Was machen eigentlich Wirtschaftskanzleien?

Alles, was Recht ist

Wirtschaftskanzleien beraten Unternehmen bei Übernahmen, Steuerfragen oder Prozessen. Sie agieren international, werden immer größer und einträglicher. Doch ihre Rolle ist umstritten. Eine Einführung.




§ Der Himmel
Der Rechtsanwalt ist zur Verschwiegenheit verpflichtet.
§ 43a, Abs. 2, Satz 1 Bundesrechtsanwaltsordnung

/ Silbrig schimmerndes Metall, schwarzer Marmor, viel Glas: Das Dreischeibenhaus, das im Zentrum von Düsseldorf fast 100 Meter in den Himmel ragt und einst der Sitz von Thyssen war, ist eine Ikone des Wirtschaftswunders. Im Konferenzraum im elften Stock schaut der Besucher dank einer riesigen Fensterfront auf ein Panorama aus Hofgarten, Rhein und Himmel. Groß ist der Konferenztisch in der Mitte des Raumes, groß auch der Bildschirm an der Wand. Dreck und Trubel der Welt sind hier oben weit weg, ein Teppich schluckt die Schritte, der Raum ist still.

Das ist die deutsche Dependance der US-Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins, die 2019 allein hierzulande 151 Millionen Euro umgesetzt hat – weltweit waren es knapp 3,8 Milliarden Dollar.

Deutschlandchef von Latham & Watkins ist Harald Selzner. Er wird gerufen, wenn es um Entscheidungen geht, die das Leben Zehntausender Menschen beeinflussen und Milliardensummen bewegen. Seine Mandanten sind Konzerne, große Mittelständler und Finanzinvestoren, seine Ansprechpartner Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte. „Entscheider“, sagt Selzner. Die unter Zeitdruck stehen und jetzt, JETZT!, juristischen Beistand brauchen, der ihre Pläne in Klauseln und Verträge packt, die bis ins Kleingedruckte wasserdicht sind. „Manchmal“, sagt der Anwalt, „braucht der Entscheider sofort einen Rat, denn er muss in die Aufsichtsratssitzung. Dann muss ich seine Interessen ins Zentrum stellen, muss in diesem Moment die Karten legen, was rechtlich vertretbar ist und was nicht.“ Es klingt heroisch.

Anwälte, da denken viele an Menschen, die in gemütlicher Runde in holzvertäfelten Räumen sitzen, wo sie große und kleine Fragen des Rechts debattieren. Bei Harald Selzner dagegen denkt man eher an die smarten Juristen aus amerikanischen Filmen, die vor Gericht einen souveränen Auftritt hinlegen und ihren Mandanten mit einer cleveren Idee in letzter Minute raushauen. Nur dass es bei Selzner nicht um Strafprozesse geht, sondern um Deals mit Firmen, für Firmen und zwischen Firmen. Anwälte wie er bewegen sich von Chefetage zu Chefetage, und ob es die eines Mandanten ist oder die eigene, das lässt sich weder am Teppich noch am Konferenztisch feststellen. Das ist die Welt der Wirtschaftskanzleien.

§ Die Welt
Der Rechtsanwalt ist der berufene unabhängige Berater und Vertreter in allen Rechtsangelegenheiten.
§ 3, Abs. 1 Bundesrechtsanwaltsordnung

Von den gut 165.000 Anwälten in Deutschland befasst sich das Gros mit Konflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Scheidungen, Testamenten und Verkehrsverstößen. Sie sind für streitlustige Bürger tätig, sprechen mit Behörden und Amtsgerichten, helfen kleinen Betrieben wie enttäuschten Kunden. Viele sind Fachanwälte, etwa für Familienrecht, Baurecht oder Medizinrecht. Sie halten den Alltag der Menschen am Laufen, schaffen Strukturen und Sicherheit, kümmern sich um kleine Probleme, bevor sie groß werden.

