Wenn Kreative auf Logistiker treffen

Kauf’ ich!

Der Lebensmittelkonzern Tegut lässt eine Designberatung nach einem neuen Ladenkonzept suchen. Ihre Arbeit stellt vieles infrage. Vor allem beim Auftraggeber selbst.





Probierlust und Visionen: Arne Schultchen, Gründer des Designbüros dfhn (rechts), und sein Partner Stephan Kremerskothen

/ Stillgelegter Güterwaggon. Science Fiction in Holz. Oder auch: holzverkleidete Riesen-Sushi-Rolle. Es sind fantasievolle Namen, die die Fuldaer jenem Objekt umhängen, das im Oktober 2020 an einer Straßenecke unweit ihres Hauptbahnhofs gelandet ist. Obwohl nur 50 Quadratmeter klein, erhält das Ding binnen kurzer Zeit allergrößte Aufmerksamkeit. Teo, wie es offiziell heißt, ist im Kern ein Mini-Markt, der von der Salatgurke bis zum Kondom so ziemlich alles bereithält, was man für den täglichen Bedarf braucht. Nur eines gibt es bei Teo nicht: Personal.

So rundlich-sympathisch der hölzerne Markt wirkt, so vollgestopft ist er mit Kameras, Scannern, Sensoren und anderen Technologien, die Kunden selbsttätig einlassen und abkassieren. Der Vorteil: Als begehbarer Automat kann Teo rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche seine Glastüren öffnen, sobald sich ein Kunde mit EC-Karte oder App identifiziert. Entsprechend neugierig berichten Tageszeitungen und TV-Sender aus der ganzen Republik über die Hightech-Holzrolle. Der Handelsverband Deutschland, die Branchenvereinigung des Einzelhandels, hat Teo mit dem „Innovationspreis 2020“ ausgezeichnet, die Konkurrenz beäugt das Projekt neidisch.

Nur ein Begriff fällt in dem ganzen Hype kurioserweise nie: Verständigungsproblem. Dabei ist Teo weniger Ergebnis eines genialen Geistesblitzes als vielmehr das Resultat eines tief gehenden Verständigungsproblems zwischen einem Hamburger Designbüro und seinem Auftraggeber, einem Lebensmittelhändler mit mehr als 8000 Mitarbeitern und 70 Jahren Geschichte.

Während die Beteiligten zusammen am Shopkonzept arbeiteten, verhakten sich die Erwartungen der beiden Firmen ineinander wie verkantete Kontinentalplatten, was auf beiden Seiten zu heftigen Eruptionen führte. Am Beispiel Teo zeigt sich jener klassische Kulturkampf, in dem sich Klienten und ihre Berater aufreiben, wenn die einen „Mut“ sagen, obwohl sie „Mittelmaß“ meinen, während die anderen glauben, ihre Arbeit würde zwar bezahlt, aber nicht wertgeschätzt. In den meisten Fällen geht man irgendwann enttäuscht-ermattet auseinander. Im besten Fall entsteht so etwas wie Teo.


Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis man es ihnen anbietet.
Terence Conran

Am Anfang steht die T-Box

Initiator und Betreiber des Mini-Markts ist der hessische Lebensmittelhändler Tegut. Das anthroposophisch geprägte Unternehmen mit Sitz in Fulda ist einst groß geworden mit lokaler Verwurzelung und einem frühen Fokus auf Bio-Produkte. Heute muss sich der Mittelständler im umkämpften Lebensmittelmarkt dringend neue Nischen erschließen, wenn er zwischen den Lidls und Edekas dieser Welt nicht zerrieben werden will.

