Unternehmensberater 2016

Ganz generell sehr speziell

Generalist? Spezialist? Falsche Frage, meinen die Autoren der jüngsten Managementliteratur. Sinn, Neugier, Autonomie oder Dialog sind ihre zentralen Begriffe für die Menschen in den Organisationen der Zukunft.





Change ist eines dieser Buzzwords, die heutzutage den gesunden Menschenverstand in Unternehmen flachlegen. Die Erfahrungen sind vielerorts gleich: Unter der Change-Flagge stranden Generalisten wie Spezialisten an den scharfen Klippen neuer Märkte und Wettbewerbsumgebungen. Dann heulen alle, aber schon bald wird die nächste Change-Sau durchs Dorf getrieben.

Das Problem dabei ist: Neun von zehn Veränderungsprozessen scheitern. Das zeigt wieder einmal eine Studie – diesmal von vier Beratern und Wissenschaftlern, die kritisch hinter die Kulissen blicken. Nina Leffers ist Professorin für Internationales Management an der OTH Regensburg. Sebastian Morgner und Robert Wreschniok leiten das Leadership Institut München, und Thomas Perry ist Geschäftsführer von Q | Agentur für Forschung.

Ihr Credo ist einfach: Es fehle fast immer am Willen der Beteiligten. Denn viele Mitarbeiter kündigten innerlich, und nicht weniger Führungskräfte wüssten gar nicht, was genau zu tun sei. Wie man trotzdem etwas verändern kann, ist die zweite Sichtachse in diesem Buch. Konkret: sich wieder auf das Einfache und Wirksame konzentrieren. Erstrebenswerte Ergebnisse anvisieren und keine Luftschlösser bauen, die mit Buzzword-Budenzauber unterfüttert werden. Entscheidend sei dabei das Menschenbild, so die Autoren. „Mitarbeiter und Manager sind keine Maschinen, die man bei Bedarf einfach neu programmieren kann, sie sind Menschen mit Emotionen und Ängsten, mit kreativen Ideen und individuellen Vorbehalten.“ Daher müsse, und das eint Generalisten wie Spezialisten, jeder einzelne Change-Akteur verstehen, worum es im Prozess geht und welchen persönlichen Sinn er darin erkennt. Dann und nur dann werde er sich engagieren.

Das Buch nennt Ross und Reiter, was den alltäglichen Wahnsinn in Unternehmen betrifft. Es gibt Hunderttausenden von Managern argumentative Schützenhilfe, um sich vor den Auswüchsen überflüssiger Change-Prozesse abzuschirmen. Außerdem beschreibt es klare und leicht nachvollziehbare Regeln und Rahmenbedingungen, die helfen können, in Unternehmen und Organisationen tatsächlich etwas wirksam zu verändern.

Nina Leffers, Sebastian Morgner, Thomas Perry, Robert Wreschniok: Der ganz normale Change-Wahnsinn – und wie man trotzdem etwas verändern kann. Murmann Publishers, Hamburg 2016; 30 Euro.

Dahinter steht auch das große Bedürfnis zu erfahren, wie man eine sinnstiftende Zusammenarbeit in Unternehmen organisieren kann. Kurzum, es geht in erster Linie darum, eine Umgebung zu schaffen, die ein erfüllendes und selbst-bestimmtes Handeln der Menschen ermöglicht, gleichzeitig aber auch den Geschäftszweck des Geldverdienens nicht vernachlässigt. Der Spagat neuer Ökonomie in dramatischen Umbruchzeiten! Frederic Laloux ist derzeit der große Bühnenstar neuer Organisationsentwicklung. Jetzt liegt sein Standard- werk endlich auch auf Deutsch vor.

Frederic Laloux: Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Verlag Franz Vahlen, München 2015; 39,80 Euro.

Die entscheidende Annahme des Autors besteht darin, dass die Generalisten an der Unternehmensspitze nur noch den Rahmen schaffen, in dem sich ihre Mitarbeiter dann gänzlich selbst organisieren. Sie entscheiden, was getan werden muss, und vereinbaren bis hin zu Arbeits- und Urlaubszeiten alles selbst. Sie werden zu Spezialisten ihrer eigenen Arbeitswelt. Das Buch ist eine clevere Verbindung aus wissenschaftlicher Überzeugungskraft und pragmatischer Erzählung. Es mäandert zwischen den unternehmerischen Wirklichkeiten kleiner und großer Organisationen und pulverisiert leichtfüßig die alten funktionalen Macht- und Hierarchie-gewissheiten.

