Mit Würde und Anstand

Die katholische Unternehmensberatung MDG verbindet betriebswirtschaftliches Denken mit christlichen Werten. Passt das zusammen?





Als 1971 die katholische Wochenzeitung Publik nach nur drei Jahren eingestellt werden musste, beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, die Medienkompetenz der Kirche in Zukunft anderweitig zu stärken. 1975 wurde die Medien-Dienstleistung GmbH (MDG) gegründet, die ursprünglich katholische Gremien und Unternehmen medial beraten sollte. Über die Jahrzehnte entwickelte sie sich zu einer konventionellen Unternehmensberatung, auch wenn katholische Unternehmen und ihre Medien bis heute einen Großteil der Kunden ausmachen. So entwickelte die MDG zum Beispiel die Idee, die Zeit-Beilage Christ und Welt zum Nachfolger des eingestellten Rheinischen Merkur zu machen.

Die MDG führt 120 bis 150 Projekte im Jahr durch. Sie gehört dem Verband der Diözesen Deutschlands und muss sich selbst finanzieren, aber keine Gewinne abführen. Da sie nicht wachsen soll, arbeitet die Beratung mit einem Netzwerk von rund 20 freien Mitarbeitern und Unternehmen – fest angestellt sind nur 14 Personen, vom Betriebswirt bis zum Theologen.

Geschäftsführer Wilfried Günther (links, an einem inspirierenden Ort seiner Wahl) ist seit 22 Jahren dabei. Er hat Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Personal studiert und vor seinem Einstieg bei der MDG elf Jahre in einer, wie er sagt, „säkularen“ Beratung gearbeitet.

Herr Günther, glauben Sie an Gott?

Ja.

Was meinen Sie: Ist es eher von Vorteil oder eher von Nachteil, wenn ein Kunde, der nicht aus dem kirchlichen Umfeld kommt, weiß, dass Sie an Gott glauben?

Nach meiner Erfahrung glauben viele Menschen an Gott oder an eine höhere Kraft. Und sehr viele stellen sich Sinnfragen. Deshalb bin ich überzeugt, dass mein Glaube zumindest akzeptiert würde. Und wir fänden trotzdem zügig eine Ebene für eine Beratung.

Immerhin, Sie sagen trotzdem. Der Verdacht, dass man in der Geschäftswelt eher belächelt wird, wenn man an etwas anderes als Zahlen glaubt, ist also nicht ganz abwegig.

Man muss zwischen Glauben und Kirche unterscheiden. Der Glaube ist, denke ich, kein Problem. Zumal uns unsere christliche Ausrichtung eine andere Perspektive ermöglicht als die normaler Unternehmensberatungen. Bei unseren Projekten geht es schließlich oft um Bereiche, die Zuschüsse benötigen und Herzblut, etwa im karitativen Bereich.

Ich habe zum Beispiel drei, vier Jahre eine Ordensgemeinschaft begleitet, die eine Armenspeisung angeboten hat. Es war beim ersten Blick in die Bücher klar, dass sie jedes Jahr rund 100 000 Euro der Substanz entnommen hat – das geht natürlich nicht. Unsere Aufgabe war es, den Wareneinsatz, die Abläufe und die Gewinne, die die Gemeinschaft in anderen Bereichen machte, zu optimieren, damit sie sich die karitative Arbeit leisten konnte.

An so einer Stelle kommt zusammen, was uns ausmacht: Wir denken und handeln nach christlichen Werten, arbeiten aber wie eine normale Unternehmensberatung.

Die christlichen Werte sind sozusagen Ihr USP.

Nicht nur. Für die Arbeit im kirchlichen und kirchennahen Bereich, die den Großteil unserer Aufträge ausmacht, können wir viel Wissen bieten, das anderen erst einmal fehlt. Das beginnt bei Formalien: Wir wissen zum Beispiel, was eine Cellerarin ist oder ein Bistum und wie man einen Bischof anredet – wir sprechen die Sprache unserer Kunden.

