Die Provinz wird digital

Ende Gefälle

Schnelles Internet gilt heute als Grundbedürfnis wie Wasser oder Strom. Für Gewerbetreibende ist es zum entscheidenden Standortfaktor geworden. Doch das Stadt-Land-Gefälle beim Netzausbau machte die Provinz, Heimat vieler innovativer Mittelständler, zum digitalen Notstandsgebiet. Jetzt fließt viel Geld dorthin: Glasfaser und 5G-Mobilfunk machen den ländlichen Raum fit für eine Zukunft, in der sich kluge Köpfe ansiedeln können, wo sie wollen.





/ Jana Bauer-Lipovski sitzt gut gelaunt und gut ausgeleuchtet in ihrem häuslichen Arbeitszimmer, hinter sich The Gherkin, Sir Norman Fosters gewürzgurkenförmiger Wolkenkratzer. Das Wandbild hat ihr Mann fotografiert, als er für eine Weile in London lebte. Wie die ehemalige Unternehmensberaterin (KPMG, Goldmedia) da so entspannt sitzt und einen durch die Notebook-Cam anstrahlt, checkt man unwillkürlich das eigene Spiegelbild im Zoom-Browser. Denn der dezent komponierte Bildausschnitt – Bauer-Lipovskis Gesicht in der Mitte, stylische Architekturfotografie auf weißer Wand, keinerlei ablenkender Schnickschnack – unterscheidet sich wohltuend von den vielen unfreiwillig komischen Einblicken in improvisierte Home Offices, die das Coronajahr 2020 den Büroarbeitern in aller Welt beschert hat.

Ihre Kolleginnen und Kollegen bei Vodafone bekommen die 38-jährige Münchnerin fast nur noch so zu Gesicht. „Wir sind allesamt seit vergangenem März im Home Office“, sagt Bauer-Lipovski, die sich als Senior Social Media Marketing Manager um den Markenauftritt des Telekommunikationsunternehmens kümmert. „Nur in den Sommermonaten waren wir ein paarmal im Campus.“ Außer diesen Dienstreisen nach Düsseldorf musste sie nur einmal in Unterföhring neue Praktikanten in Empfang nehmen, die dann gleich mitbekamen, was fluides Arbeiten ist. So nennt Vodafone-CEO Hannes Ametsreiter die fortschreitende Emanzipation der Büroinsassen von einem zugewiesenen Schreibtisch im Firmengebäude. 

Tele-Heimarbeit war in diesem New-Work-Konzept eigentlich nur eine Option. Da sie aber bereitstand, als die Kontaktbeschränkungen kamen, tat sich das Unternehmen leicht, voll darauf umzuschalten. Seine Düsseldorfer Zentrale und die Niederlassungen konnten fast nahtlos weiterwerkeln.

Technologische Sackgasse

Die alltäglich gewordene Arbeitsweise erinnert nicht nur visuell – Menschen schauen wie Nachrichtensprecher in Kameras – an Opas analoges Fernsehen. Der Haken ist, dass sie darin tatsächlich ihre Wurzeln hat: Bauer-Lipovskis tägliche Videostreams fließen durch ein Kupferkabel, das ursprünglich nicht mehr konnte, als ein paar Dutzend lineare TV-Programme zu den Zuschauern zu pumpen. Es gehört ihrem Arbeitgeber. Am Standort Unterföhring, wo sich ihr regulärer Arbeitsplatz befindet, hatte früher die KDG ihr Hauptquartier, die Kabel Deutschland GmbH. In diese Firma musste die Deutsche Telekom 1999 ihr antiquiertes Fernsehkabelnetz ausgliedern, damit private Konkurrenten es ein paar Jahre später für das Internet-Zeitalter fit machen konnten.

