Wie flexibel muss die Rechtsprechung sein?

Auf Sicht

Gesetze sind verbindliche Regeln – die permanent neu ausgehandelt werden müssen. Genau das macht Demokratie widerstandsfähig. Ein Überblick.





/ Vor fast 100 Jahren wurde es binnen kurzer Zeit sehr viel gefährlicher, schwul zu sein. Damals gab es noch den Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs, der „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“, also Homosexualität, untersagte. Auf dieser Basis wurden im Jahr 1923 in Deutschland 445 Männer verurteilt. Nur zwei Jahre später war die Zahl der Verurteilungen auf 1107 Fälle gestiegen – homosexuelle Männer lebten in ständiger Angst vor Denunziation und vor der Polizei. Der Grund dafür war der sogenannte Haarmann-Effekt.

Fritz Haarmann war ein Serienmörder, der seine Opfer aus dem Hannoveraner Bahnhofsmilieu – Stricher, Streuner, Ausreißer und Entwurzelte – in seine Wohnung lockte, ihnen für sexuelle Gefälligkeiten Unterschlupf gewährte, sie dann tötete und anschließend zerstückelte. Kleine Leichenteile verschwanden im Klo auf dem Hof, größere in der nahe gelegenen Leine. Am 19. Dezember 1924 wurde er wegen Mordes an 24 Jungen und jungen Männern vom Schwurgericht Hannover zum Tod durch das Fallbeil verurteilt.

Entscheidend waren jedoch die Monate davor, in denen der spektakuläre Fall in der Presse breit ausgewalzt wurde. Die Berichte über den „Lustmörder“ hielten die Öffentlichkeit monatelang in Atem und veränderten die Sicht auf Homosexualität, was sich auch auf die Arbeit der Polizei und Gerichte auswirkte: Schwule wurden stärker beobachtet, öfter verhaftet, häufiger verurteilt. So beeinflusste ein Einzelfall den juristischen Alltag eines ganzen Landes.

Heute wirkt die damalige Schwulenhatz bizarr. Der Paragraf 175 ist abgeschafft. Homosexuelle heiraten, adoptieren Kinder, sind Minister oder regieren Millionenstädte. Die „Ehe für alle“ ist gesellschaftliche Normalität. Und diese enorme Veränderung ist kein Einzelfall.

Wer nur rund 50 Jahre zurückschaut, findet vieles, was uns heute befremdlich vorkommt: Lehrer und Eltern durften ihre Kinder verprügeln; bei Ehescheidungen ging es allein darum, wer wen betrogen hatte; Autofahren mit bis zu 1,5 Promille war erlaubt; Frauen riskierten bei einem Schwangerschaftsabbruch eine Gefängnisstrafe.

Die Gesellschaft verändert sich – und mit ihr die Vorstellung, was rechtens ist und was nicht. Das Recht ist nicht statisch, das kann es gar nicht sein, denn es muss die gesellschaftliche Entwicklung, die Veränderung der Werte nachvollziehen. Im Blick zurück erscheint es als steter Sieg der Gerechtigkeit oder zumindest der abnehmenden Ungerechtigkeit: Sklaverei, Leibeigenschaft, Folter, Kerkerhaft, Todesstrafe, Rechtlosigkeit von Frauen, Kindern und Arbeitern. All das wurde einmal für rechtens gehalten, heute ist es strafbar. Der Fortschritt ist jedoch keineswegs selbstverständlich.

Tatsächlich ist die Geschichte der Rechtsfortentwicklung oft eine Geschichte erbitterter Kämpfe. So mancher Durchbruch wurde gegen zähen Widerstand erstritten. Etwa ein halbwegs liberales Abtreibungsrecht: Herta Däubler-Gmelin, schon in den Siebzigern eine engagierte Streiterin für Frauenrechte und von 1998 bis 2002 Justizministerin im Kabinett Schröder, erinnert sich: „Es ging keineswegs allein um den Lebensschutz, die Würde oder die Gesundheit der Frauen, sondern vor allem auch um Machtfragen, die mit Mitteln des Rechts ausgefochten wurden.“

Die Beziehung zwischen unserer Gesellschaft und unserem Rechtssystem ist komplex. Manchmal werden, wie beim Thema Abtreibung, nach langem Ringen Gesetze verabschiedet, manchmal sickert die öffentliche Meinung leise in die Rechtsprechung. Mal kann ein Richterspruch alles verändern, dann wieder werden Gesetze für null und nichtig erklärt. Und manchmal geht alles ganz schnell.

Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Ende des Jahres 2022. Das kam einigermaßen überraschend, denn nicht einmal ein Jahr zuvor, am 28. Oktober 2010, hatte derselbe Bundestag die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke großzügig verlängert. Für die Kehrtwende bei voller Fahrt gab es einen einzigen Grund: den GAU in dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima im März 2011. Der Unfall zeigte, dass die atomare Katastrophe auch in einem hoch entwickelten Industrieland jederzeit möglich ist. In der Folge stürzte in allen Umfragen die Akzeptanz der Kernenergie ins Bodenlose. Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer brachte die öffentliche Meinung auf den Punkt, als er sagte, man könne mit dem Atomausstieg nicht warten, „bis wir den Beweis erbracht haben, dass auch deutsche Kernkraftwerke nicht sicher sind“. Die Atomkraft war gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung nicht mehr durchsetzbar.

Fukushima ist kein Einzelfall. Extreme Ereignisse können in kürzester Zeit Recht und Gesetz verändern. Kürzlich wurde etwa die Mindeststrafe für den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie und sexualisierte Gewalt gegen Kinder von drei Monaten auf ein Jahr angehoben. Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) war zunächst gegen die Verschärfung des Gesetzes. Doch als im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen eine Reihe von Missbrauchsfällen aufgedeckt wurde, beklagte die Ministerin eilig das „schreckliche Unrecht dieser Taten“, gab dem öffentlichen Druck nach und wechselte ins Lager der Verschärfungsbefürworter.

Die Erfüllung eines vermeintlichen Bürgerauftrags findet allerdings nicht nur Beifall. Thomas Fischer, der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, warnt beispielsweise vor dem inflationären Gebrauch der Parole, es müsse etwas geschehen. „Wenn es im Feld der Politik einmal so weit gekommen ist, gibt es meist kein Halten mehr: Es wird nicht mehr geprüft, ob eine Regelung überhaupt sinnvoll ist, sondern nur noch darum gestritten, welche Regelung die schönste und beste sei.“

Tatsächlich kommt es jedoch, vor allem bei Gefahr im Verzug, immer wieder zu eiliger Gesetzgebung. Ob beim Kampf gegen die RAF im Deutschen Herbst 1977, mögliche Terroranschläge nach dem 11. September 2001 oder der Eindämmung der Corona- Pandemie: Krisenstäbe wurden eingerichtet, Nachrichtensperren verhängt, Gesetze hastig verabschiedet – und manchmal auch Grundrechte eingeschränkt.

Noch drastischer geht es zu, wenn ein Staat untergeht: Das NS-Recht wurde nach 1945 beseitigt, auch wenn sich mit der Zeit herausstellte, dass einzelne Formulierungen im bundesdeutschen Recht, etwa im Mord-Paragrafen des Strafgesetzbuchs, noch immer den nationalsozialistischen Ungeist atmeten. Ähnlich lief es bei der deutschen Einheit: Von einem Tag auf den anderen galt im Osten das Recht des Westens.

Was aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheint, war es lange nicht. Hermann Göring, zweiter Mann des NS-Staates, saß bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen feixend im Gerichtssaal und schwadronierte von einer „Siegerjustiz“, obwohl unbestritten war, dass er, wie der amerikanische Chefankläger Robert Jackson sagte, „seine fetten Finger in jeder Pastete hatte“. Doch Göring stand für Taten vor Gericht, die zur Zeit ihrer Ausführung in Deutschland nicht strafbar waren – formal waren die meisten Gräuel- taten zwischen 1933 und 1945 vom seinerzeit herrschenden Recht gedeckt. Seit Jahrhunderten galt das Diktum des „Gesetzespositivismus“: Recht ist Recht, Gesetz ist Gesetz.