Im April 2018 macht sich ein dreiköpfiges Projektteam auf die Suche – analysiert monatelang Märkte, bereist halb Europa und kommt mit einem Mini-Retailkonzept namens „T-Box“ zurück. Die T-Box ist ein „Selfscanning-Markt“, in dem Technologie von der Zugangskontrolle bis zum Kassieren das Verkaufspersonal ersetzt. Ein Laden ohne Ladenschlusszeiten, mit minimalen Personalkosten und einer Kundschaft, die hier rund um die Uhr Geld lassen kann – weshalb von Rewe bis zu Albert Hejn auch andere Handelsketten an vergleichbaren Konzepten arbeiten. Amazon betreibt in Seattle mit „Amazon Go“ bereits einen ähnlichen Robotermarkt.

Ein Prototyp der T-Box, die Tegut gemeinsam mit dem Einzelhandelsdienstleister Wanzl entwickelt hat, ist heute vor der Firmenzentrale am Fuldaer Stadtrand zu besichtigen. In dem Quader mit vollverglaster Vorderfront decken sich Tegut-Mitarbeiter mit Snacks und Getränken ein. Sie müssen sich am Eingang mit EC-Karte oder App ausweisen, dann surren leise die Glastüren des Containers zur Seite. Drinnen erfassen Sensoren ihre Bewegungen, bezahlen können sie selbst mittels Scannen der Ware. Personal betritt die T-Box nur zum Einräumen der Regale und Saubermachen. Registrieren die Sensoren, dass sich ein Kunde länger als 60 Minuten im Laden oder länger als drei Minuten am Boden aufhält, alarmieren sie einen Wachdienst, der sich erst auf die Kameras auf- und dann ins Geschehen einschalten kann.

Geistiger Vater der T-Box ist Sören Gatzweiler, der sich dort gerade einen schnellen Mittagssnack zieht. Der nüchterne 35-Jährige ist ausgebildeter Logistiker, arbeitet seit zehn Jahren bei Tegut und war als Leiter des Projektteams für die Suche nach neuen Geschäftsmodellen verantwortlich. An den Kassenscanner gelehnt, erzählt er von modernen Kunden, die heute wesentlich spontaner einkauften als früher und es schätzten, wenn sie dies vor der Tür rund um die Uhr tun könnten. Von Shop-Standorten, die sich plötzlich rechneten, wenn man kein Verkaufspersonal finden und entlohnen müsse. Und von einer Nische, die Tegut mit seiner Idee besetzen könne: „Die T-Box hatte nach unserer Meinung das Zeug, für Tegut neue Kundengruppen und Standorte zu erschließen“, sagt er.


Ein guter Anfang – mit Verbesserungspotenzial: die T-Box, der Vorgänger von Teo

Tegut
Der hessische Lebensmittelhändler, 1947 vom Kaufmann Theo Gutberlet gegründet, wurde nach einer Krise 2013 von der Migros-Genossenschaft aus Zürich übernommen. Die Schweizer schlossen unrentable Filialen und strafften das Sortiment, zugleich investierten sie aber in eine Expansion Richtung Süden. Heute gibt es Tegut auch in Mainz, Ludwigsburg, Stuttgart, Bayern und Thüringen, in mehr als 280 Filialen. Damit ist die Gruppe neben Lidl (3200 Filialen) und REWE (6000 Filialen) immer noch ein Winzling, ihr Umsatz wuchs 2020 aber um stolze 17,7 Prozent auf knapp 1,3 Milliarden Euro. Neben klassischen Supermärkten betreibt sie gut zwei Dutzend „Lädchen für alles“ für die Nahversorgung auf dem Land. Seit 2017 bestücken die Fuldaer auch diverse Angebote von Amazon mit Lebensmitteln.

Da muss doch mehr gehen

Technisch wirkt der begehbare Automat tatsächlich ausgereift. Architektonisch erinnert er allerdings an eine Kombination aus Aquarium, Kühlbox und Bahnsteigkiosk. Unterkühlt, so fühlt sich ein Einkauf in diesem Hightech-Quader an.

