Wie baut man neues Wissen?

Phase 0

Die Architektin Julia Erdmann wird als Beraterin geholt, wenn es darum geht, verhunzte Innenstädte neu zu denken.





Hier ein Kino, dort ein Café, dazwischen wilde Natur – so kann sie aussehen, die soziale, lebendige Architektur, die Julia Erdmann vorschwebt..

/ In Julia Erdmanns Büro steht Hamburg kopf. Der Stadtplan in ihrem Empfangszimmer füllt eine Wand. Schön, das viele Hellblau für Elbe, Alster, Bille und die Hafenbecken. Nur irgendwas irritiert, und bei genauerem Hinsehen wird klar: Hier liegen der Westen im Osten und der Süden im Norden.

Das sei oft das Erste, was sie bei neuen Projekten anstelle, sagt Julia Erdmann, egal ob mit Landkarten oder Grundrissen: „Ich drehe sie um 180 Grad.“ Das sei ein guter Trick, um sich zu zwingen, die Perspektive zu ändern, nicht nur physisch.

Schon in diesem Detail zeigt sich, was das Besondere an Erdmanns Arbeit ist. Die 43-Jährige beschreibt ihren Ansatz, ihr Denken als Socialtecture – ein Kunstwort, gebildet aus den englischen Begriffen für „soziales Leben“ und „Architektur“. Für Erdmann verbindet der Ausdruck betriebswirtschaftliches Denken und soziales Handeln. Die Hamburgerin ist, frei formuliert, ein Coach für Stadtquartiere, die neu entstehen oder völlig umgekrempelt werden sollen. Manch einer nennt sie gar eine Investorenflüsterin.

Kaum hatte sie 2017 ihr neues Büro östlich der Hafencity gegründet, bekam sie eine richtig schwere Nuss zu knacken: in Bremen. Gleich zwei riesige Um- und Neubauprojekte werden in den kommenden Jahren das Antlitz der Stadt verändern, und das vermutlich zum Besseren – auch dank Erdmanns Wirken. Vor allem die Arbeit am geplanten Quartier „Mitte Bremen“ erlaubt einen Einblick in ihre Vorgehensweise, die inzwischen auch in anderen Städten auf Interesse stößt, zum Beispiel in Kiel oder Münster. Gut möglich, dass der Stadtstaat an der Weser, der sonst im Ruf steht, Geld gern in den Sand zu setzen und eigene Bauvorhaben zu vergeigen, damit stilprägend für urbane Transformationen in Deutschland wird.

Es läge nahe, denn wie in Bremen leiden auch viele andere Innenstädte, insbesondere im Westen der Republik, unter den Folgen einiger architektonischer Unfälle, zu denen es in den Jahrzehnten nach dem Krieg gekommen war. Wo die Bomben Lücken gerissen hatten und die Moderne missverstanden worden war, entstanden in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts reihenweise Neubauten, die heute alt aussehen. Parkhäuser wurden hingeklotzt, mitten ins Zentrum, Kaufhausriesen bauten mal neu, mal an. Inzwischen sind Firmen wie Hertie oder Horten vom Markt verschwunden, Karstadt und Kaufhof gehören zusammen. Viele verbliebene Filialen sind nicht mehr schön, Einkaufsmeilen austauschbar. Überall haben sich dieselben Einzelhandelsketten eingemietet – nur sie können die hohen Mieten noch zahlen.

Der Roland, eine 1404 erbaute – und 2004 zum Weltkulturerbe erhobene – Statue vor dem Rathaus, zeigt einen Ritter mit Schwert und Schild. Es kündet von der Freiheit der Stadt Bremen.

Neuerdings jedoch kommt Bewegung in den Markt, in Bremen, aber auch in anderen Städten. Langjährige Mietverträge laufen aus, die Kaufhäuser, die es noch gibt, kämpfen um Kunden, und das Wachstum im Onlineshopping drückt den stationären Handel an die Wand. Erdmann, die sich mit Übertreibungen sonst hanseatisch vornehm zurückhält, sagt: „Das sind Jahrhundertchancen.“

Das Quartier Mitte Bremen, um dessen Zukunft sich Erdmann gekümmert hat, liegt – wie der Name schon sagt – in Nachbarschaft zum Weltkulturerbe der Stadt. Dort glänzen das berühmte Rathaus, der Roland und die prächtigen Bürgerhäuser. „Doch nur eine Straße weiter“, sagt Erdmann, „wird es hässlich.“ Das Gewerbezentrum rund um den Kaufhof, die überdachte Lloyd-Passage und das klotzige „Parkhaus Mitte“ nahe des Bahnhofs sind nicht nur von einiger Scheußlichkeit. Sie sind längst auch unbeliebt bei Händlern und Gewerbetreibenden, ungeeignet als Wohnquartier oder auch nur als Treffpunkt. Zu viele Einfahrten, Auffahrten und Rückseiten.