Fukushima ist kein Einzelfall. Extreme Ereignisse können in kürzester Zeit Recht und Gesetz verändern.

Das Dilemma löste schließlich Gustav Radbruch. Der Rechtsphilosoph, Justizminister in der Weimarer Republik und einer der wenigen namhaften Juristen, die sich dem NS- Regime nicht angedient hatten, prägte die Formel des in „Gesetzesform gegossenen Unrechts“. In seinem 1946 verfassten Aufsatz „Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht“ schrieb er: Wenn „der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit“ ein „unerträgliches Maß“ erreicht, müsse „das Gesetz als ‚unrichtiges Recht‘ der Gerechtigkeit weichen“.

Es war vermutlich die einflussreichste juristische Veröffentlichung des vorigen Jahrhunderts. Die „Radbruch’sche Formel“, die noch heute jeder Jura-Student kennen muss, verschaffte den Verfahren gegen NS-Kriegsverbrecher eine juristische Basis und ermöglichte, wenn auch erst in den Neunzigerjahren, eine Rehabilitierung Tausender Opfer der Nazi-Justiz. Auch bei den Prozessen gegen die Mauerschützen der DDR kam sie zum Einsatz: Der Bundesgerichtshof verurteilte unter Rückgriff auf Radbruch die durch die Gesetze der DDR gedeckten Todesschüsse ehemaliger DDR-Grenzsoldaten als Fälle von Totschlag.

Nicht immer ist jedoch von vornherein klar, was richtig ist und was nicht. Das zeigt etwa die Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler 2002 in Frankfurt am Main. Ein Verdächtiger gestand die Entführung, weigerte sich aber, das Versteck des Jungen preiszugeben. Erst als der Vize-Polizeipräsident mit der „Zufügung von Schmerzen“ drohte, legte der Entführer den Ort offen, wo er den bereits getöteten Jungen vergraben hatte.

Es entbrannte eine hitzige Debatte: Ist Folter oder auch nur ihre Androhung zulässig, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht? Das Frankfurter Landgericht verwarf die Idee einer „Rettungsfolter“ mit Entschiedenheit: Die Verletzung der Menschenwürde des Entführers sei nicht zu rechtfertigen – auch mit Blick auf die Gräueltaten der NS-Zeit. Der renommierte Rechtsphilosoph Ulfrid Neumann glaubt, es hätte fatale Konsequenzen gehabt, wäre das Gericht der öffentlichen Meinung gefolgt, die Folter akzeptabel fand: „Ein Staat, der auch nur in einer Situation für sich das Recht beansprucht, einen Menschen der Folter zu unterwerfen, wird den Blutgeruch des Folterkellers nicht mehr los.“


Ein Staat, der auch nur in einer Situation für sich das Recht beansprucht, einen Menschen der Folter zu unterwerfen, wird den Blutgeruch des Folterkellers nicht mehr los.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der erste Satz des Artikels 1 des Grundgesetzes ist von einer „Ewigkeitsklausel“ geschützt und gehört damit zu jener „kleinen normativen Basis, die nicht verhandelbar ist, egal wie der Zeitgeist wehen mag“, so Frank Saliger, einer aus der ersten Garde der deutschen Strafrechtler und Rechtsphilosophen. Nach Artikel 20 Absatz 4 besteht sogar ein Widerstandsrecht „gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen (…)“.

Aber was wäre das auch für ein Recht, wenn schon heute nicht mehr gilt, was gestern noch galt? Das Recht gibt einer Gesellschaft ihre Grundlage, und so muss es etwas Knorriges, Konservatives, Beharrendes haben. In der juristischen Theorie hat das hehre Ziel der Gerechtigkeit folgerichtig keinen Vorrang vor Rechtssicherheit. „Nicht ohne triftigen Grund“, fordert der Rechtsphilosoph Reinhold Zippelius, dürfe das Recht „einen Weg verlassen, den die Staatsgewalt einmal gewählt hat“. Altes Gesetz, gutes Gesetz. Immer wieder wendet der Jurist zudem seinen Blick zurück – auf Urteile in ähnlichen Fällen, auf die „herrschende Meinung“, jene in Stein gemeißelte juristische Sichtweise, die sich im Laufe von Jahrzehnten durchgesetzt hat.