Karl-Christian Bay, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwalt und Mitglied im Beirat von Tegut, hatte etwas Ähnliches befürchtet. „Der Wettbewerb drückt uns heute von allen Seiten“, sagt der Unternehmensberater, „die Unterschiede zwischen den Wettbewerbern im Lebensmitteleinzelhandel verschwinden. Bio machen heute alle anderen genauso, regional auch.“ Wolle Tegut für Kunden erkennbar bleiben, müsse die Marke daher definitiv mutiger, unverwechselbarer auftreten. Und eine gute Gelegenheit dafür bot das neue Shopkonzept, sagt Bay. „Ich hatte aber die Befürchtung, dass Tegut bei einem so zukunftsweisenden Thema zu unambitioniert sein könnte, dass man sich mit dem Naheliegenden zufriedengeben würde.“

Das Naheliegende, das ist die T-Box.

Im Frühjahr 2019, noch während Sören Gatzweilers Projektteam am Konzept der T-Box feilt, überzeugt Bay den Beirat, parallel dazu eine Alternative entwickeln zu lassen. Der Auftrag geht an design for human nature (dfhn), ein Hamburger Designbüro, das Bay aus anderen Projekten kennt. „Weil die Arbeiten an der T-Box aber bereits fortgeschritten waren, wurde dfhn zunächst lediglich mit Entwürfen für eine alternative Außenhülle beauftragt“, erzählt er.


Schrittweise nimmt das Neue Formen an: erst als lebensgroßes Pappmodell bei dfhn in Hamburg (oben), dann als Rohbau bei der Firma Neue Holzbau AG in der Schweiz (rechts unten).

Die Jungs mit dem Ankerherz

Das war allerdings so, als würde man einem leidenschaftlichen Archäologen vorschlagen, an einer Ausgrabungsstätte lediglich ein bisschen an der Oberfläche herumzukratzen. Um das zu verstehen, muss man das 1994 gegründete Designbüro nur einmal in seinem Atelier besuchen, einer umgebauten, 1000 Quadratmeter großen Auktionshalle des Hamburger Großmarkts. Wo früher Gemüsehändler feilschten, stehen heute Werkbänke, 3-D-Drucker, Materialarchiv, Prototypenwerkstatt, Modellbaulaser, Fräsen und Bandsägen neben Besprechungsräumen, Bibliothek und Designstudios. Das Ganze erinnert eher an ein Entwicklungslabor denn an ein Designbüro, und tatsächlich ist der Arbeitsmodus der Gestalter das Experiment, ihr Selbstverständnis das kritischer Forscher. Und am Beginn jeder Forschungsaufgabe steht für sie die Frage: Was braucht der Mensch wirklich?

Schon als die Designer 2019 die ersten Skizzen für den Mini-Markt entwerfen, zeigen die einen rundlich-organischen Körper, komplett aus Holz gefertigt und mit einem bunten Beet auf dem Dach. Ähnlich vollgestopft mit Hightech wie die T-Box, aber von freundlich-sympathischem Auftritt und mit nachbarschaftlichen Qualitäten. „Uns war klar, dass ein Markt nur erfolgreich sein kann, wenn er seinen Nachbarn mehr bietet als eine Einkaufsmöglichkeit“, sagt Arne Schultchen, ein 55-jähriger Industriedesigner und Markenexperte, der das 20-Mitarbeiter-Studio zusammen mit Stephan Kremerskothen führt.

Mit ihrer Vorstellung gehen die Designer weit über ihren Auftrag hinaus. Für Schultchen gehört das zum Job. „Das Tolle an der Beratung durch Designer ist ja, dass wir zwar meist mit einer konkreten Frage beginnen“, sagt er, „als Ergebnis entsteht aber viel mehr als die Antwort auf die Frage.“

So war es, als die Biermarke Astra sie mit einem überarbeiteten Flaschenetikett beauftragte: Die Designer entwarfen gleich noch das Ankerherz und damit ein Logo, das heute als Ikone gilt. So war es, als sie für einen Hamburger Händler „Horst“ kreierten, einen urban-kollaborativen Baumarkt, der alles ist, nur nicht das, was man üblicherweise mit Baumarkt verbindet.