Einer Zerschlagung in regionale Teil-Netze folgte die Wiedervereinigung unter dem Dach der Vodafone-Gruppe. Sie bemüht sich seitdem redlich, die technischen Grenzen dieses Erbes auszureizen. Unlängst ist sie dabei in der Gigabit-Welt angekommen: Die Kunden können ihre Datenpakete jetzt vielerorts, sogar schon in Kleinstädten, mit einem Durchsatz von bis zu 1024 Megabit pro Sekunde aus dem Internet herunterladen. Das klingt für Laien eindrucksvoll und ist immerhin das Vierfache der 250 Megabit, die die Telekom im Idealfall aus ihren alten Telefondrähten herauskitzelt.

Die Werbung der Fernmelde-Konzerne für diese technischen Fortschritte kaschiert allerdings nur, dass das Ende des aus Kupferleitungen geknüpften Festnetzes in Sicht ist. Experten sind sich längst einig: Daten elektrisch zu übertragen, wo es auch optisch geht, führt in eine technologische Sackgasse. „Mittelfristig bis langfristig“, gibt auch Walter Goldenits, Geschäftsführer Technologie der Telekom Deutschland GmbH das offene Geheimnis unumwunden zu, „heißt die Antwort natürlich: überall Glasfaser.“ Unternehmen sowie Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die vielerorts ebenfalls noch unterversorgt sind, sollen sogar „kurzfristig“ in den Genuss der neuen Technik kommen. Goldenits verspricht einen „massiven FttH-Ausbau“ – also „Fiber to the Home“, Faser bis ins Haus.

Der ländliche Raum dürfte davon überproportional profitieren: Der Handlungsdruck ist am größten, wo lange Zeit niemand in die letzte Meile vom Verteilerkasten zum Verbraucher investieren wollte. Ersetzt man dort die Uralt-Strippen konsequent durch Lichtwellen-Leitungen, gewinnen vom digitalen Fortschritt abgehängte Gegenden schlagartig an Attraktivität. Schon heute ist das Klischee vom Stadt-Land-Gefälle beim Breitbandausbau überholt: Wer auf richtig schnelles Internet angewiesen ist, um seinen Job zu machen, lässt sich besser in Gelnhausen, Norderstedt oder Sarstedt nieder als an der verkehrten Adresse in Berlin oder Hamburg. Und in Baden-Württemberg könnte die Schwäbische Alb, für viele wohl der Inbegriff deutscher Provinz, als Digital-Standort schon in wenigen Jahren die Landeshauptstadt Stuttgart beschämen.

Jana Bauer-Lipovski
kümmert sich als Senior Social Media Marketing Manager um den Markenauftritt von Vodafone – meistens von zu Hause aus: Seit März vergangenen Jahres sitzen alle Mitarbeiter im Home Office.

Home Office als Killerapplikation

Dass Deutschlands Breitband-Landkarte aussieht wie ein Flickenteppich und die Bundesrepublik international zu den Tabellenletzten der Glasfaser-Liga zählt, geht auf politische Weichenstellungen in den Neunzigern zurück. Als 1998 das Monopol der Telekom fiel, gab es noch kein schnelles Internet. Der Bund blieb größter Aktionär und protegierte den privatisierten Staatsbetrieb. Er durfte das Telefonnetz behalten und für eine Übergangszeit auch das Fernsehkabelnetz. Im Gegenzug unterlag er einer Universaldienst-Verpflichtung, musste der Bevölkerung also flächendeckend Festnetzanschlüsse nach damaligem Standard anbieten. Und das hieß für Privatkunden: bestenfalls ISDN mit zwei 64-Kilobit-Leitungen. DSL gab es noch nicht. Megabit klang nach Zukunft wie heute Gigabit.

Die neu zugelassenen Wettbewerber hatten die Wahl, sogenannte Vorleistungen der Telekom einzukaufen und unter eigenem Namen zu vertreiben oder selbst Netze zu verlegen. Eine Idee war, dass Energieversorger parallel zu ihren Leitungen Telefonstrippen – möglichst Glasfasern – verlegen. Doch rasch war klar: Das amortisiert sich nur auf der Langstrecke, nicht auf der letzten Meile. Schließlich durften Wettbewerber ja auch mit Telefonminuten und später Onlinezugängen handeln, ohne selbst groß in die Infrastruktur zu investieren. Eine Blütezeit der Rosinenpicker begann.