Es ist der Albtraum einer jeden Regierung: Terroristen kapern ein voll besetztes Flugzeug und wollen es in ein ebenso voll besetztes Fußballstadion steuern. Ein Kampfjet verfolgt die Maschine, er könnte sie abschießen – darf der Bundesverteidigungsminister dem Piloten den Befehl zum Abschuss geben? Darf er das Leben von 200 Menschen opfern, um 70 000 zu retten? Das im Jahr 2005 verabschiedete Luftsicherheitsgesetz sah die Möglichkeit eines Abschusses vor, „wenn das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll“, also zum Beispiel bei einem Terroranschlag.

Doch das Bundesverfassungsgericht erklärte den Passus schon im Jahr darauf für nichtig: Die Passagiere der entführten Maschine würden dadurch, dass der Staat „ihre Tötung als Mittel zur Rettung anderer benutzt (…), verdinglicht und zugleich entrechtlicht“. Ihnen werde „der Wert abgesprochen, der dem Menschen um seiner selbst willen zukommt“. Eine nach der Ausstrahlung des auf dem Fall basierenden Fernsehfilms „Terror – Ihr Urteil“ durchgeführte Online-Abstimmung legt dagegen ein anderes Urteil nahe: 86,9 Prozent der Zuschauer entschieden sich für einen Freispruch des Kampfjet-Piloten – sie empfanden es als gerecht, dass wenige Hundert Menschen für Zehntausende geopfert werden.

Die Entscheidung erfreute jene Verfassungsrechtler, die stets davor warnen, das Recht zum „Vollstrecker unreflektierter gesellschaftlicher Grundstimmungen“ zu machen, wie es der Freiburger Rechtsgelehrte Thomas Würtenberger ausdrückt. Für ihn könne das Recht „ein Bollwerk gegen einen Wandel in Wert- und Gerechtigkeitsvorstellungen“ sein. Das Bundesverfassungsgericht lässt sich dieses Etikett allerdings nicht anheften. Als unbestechliches „Gesellschaftsgericht“, das Rechtsetzung und öffentliches Rechtsempfinden gegeneinander abwägt, steht es zwar manchmal gegen die Mehrheitsmeinung, doch weist es in anderen Fällen ebenso entschieden reformunwillige Regierungen zurecht.

Uwe Wesel, emeritierter Professor für Rechtsgeschichte an der Freien Universität Berlin, vermerkt anerkennend, „mit welchem Nachdruck das Gericht in der widerspens- tigen Atmosphäre der Adenauer-Herrschaft den Grundsatz der Gleichberechtigung von Männern und Frauen durchgesetzt hat“. Ähnlich verfuhren die Verfassungshüter bei der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare: In mehreren Urteilen mussten die Karlsruher Richter die Gleichstellung in den vergangenen zwei Jahrzehnten geradezu erzwingen – gegen die andauernde Blockadehaltung von CDU/CSU und FDP im Bundestag.

Doch die gesetzlichen Regelungen folgen nicht nur der Mehrheitsmeinung. Bestes Beispiel: die Todesstrafe. Ihre Abschaffung war nach mehr als 40 000 vollstreckten Todesurteilen im Nationalsozialismus bei der Beratung zum Grundgesetz fast alternativlos. In der Bevölkerung hatte die Entscheidung aber bis in die Sechzigerjahre keine Mehrheit – in Umfragen sprach sich stets mehr als die Hälfte der Menschen bei schwersten Straftaten für sie aus. In den Siebzigerjahren eilte der Gesetzgeber mit der Einführung des Zerrüttungsprinzips in der Ehescheidung ebenfalls voraus. Die Bevölkerungsmehrheit meinte zu dieser Zeit noch, die Schuldfrage müsse bei einer Scheidung die Hauptrolle spielen.