Für die Öl- und Benzinmarke JET simulierten die Experimenteure einmal in einer angemieteten Lagerhalle mit 1:1-Modellen und echten Autos die typischen Fahr- und Einkaufswege von Autofahrern, analysierten die Präferenzen der Kunden – und entwickelten eine preisgekrönte Generation von Tankinseln und Tankstellenarchitekturen, die heute bei Um- oder Neubauten von JET-Stationen zum Einsatz kommt.

Entwürfe im Labor zu entwickeln, oft gemeinsam mit den Auftraggebern, und sie in echt zu testen, beschleunige die Arbeit enorm, glaubt Schultchen: „Da denkt man beim Arbeiten und arbeitet beim Denken. Und am Ende gibt es keine bösen Überraschungen, weil ja alle Beteiligten sehen, was da entsteht, und dabei sind, wenn es entsteht. Mit digitaler Simulation kriegt man das nicht hin.“

design for human nature
Das Hamburger Designbüro wurde 1994 von den beiden Industriedesignern Arne Schultchen und André Feldmann gegründet. dfhn versteht sich als Thinktank mit Experimentallabor, der Ideen bis zur Serienreife bringt, zum Beispiel für Marken wie Beiersdorf, Astra, JET. Oder Horst, ein Baumarktkonzept, an dem dfhn wie bei Teo beteiligt ist.


Wer eine Fahrradpanne hat, findet bei Teo das nötige Werkzeug. Wer nur einkaufen will, scannt die Ware selbst.

Experiment trifft auf Reporting

Als Arne Schultchen den Auftrag aus Fulda erhält, schreibt er erst einmal eine Geschichte. Er macht das oft, weil sich mit einer Fiktion ein Gefühl dafür vermitteln lässt, was später herauskommen und wie es sich anfühlen könnte, auch wenn man noch gar nicht weiß, wie es genau aussehen wird. In seiner Zukunftsvision erinnert sich ein fiktiver Nachbar daran, wie es war, als der neue Mini-Markt bei ihnen im Viertel einzog.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht, den freien Platz in unserem Quartier dafür herzugeben“, sagt der imaginäre Anwohner. „Gekriegt haben sie uns, als wir merkten, dass es um uns ging, nicht vorrangig um das Unternehmen. Es bringt uns etwas, wortwörtlich.“

Das „es“, das Schultchens Kunde beschreibt, ist kein kalter Verkaufsautomat, sondern ein grundfreundlicher Neu-Bewohner, der im Viertel einen Platz findet. Einer, der immer offen für einen ist und jederzeit aushilft, wenn etwas fehlt. Und den man deshalb überhaupt erst einmal gern in seinen Reihen willkommen heißt.

Damit ist klar: Die T-Box kann es nicht sein. Ein nüchterner Hightech-Quader taugt nicht zum sympathischen Nachbarn.

Die Hamburger Designer geraten in Widerspruch zum Fuldaer Team, zumal sie ihr Konzept noch weiter ausprobieren feinschleifen, verbessern, veredeln wollen. Ein Wunsch, der so gar nicht zu den Wünschen von Tegut passt. „Unsere Auftraggeber wollten vorab exakt wissen, wie unsere Lösung am Ende aussehen würde“, erinnert sich Schultchen. „Die Evolution aber kann vorher auch nicht sagen, wie sie sich den Bedingungen da draußen anpassen wird.“

Es kommt zum Zusammenprall der Kulturen. Das Projektteam um Sören Gatzweiler erwartet von seinem Dienstleister Zeitpläne, verlässliche Planung, präzise Ziele. „Als Projektleiter bin ich für Budgeteinhaltung und Prozessfortschritte verantwortlich“, sagt Gatzweiler. „Ich habe deshalb mehrfach versucht, unseren Prozess in verlässliche Meilensteine zu packen – aber die Designer haben immer nur drum herum geredet.“ So kollidiert das evolutionäre Denken mit dem Takt aus Zahlen und Zeitangaben, in dem ein Großunternehmen wie Tegut tickt. Probierlust trifft auf Reporting.