Schon lange ist man sich in Bremen einig, dass an dieser Stelle etwas geschehen muss. Bewegung kam in die Sache, als der lokale Großunternehmer Kurt Zech 2014 der Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko das denkmalgeschützte, Anfang der Dreißigerjahre erbaute Karstadt-Gebäude abkaufen konnte.

Bereits damals signalisierte Zech der Stadt, ihr auch das Parkhaus Mitte abkaufen zu wollen, das sie betreibt. Die Hochgarage hat 1060 Stellplätze und ist über Zufahrtsrampen, Betonstelen und Haustechnik mit anderen Gebäuden siamesisch verwachsen, darunter mit dem Kaufhof von 1972. Besonders dieses Parkhaus wirkt mittlerweile wie ein Bollwerk gegen jede „angenehme Aufenthaltsqualität“, wie Experten sie fordern, wenn die Kunden nicht nur im Internet kaufen, sondern auch in der Innenstadt shoppen sollen.

Die Zech Group ist ein Mischkonzern in Familienbesitz, mit an die 80 Firmen im In- und Ausland. Vor allem aber ist Kurt Zech, 63 Jahre alt, eine große Nummer auf dem Immobilienmarkt, aktiv von den Alpen bis hin nach Sylt. Die Pläne für seine Heimatstadt sind so klar wie nun auch offiziell gewollt: das Parkhaus abreißen und etwas Neues bauen, Arbeitstitel „Citygalerie“. Nur: Was genau täte der zubetonierten Mitte gut, was brächte zugleich den Investoren Rendite und dem Stadtstaat die zugesicherten neuen Wohnungen und Grünflächen, mehr Durchlässigkeit, neuen Handel und Wandel? Um das herauszufinden, beauftragte Zech 2018 Julia Erdmann.

Im Fall der „Mitte Bremen“ zählte allein der Ideen-Rat 21 Personen: Senatoren, Professorinnen, Vertreter der Stadt sowie der norddeutschen Wirtschaft – und eine langjährige Stadtbaurätin aus München.

Er hatte die Architektin schon ein Jahr zuvor herausfinden lassen, wie die neue Unternehmenszentrale der Zech Group am Bremer Europahafen aussehen soll. Statt, wie zunächst angedacht, einfach bloß einen Hochhauskomplex an das Becken der Weser zu setzen, soll nun gleich ein ganzes Stadtteilzentrum entstehen, mit einem Bürogebäude, 340 Wohnungen, Galerien, Geschäften und einer Markthalle. Seit Anfang 2019 wird gebaut.

Wird Julia Erdmann beauftragt, derart komplexe Vorhaben zu beraten, ruft sie als Erstes ihr Team zusammen. Julia Erdmann Socialtecture (JES) beschäftigt fünf Mitarbeiter und hat ein Netzwerk aus etwa 20 Experten geknüpft, unter ihnen Architekten, Soziologen, Immobilienexperten, Programmierer und Fachleute für Kommunikation.

Je nach Auftrag beleuchtet ihre Mannschaft das Vorhaben des Kunden erst einmal von allen Seiten und trägt das, was sichtbar geworden ist, in Dossiers zusammen. Sie ermittelt: Was will der Bauherr? Was braucht er, was das Stadtquartier – Büros, Läden, Wohnungen, Kultur, Gastronomie, Werkstätten? Welche Erlöse müssen her? Wie steht es um Lage, Landschaft, Verkehrsanbindung, Denkmalschutz, Kaufkraft? Was ist der historische Hintergrund des Ortes, in welchem politischen Klima geschieht das alles? Und welche Architekten könnten so etwas überhaupt stemmen?

Diesen ersten Schritt ihrer Beratung nennt Julia Erdmann „Phase -1“. Der Anfang vor dem Anfang. Endlich unter null angekommen zu sein bedeutet für sie Glück. Denn das ist die Phase, die sie in ihren gut zwölf Jahren als Architektin und Partnerin eines angesehenen Hamburger Büros vermisst hat – die Phase fürs Nachdenken über den Kern der Sache. „Ich konnte viele tolle Projekte gestalten“, sagt die Unternehmerin. „Aber ich hatte häufig das Gefühl, man engagiert uns zu spät, ruft das, was wir können, nicht rechtzeitig ab – den Blick für Räume und Orte. Wenn wir kamen, waren die Weichen in der Regel schon gestellt, und ich sah die verpassten Chancen.“

Mit ihrer Nummerierung spielt sie auf die Leistungsphasen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure an. Dazu gehören die Entwurfs- und die Genehmigungsplanung oder auch die Bauüberwachung. Die Grundlagenermittlung des Leistungsumfangs ist die erste Phase.