Für die rund 14.400 Anwälte in den 100 größten Wirtschaftskanzleien des Landes gilt all das auch – aber in einer ganz anderen Liga. Wo sie sind, geht es meist um viel Geld: um Fusionen und Übernahmen von Firmen, um komplexe Steuerfragen und Finanzierungen. Sie geben Kooperationen eine juristische Form, lösen Konflikte mit Geschäftspartnern und Behörden oder schreiben Gutachten, mit denen sich Manager absichern. Kommt es zu Skandalen, stellen sie gern interne Ermittlungen an – vom DFB bis VW. Bricht eine Gefahr wie Corona über die Wirtschaft herein, geben sie schnell Rat, was das für Transaktionen oder Hauptversammlungen bedeutet, was bei Kurzarbeit und Insolvenz zu beachten ist. In der Finanzkrise griff selbst die Bundesregierung auf sie zurück, bis hin zur Formulierung von Gesetzen. Wirtschaftskanzleien, sagen manche, sind eine Macht im Staate.

Das mag so sein oder auch nicht, sicher ist: Wirtschaftskanzleien arbeiten enorm einträglich. Allein hierzulande haben die 100 größten zuletzt 6,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr gemacht, bei einem Plus von acht Prozent zum Vorjahr, so das Fachblatt JUVE. In aller Regel sind sie als Partnerschaft organisiert, gehören also den Anwälten auf der obersten Hierarchiestufe, den Partnern.

Das sind Topjuristen, die mit Paragrafen die Welt gestalten. „Es gibt Anwälte, die weisen auf Probleme hin und machen dadurch Mandanten eher Angst“, sagt Selzner von Latham & Watkins. „Dann gibt es Anwälte, die nur schwer zu einer Stellungnahme zu bewegen sind. Und es gibt Anwälte, die es verstehen, das Rechtliche lupenscharf zu bewerten und gleichzeitig mit den unternehmerischen Zielen des Mandanten in Einklang zu bringen.“ Klar, zu welcher Kategorie er sich zählt.

Ein guter Anwalt müsse harte Wahrheiten aussprechen und Alternativen nüchtern bewerten, glaubt der Spezialist für Firmenkäufe. Und er müsse in der Lage sein, ohne Rücksicht auf eigene Interessen Lösungen zu skizzieren. „Dann bekommt der Mandant eine andere Beziehung zu Ihnen“, erklärt Selzner. Während er spricht, ist zu erahnen, worum es dem Mann wohl auch geht: um die intellektuelle Herausforderung, um mutiges Denken und Kreativität. Wenn er Grenzen sucht, sucht er wahrscheinlich auch immer seine eigenen.

„Die Vorstellung, dass ein Anwalt nur Rechtsrat erteilt, ist überholt. Ein Anwalt ist heute ein Berater, ein Ermöglicher, ein Brückenbauer“, sagt Dirk Besse, Partner bei Morrison & Foerster in Berlin. Viele Mandate, erklärt seine Kollegin Kristina Ehle, ließen sich nur im Team lösen: „Der Einzelkämpfer ist nicht mehr gefragt.“ Häufig arbeiten Wirtschaftsanwälte unter großem Druck, immer wieder gelten strikte Fristen. Die Arbeit am Abend oder Wochenende ist normal. Nur selten wird darüber geklagt, meist schwingt kaum verhohlener Stolz mit. Diese Juristen zählen fast durchweg zu den Besten ihres Jahrgangs, in der Regel berechtigt nur ein „Vollbefriedigend“ im Staatsexamen zur Aufnahme in den elitären Kreis. Und sie sind gern Leistungsträger.

Zumal sich ihr Einsatz lohnt: Gehört ein Anwalt zu den Partnern, verlangt er im Durchschnitt 300 bis 400 Euro pro Stunde, es können aber auch 700 oder 800 Euro werden. Das Gros der Anwälte in Deutschland kann davon nur träumen: Ihr Stundensatz liegt zwischen 150 und 250 Euro.