Im August 2019 liegen bei allen Beteiligten die Nerven blank. Nach einem ganztägigen Workshop fliegen zwischen Fulda und Hamburg die Mails hin und her.

„Unsere Anforderung haben wir im gemeinsamen Workshop leider noch nicht erreichen können“, schreibt Projektleiter Gatzweiler an Schultchen. Erhofft habe er sich Projektplanungsvarianten, konkrete Kostenziele und einen kalkulierbaren Zeitrahmen, bekommen habe er Ideen und Vorschläge. Die Rede ist von fehlender Transparenz, mangelnder Klarheit und „offensichtlichen Verständnisproblemen“, die dringend behoben werden müssten.

Als Arne Schultchen diese Mail liest, glaubt er, Auftrag und Auftraggeber verloren zu haben. Ein gemeinsamer Prozess bringe nun einmal eine gewisse Unsicherheit mit sich, die man aushalten können müsse, mailt er an Gatzweiler. „Wir helfen Ihnen, Neues zu erreichen. Aber Sie müssen uns helfen, dass wir Ihnen überhaupt helfen können.“

Es ist ein Kulturkonflikt, wie ihn Teguts Beirat Karl-Christian Bay für nahezu unausweichlich hält. „Viele traditionelle Organisationen sind ängstlich, entscheidungsschwach und längst nicht so agil, wie sie glauben“, sagt er. Damit fehle ihnen aber das Vertrauen, das Partner fürs Arbeiten im offenen Raum brauchten. Dass es da zu „Prozess-Schluckaufs“ komme, sei vorhersehbar.

Thomas Gutberlet, der Enkel des Unternehmensgründers und heutige Geschäftsführer von Tegut, sieht das ähnlich. Wer wirklich Neues schaffen wolle, brauche Menschen, die über das Gewohnte hinausgingen, sagt er. „Wenn man dann aber Künstler, die Freiheit brauchen, mit Logistikern zusammenbringt, die striktes Projektmanagement gewohnt sind, ist es zwangsläufig, dass es zu Verständnisproblemen kommt.“

Freiraum ja, Freibrief nein

Es ist vor allem dem Chef zu verdanken, dass das Projekt „Neuartiges Retail- und Servicekonzept für den Lebensmitteleinzelhandel“, wie es sperrig-offiziell heißt, zu diesem Zeitpunkt nicht auseinanderfliegt. Teguts Geschäftsführer macht sich, gerade auch nachdem sich die Führung des Mutterkonzerns Migros für das dfhn-Experiment ausspricht, unternehmensintern für den Laboransatz stark. „Die Designer brauchen jetzt ein bisschen Spielraum für ihre Arbeit“, sagt er zu Sören Gatzweiler. „Wenn das schiefgeht, nehme ich es auf meine Kappe.“ Damit spricht er seinen Projektleiter von der Verantwortung für das Budget des Prototyps, aus dem einmal Teo werden wird, frei.

Die Designer erhalten mehr Freiraum, aber keinen Freibrief. Die Anwälte beider Seiten vereinbaren einen Werkvertrag, in dem Parameter wie Größe, Transportierbarkeit und Fertigstellungstermin für den Mini-Markt festgeschrieben werden. Wie die Designer diese Ziele erreichen, bleibt ihnen überlassen – damit liegt ein Gutteil des Risikos bei dfhn. Im Gegenzug soll das Designbüro im Erfolgsfall eine Prämie für jedes fertiggestellte Teo-Exemplar erhalten.

Dieser Vertrag bildet die Brücke, mit der sie die Kluft zwischen Forschungslabor und Firmendenke überspannen und so etwas wie Zusammenarbeit möglich wird.