Direkt davor setzt Erdmann die „Phase 0“. Für sie ist das die wichtigste, in der sie neben dem Kunden schon die maßgeblichen Impulsgeber, Experten und Entscheider beteiligt. Null heißt, dass noch nichts unumstößlich feststeht. Genau: nichts. In dieser Phase gibt es erste Workshops, bei denen etwa ein Anforderungskatalog für das Projekt oder ein Briefing für Architekten, die später eingeladen werden sollen, herauskommen können.

Im Idealfall veranstaltet Erdmann anschließend das, was sie eine Ideenmeisterschaft nennt – einen Prozess, der mehrere Tage lang dauern kann und Menschen einbezieht, die das Vorhaben umsetzen wollen (wie ein Investor), die ein Mitspracherecht haben (wie Behörden, Anwohner und Politik) oder die Experten sind und für das Gelingen notwendig erscheinen (beispielsweise Stadtplaner).

Sie habe den Begriff Meisterschaft gewählt, sagt Erdmann, weil es nicht um einen Wettbewerb gehe, sondern um Kooperation. „Erst wenn jeder sein Ego hinter sich lassen kann, kommt man zu den besten Ergebnissen.“ Dafür schafft sie inhaltlich den Rahmen – und persönlich das Klima.

Im Fall des geplanten Quartiers Mitte Bremen ging das Ganze an sechs Tagen im September 2018 über die Bühne. „Das war wie eine intellektuelle Hüpfburg“, sagt Frank Duske, ein Immobilienentwickler aus Berlin, der daran „mitwirken durfte“, wie er es formuliert. „So ein Spaß! Und mit was für Ergebnissen!“

Wie stellt Julia Erdmann das an?

Sehr geschickt, sagt Duske, einer der zeitweise bis zu 100 Teilnehmern, unter ihnen Architekten, Stadt- und Verkehrsplaner, Ladenbesitzer und Gastronomen, Kommunikationsexperten, Immobilienwirte, Künstler, Journalisten und Kulturtreibende. Julia Erdmann habe eine Atmosphäre geschaffen, in der stets ein guter Geist geherrscht habe, erzählt Duske. „Zuerst wurden wir mit Vorträgen von neun Experten gebrieft, die alle von außen kamen. Man wurde da mit Information regelrecht aufgepimpt. Doch das uferte nie aus, es war einfach nur inspirierend.“

Zu den Experten gehörten Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur oder Henning Vöpel, Professor am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut, aber auch ein Food-Trendscout oder die Chefin eines Jazz-Festivals aus Salzburg. Das Konsum- und Tourismus-Verhalten wurde untersucht, das „Lernen von der Natur und ihren Lebenssystemen“ oder die „Improvisation als Gestaltungsprinzip“. Das Ganze fand unter dem blauen Glasdach des Himmelssaals von 1930 statt, einer Kuppel des Art déco, die dem Mythos vom untergegangenen Atlantis huldigt, wie das gesamte Bremer Haus, in dem sie steht.


Viele Bilder, viele Perspektiven, doch sie zeigen immer denselben Ort: die Ecke in Hamburg, in der die Architektin sitzt.

Jeder Experte vertiefte seine Ausführungen noch an runden Tischen, die Teilnehmer konnten nach Belieben wechseln und zuhören. Nach diesem „Inspiration Summit“, wie Erdmann den Auftakt nennt, waren alle Teilnehmer auf demselben Stand, sei es die Senatsbaudirektorin, ein gewählter Beirat der Stadtteilvertretung oder der Erbe der Kaffeedynastie Jacobs, dem Immobilien im Zentrum von Bremen gehören.

Um ein ganzes Innenstadtquartier neu zu denken, müsse man an sechs Themen arbeiten, findet Julia Erdmann: der Identität, dem Handel, dem Nutzungsmix, der Mobilität, der Architektur und der Stadtplanung. In diesem Fall fasste sie die letzten beiden Themen zu einem Komplex zusammen, bildete aus den geladenen Teilnehmern fünf Workshops und schickte sie auf einen „Idee-Athlon“. „Ja“, sagt sie selbstironisch. „Neue Prozesse brauchen neue Namen.“ Die Anspielung auf eine sportliche Langstrecke kommt nicht von ungefähr. So etwas kann auch schon mal bis zwei Uhr nachts gehen. Aber das hat Erdmann vorausgesehen – und für Mitternacht Suppe geordert.