§ Die Globalisierung
Der Rechtsanwalt muss im Bezirk der Rechtsanwaltskammer, deren Mitglied er ist, eine Kanzlei einrichten und unterhalten.
§ 27, Abs. 1 Bundesrechtsanwaltsordnung

Wirtschaftskanzleien mit Hunderten oder gar Tausenden von Anwälten sind ein neues Phänomen. In Deutschland waren Anwälte traditionell an den Ort gebunden, an dem sie residierten. Weder durfte ein Hamburger Anwalt vor einem Düsseldorfer Gericht auftreten noch seine Kanzlei über Städte hinweg fusionieren. Auch Werbung war verboten.

So war es, und so würde es immer sein, dachte die Anwaltschaft – bis das Bundesverfassungsgericht 1987 die alten Standesregeln verwarf. Es folgte in den Neunzigerjahren eine Welle von Fusionen. In ihrem Zuge entstand auch Hengeler Mueller, die heute renommierteste deutsche Wirtschaftskanzlei, die bei den begehrtesten Mandaten vor allem mit angelsächsischen Häusern konkurriert. Einige deutsche Kanzleien wie CMS Hasche Sigle, Luther oder Noerr sind international tätig, daneben gibt es breit aufgestellte, aber eher nationale Akteure wie Gleiss Lutz oder Görg sowie eine Reihe regionaler Größen und Spezialisten.

Bestimmt wird das Bild von den paar Dutzend Großkanzleien, die in Deutschland jeweils mehr als 100 Anwälte aufbieten. In ihrem Schatten jedoch tummeln sich viele mittelständische Häuser, lokale Sozietäten und Einzelkämpfer. Eine durchschnittliche deutsche Rechtsanwaltskanzlei kam 2016 auf einen Jahresumsatz von 582.000 Euro, der Wert kann um einiges höher liegen, wenn die Kanzlei im Westen sitzt und in einer Großstadt, aber auch deutlich darunter.

Während die deutschen Kanzleien fusionierten und Büros in Brüssel, Wien oder Zürich eröffneten, forcierten auch die größeren Kanzleien aus den USA und Großbritannien in den Neunzigerjahren ihre internationale Expansion. Die Globalisierung erzeugte einen wachsenden Bedarf für weltweite juristische Services und ließ Kanzleiriesen mit mehr als 1000 Anwälten entstehen.

Um das Jahr 2000 drängten vor allem die fünf Kanzleien nach Deutschland, die das Geschäft des Finanzzentrums London dominieren, der „Magic Circle“: Allen & Overy, Clifford Chance, Freshfields, Linklaters, Slaughter and May. Die meisten fusionierten mit einheimischen Firmen. Freshfields Bruckhaus Deringer und Linklaters sind heute feste Größen hierzulande.

Den Ton setzen mittlerweile jedoch US-Kanzleien. Allen voran Latham & Watkins, die in Deutschland mehr als 170 Anwälte zählt und die herrschenden Verhältnisse attackiert. Der Wirtschaftskanzlei von Harald Selzner mit ihren Wurzeln in Los Angeles und dem globalen Rang 2 beim Umsatz scheint zu gelingen, woran andere gescheitert sind: sich neben den nationalen Marktführern Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller und Linklaters zu etablieren.

Latham & Watkins gilt als neue Kraft, die von dem Spitzentrio sehr ernst genommen wird. „Wir sehen uns voll auf Augenhöhe, setzen uns aber mit unserer globalen Aufstellung und insbesondere der starken US-Expertise von anderen auch deutlich ab. Gerade dieses Alleinstellungsmerkmal wird vom Markt und unseren Mandanten geschätzt – und hat uns einen Platz an der Spitze gesichert“, sagt Selzner selbstbewusst. Nun gehe es darum, das nachhaltig unter Beweis zu stellen.

Weil ihre Heimat der global größte, lukrativste Anwaltsmarkt ist und sie weltweit die höchsten Umsätze und Profite erzielen, können amerikanische Kanzleien deutschen Einsteigern sehr hohe Gehälter bieten. Spitzenreiter bei Legal Tribune Online ist Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom, das mit 140.000 Euro weit vor heimischen Häusern wie Hengeler Mueller (120.000 Euro) oder Graf von Westphalen (85.000 Euro) liegt. Und weil das Business bis heute ein sehr persönliches ist, werden damit langfristig natürlich Tatsachen geschaffen.

