Grün? Bunt!
/ Für Klima und Umwelt war 2024 nicht das beste Jahr. Gleich reihenweise kassierten Unternehmen in den vergangenen Monaten ihre Nachhaltigkeitsziele. Elektromobilität only, Net Zero, weniger Abfall, weniger Plastik, klimaneutrale Kreuzfahrten oder Pakete – vorbei: Die ambitionierten Ökoziele sind auf Eis gelegt oder sogar ganz gestrichen.
Das sind schlechte Nachrichten für uns alle, aber auch und gerade für Unternehmens- berater. Schließlich galt Nachhaltigkeit im Consulting in den vergangenen Jahren als DAS nächste große Ding. Green Deal, ESG-Kriterien, Lieferkettengesetz, ehrgeizige strategische Unternehmensziele und moralische Ansprüche von Konsumenten bescherten der Branche ein spürbares Wachstum. Das »Handelsblatt« erkannte ein neues Consulting-Milliardengeschäft. EY Managing Partner Constantin Gall nannte Sustainability gar einen Megatrend, „der die gesamte Wirtschaft umwälzen wird – ähnlich wie die Digitalisierung“.
Und nun? Alles aus und vorbei? Wir haben bei denen nachgefragt, die von der Kehrtwende betroffen sind. Und auch wenn es viele Berater nicht so deutlich aussprechen: Die Szene muss derzeit empfindliche Einbußen verkraften. Es werden Projekte gestrichen, Preise gedrückt, Teams verkleinert. Gleichzeitig zieht jedoch bei dem Thema – auf Berater- wie Kundenseite – so etwas wie eine neue Ernsthaftigkeit ein (Seite 8). Das ist ein gutes Zeichen, auch für die Umwelt.
Susanne Risch – Chefredakteurin
Foto: Michael Hudler
Wie es aussehen kann, wenn man Ökologie wirklich ernst nimmt, haben wir in Bamberg beobachten können. Dort haben die Alpha Inside Consultants ihre Unternehmenszentrale nach neuesten nachhaltigen Standards gebaut – und ihre anspruchsvollen Prinzipien ökologischer Beratung sicht- und spürbar in Form gegossen (Seite 16).
Moderne Prinzipien, eine klare Positionierung und ein sehr spezifisches Know-how waren auch entscheidend für die Auswahl der anderen Spezialisten, die wir in dieser Ausgabe vorstellen. Die Beratung Nera beispielsweise, die National Economic Research Associates, hat sich ganz dem Thema Regulierung verschrieben und bei fast allen großen Projekten weltweit die Finger im Spiel (Seite 42). Die britische Unternehmensberatung Baringa macht mit Economics of Kindness von sich reden (Seite 54), die Hamburger Berater von Space & Lemon Innovations wiederum haben sich ganz aufs Technologie-Trendscouting kapriziert – und auf die kluge Analyse der daraus erwachsenden Möglichkeiten für ihre Kunden (Seite 60).
Die Consultants von IP Dynamics haben wir über ein Kundenprojekt kennengelernt. Unsere Geschichte erzählt von dem Wandel, den die R+V Versicherung derzeit durchläuft. Dort gelingt es mithilfe einer neuen IP-Software nicht nur, den Rückstand Tausender Schadensfälle aufzuarbeiten. Die neuen Tools und Strukturen lindern auch den bedrückenden Fachkräftemangel und verleihen der Arbeit der Mitarbeitenden nach Jahren der Entmenschlichung wieder Sinn (Seite 88).
Die wohl stärkste Spezialisierung kann die Beratung Sports360 für sich verbuchen. Volker Struth, Gründer und CEO des Unternehmens, ist Spielerberater und mischt weit vorne im Profifußball mit. Unser Autor Hannes Kneissler hat das Unternehmen in München besucht, das mit 60 Mitarbeitenden 25 Millionen Euro Umsatz erzielt – und 19 Millionen Euro Gewinn (Seite 34).
Struth lebt in seinem Business übrigens auch, was andernorts meist ferne Idee bleibt: Er partizipiert direkt an Erfolg und Misserfolg seiner Kunden. Warum Outcome-based Pricing (OBP), also eine ergebnisabhängige Vergütung, hierzulande nicht wirklich vorankommt, hat Christoph Koch für uns recherchiert. Sein Rundruf in der Branche listet eine Reihe guter Argumente auf – für und wider OBP (Seite 26). //