„Man muss Menschen mögen“
Sie haben die Macht im Internet, und die scheint ihnen zu genügen: Die Generationen Y, Z und bald schon Alpha zeigen herzlich wenig Interesse an klassischen Karrieren oder Führungspositionen. Die Zukunftsforscherin Steffi Burkhart berät Unternehmen dabei, eine Arbeitskultur zu entwickeln, die auch Unter-30-Jährige anzieht.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Unternehmensberater 2025.
Mit 39 selbst ein Millennial, erklären Sie als Gesundheitspsychologin der Wirtschaft, wie der Nachwuchs tickt und was es braucht, ihn für sich zu gewinnen. Die Generation Z der etwa zwischen 1995 und 2010 Geborenen beschreiben Sie als erlebnisorientiert und gefühlsbetont. Sind das also vergnügungssüchtige Weicheier?
Steffi Burkhart: Nein, natürlich nicht. Aber Führungskräfte von heute sollten verstehen, dass die Gen Z in eine Aufmerksamkeits- und Erlebnisökonomie hineingeboren wurde, in ihr erwachsen wird oder geworden ist. Jeder buhlt um Aufmerksamkeit, besonders im Digitalen. Dabei spielen Emotionen eine große Rolle. Diese Generation engagiert sich auch nicht zufällig mehr als andere für Gerechtigkeit und Fairness.
Ständig um Aufmerksamkeit und zugleich für eine gute Sache zu kämpfen: Wie geht das zusammen?
Das bedingt einander sogar. Die Gen Z erlebt eine Welt der Perma- und Polykrisen: Klimakrise, Vertrauenskrise in die Politik, Energiekrisen … Wir stapeln Probleme über Probleme. Und nicht mehr die jetzt noch mächtigen Boomer, sondern die jungen Generationen werden es sein, die sie lösen müssen. Das heißt, ein Weiter-so-wie-bisher, ein Agieren im Modus der Erfahrungen kann uns nicht helfen, um die wichtigen Zukunftsthemen anzupacken. Wir brauchen neues Werkzeug und mehr Man- and Woman-Power. Beides fehlt uns bislang.
Woran liegt das?
Die Systeme funktionieren nicht mehr so, wie wir es gewohnt sind oder es gerne hätten: Die Arbeitnehmer beim Autokonzern VW bezeichnen ihren Vorstand als Behörde. In Deutschland brechen Brücken ein. Das staatliche Bildungssystem muss reformiert werden, denn es bereitet seine Schüler und Studierenden nicht auf die anstehenden Herausforderungen vor. Dazu erleben wir weltweit Massenentlassungen, auch in Tech-Companies, die eben noch Vorreiter waren. Manches, was gestern als Science-Fiction galt, ist heute Wirklichkeit: selbstdenkende KI, riesige Wanderungsbewegungen, hohe Inflation – bis hin zum schwierigsten Problem, das wir haben, dem Klimawandel.
Und das prägt die Lebens- und Gedankenwelt der Jungen?
Ja. Sie sehen weltweit Konflikte und Kriege und spüren die brutalen Kräfte, die das entfesselt. Sie erleben, wie das zu reaktionären Bewegungen weltweit führt. Das ist für viele Menschen eine düstere Perspektive, die psychischen Stress verursacht.
In der Gen Z sind nachweislich besonders viele betroffen von der Mental Health Crisis, die wir global beobachten. Das Fehlen normaler zwischenmenschlicher Interaktionen während der drei Jahre Pandemie hat Spuren hinterlassen. Erstmals gilt die junge Generation in unserer Gesellschaft als die einsamste neben der ältesten.
Wie ticken die Jungen in diesem andauernden Krisenmodus?
Während meine Generation, die Gen Y, als eine teilweise hedonistische gilt, die lieber Partys als Demos organisiert hat, organisieren die jungen Leute lieber Demos statt Partys. Aktivistische Phänomene wie Fridays for Future, Black Lives Matter oder die Anti-Work-Bewegung auf der Plattform Reddit können 2035 weltweit die am stärksten relevanten, nicht parlamentarischen politischen Treiber werden. Und sie können damit eine enorme soziale Wirkung entfalten, die sich Regierungen und auch Unternehmen derzeit gar nicht vorstellen können.