In den folgenden drei Tagen erarbeiteten mehrere Dutzend Teilnehmer konkrete Ideen. In jedem Team war mindestens einer aus Bremen, mindestens fünf kamen aus anderen Städten. Unterstützt wurden sie von Zeichnern und Modellbauern.

Je ein Coach aus Erdmanns Team führte die Gruppen durch den Prozess. Co-Kreation ist das Tool, das sie anwenden, ein Prinzip der Projektarbeit, das auf der Annahme beruht, dass sich im Zusammenspiel mit anderen Experten die besten Lösungen finden lassen.

Die Gruppen trafen sich dafür in einem leer stehenden Ladenlokal gegenüber dem Parkhaus, das extra angemietet worden war. So hatten alle unmittelbar vor Augen, worum es ging. Es gab Sitz- und Modellbauecken, eine Bibliothek, ein Büfett – und auch mal einen Sundowner auf genau dem Parkdeck, das weg soll.

An Ort und Stelle an die Sache heranzugehen, hat Erdmann in New York gelernt. Obwohl schon mit 19 Mutter eines Sohnes geworden, hatte sie in Hamburg ihr Architekturstudium durchgezogen. 1999 war sie dann an die Columbia University gegangen. „Dort wurde alles, was ich bis dahin über Architektur wusste, auf den Kopf gestellt“, sagt sie. Es fing mit der Feststellung ihrer Professoren an, in der Architektur gehe es nicht nur ums Bauen. „Während wir an der deutschen Hochschule immer konkrete Projekte entworfen haben, haben sie uns in New York erst einmal vor die Tür geschickt. Wir sollten uns umsehen und alles registrieren, was in der Stadt passiert. Wo treffen sich die Menschen, was tun sie da? Wie bewegen sie sich?“

Die Studenten sollten schauen, begreifen – und erst dann etwas entwerfen. Seitdem lässt sie sich von der Überzeugung leiten, dass „Architektur nur Mittel zum Zweck ist, um Räume für Menschen zu schaffen, Innenräume wie Stadträume“.

Am letzten Tag einer Ideenmeisterschaft werden die Ergebnisse vorgestellt. Ein Ideen-Rat, in dem öffentliche und private Investoren sowie ortskundige Experten sitzen, wählt die besten aus. Im Fall von Mitte Bremen tagte er in der Bürgerschaft. Bei Erdmanns Vorgängerprojekt in der Hansestadt – Zechs Firmenzentrale am Europahafen – stand am Ende sogar schon fest, welcher der sechs Architekturentwürfe favorisiert wird. Ein Wettbewerb war nicht mehr nötig.

So weit konnte man für Bremens Mitte nicht kommen, da noch nicht alle Besitzverhältnisse neu geordnet waren. Auch müsste erst ein Bebauungsplan her. Doch die Ergebnisse hätten die Beteiligten „regelrecht euphorisiert“, berichten Leute, die dabei waren: Wo heute Straßen im bebauten Nichts enden, könnte ein Rundweg um das neue Quartier entstehen, dazu könnten neue Fußwege mit Grünflächen quer durch das Areal führen, auf dem noch das Parkhaus steht.

Dagegen war die Vorstellung so ziemlich aller Akteure in Bremen, wie Erdmann sich erinnert, wieder große Flächen für den Einzelhandel zu schaffen, nach der Klausur vom Tisch. Die Analysen und Prognosen unabhängiger Wissenschaftler sagten dem Konzept keine Zukunft voraus.

Stattdessen ist heute von Wohnungen die Rede, von begrünten Dächern, von einem Markt für Genussmittel, von der Volkshochschule oder der Universität als potenziellen Mietern, von Co-Working, Manufakturen, dem Angebot lokaler Produkte, von Veranstaltungsräumen – und von mutiger Architektur, die die hohen Schmuckgiebel der alten Bremer Bürgerhäuser zitiert.