§ Das Geld
Der Rechtsanwalt übt einen freien Beruf aus. Seine Tätigkeit ist kein Gewerbe. 
§ 2 Bundesrechtsanwaltsordnung

Der Markt ordnet sich also laufend neu, doch durch alle Veränderungen hindurch hat sich eine Entwicklung als stabil erwiesen: die Ökonomisierung. Wer sich in Wirtschaftskanzleien umhört, gewinnt den Eindruck, dass nicht Paragrafen, sondern Zahlen heute die größte Rolle spielen. Die Häuser geben vor, wie viele Stunden ein Anwalt im Jahr abrechnen muss, und so sind 50, 60 oder gar 80 Arbeitsstunden pro Woche eher die Regel als die Ausnahme. Je größer die Kanzlei, desto stärker orientiert sie sich an finanziellen Kennzahlen wie dem Umsatz pro Berufsträger oder dem Profit pro Partner. Ranglisten schaffen Transparenz im Markt, führen aber zu hohem Druck. Der Wettbewerb ist hart, intern wie extern.

Gemäß der deutschen Anwaltsordnung üben Anwälte eigentlich „kein Gewerbe“ aus. Die Branche folgt allerdings längst der Logik ihrer Mandanten: Konzernen, die global denken, sich Pools von Kanzleien halten und Paketpreise vereinbaren; Banken, die sich an den Branchenriesen in der Londoner City oder der Wall Street orientieren; Finanzinvestoren, die überall mitmischen, wo es etwas zu verdienen gibt. Mehr denn je betrachten Wirtschaftskanzleien ihre Dienste als Geschäft.

Ein extremes Beispiel für die Ökonomisierung ist der globale Marktführer Kirkland & Ellis aus Chicago, dessen Anwälte Stundensätze von bis zu 1700 Dollar verlangen. Der Umsatz im vergangenen Jahr betrug 4,15 Milliarden Dollar, davon blieb mehr als die Hälfte als Gewinn hängen – Profit pro Eigentümer: 5,2 Millionen Dollar. Dagegen verblassen selbst die 1,7 Milliarden Euro Umsatz und 2,1 Millionen Euro Profit pro Partner, auf die etwa Freshfields weltweit kommt.

In der Folge wird der Kampf um die Partner, die bei Wechseln häufig ihr Team, ihre Mandanten und ihren Umsatz mitbringen, immer aggressiver. In den USA und Großbritannien soll Kandidaten schon eine Vergütung von zehn Millionen Dollar pro Jahr garantiert worden sein. Bis zu 15 Millionen Dollar pro Jahr könnten Topleute heute verdienen, sagt der US-Personalberater Mark Rosen. Da kommen nur noch Investmentbanker mit.

Hierzulande erreichen Spitzenkräfte eher ein bis zwei Millionen Euro jährlich. Doch die Entwicklung strahlt aus: „Ich bin keine Ausnahme“, sagt ein deutscher Anwalt, der vor einiger Zeit zu einem US-Haus gewechselt ist. Vielfach herrsche eine „Scheckbuchmentalität“, heißt es aus einer großen deutschen Kanzlei. Harald Selzner von Latham & Watkins sieht die Entwicklung naturgemäß eher nüchtern: „Wenn ich Champions League spielen will, brauche ich dafür auch die besten Spieler.“ Die Amerikaner mischen die Branche auch auf, weil sie bei der Vergütung stark auf Leistung setzen. Wer 20 Millionen zum Umsatz beiträgt, soll mehr bekommen als einer, der nur zwei Millionen an Land zieht. Auch öffentliche Auftritte, gute Nachwuchsarbeit oder Führungsaufgaben zählen. Latham & Watkins zum Beispiel verteilt 15 Prozent des Jahresgewinns nach solchen Faktoren wie Boni, der Rest des Einkommens richtet sich nach Seniorität. Gemischte Modelle wie diese werden unter Kanzleien immer beliebter, denn sie erlauben eine flexiblere, höhere Vergütung.