Außerdem arbeiten wir schon lange in den genannten Bereichen und haben deshalb viele Vergleichszahlen und -unternehmen. Wir machen auch Grundlagenforschung in diesem Segment mit der Sinus Markt- und Sozialforschung und dem Institut für Demoskopie Allensbach, etwa unsere Milieustudien und den Trendmonitor. Und wir arbeiten mit einem Netzwerk von Spezialisten zusammen, die an der kirch-lichen Arbeit besonders interessiert sind.

Die MDG wurde ursprünglich als Beratung für die katholische Kirche gegründet, noch heute ist sie ihr wichtigster Auftraggeber. Was sind zurzeit die größten Probleme der Kirche?

Die katholische Kirche ist seit vielen Jahren nur noch ein Sinnanbieter unter vielen. In der Folge ist das Interesse an ihren Angeboten, wie etwa den katholischen Medien, gesunken. Zugleich stellen wir jedoch fest, dass sehr viele Menschen die Frage nach dem Sinn des Lebens umtreibt. Es muss also darum gehen, diese Frage zeitgemäß aus katholischer Sicht zu beantworten.

Da gibt es mittlerweile auch gute Beispiele. Ich selbst bin ein begeisterter Motorradfahrer und habe vor neun Jahren eine Motorrad-Wallfahrt nach Assisi geschenkt bekommen. Wir waren gut 30 Personen und sind eine Woche zusammen gefahren. Einige von uns glaubten an Gott, konnten mit der Kirche aber nichts anfangen – doch diese Tour brachte allen jeden Tag spirituellen Input.

Und darum geht es: Menschen verschiedene Möglichkeiten anzubieten, sich spirituell an die Kirche anzudocken – sei es in einem Gotteshaus, einer Buchhandlung oder einem Klosterladen.

So etwas zu entwickeln ist bestimmt befriedigend, aber vermutlich nicht die Regel in Ihrem Job. Immerhin sollen Sie Gemeinschaften, die im Auftrag Gottes arbeiten, dazu bringen, sich weltlichen Zwängen anzupassen.

Wir haben keine vorgefertigten Lösungen – wir überlegen für jeden Auftrag einen individuellen Ansatz. Aber wir gehen dabei immer wieder ähnlich vor. Wir versuchen von Anfang an, alle Betroffenen in den Prozess einzubeziehen: Geschäftsführung, Gesellschafter, Lieferanten, Mitarbeiter, Kunden und so weiter. Das ist erst einmal aufwendig, aber hilfreich bei der Umsetzung. Denn die gehört bei unseren Aufträgen in der Regel dazu. Und die Erfahrung hat uns gelehrt: Die Motivation, etwas zu ändern, ist wesentlich größer, wenn man selbst an der Planung mitgewirkt hat.

Da ist eher Psychologie gefragt als Betriebswirtschaft. Das alte Credo, der Berater solle sich doch bitte vor allem um Zahlen kümmern, gilt also auch bei Ihnen nicht mehr?

Das hat sich wirklich geändert. Als ich vor 30 Jahren als Unternehmensberater angefangen habe, ging es um Marktanalyse, Wettbewerbssituation und rationale Vorschläge, um die geschäftliche Lage zu verbessern. Aber so einfach ist es nicht mehr.

Wir lehnen mittlerweile Aufträge ab, wenn wir nicht ganzheitlich arbeiten können – weil wir wissen, dass wir und unsere Kunden damit erfolgreicher sind. Die meisten säkularen Unternehmen und die Orden sind dafür inzwischen auch offen. Nur in der Kirche selbst ist es manchmal schwierig. Dort herrschen zum Teil noch starre Strukturen.

Was meinen Sie mit ganzheitlich?

Wenn es um Veränderungen geht, ist natürlich erst mal das Thema: Welche Strategie benötigen wir, wie kann ich eine Organisation umstrukturieren, Kosten sparen, etwas Neues entwickeln. Doch es gibt dabei ganz unterschiedliche Menschentypen, die auf solche Entwicklungen ganz unterschiedlich reagieren. Die einen sagen: „Packen wir’s an!“, und freuen sich. Andere dagegen denken: „Oh nein, ich muss meinen Schreibtisch in einen anderen Raum stellen – ich weiß nicht, ob ich das packe.“ Diese Menschen begleiten wir im Veränderungsprozess – auch emotional.

Man sollte denken, dass das selbstverständlich ist in einer Institution, in der es um das menschliche Miteinander geht.