Weitere JES- Projekte der vergangenen Jahre: ein Konzept für das Besucherzentrum des Teilbeschleunigers DESY in Hamburg, ein Panel beim „Stadtlabor“ in Düsseldorf, Vorträge zu „Hack the future code“ in Köln oder zur „Zukunft der Arbeit“ in Frankfurt

Rechtlich binden die Ergebnisse niemanden. Aber da sie von neutralen Experten im Konsens erarbeitet wurden, und das – wie Erdmann gern sagt – „in Kollaboration“ mit den Beamten und Bauherren, erkennen sie alle Beteiligten als Arbeitsgrundlage an. Kurt Zech hat beteuert: „Wir werden die erarbeiteten Vorschläge der Ideenmeisterschaft mit den politischen Instanzen und unter Einbindung der Bremer Öffentlichkeit weiter konkretisieren.“

So einen Ideenmarathon, bei dem Experten eingeflogen und große Hotelsäle angemietet werden, kann sich natürlich nicht jeder leisten. Der für Mitte Bremen hat Erdmann zufolge rund 400 000 Euro gekostet, bezahlt von den Eigentümern der Innenstadtimmobilien sowie dem Senat.

Beachtlich ist auch die Zeit, die dafür zu kalkulieren ist, denn die Vorbereitungen ziehen sich über Monate. Investoren müssen eher heute als morgen Rendite erzielen, das kann angesichts der gewaltigen Summen, die nötig sind, und der Risiken, die Bauträger auf sich nehmen, auch Julia Erdmann nachvollziehen. Doch sie ist davon überzeugt: Gerade, weil es um viel gehe, sei es schlau, die Ideenmeisterschaft abzuhalten, lange bevor der Kuchen aufgeteilt sei und die Baupläne sowie die Baufinanzierungen stünden.

„Meiner Erfahrung nach wird ausgerechnet auf die entscheidende Frage, die am Anfang stehen sollte, viel zu wenig Zeit verwendet – oder gar keine: Was wollen wir eigentlich? Es wird oft zu schnell losgebaut, ohne eine Vorstellung davon entwickelt zu haben, was die DNA des Ortes ausmacht, den man schafft, und was man mit ihm erreichen will“, sagt Erdmann.

Die Besitzer der Kieler Nachrichten zum Beispiel hätten diesen Fehler um ein Haar begangen. Um sich für die Zukunft zu wappnen, in der auf Papier gedruckte Nachrichten nicht mehr genug Gewinn einspielen, beschloss das Verlagshaus, seine Gebäude und Grundstücke in bester Innenstadtlage umzustrukturieren und neu zu bebauen, um in Zukunft damit Erlöse zu generieren. Auch die dort seit Jahren leer stehende Rotationshalle der alten Druckerei sollte mit neuem Leben erfüllt werden. Den Besitzern schwebte ein Mediencampus vor – bis sie Julia Erdmann engagierten.

Deren Team stellte nicht nur Grundrisse auf den Kopf, es stülpte im Workshop das ganze Areal förmlich von innen nach außen. „Mit einem Campus hätte man sich abgeschottet“, erklärt die Netzwerkerin. „Im kreativen Prozess stellte sich aber heraus, dass genau das Gegenteil das Ziel war – sich zur Stadt hin zu öffnen, Durchlässigkeit und Orte für Begegnungen zu schaffen.“

Inzwischen soll mit den „Kiel Höfen“ ein modernes Passagenviertel mit Restaurants, Geschäften, einer Markthalle und lauschigen Innenhöfen wachsen. Das ergab ein städtebaulicher Wettbewerb. Die ehemalige Rotation wird zur Event-Halle. Eine Summe in zweistelliger Millionenhöhe soll das alles den Verlag kosten und Mitte der Zwanzigerjahre fertig sein. Doch schon in diesem Sommer wollen die Verleger ihren Hof für Veranstaltungen öffnen, sozusagen als Preview.


Viel Raum zum Denken und Gestalten: ein Arbeitsplatz im Büro von Julia Erdmann, die Elbe ist von hier aus nicht weit.

In Bremen ist es Kurt Zechs Immobilienmanagern 2019 tatsächlich gelungen, sowohl der Stadt das Parkhaus abzukaufen als auch den Eignern des Kaufhofs ihre Immobilie – ein Jahr früher, als im Zeitplan mit der Stadt verabredet. Bis März 2022 sollen die Pläne präzisiert werden, wieder in einem Werkstattverfahren, 2024 könnte der Bebauungsplan stehen. Dafür müssen sich die Beteiligten allerdings noch einigen, ob der Senat für das Großvorhaben einen „Innenstadtkoordinator“ einsetzen sollte. Die Bauherren wünschen sich jemanden in der Bürokratie, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, die Politik findet das überflüssig. Gut möglich, dass man Julia Erdmann erneut ins Boot holt, sobald es konkret wird.

Bis dahin trägt sie ihre Idee von der Socialtecture weiter in andere deutsche Städte, vielleicht nach Berlin, Münster oder ins Rheinland. Hier und da mal den Stadtplan auf den Kopf zu stellen, kann nie schaden. //