Zwei Jahrzehnte und eine Pandemie später sind alle schlauer in der Branche. „Die TK-Anbieter haben lange Zeit überlegt, was die Killerapplikation für Glasfasernetze sein kann“, erinnert Wolfgang Heer, Geschäftsführer des Bundesverbands Glasfaseranschluss (Buglas), „wir dachten an Fernsehen übers Internet oder die Energiewende. Alles schön und gut, aber die zurückliegenden Monate haben ganz klar gezeigt: Das Home Office ist die Killerapplikation. Wer jetzt noch immer nicht erkennt, dass wir Glasfasernetze brauchen, der glaubt auch, dass 5G-Mobilfunk Corona verursacht.“

Während der Pandemie haben viele breitbandverwöhnte Metropolen-Bewohner nämlich feststellen müssen, dass ihre theoretisch superflotte Onlineleitung gar nicht mehr so überwältigend wirkt, wenn es darauf ankommt. Selbst während der Zoom-Schalte des Autors mit Jana Bauer-Lipovski, die am nordwestlichen Stadtrand von München im Grünen wohnt, und der Konzernsprecherin Tanja Vogt im Düsseldorfer Home Office, bei der alle Beteiligten mit mindestens 200 Megabit an Vodafone-Ortsnetze angeschlossen waren, flackerte kurz die Fehlermeldung auf: „Ihre Internet-Verbindung ist instabil.“

So etwas passiert oft dann, wenn zu viele benachbarte Nutzer gleichzeitig mit größeren Datenmengen hantieren. Denn das zur Internetleitung zweckentfremdete Fernsehkabel ist wie auch das Mobilfunknetz ein „Shared Medium“: Alle Kunden, die am selben Zweig des Ortsnetzes hängen, teilen sich in Wirklichkeit dessen Kapazität. Glasfaser-Lobbyist Heer vergleicht die Praxis mit der von Fluggesellschaften: „Ich überbuche einfach mal, weil eh nicht alle kommen. Das Konzept geht aber nicht mehr auf, wenn plötzlich alle im Home Office sitzen.“ Wenn der Stream stockt, kann der Engpass zwar nicht nur auf der letzten Meile liegen, sondern auch in anderen Abschnitten des Netzes. Aber die arbeiten ohnehin bereits mit Glasfasertechnik und lassen sich ziemlich rasch ausbauen.


Wer jetzt noch nicht erkennt, dass wir Glasfasernetze brauchen, der glaubt auch, dass 5G-Mobilfunk Corona verursacht.
Wolfgang Heer

Rennstrecke und Trampelpfad

Das größte Hindernis für eine reibungslose Online-Zusammenarbeit daheim arbeitender Teams ist ein anderes – der krasse Tempo-Unterschied zwischen Input und Output. Die kundennahen Teile der Netze sind grundsätzlich asymmetrisch aufgebaut: Zur Heimarbeiterin führt eine ICE-Strecke, von ihr weg ein Trampelpfad. Audiovisuelle Daten, die sie versendet, oder die immer beliebtere Datensicherung bei einem Cloud-Anbieter brauchen deshalb pro Megabyte 16- oder 20-mal so lange für ihren Weg durchs Netz wie das Netflix-Video, das sie nach Feierabend abruft.