§ Die Wurzeln
Der Rechtsanwalt ist ein unabhängiges Organ der Rechtspflege. 
§ 1 Bundesrechtsanwaltsordnung

Gerade weil Wirtschaftskanzleien Anwälten finanzielle Perspektiven bieten, die früher unvorstellbar waren, glaubt Christian Wolf, Professor an der Leibniz Universität Hannover, dass sich die Zunft stärker auf ihre Wurzeln besinnen sollte. Wolfs Themen sind das Berufsrecht, die Geschichte, die Prinzipien und die gesellschaftliche Rolle der Anwaltschaft. Und ihm bereitet die zunehmende Ökonomisierung Sorgen. „Es gibt einige Entwicklungen, die dem ursprünglichen Ideal einer anwaltlichen Tätigkeit diametral entgegengesetzt sind“, sagt er.

Wolf erinnert daran, dass Anwälte „kein Gewerbe“ betreiben, dass sie sich also nicht allein am Gewinn orientieren sollen. Die Juristen der Wirtschaftskanzleien verstehen sich in seinen Augen inzwischen viel zu selten als „unabhängiges Organ der Rechtspflege“, das Recht durchsetzt und Gerechtigkeit herstellt – und viel zu oft als Unternehmer. „Heute sind Kanzleien wie Firmen organisiert“, sagt Wolf, das sei auch grundsätzlich in Ordnung. „Anwälte sollen Gewinn machen, sie sollen selbstverständlich gut verdienen.“ Doch dass die Vergütungen heute bis in die Millionen gingen, finde er problematisch. Auch mit einem niedrigen sechsstelligen Einkommen bewege man sich nicht an der Armutsgrenze.

Der Hochschullehrer beobachtet eine Kultur des Rosinenpickens. Viele große Kanzleien würden zum Beispiel heute, da der Diesel-Skandal viel Geld verspreche, ihre Expertise in Sachen Autokauf entdecken. „Der Treiber ist das, was man verdient“, meint Wolf. Das sei problematisch, denn es gebe noch Mandanten mit weniger lukrativen Fällen, die zu übernehmen den kleinen Kanzleien schwerer falle, wenn sich die großen die attraktiven Mandate sicherten. „Bei Fällen am Amtsgericht mag es um kleine Münze gehen, aber für die Leute ist das große Münze. Wenn das niemand mehr macht, was geschieht dann mit der Gesellschaft?“

Insgesamt 20 Säle für Verhandlungen gibt es im Landgericht Halle – in diesem hier soll möglichst nichts von der Sache ablenken.

§ Der Staat
Der Rechtsanwalt darf keine widerstreitenden Interessen vertreten. 
§ 43a, Abs. 4 Bundesrechtsanwaltsordnung

Christian Wolfs Kritik ist eine grundsätzliche, aber es gibt auch konkrete, aktuelle Anlässe für Bedenken. So wurde Ende 2019 ein langjähriger Partner von Freshfields, der früher die globale Steuerrechtspraxis seiner Kanzlei geführt hatte, zeitweilig in Untersuchungshaft genommen. Mittlerweile hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gegen den Mann und weitere Beteiligte Anklage erhoben, es besteht der Verdacht der Beihilfe zur Steuerhinterziehung. In ganz Deutschland wird wegen verwandter Fälle ermittelt. Nur die Staatsanwaltschaften wissen, ob unter den mehreren Hundert Beschuldigten weitere Anwälte sind – doch der Gedanke liegt nahe.

Neben diesem Bündel an Fällen, das unter dem Begriff Cum-Ex bekannt wurde, gab es staatliche Durchsuchungen bei großen Kanzleien – Hengeler Mueller, Gleiss Lutz, Jones Day, Gibson Dunn, Clifford Chance. Spätestens seit Freshfields Bruckhaus Deringer mehrfach Besuch bekam, ist klar: Das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Wirtschaftskanzleien wird gerade neu vermessen.

