arbeiten. Jeder Vierte arbeitet an wechselnden Orten innerhalb der Wohnung. Fast jeder Zehnte baut seinen Arbeitsplatz jeden Tag neu auf und ab. Das betrifft vor allem Arbeitnehmer im Alter unter 30 Jahren.

Für geeignete Möbel wie ergonomische Bürostühle oder Schreibtische lassen die Unternehmen und Behörden bisher kaum etwas springen. Das zahlen die kurzfristig ins Home Office geschickten Arbeitnehmer meist selbst. Fast jeder zweite von ihnen hat sich einen neuen Stuhl angeschafft. 68 Prozent haben im zweiten Halbjahr 2020 ihre technische Ausstattung zu Hause aufgerüstet – bei nur 46 Prozent hat der Arbeitgeber die Kosten dafür ganz oder teilweise getragen.

Vielleicht hat die andere Hälfte das bisher nur versäumt, weil alles so schnell gehen musste. Vielleicht aber drückt man sich hier und da auch. Sonst würden die Unternehmerinnen und Dienstherren womöglich feststellen, dass so manche Wohnung gar nicht hergäbe, was die Arbeitsstättenverordnung von einem Telearbeitsplatz verlangt – nämlich das Gleiche wie von dem im Büro. Josephine Hofmann sagt: „Im Institut kommt jemand und überprüft, ob ein Computer vor einem Fenster aufgebaut wird. Aber wo der Schreibtisch zu Hause steht, weiß keiner.“

Im Home Office spricht man oft tagelang mit keinem anderen Menschen. Aber es hat natürlich auch negative Seiten.

„Über den Tisch des Anwalts gehen ja nur Fälle, wo es nicht funktioniert hat“, sagt Paul Schreiner lakonisch. Schreiner ist in Essen Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner bei der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, einer international agierenden Wirtschaftskanzlei. Weil er viele Unternehmen in Auseinandersetzungen zwischen den betrieblichen Sozialpartnern betreut, weiß er recht gut, welche Probleme aus dem Office mit ins Home gewandert sind.

Zum Beispiel die Sache mit den über den Tag verstreuten Arbeitsstunden – sie beißen sich mit dem Arbeitszeitgesetz. „Das sieht eine Ruhezeit von elf Stunden vor“, sagt Schreiner, „ohne Unterbrechung.“ Aber was ist eine Unterbrechung? Der Anruf vom Teamleiter früh am Morgen? Nach dem Abendbrot noch mal die neuesten Mails zu lesen? Theoretisch muss jede Arbeitsstunde dokumentiert werden.

Arbeitsrecht gilt zu Hause genauso wie im Büro, aber in „der Echtwelt“, wie Schreiner das gern nennt, „laufen die Interessen mitunter auseinander“. Kein Wunder, dass sich viele Mitarbeiter im Home Office deshalb mehr Kontrolle wünschen. Laut einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts mit der DGFP im November 2020 verlangen 35 Prozent der Mitarbeiter aus 236 befragten Unternehmen im Home Office „mehr Transparenz, um Ungerechtigkeiten bei der Arbeitslastverteilung zu vermeiden“.

Womit wir beim Thema Regeln wären. Über Nacht einfach den Firmenserver abzuschalten, damit die Mitarbeiter mal Ruhe haben, wie es mancherorts überlegt wird, klingt hilflos. Und ein Rechtsanspruch auf Home Office, wie ihn Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Herbst 2020 vorgeschlagen hat, würde das Problem auch nicht lösen. „Mobile Arbeit und Telearbeit sind so vielgestaltig“, sagt Paul Schreiner, „da kann es nicht die eine große Generalklausel geben, die alles für alle abdeckt.“

Der Essener Anwalt empfiehlt Unternehmen, nicht einfach nur auf neue Gesetze zu warten, sondern mit allen Interessengruppen gesondert zu verhandeln und Betriebsvereinbarungen zu treffen. Dass das geschehen wird, bezweifelt er nicht: „Auch die meisten Arbeitgeber wollen die Uhr nicht mehr zurückdrehen.“

Jetzt gilt es nur noch für Gleichzeitigkeit zu sorgen. //

Dieser Artikel ist aus der neuen Ausgabe:

Wie lassen sich Regelungen zu Ruhezeiten oder Datenschutz im privaten Bereich umsetzen? Damit beschäftigen sich Wirtschaftskanzleien – und die haben im Zuge der Digitalisierung noch mehr Probleme zu lösen: Wem gehören die Daten beim IoT?

Wer hilft beim Entwirren und Schützen von Daten? Wer gibt Antworten auf die vielen Fragen der neuen Arbeitswelt? Und wer begleitet in die Digitalisierung? 405 Wirtschaftskanzleien haben es auf unsere Bestenlisten geschafft.

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