Breitbandnetze sind nach wie vor auf Freizeit-Nutzungen optimiert, auf den Konsum von Unterhaltungsmedien und Onlinespielen, nicht auf die Zusammenarbeit von Wissensarbeitern, die Sender und Empfänger in Personalunion sind. Bedenkt man noch die traditionelle Augenwischerei bei der Vermarktung „schneller“ Internet-Flatrates, die durch die Angabe völlig irrelevanter Megabits statt aussagekräftiger Megabytes die Kennzahlen um das Siebenfache aufbläht, relativieren sich die Erwartungen enorm. So spült ein Gigabit-Anschluss von Vodafone die Daten zwar mit dem 64-Fachen der Geschwindigkeit herein, die vor zehn Jahren als gut genug für Privatkunden galt. Statt maximal zwei Megabyte pro Sekunde sind es bis zu 128. Doch in der Gegenrichtung passen kaum mehr als sechs Megabyte (Werbung: „50 Megabit“) durch. Wenn man sich die mit einem Dutzend anderer Heimbüro-Eremiten teilen muss, die alle zu audiovisuellen Neun-Uhr-Meetings eingeladen sind, wird es im Rückkanal schnell eng.

Während die Asymmetrie beim Fernsehkabel dem Umstand geschuldet ist, dass dessen ursprünglicher Zweck nun mal passiver Programmkonsum war, hätte man die DSL-Netze problemlos auch symmetrisch anlegen können. Fachleute unterscheiden denn auch zwischen den Varianten ADSL und SDSL. Erstere war für Endverbraucher gedacht, letztere für Gewerbetreibende. Die Differenzierung folgte einer klaren Marketinglogik: Erstens kam DSL in einer Zeit auf den Markt, als sich Privatkunden über lange Download-Zeiten bei Software oder Musik ärgerten und noch keine hochauflösenden Digitalkameras besaßen; ihnen war also der Rückkanal nicht so wichtig. Zweitens wollten die Telefongesellschaften verhindern, dass Selbstständige und andere Geschäftskunden, bei denen sich Senden und Empfangen eher die Waage halten, einen billigen Privatkundenanschluss buchen. Wer als sporadischer Home-Office-Arbeiter unbedingt eine höhere Upload- Geschwindigkeit haben wollte, nahm deshalb – sofern verfügbar – einen Highspeed-Premium-Tarif, auch wenn ihm schnelle Downloads eigentlich egal waren. Zwar wird Vodafone über kurz oder lang auf die nächste Technik-Generation umsteigen, bei der es in beiden Richtungen schnell geht, und auch Telekom-Manager Goldenits sagt: „Wir brauchen symmetrische Bandbreiten.“ Noch sind die Tarife aber, wie sie sind.


Digitalisierung ist die Chance des ländlichen Raums.
Heiner Scheffold

Kraftvolle Datenduschen

Schnelle Onlineverbindung als Luxusartikel? Für solche Geschäftsmodelle hat Heiner Scheffold absolut kein Verständnis. Für den Landrat des Alb-Donau-Kreises gehört das Internet zur zeitgemäßen Grundversorgung wie Strom und Wasser: „Wenn Sie morgens unter der Dusche stehen, möchten Sie drei oder fünf Minuten lang richtig viel Wasser haben, und schnell ablaufen muss es auch. Es hilft Ihnen nichts, wenn die gleiche Wassermenge über vier Stunden verteilt aus der Leitung tröpfelt.“ Mit diesem Vergleich macht der parteilose Kommunalpolitiker auch Bürgermeistern, Gemeinderäten und Bürgern, die sich unter Gigabits wenig vorstellen können, klar, warum für ihn an einem Glasfasernetz kein Weg vorbeiführt. Die Vorstellung, Wasserwerke würden nicht die verbrauchten Kubikmeter in Rechnung stellen, sondern den Druck, mit dem sie aus der Leitung kommen, ist in ihrer Absurdität sehr einprägsam.