Was macht sie so einflussreich?
Junge Menschen haben die Deutungshoheit über die wichtigste Massentechnologie unserer Zeit, das Internet. Sie sind darin zu Hause und nutzen ihre digitale Konnektivität als Machtinstrument, um Themen, die sie bewegen und die sie nach vorne bringen wollen, radikal und ad hoc in das Aufmerksamkeitsfeld von Regierungen und Unternehmen zu rücken. Mikrobewegungen entstehen scheinbar aus dem Nichts, werden schnell groß und können gestandene Unternehmen und Institutionen aus dem Takt bringen. Die Reddit-Aktion gegen Hedgefonds hat das 2021 gezeigt.
GEN Y:
zwischen 1981 und 1995 geboren
GEN Z:
zwischen 1995 und 2010 geboren
ALPHA:
nach 2010 geboren
Steffi Burkhart
So ganz typisch für ihre Generation mag sie nicht sein: Die über ein psychologisches Thema promovierte Sportwissenschaftlerin, Keynote-Speakerin und Zukunftsforscherin Steffi Burkhart, 39, hat wenige Wochen vor diesem Interview ihr zweites Kind zur Welt gebracht, war aber bereits wieder für Vorträge auf Achse. Die vom MDR mal als „Gesicht der Generation Y“ bezeichnete Vortragsrednerin und Buchautorin war einst deutsche Vizemeisterin in rhythmischer Sportgymnastik. Sie hat im Gesundheitsmanagement eines Konzerns gearbeitet, danach die Bildungsakademie eines Start-ups (heute „Greator“) aufgebaut. Seit 2015 ist sie selbstständig. Sie nennt sich selbst „Human Capital Evangelist“ – was bedeutet, dass sie vor allem zu Generationen- und Talent-Management, Führung, Frauen, Bildung und New Work publiziert, Impulse gibt und Workshops hält. Zu ihren Kunden zählen fast alle Dax-Unternehmen.
Und was bedeutet das für die Unternehmen, die junge Menschen für sich gewinnen wollen?
Bis 2035 werden die Generationen Alpha – das sind die heutigen Schulkinder –, Y und Z drei Viertel aller Arbeitskräfte stellen. Die werden aber nicht mehr nur Geld gegen Arbeitszeit eintauschen. Die haben nicht mehr nur einen Job, einen Arbeitgeber, einen Arbeitsort – das hatten ja oftmals schon ihre Eltern nicht. Daher werden die Jungen potenziellen Arbeitgebern natürlich die Frage stellen: Warum soll ich zu Ihnen in die Organisation kommen?
Und mit welcher Antwort könnte man sie überzeugen?
Junge Menschen suchen nach Purpose. Unternehmen und Institutionen benötigen daher neue Antreiber, die Sinn stiften. Die zentralen Fragen, die sich Organisationen stellen müssen, lauten: Welchen Beitrag leisten wir mit dem, was wir tagtäglich tun, für die Gesellschaft und die Welt? Dafür brauchen Führungskräfte emotionale Intelligenz und einen positiven Blick auf die Zukunft, außerdem Empathie, um die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und darauf einzugehen.
Ein coachender Führungsstil bei der Gen Y und ein empathisch-motivierender Führungsstil bei der Gen Z sind gefragt. Führungskräfte müssen Menschen mögen, um erfolgreich zu sein. Und der Arbeitsplatz muss in unserer Erlebnisökonomie zum „Point of Experience“ werden, um Menschen anzuziehen.
Wie sieht so eine Erlebnisarbeitsstätte aus?