Am Ende ein ziemlich gutes Team: Teguts Projektleiter Sören Gatzweiler, Designer Arne Schultchen und Teguts Chef Thomas Gutberlet (von links nach rechts)

Teo, der nette Nachbar

Im Spätherbst 2019 schneiden Designer in der Halle von dfhn ein lebensgroßes Shop-Modell aus brauner Pappe und fügen es mit Heißkleber zusammen. Ins Innere des Dummys fügen sie Fake-Regale ein, Produkte werden mit Bildern simuliert, Scheinwerfer unter die Decke gehängt, Kühlschränke eingesetzt. Teo ist jetzt kein abstraktes Konzept mehr, sondern ein Erlebnis im Originalformat.

Das überzeugt auch Teguts Geschäftsleitung, die im März 2020 nach Hamburg reist, um den Papp-Kameraden in Augenschein zu nehmen. „Für uns ist der Knoten geplatzt, als wir das Raumgefühl in echt erlebt haben“, sagt Gutberlet. „Ab dem Moment konnten wir selbst unsere Finanzleute und Controller überzeugen, die immer auf die enormen Kosten und Risiken verwiesen hatten. Aus ihrer Sicht völlig zu Recht, natürlich.“

Mit dem Modell vor Augen entwickeln Designer und Auftraggeber jetzt weitere Ideen – wie etwa jene, einen Teil der Holzrolle als kühleren „Walk In Cooler“ abzutrennen statt die Wände von Teo mit Kühlschränken vollzupflastern. Verfeinert wird auch die Idee, das Äußere mit „Plug-In-Elementen“ aufzuwerten. So verfügt der Prototyp in Fulda über ein regensicheres Büchertausch-Regal, Werkzeug für Radfahrer mit Panne und eine Bank, auf der sich erschöpfte Besucher ausruhen können. Denkbar, sagt Schultchen, wären aber auch eine DHL-Packstation, ein Insektenhotel, eine E-Bike-Ladestation oder ein digitales Schwarzes Brett: „Teo kann bieten, was eine Nachbarschaft wünscht und braucht.“ Mit „Teo“ erfindet dfhn für den netten Nachbarn am Ende auch einen sympathisch-kumpelhaften Namen, der nicht zufällig dem Vornamen des Tegut-Gründers ähnelt.

Anfang Oktober 2020 fahren in der Fuldaer Innenstadt zwei Sattelschlepper mit den Holzelementen vor, die die Neue Holzbau AG am schweizerischen Lungernsee vorgefertigt hat. Binnen eines Tages werden sie zum Teo-Mini-Markt zusammengesetzt. Seitdem geht das Experiment, das im Büro und in der Halle von dfhn begonnen hat, unter realen Bedingungen weiter. Projektleiter Gatzweiler und Tegut-Chef Gutberlet können seitdem jeden Tag Erfahrungen mit echten Kunden sammeln. Mit anderen Worten: Sie erleben Überraschungen.


Uns war klar, dass ein Markt nur erfolgreich sein kann, wenn er seinen Nachbarn mehr bietet als eine Einkaufsmöglichkeit.
Arne Schultchen

Einkaufen um fünf Uhr morgens

Die Händler wissen jetzt beispielsweise, dass unter den 950 Produkten des Sortiments Obst, Gemüse, Brot und Red Bull erstaunlich gut laufen, Tee und Kaffee hingegen eher verstauben. Sie haben gelernt, dass Teos Durchschnittskunde mit gut 40 Jahren älter ist als erwartet und es daher eine glückliche Idee war, neben der Eingangsidentifikation per App auch die mit EC-Karte zu ermöglichen, denn diese Kunden zücken lieber ihre Karte als das Handy. Außerdem überlegen die Geschäftsleute, wie sie künftig Bier und Wein anbieten könnten, ohne mit Jugendschützern ins Gehege zu kommen.

Seit der ersten Inventur wissen sie auch, dass im Teo nicht mehr geklaut wird als in einem durchschnittlich bemannten Tegut-Supermarkt. Staunend haben sie registriert, dass der mit 98,12 Euro bislang größte Einkauf eines frühen Morgens gegen fünf Uhr getätigt wurde – eine Bestätigung ihres 24/7-Ansatzes. Und so sind sie optimistisch, dass Teo die 300 000 Euro Umsatz im Jahr, die er braucht, um sich zu rechnen, schaffen könnte.