Seit Scheffold vor acht Jahren als Stellvertreter seines Vorgängers nach Ulm kam, setzt er sich dafür ein, dass der Stand der Technik nicht nur um Ulm herum jedermann zugutekommt, sondern in weiten Teilen Schwabens. Der 58-Jährige ist als Verwaltungsratsvorsitzender die treibende Kraft des Kommunalen Pakts zum Netzausbau (Komm.Pakt.Net), der als größter Verbund zum kommunalen Breitbandausbau in Europa gilt. Er reicht von der bayerischen Grenze bis nach Freudenstadt im Westen und zum Bodensee im Süden; im Norden ist auch der Ostalbkreis dabei. Acht Landkreise und über 200 Städte und Gemeinden sind Mitglieder der kommunalen Anstalt des öffentlichen Rechts, die überall dort aktiv wird, wo Telekom & Co. passiv bleiben.

Das dafür maßgebliche Kriterium heiße Marktversagen, erklärt Scheffold. Zunächst sei es um die „weißen“ Flecken gegangen, an denen kein Netzbetreiber mindestens 30 Megabits pro Sekunde anbieten mochte. Inzwischen seien die „grauen“ Flecken hinzugekommen: Die 50 Megabits, die noch 2018 dem Breitbandziel der Bundesregierung entsprachen, gelten schon nicht mehr als akzeptabel. „Wenn die Versorgung mit 100 Megabit nicht gewährleistet ist, und zwar symmetrisch in Gewerbegebieten und asymmetrisch in Wohngebieten“, so der Landrat, „können die Kommunen dort selbst ausbauen.“ Der Charme liegt darin, dass sie dann gleich eine Infrastruktur legen können, die nicht schon in ein paar Jahren wieder an ihre Grenzen stößt.

In vier Jahren soll das Netz des schwäbischen Komm-Pakts – ein Mosaik aus Hunderten von Einzelprojekten – flächendeckend gigabitfähig sein. Von den avisierten 3500 Kilometern Backbone-Glasfaserleitung seien knapp zwei Drittel bereits verlegt, sagt der Komm.Pakt.Net-Verwaltungsratschef stolz. Auch wenn kaum noch Beschwerden über ein zu langsames Netz kämen, werde man wegen des rapide wachsenden Internetverkehrs weiter ausbauen.

Wo schon Glasfaser liegt, ist das kein großer Aufwand: Man zieht einfach einige zusätzliche Fasern ins Leerrohr. Scheffold sorgt sich freilich nicht nur um die Zufriedenheit der User, sondern vor allem um das Wohl der regionalen Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler, etwa der Zulieferer von Daimler-Benz: „Digitalisierung kann nur funktionieren, wenn flächendeckend beide Seiten miteinander kommunizieren können.“

Als Musterbeispiel gilt Komm.Pakt.Net nicht zuletzt deshalb, weil der Zusammenschluss einen zentralen Konstruktionsfehler der öffentlichen Förderung des Breitbandausbaus wettgemacht hat: Der eigentlich für Infrastrukturfragen zuständige Bund überließ es den Städten, Marktgemeinden, Dörfern, sich um ihre Internetversorgung zu kümmern, doch in Rathäusern fehlten oft das technisch und juristisch für dieses kleinteilige Geschäft qualifizierte Personal. „So kam es zu der Idee, das Ganze gemeinsam zu machen“, erinnert sich Scheffold. „Dann braucht man das Know-how nur noch an einer Stelle vorzuhalten.“

Die Bündelung erleichtere auch die erfolgreiche Ausschreibung des Netzbetriebs. So gibt es Telekommunikationsfirmen, die zwar nicht für teures Geld selbst Straßen aufreißen wollen, schon gar nicht in einer topografisch schwierigen Region wie der Schwäbischen Alb, aber bestehende Netze ab einer kritischen Größe durchaus gern vermarkten. Allerdings kann der meistbietende Pächter das Geschäft mit den Bürgern der Region nicht exklusiv für sich beanspruchen. Er unterliegt bei diesem Modell der Open-Access-Regel. Er muss Drittanbietern Zugang zum Netz gewähren, damit sich auf der öffentlich geförderten Infrastruktur ein Dienstewettbewerb entwickeln kann.