Für die Kirche ist das zum Teil etwas Neues. Dort ist man, wie in vielen großen Organisationen, daran gewöhnt, von oben nach unten zu entscheiden. Es gibt noch Bistümer, die mit Organisationsverfügungen arbeiten: „Ab dem 1.1. ist der Bereich X so und so strukturiert, das heißt …“ Doch das funktioniert heute nicht mehr.

Auch der Umgang bei Kündigungen ist nicht immer optimal: Für mich ist es ganz schwierig nachzuvollziehen, dass es einigen Führungskräften in der katholischen Kirche schwerfällt, ein Trennungsgespräch so zu führen, dass der Betroffene mit Würde und Anstand gehen kann. Wir haben eine sehr gute christliche Wertebotschaft – aber vielen fällt es nicht leicht, sie auch zu leben. Das finde ich sehr schade.

Integration der Mitarbeiter in Change-Prozesse, faire Kündigungen – um das zu fordern, braucht man keine christlichen Werte. Das wollen viele, und dafür gibt es ganz rationale Gründe.

Sicher, aber wenn Sie ausschließlich rational argumentieren, ist es, als würden Sie nur über den Teil des Eisbergs sprechen, der über der Wasseroberfläche liegt. Den verborgenen Teil, die Gefühle, ignorieren Sie jedoch. Doch Veränderungen sind oft emotional aufgeladen – und damit müssen Sie auch umgehen. Deshalb muss man das Rationale mit dem Emotionalen verbinden – so funktionieren Menschen nun mal.

Das schlägt sich auch in der Zusammensetzung unserer Teams nieder. Wir haben für alle Mitarbeiter die Denkstilpräferenzen analysiert und ein HBDI-Profil (Herrmann Brain Dominance Instrument) erstellt, aus dem wir ersehen können, ob die Person mehr analytisch, mehr planerisch, mehr kreativ oder mehr menschlich orientiert ist. Das hat auch nach innen viel gebracht: Die Offenheit, mit Kollegen zu arbeiten, die ganz anders denken als man selbst, ist erheblich gestiegen. Der Controller weiß, dass der Kreative Stärken hat, die ihm vielleicht nicht so gegeben sind, und dass er die in seinem Team nutzen kann. Umgekehrt genauso. Und diese verschiedenen Stärken versuchen wir auch beim Kunden zu nutzen.

Das heißt, die Zahlen müssen stimmen und die Stimmung?

Ich bin fest davon überzeugt, dass man den Erfolg nicht aufhalten kann, wenn man den Menschen die Möglichkeit gibt, Spaß an ihrer Arbeit zu haben. Dafür tun wir auch bei uns im Hause viel. Wir können als mittelständische Beratungsgesellschaft nicht dasselbe zahlen wie große Häuser, aber ich glaube, wir haben ein gutes Betriebsklima. Wir geben viel Freiheit für neue Ideen und achten darauf, dass niemand zu viel arbeitet oder ständig unterwegs ist. Wir müssen dafür natürlich flexibel sein, aber das geht, weil wir keine Hierarchien haben. Wir sind wie ein Uhrwerk: Alle arbeiten zusammen, alle werden gebraucht.

Das hört man von jeder auch nur halbwegs erfolgreichen Firma: Wir bauen Hierarchien ab, wir haben keine Hierarchien. Glauben Sie, dass Hierarchien per se geschäftsschädigend sind?

Nein, ich denke, wenn man Hierarchie als eine Struktur versteht, ist sie sinnvoll. In so einer Struktur ist bei uns ein Berater genauso wichtig wie eine Reinigungskraft – wenn das Büro schmutzig ist, kann ich keine Kunden empfangen oder sie gar beraten.

Wenn man Hierarchie aber als „Ich entscheide, und ihr tut, was ich sage“ versteht – das funktioniert schon lange nicht mehr. Das gilt besonders für die junge Generation: Für die steht nicht das Gehalt im Vordergrund oder die Karriere, sondern das Betriebsklima. Das ist auch für die katholische Kirche eine wichtige Entwicklung: Was muss sie tun, damit sie für junge Menschen künftig überhaupt noch als Arbeit-geber infrage kommt? //