Es geht dabei darum, auf verschiedenen Ebenen eine gute Arbeitswelt zu schaffen. Ein Beispiel bietet der Kommunikations- und Werbekonzern Serviceplan Group in München. Die Gruppe schafft mit ihrem neuen Headquarter tolle Erlebnisse: Da spielen eine neue Raumkonzeption, die Art der technologischen Einbindung, Weiterbildungsevents und nicht zuletzt moderne Kunst in den Räumen ineinander. Generell kann man sagen, dass Bewerbungsgespräche und Onboarding-Prozesse junge Menschen begeistern müssen.
Organisationen sollten sich sogar zu „Caring Companies“ entwickeln, erklären Sie Ihren Kunden. Warum?
Durch eine zunehmende Vereinsamung, vor allem in der Generation Z, ist ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit entstanden. Eine Caring Company schafft Gemeinschaft und Zugehörigkeit, um das Wohlgefühl der Mitarbeitenden zu fördern. Angesichts des Fachkräftemangels, der sich deutlich verschärfen wird, müssen Unternehmen versuchen, junge Talente langfristig zu binden. Das bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Mitarbeitende wohlfühlen und gern bleiben.
Es gibt jetzt schon Unternehmen, die sagen, wir verstehen uns nicht als Arbeitsstätte – wir sind eine Begegnungsstätte. Es geht um das Mindset und die Bereitschaft, in das Wohl der Mitarbeitenden zu investieren. Wow-Momente und positive Emotionen zu schaffen – das gilt nicht nur für die neue Erwartungshaltung der Kundinnen und Konsumenten, sondern auch für die Gewinnung von Bewerbern.
Kann man es lernen, Menschen zu mögen, um eine gute Chefin oder ein guter Chef zu sein?
Das ist eine Frage, die zu selten gestellt wird. In der Wissenschaft unterscheiden wir zwischen Management, Leadership und Fachexpertise. Viele der Führungskräfte, die heute Verantwortung tragen, wurden aufgrund ihrer fachlichen Expertise befördert – und nicht unbedingt wegen ihrer Führungsqualitäten. In der heutigen Welt brauchen wir aber Teams, die gut interagieren und dadurch Herausragendes leisten.
Aus Sicht der Jüngeren: Vor welchen Hürden stehen die circa 18- bis knapp 40-Jährigen, vor denen ihre Eltern nicht standen?
Ab 2030 werden wir weltweit in allen entwickelten Industrienationen – mit Ausnahme der USA – spüren, dass uns junge Menschen als talentierte Mitarbeitende und kaufkräftige Konsumenten fehlen werden. Diese demografische Entwicklung wird besonders jene Länder mit Wucht treffen, die schon jetzt ein hohes Durchschnittsalter haben, darunter Japan, Deutschland, Frankreich, Italien, alle skandinavischen Länder und auch China, durch seine jahrzehntelange Ein-Kind- Politik. Und Südkorea – zurzeit die Nation mit dem höchsten Akademisierungsgrad der Welt – wird nach neuesten Berechnungen das Jahr 2150 nicht überleben, weil es dann keine Südkoreaner mehr geben wird. Auf der anderen Seite wird 2035 in Ländern wie Indien, Pakistan oder Ägypten das Durchschnittsalter deutlich unter 30 liegen.
Wie wirkt es sich auf Millennials und Gen Z aus, in der Minderheit zu sein?
Die Politik nimmt ihre Themen oft nicht ernst. Die wichtigen Entscheidungen heute treffen meist noch die Boomer, also die bis etwa 1965 Geborenen, sowie die Generation X der jetzt um die 50-Jährigen. Die Generationen Y und Z rücken zwar in Führungspositionen nach, aber ihnen fehlen die Role Models aus ihrer eigenen Kohorte – und den Frauen zudem weibliche Vorbilder.
„Welchen Beitrag leisten wir mit dem, was wir tagtäglich tun, für die Gesellschaft und die Welt?“
Wie äußert sich das in den Strukturen?
In den USA stammen derzeit nur drei Prozent der Führungskräfte auf dem C-Level aus der Generation Z, obwohl dort mittlerweile die Mehrheit der Beschäftigten von der Generation Y und Jüngeren gestellt wird.