Für Heiner Scheffold,
Landrat des Alb-Donau-Kreises, zählt schnelles Internet zur Grundversorgung wie Strom und Wasser. Deshalb treibt er auch den Komm.Pakt.Net voran, den größten kommunalen Verbund zum Breitbandausbau in Europa.

Viele Besitzer, wenige Betreiber

Wolfgang Heer findet es nur vernünftig, dass heute nicht mehr unnötig Geld im Boden vergraben wird, nur damit jeder Betreiber ein eigenes Netz besitzt. Das gilt auch dort, wo Breitbandnetze komplett privatwirtschaftlich ausgebaut werden. „Wir beobachten einen Trend zur Arbeitsteiligkeit“, sagt der Buglas-Geschäftsführer. Das eigentliche Netz – sprich: das unbeleuchtete Kabel alias Dark Fiber – sei eine langfristige Investition, die angesichts der Nullzinspolitik für institutionelle Anleger interessant geworden sei.

Denn Datenleitungen, für die jeder Haushalt und jeder Betrieb jeden Monat seine Flatrate bezahlt, werfen auf Jahrzehnte hinaus planbare Erträge ab. Die aktive Technik, mit der die Daten eingespeist und gelenkt werden, unterliege viel kürzeren Innovations- und Abschreibungszyklen. Diesen Part können gut Unternehmen übernehmen, deren Know-how nicht im Aufbau von Glasfaser-Infrastrukturen, sondern im Netzbetrieb und Vertrieb liege – wie Vodafone und 1&1. Die hier erzielbaren Synergien und Skaleneffekte sprächen dafür, größere Flächen zu schaffen, in denen das Netzmanagement in einer Hand liegt. „In Schleswig-Holstein überziehen 20 Zweckverbände die Landesfläche mit einer echten Glasfaser-Infrastruktur“, so Heer, „es gibt dort aber nur eine Handvoll Netzbetreiber.“

Zur Wahrheit des Glasfaserausbaus gehört, dass der nicht überall reibungslos gelingt. In Onlineforen, den digitalen Klagemauern des 21. Jahrhunderts, schimpfen Kunden etwa wie die Rohrspatzen über Subunternehmer (und Hotline-Mitarbeiter) eines Netzbetreibers, die in einem Ausbaugebiet am Niederrhein bei der Installation gepfuscht hätten.

Manche Klagen klingen berechtigt, andere sind eher Ausdruck einer Anspruchshaltung, die höher ist als in so manchem Land, in dem der Glasfaserausbau weiter vorangeschritten ist. Auf-Putz-Verlegungen und Luftleitungen, die an Holzmasten hängen, gehen hierzulande zum Beispiel gar nicht. „In Portugal wird die Glasfaser an der Außenseite des Hauses entlanggeführt“, sagt Telekom-Manager Walter Goldenits, der aus seiner Arbeit im Ausland die Verhältnisse quer durch Europa kennt, „in Ungarn ist es überhaupt kein Problem, oberirdisch zu verlegen, und in Frankreich ist das zumindest im ländlichen Raum üblich.“ In Deutschland habe die Telekom nur eine Kommune gefunden, die das gestattete. Selbst das (Micro-)Trenching, bei dem der Asphalt nur ein bisschen aufgeschlitzt wird, stößt in vielen Kommunen auf Widerstand. „Damit schafft eine Arbeitskolonne pro Tag 800 Meter, im normalen Tiefbau maximal 150 Meter.“

Trotz dieser Hindernisse stellt Goldenits in Aussicht, dass die Telekom von nun an jedes Jahr bis zu zwei Millionen Haushalte direkt per Glasfaser anschließen könne – was bedeutet, dass es noch bis weit in die Dreißigerjahre hinein Kupfer-Anschlüsse geben wird. Statt Corona wird dann wohl eher der Klimawandel die Arbeitswelt prägen.