Das Verhältnis von öffentlicher Meinung und juristischer Welt ist komplex. Politiker können mit Blick auf die nächsten Wahlen dazu neigen, Wünsche der Wähler per Gesetz zu erfüllen. Aber auch die Gerichte können von der allgemeinen Stimmung beeinflusst werden, Richter sind schließlich auch Menschen. Ein spektakulärer Fall in Berlin machte das erst vor Kurzem wieder deutlich.

So sieht also ein Wagen aus, der 70 Meter durch die Luft geschleudert wurde, nachdem er von einem anderen Fahrzeug bei Tempo 160 bis 170 seitlich gerammt wurde. Nur noch entfernt erinnert der pinkfarbene Haufen Metall an das Auto, das er vor der Kollision war. Zwei junge Männer hatten auf dem Berliner Kurfürstendamm am späten Abend des 1. Februar 2016 ein Wettrennen veranstaltet und über gut zwei Kilometer zahlreiche rote Ampeln überfahren, bis einer der beiden mit seinem 225 PS starken Audi A6 auf einer Kreuzung den Jeep eines Rentners erfasste, der bei grüner Ampel aus einer Seitenstraße einbog. Der Rentner starb noch an der Unfallstelle.

Der „Kudamm-Raser“-Prozess beherrschte über Monate die Medien – nicht zuletzt wegen des überraschenden Urteils: Das Landgericht Berlin sprach den Unfall-Fahrer des Mordes schuldig. Zuvor hatten die Gerichte in ähnlichen Fällen auf fahrlässige Tötung geurteilt – die Höchststrafe dafür beträgt fünf Jahre Gefängnis. Der Kudamm-Raser dagegen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Berliner Gericht erkannte einen „bedingten Vorsatz“, weil er den Tod eines Unbeteiligten „billigend in Kauf genommen“ hatte. Bei einem Wettrennen mit 170 Stundenkilometern, so der Bundesgerichtshof, habe der Fahrer, der das Rennen gewinnen wollte, „wegen des extremen Risikos, das er um dieses Zieles willen bewusst einging, auch die Möglichkeit des Rennverlusts durch einen folgenschweren Unfall“ erkannt. Dieser „bedingte Vorsatz“ reichte, zusammen mit den Tatmerkmalen „niedrige Beweggründe“ und „Heimtücke“, für Mord.

Warum entschied das Gericht so? Warum wurde die „billigende Inkaufnahme“ in vorherigen Verfahren nicht einmal geprüft? Vielleicht kam einfach viel zusammen: das halsbrecherische Tempo, die schrecklichen Bilder von der Unfallstelle, das provokante Auftreten des Angeklagten vor Gericht, all die Raser-Unfälle mit milden Urteilen – und die Berliner Boulevardpresse, die vor dem Prozess kräftig Stimmung gemacht hatte. Umfragen ergaben eine Mehrheit von 80 bis 90 Prozent für ein hartes Exempel. Die Volksseele rief: „Es war Mord!“

Hat das Gericht die Volksmeinung in sein Urteil diffundieren lassen? Manches spricht dafür. Richter sind Teil der Gesellschaft; sie lesen Zeitung, sehen fern, diskutieren mit Kollegen, bilden sich ihre Meinung auch mal abseits der juristischen Dogmatik. „Die Gerichte haben durchaus eine Sensorik für Stimmungen in der Bevölkerung“, sagt Steffen Augsberg, Professor für Öffentliches Recht an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied des Deutschen Ethikrats. „Und die Stimmung war in diesem Fall eindeutig: Das kann so nicht weitergehen mit den Rasern.“

Mit dem vom Bundesgerichtshof bestätigten Kudamm-Raser-Urteil wurde neues Recht geschaffen, das seinen Weg in alle Kommentare zum Strafgesetzbuch finden wird. Künftige Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte werden den Fall in ihren Vorlesungen kennenlernen, untere Gerichte können das Berliner Urteil in Zukunft nicht außer Acht lassen. Und die Staatsanwälte werden sich überlegen, ob sie in ähnlichen Fällen künftig gleich wegen Mordes anklagen. In einem Münchner Raserprozess war das im März 2021 bereits der Fall. Das Urteil gegen den Fahrer: lebenslange Haft wegen Mordes.