Wie staatliche Ermittler die Branche wahrnehmen, zeigt sich in einem Gespräch mit Vertretern, die anonym bleiben wollen. „Ein großer Name hält einen nicht davon ab, näher hinzuschauen. Die haben keinen Bonus mehr“, sagt einer. Andere erzählen davon, wie sie auf Details achten. „Man tut gut daran, sich die Annahmen, die einem Gutachten zugrunde liegen, ganz, ganz genau anzuschauen“, denn womöglich seien die so gewählt, „dass das gewünschte rechtliche Ergebnis herauskommt“. Sei eine juristische Stellungnahme problematisch, sei zum Beispiel anhand von E-Mails zu klären, ob es Kontakte oder gar Absprachen gab, ob ein fragwürdiger Vorgang also Zufall oder Absicht war.

Bei Fragen, berichten die Ermittler, erlebten sie Überheblichkeit: Die Anwälte sähen sich „als Speerspitze der Gesellschaft“, als „elitären Zirkel, handverlesen.“ Werde es ernst, werde „jedes Register gezogen“. Da gebe es Dienstaufsichtsbeschwerden, Anzeigen oder Eingaben beim Ministerium. Persönliche Kontakte würden aktiviert, Artikel geschrieben und wissenschaftliche Beiträge von Dritten finanziert, um eigene Argumente zu stützen. „Solche Leute sind bereit, wahnsinnig viel Geld in die Hand zu nehmen, um uns das Handwerk zu legen“, sagt ein Ermittler. Es fallen Begriffe wie „Druck“ oder „mächtige Gegenspieler“.

Andererseits übernehmen Wirtschaftskanzleien zunehmend Aufgaben, die früher Staatsanwälten vorbehalten waren. Ob Siemens, Deutsche Bank oder VW, Stada oder Meyer Werft: Bei einem Verdacht auf Verfehlungen schicken Konzerne heute oft Anwälte los, um Mitarbeiter zu befragen und Mails zu durchforsten. Längst haben große wie kleine Kanzleien erkannt, dass sich mit internen Ermittlungen Geld verdienen lässt. Sie stoßen in eine Lücke, denn dem Staat fehlt das Personal, Dutzende Juristen auf einen Fall anzusetzen. Es gibt in Deutschland 21 339 Richter und 5882 Staatsanwälte, das sind nur wenig mehr als im Jahr 2000 – bei steigenden Verfahrenszahlen und immer komplexeren Fällen. Das Justizwesen sei über die Jahre „zu sehr ausgezehrt worden“, kritisierte 2019 Jens Gnisa, der damalige Präsident des Deutschen Richterbunds.

Immerhin, Besserung ist in Sicht. 2019 beschlossen Bund und Länder, 2000 neue Stellen für Richter und Staatsanwälte zu schaffen. Zudem befand das Bundesverfassungsgericht eine Durchsuchung der Kanzlei Jones Day für rechtens, die für VW im Diesel-Skandal ermittelt hatte, den Behörden in einem Verfahren gegen Audi aber nur mündlich Auskunft geben wollte – eine Zäsur im Streit über die Frage, ob Kanzleien der Justiz den Zugriff auf Unterlagen verweigern dürfen. Und bald soll ein Rechtsrahmen für interne Untersuchungen das Verhältnis zwischen staatlichen und privaten Ermittlern klären. Die Kanzleien, so ein Gesetzentwurf, sollen mit Behörden kooperieren.

§ Die Zukunft
Der Rechtsanwalt muss durch das Führen von Handakten ein geordnetes und zutreffendes Bild über die Bearbeitung seiner Aufträge geben können.
§ 50, Abs. 1, Satz 1 Bundesrechtsanwaltsordnung

Ungemach droht den Wirtschaftskanzleien auch von anderen Seiten. Ein großes Problem ist, wie überall, der Nachwuchs: Die herrschende Arbeitskultur schreckt junge Menschen, die vom Leben mehr wollen als Büroarbeit, Akten und „billable hours“, eher ab. Dabei sind die Absolventenzahlen seit der „Juristenschwemme“ zur Jahrtausendwende ohnehin schon um rund 30 Prozent gesunken. Jahr für Jahr verlassen nur etwa 7500 Volljuristen die Hochschulen – die Besten sind extrem umworben.