Teos Holz hat in den ersten Wochen des Winters bereits zu ergrauen begonnen, aber das macht nichts, soll es doch ruhig altern wie andere Lebewesen auch. Designer Schultchen freut sich aufs Frühjahr, wenn auf dem Dach das Grün zu sprießen beginnt und Teo zum Treffpunkt für die Nachbarn werden könnte. Aufmerksamkeit bekommt der Kleine genug. Die Interviews in Fachmedien, Fernsehberichte und Bloggerbeiträge brachten ihm allein in den Eröffnungstagen mehr als 44 Millionen Kontakte – für Tegut unbezahlte und unbezahlbare Werbung.

Auch Sören Gatzweiler, der Projektleiter, der zunächst die T-Box entwickelte und später an den Designern von dfhn verzweifelte, ist mittlerweile ein uneingeschränkter Fan von Teo. Kürzlich, berichtet er stolz, habe er in der Fuldaer Innenstadt eine Gruppe Jugendlicher beobachtet, die sich verabredeten. „Komme gleich, gehe nur noch schnell zu Teo!“, habe einer den anderen zugerufen. „Was kann es für eine Verkaufsstelle Besseres geben als den Status eines Kumpels von nebenan?“, sagt Gatzweiler lächelnd.

Teos Nachfolger Nr. 2 und Nr. 3 sind bereits im Bau. Sie sollen noch in der ersten Jahreshälfte 2021 im Fuldaer Umland und auf dem Gelände des städtischen Krankenhauses ihre Glastüren öffnen. „Wir müssen jetzt schnell wachsen, denn der Teo-Erfolg wird sicher die Konkurrenz bewegen, jetzt auch ihre Shops zu emotionalisieren“, glaubt Beirat Karl-Christian Bay. Nach seinen Vorstellungen sollten schon bald mehrere Hundert Teos folgen, unter der Tegut-Flagge, aber auch in Lizenz oder zusammen mit Partnern wie Amazon oder karitativen Organisationen, die in Eigenregie einen Mini-Markt betreiben wollen. Potenzial sieht Tegut nicht nur in der unterversorgten Provinz, sondern auch in Neubauquartieren, an Stadträndern, vor Fabriken und Firmenzentralen, auf dem Gelände von Universitäten oder Krankenhäusern – überall dort, wo es viele Menschen, aber nur wenige Einkaufsmöglichkeiten gibt.

Interessenten gibt es genug. In den ersten Wochen nach der Eröffnung von Teo Nr. 1 meldeten sich bei Tegut mehr als hundert Gemeinden, Unternehmen und Quartiersentwickler, die den Sympathieträger gern in ihrer Nachbarschaft sähen.

Was als Verständigungsproblem begann, könnte sich für seine Auftraggeber und Erfinder als ziemlich lukrativ herausstellen. //

Lange Wege
In Deutschland Essen einkaufen, heißt für viele: sich auf den Weg machen. Gab es Mitte der Sechzigerjahre noch 150 000 Läden mit Lebensmitteln, waren es in den Nullerjahren nur noch ein Drittel davon. Die Deutschen legen heute jeden Tag weit mehr Kilometer zum Einkaufen zurück als früher, so eine Studie des IÖW. Inzwischen liefern Firmen wie Rewe oder Amazon auch Ware nach Hause. Thomas Gutberlet von Tegut sieht darin keinen Widerspruch: „In Zukunft werden Kunden schnell auf dem Heimweg in den Supermarkt fahren, um etwa Frischeprodukte spontan einzukaufen. Gleichzeitig steht wahrscheinlich zu Hause schon ein Paket vor ihrer Haustür mit den benötigten Artikeln aus dem Trockensortiment. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir beides bedienen.“

Dieser Artikel ist aus der neuen Ausgabe:

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