So scheint es langsam voranzugehen. Erst kürzlich gab es ein weiteres wegweisendes Urteil: Das Bundesverfassungsgericht entschied am 26. Februar 2020, das erst gut vier Jahre zuvor im Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs festgehaltene Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe für nichtig zu erklären, weil es das allgemeine Persönlichkeitsrecht verletze: „Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Mit dem Urteil endete ein hochemotional geführter Streit zwischen der Mehrheit der Bevölkerung, die sich seit den Siebzigerjahren eine liberale Regelung wünscht, den Kirchen, die dagegen Sturm laufen, Patientenschützern, Parteien, todkranken Patienten und Ärzteorganisationen. Es ging um den Schutz des Lebens und das Recht auf einen selbstbestimmten Tod – und nun scheint das geklärt.

Doch so einfach ist es nicht. Nur einen Monat später wurde Deutschland in den Lockdown versetzt: Der Staat schränkte Grundrechte zugunsten des kollektiven Gesundheitsschutzes so massiv ein wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. „Binnen weniger Wochen wirkte die Sterbehilfe-Entscheidung mit ihrer extremen Betonung der individuellen Willensentscheidung völlig aus der Zeit gefallen“, sagt Steffen Augsberg. „Mit den Covid-Maßnahmen wurde diese Autonomie-Stilisierung massiv zurückgedrängt.“

Umfragen belegen, dass das Gros der Bevölkerung die Einschränkungen begrüßt hat. In Krisenzeiten wünschen sich die meisten Menschen robuste Entscheidungen. Doch darin liegt eine Gefahr, sagt die Mainzer Strafrechtsanwältin Jessica Hamed, die bundesweit Kläger in „Coronaverfahren“ vertritt. Sie schlägt einen Bogen von der Terrorangst im Deutschen Herbst 1977 über die Antiterrorismusgesetze nach dem Anschlag auf das World Trade Center bis zur Corona-Pandemie. „Es ist immer das gleiche Muster“, sagt sie. „Freiheitsrechte werden gegen Sicherheit eingetauscht, Stück für Stück.“

Mit ihrer Kritik am Weg in einen paternalistischen Vorsorgestaat steht die streitbare Anwältin unter den Juristen nicht allein. Auch Vertreter des juristischen Establishments wie Frank Saliger sorgen sich angesichts der Corona-Maßnahmen um die „zunehmende Bevormundung, die in weiten Teilen der Bevölkerung gar nicht wahrgenommen wird“.


Binnen weniger Wochen wirkte die Sterbehilfe-Entscheidung mit ihrer extremen Betonung der individuellen Willens- entscheidung völlig aus der Zeit gefallen.

Wird, wenn Corona endlich besiegt ist, alles wieder sein wie vorher? Jessica Hamed befürchtet, dass die Einschränkungen die Blaupause bleiben für die nächste Anschlagserie, die nächste Pandemie. Viele vergangene Krisen haben Spuren im Recht hinterlassen: Die 2001 verabschiedeten Antiterrorgesetze mit der Aufweichung des Post- und Fernmeldegeheimnisses und der Kontrolle von Kontobewegungen wurden dreimal verlängert und im Dezember 2020 endgültig entfristet. Selbst das Kontaktsperregesetz aus der Zeit der Schleyer-Entführung 1977, mit dem verurteilte Terroristen von jeglichem Kontakt zu Mitgefangenen und Strafverteidigern abgeschnitten werden können, ist noch gültig – auch wenn es nie wieder angewendet wurde. „Wenn der Staat sich solche Befugnisse einmal geschaffen hat, gibt er sie nicht gerne wieder her“, sagt Jessica Hamed. „Und die Bevölkerung gewöhnt sich schnell an die ‚neue Normalität‘.“ Bis etwas Neues passiert. //

Dieser Artikel ist aus der neuen Ausgabe:

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