„Unsere Partner erleben gerade einen kleinen Realitätsschock“, berichtet die Sprecherin von Melchers, einer mittelständischen Kanzlei aus Heidelberg. Manchem werde etwa erst langsam klar, dass selbst Männer heute Elternzeit nähmen. „Irgendetwas haben wir falsch gemacht“, hätte jüngst ein Partner gesagt. „Früher, als Associates, haben wir mehr gearbeitet als unsere Partner, heute sind wir Partner – und arbeiten mehr als unsere Associates.“ Andere begrüßen die Chance, alte Zöpfe abzuschneiden. Das hohe Pensum vieler Anwälte sei „ein selbst gepflegter Mythos“, findet Stefan Röhrborn von Vangard in Düsseldorf. Dort gilt de facto eine 40-Stunden-Woche, wer will, darf zu Hause arbeiten.

Und bei allen positiven jüngsten Erfahrungen im Home Office: Die Digitalisierung ist ein Problem. „Legal Tech“ hilft wiederkehrende Aufgaben wie das Verfassen von Verträgen zu automatisieren, Arbeitsstunden zu tracken oder Dokumente zu analysieren. „Viele Aufgaben, die früher von Associates erledigt wurden, können bereits heute – und künftig noch mehr – von Computern übernommen werden“, sagt Meinhard Weizmann, Geschäftsführer der Bucerius Law School in Hamburg. Spitzenleuten und Spezialisten kann das die Arbeit erleichtern, doch Kanzleien aus der zweiten oder dritten Reihe, die Standardfälle bearbeiten, könnte Legal Tech gefährlich werden.

Bisher herrscht beim Einsatz Vorsicht. Anwälte haften für Fehleinschätzungen. „Dass eine Maschine Entscheidungen trifft, davon sind wir noch weit entfernt“, sagt Ernst Georg Berger, Vorstand der Kanzlei Clarius.Legal, die Rechtsabteilungen in Unternehmen mit Technologie und Juristen unterstützt. Die Zukunft der Anwälte sieht er jedoch optimistisch: „Sie werden sich wieder stärker um das kümmern, was juristische Arbeit sein sollte: komplexe Verträge erstellen, Verhandlungen führen, Prozesse führen.“

§ Das Vertrauen
Der Rechtsanwalt hat seinen Beruf gewissenhaft auszuüben. Er hat sich innerhalb und außerhalb des Berufes der Achtung und des Vertrauens, welche die Stellung des Rechtsanwalts erfordert, würdig zu erweisen.
§ 43a Bundesrechtsanwaltsordnung

Eine kritische Instanz fehlt. Seit 1878 gilt für Anwälte das Prinzip der Selbstverwaltung, die Aufsicht liegt bei 28 Kammern vor Ort. Fraglich ist allerdings, ob sie den Willen, die Kompetenz und die Instrumente haben, Wirtschaftskanzleien den Weg zu weisen oder, wo nötig, Einhalt zu gebieten. So hängt weiter vieles von den Kanzleien ab. Manche haben interne Komitees für die Freiwillige Selbstkontrolle. Bei Freshfields beispielsweise arbeitet ein Team rund um die Uhr daran, potenzielle neue Mandanten zu durchleuchten. „Es gibt jede Woche Mandate, die wir ablehnen“, heißt es in anderen Häusern.

Harald Selzner von Latham & Watkins kennt das Streben nach Größe und nach Geld. Und er kennt die Gefahren, die das für die Branche birgt. Er ist überzeugt: „Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Anwalts, Grenzen fein auszutarieren – und auf keinen Fall zu überschreiten.“

Er klingt, als würde er das auch so meinen. Fast wie von selbst stellt sich Vertrauen ein. Warum auch nicht? Der Mann ist schließlich Anwalt. //