Wenn Heiner Scheffold recht behält, dürfte sich bis dahin das CO2-intensive und stressige Pendeln in die großen Städte erledigt haben. Der Landrat schwärmt von der 300- Seelen-Gemeinde Rechtenstein im Alb-Donau- Kreis, in der sich 80 Prozent der Bürger Glasfaser legen ließen, weil ihnen die Bürgermeisterin verdeutlicht habe, sie könnten sonst den Wert ihres Häusles nicht erhalten. „Inzwischen fragen dort Ingenieure aus Stuttgart an, die lieber im Grünen leben und arbeiten wollen. Digitalisierung ist die Chance des ländlichen Raums.“ //

Kommt Zeit, kommt Netz

1990: Ungeachtet des Computer-Booms und des Hypes um „Neue Medien“ hat die Bundespost das neue Kabelfernsehen als reines Verteilnetz für analoge TV-Programme gebaut. Im Festnetz beginnt sich langsam das digitale ISDN zu etablieren, bei dem der Kunde zwei Leitungen mit jeweils 64 Kilobit pro Sekunde gleichzeitig nutzen kann, also etwa eine zum Telefonieren und die andere für Fax oder Bildschirmtext.

1991: Die Bundespost testet in Pilotprojekten mehrheitlich in Ostdeutschland die Optische Anschlussleitung (OpAL), einen digitalen Telefonanschluss auf Glasfaserbasis, lernt aber nicht aus den da gemachten Fehlern, sondern gibt die Technik wieder auf.

1992: Die digitalen GSM-Netze von Bundespost-Tochter DeTeMobil und Mannesmann Mobilfunk (heute Vodafone) lösen das primär für Auto- telefone genutzte C-Netz ab. Anwendungen sind Sprachtelefonie und mobiles Fax; später kommen kurze Textnachrichten (SMS) hinzu.

1993: Mit einer neuen Mobilfunklizenz kommt E-Plus als Netzbetreiber hinzu. Im Festnetz werden die Datendienste BTX (T-Online) und Compuserve populär. Onlinezeit wird pro Minute abgerechnet – zu den Verbindungsgebühren für die dafür nötige Telefonleitung. Modems übertragen 9,6 Kilobits pro Sekunde – wie beim Fax als Folge von Pfeiftönen.

1994: Ende des Jahres erscheint der Browser Netscape Navigator, sodass Kunden der Onlinedienste (darunter nun auch AOL) das World Wide Web nutzen können.

1995: Microsoft bringt Windows 95 und den Browser Internet Explorer auf den Markt. Damit erreicht das Web endgültig die Normalverbraucher. Da ISDN den meisten Privatkunden zu teuer ist, surfen sie mit Modems, die gerade einmal 14,4 oder 28,8 Kilobits pro Sekunde schaffen.

1998: Das Monopol der Telekom fällt. Anbieter wie Mannesmann Arcor (heute Vodafone) und Mobilcom unterbieten die Minuten- tarife, sodass auch das Surfen per ISDN oder 56- Kilobit-Modem etwas billiger wird.

1999: In einigen größeren Städten bringt die Telekom ihre neuen DSL-Anschlüsse mit maximal 768/128 Kilobits pro Sekunde (Download/Upload) auf den Markt. Das analoge Fernsehkabelnetz wird in die Kabel Deutschland GmbH (KDG) ausgelagert.

2000 – 2003: Die neun regionalen Teilnetze der KDG werden an vier private Investoren- gruppen verkauft, die sie digitalisieren und mit Rückkanälen internettauglich machen wollen. Im Mobilfunk beginnt der Ausbau der 3G-Netze (UMTS), der den Einstieg ins mobile Internet markiert, aber durch massive Bürgerproteste behindert wird. Die Telekom bietet DSL ab 2002 je nach technischer Machbarkeit mit 384 bis 1536 Kilobits an.

2004 – 2005: DSL ist jetzt mit 1, 2, 3 und bald darauf 6 Megabits zu haben. DSL-Abonnements werden nun auch von Wiederverkäufern vermarktet. Nach einem Pilot- projekt in Berlin bringt die in sechs Regionen tätige Kabel-Deutschland-Gruppe das Produkt „Kabel Internet“ an den Start. Auch die kleineren Regionalanbieter investieren in die Aufrüstung ihrer Netze.