In Deutschland beobachte ich Ähnliches. Ohne Vorbilder streben zu wenig junge Menschen leitende Positionen an. Die Karriereleiter hochzuklettern, ist nicht mehr attraktiv. Die Generation hat netto deutlich weniger Geld zur Verfügung als die davor und gleichzeitig geringere Renten zu erwarten. Wohneigentum ist in attraktiven Regionen unbezahlbar geworden.
Wozu da in der ersten Reihe einer Firma und im Feuer stehen? Es braucht ein neues Bild von Führung, um junge Menschen für die Übernahme von Verantwortung zu begeistern.
Sie sprechen in Ihren Keynotes gern von einer Inspiring Leadership, die dafür nötig sei. Kann man die erlernen?
Ohne Namen nennen zu wollen: Auch mancher prominente Dax-Vorstand hat erst durch gezieltes Coaching gelernt, völlig anders aufzutreten und wirkt nun nicht nur nach außen hin besser, sondern vor allem inspirierend in seinen Konzern hinein. Inspiring Leadership bedeutet, nach außen und innen zu kommunizieren, welchen Impact man erzeugen will. Es geht darum, eine neue Art der Kommunikation zu entwickeln und Menschen in Entwicklungen einzubinden.
Also müssen Super-Leader vor allem super motivieren?
Na ja, es geht nicht nur um Ansporn und Inspiration, sondern um eine Entwicklung hin zu Themen wie Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. In der Post-Wachstumsära zählt der positive Einfluss auf Gesellschaft und Umwelt mehr als reines Wachstum.
Durch die Umwälzungen, die in Gang sind, werden in allen Sparten Jobs wegfallen, sich verändern und neue entstehen. Was bedeutet das für die Wirtschaft im Kampf um die Talente?
Vor allem für Unternehmen bedeutet das eine unfassbare Anstrengung, die Mitarbeitenden weiterzubilden, neu auszubilden, umzuschulen, um sie für die neuen Aufgaben und das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz zu befähigen.
In der Vergangenheit waren immer Universitäten, Hochschulen und Schulen für die Bildung und die Qualifikation verantwortlich. Doch in Zukunft müssen diese Aufgabe die Unternehmen mit übernehmen und das in einem viel tiefgreifenderen Maße als bisher. Denn die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklungen wird so rasant sein, dass unsere Bildungssysteme mit ihren Lehrplänen gar nicht mehr hinterherkommen. Weshalb jetzt damit begonnen werden muss!
Warum soll denn die Wirtschaft in die Bresche springen für diese teils staatlichen Aufgaben?
Weil es in ihrem ureigensten Interesse liegt und weil es schnell gehen muss. Dazu kommt: Qualifizierte Zuwanderung ist für Länder wie unseres, in dem die Hälfte der Bevölkerung älter als 47 ist, unabdingbar. Wir bewegen uns in Deutschland nicht mehr im Wettbewerb um Fachkräfte zwischen den einzelnen Unternehmen. Sondern wir stehen mit anderen Nationen und Weltregionen in Konkurrenz um die Talente. Klug in Humankapital zu investieren ist daher mindestens so wichtig wie gutes Finanzmanagement. Wir brauchen dafür Zukunftspläne.
Mit Blick auf den Generationenwechsel – was müsste in den Plänen stehen?
Wer in den nächsten zwei Jahrzehnten erfolgreiche und attraktive Brands, Unternehmen, Teams und Produkte entwickeln und weiterentwickeln möchte, muss fünf Dimensionen im Blick haben: Status, Nutzen, Gemeinschaft, Orientierung und Leidenschaft. Unternehmen sollten sich daher zum Weiterbildungschampion ihrer Branche entwickeln, um Talente anzuziehen.
Die Aufgabe wird sein, ein Umfeld zu kreieren, in dem die Menschen subjektiv und individuell Sinn erleben. Dann können die Energie und die Magie entstehen, die es braucht, um großartige Produkte und neue Geschäftsmodelle, aber auch gesellschaftliche Ideen zu entwickeln, um die beste aller möglichen Welten zu schaffen. //