2006: Die Höchstgeschwindigkeit von DSL steigt weiter – und erhöht das Gefälle von der Stadt zum Land. Wer das Glück hat, nah an einem Telekom-Verteiler zu wohnen, bekommt mit ADSL2+ nun 16 Megabits ins Haus, in einigen Großstädten kommt VDSL mit erst 25, später bis zu 50 Megabits. Bei längeren Kabelstrecken versagt die Technik. Deshalb ist VDSL für Netzbetreiber nur lukrativ, wo viele Menschen auf engem Raum leben. Die Telekom will dort Fernsehprogramme online übertragen, um den Angriff der Kabel-TV-Anbieter auf ihr Internet- und Telefongeschäft abzuwehren, deren Netze bereits auf 32 Megabits ausgelegt sind und aufgerüstet werden. Die Investitionen konzentrieren sich in den folgenden Jahren auf Ballungsräume. Auf dem Land viele neue Verteilerkästen in so kurzen Abständen aufzustellen, dass VDSL funktioniert, wäre ein Verlustgeschäft.

2007: Apple-Chef Steve Jobs stellt das iPhone vor. Bald folgen Smartphones mit dem von Google entwickelten Konkurrenzsystem Android. Damit ist der Weg frei für das mobile Internet als Massenmarkt-Dienstleistung.

2009 – 2010: Die Mobilfunker rüsten ihre Basisstationen mit Standards der dritten und vierten Technik-Generation wie HSPA+ und LTE auf. Mit bis zu 42 Megabits bieten drahtlose Internetzugänge je nach Region mehr Tempo als das Festnetz. Die Politik möchte mit LTE Lücken im Breitband-Festnetz schließen, für einen ernst zu nehmenden Ersatz bleibt Funk aber zu teuer. Kabelfernseh-Kunden haben es besser: Der neue Standard Docsis 3.0 lässt sie künftig mit 100 oder gar 200 Megabits surfen.

2011 – 2014: Social-Media-Apps, Streamingdienste wie Netflix und Video-Plattformen wie Youtube lassen den Datenverkehr im Internet explodieren. Zugleich boomt das Cloud-Computing. Eigene Inhalte hochzuladen ist quälend langsam. Kommunale Netzbetreiber wie M-net und NetCologne beginnen in Städten wie München und Köln mit dem Verlegen von Glasfaserkabeln bis in Mehrfamilienhäuser.

2014: Die Telekom will mit einer Aufrüstung des Festnetzes die letzten Geschwindigkeitsreserven heben. Das „Vectoring“ verspricht 100 Megabits im Download und 40 im Upload – aber nur unweit der Verteilerkästen.

2018: Die Bundesregierung verfehlt ihr Ziel, den Bürgern bis Ende des Jahres flächendeckend mit mindestens 50 Megabits Zugang zum Internet zu verschaffen.

2020: Vodafone hat ein neues Übertragungsverfahren (Docsis 3.1) eingeführt und kann einen Gigabit-Tarif anbieten. Das Unternehmen hat heute rund 90 Prozent der 28 Millionen Kabelhaushalte unter Vertrag, verlegt aber keine Kabel in weiteren Gebieten. Im Mobilfunk rüsten alle drei Netzbetreiber – teilweise gemeinsam – ihre Basisstationen auf 5G auf. Gleichwohl hat Deutschland immer noch reichlich Funk-löcher. In Dresden kooperiert Vodafone mit der TU, wo Forscher am nächsten Mobil- funkstandard (6G) arbeiten.

2025: 5G-Mobilfunk und Glasfaser-Hausanschlüsse sind weit, aber noch nicht flächendeckend verbreitet. Die Verfügbarkeit von schnellem Interet ist zum wesentlichen Kriterium in den Immobilienportalen geworden.