„Die Energien der einzelnen Menschen werden gesteigert, wenn sie sich mit einem Sinn verbinden, der größer ist als sie selbst“, schreibt der ehemalige Unternehmensberater Laloux. Generalist und Spezialist sind für ihn letztlich veraltete Sichtachsen, es komme viel mehr auf die inneren Ansprüche an, denen man gerecht werden will, als für irgend-einen Chef exklusiv als kleines Schräubchen zu schuften.

Wie aber schafft man es, die dafür notwendige Neugier bei jedem Einzelnen zu wecken: diese neuerdings immer und überall geforderte Lust auf Selbstführung und Autonomie? Carl Naughton, ausgebildeter Schauspieler, promovierter Linguist und langjähriger Dozent im Bereich der pädagogischen Psychologie an der Uni Köln, geht in seinem neuen Buch besonders der Frage nach, wie man sich selbst neugieriger machen kann.

Carl Naughton: Neugier. So schaffen Sie Lust auf Neues und Veränderung. Econ Verlag, Berlin 2016; 19,99 Euro.

Sich selbst Feuer im Kopf machen, nennt es der Autor. Und trotz einiger selbstüberhöhender Tschakkaismen, die das Buch bisweilen als letzte Wahrheiten zu verkaufen versucht, birgt es interessante Ratschläge, um die Selbstbewusstheit eines Arbeitskraftunternehmers anzufachen. Dazu gehört vor allem die Selbsterkenntnis, von anderen zu lernen und damit zuallererst seine Aufmerksamkeit auf andere zu richten. Die Frage „Was kann ich von diesem Menschen lernen?“ ist eine viel zu vernachlässigte Gesprächsachse im neuen Spiel von Selbstführung und Sinn. Dazu braucht es manchmal einen starken Vereinfacher wie Carl Naughton, obwohl sich seine Mantras um Neugier und persönlicher Veränderung leicht einprägen.

Viel smarter gehen der Führungsexperte Niels Pfläging und seine Mitautorin Silke Hermann an das Thema heran. Sie möchten mit ihrem neuen Werkzeugkasten Lust machen, zu handeln und Change-Management endgültig selbst in die Hand zu nehmen.

Niels Pfläging, Silke Hermann: Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. Redline Verlag, München 2015; 12,99 Euro.

Ausgangspunkt ihres kleinen Büchleins ist die Unterscheidung zwischen kompliziert und komplex. Ersteres ist das Maß an Unwissenheit, das uns den Blick auf den Wandel verbaut. Komplex hingegen ist das Maß an Überraschungen, mit denen man rechnen muss. In diesem Sinne ist die neue Unternehmenswelt eine dynamische Drehscheibe eigener Ideen. Es geht, so die Autoren, in diesem Spiel darum, die Beziehungs- und Ideendichte der Akteure zu erhöhen und „im entscheidenden Moment einen Dialog zwischen den Beteiligten zu sichern“.

Womit wir wieder bei Neugier, Selbstführung und persönlichem Sinn angelangt sind. Dieses Buch ist der schwungvolle, praktische Schnellkurs, es kommt rasch auf den Punkt, ist unglaublich witzig illustriert und bleibt trotzdem komplex im Sinne dynamischer Überraschungen. Und ganz ohne die übliche Selbstbeweihräucherung, denn wie heißt es am Ende so richtig: „Leidenschaftliche Menschen versuchen, andere zu beeinflussen – Eiferer dagegen versuchen, andere zu überzeugen und zu konvertieren.“

In diese Kategorie gehört auch Frank Arnolds Neuauflage seines Fast-schon-Klassikers „Der beste Rat, den ich je bekam“. Es zeigt, wie unterschiedlich und faszinierend die kleinen Momente sind, die unser Leben dann doch nachhaltig beeinflussen und verändern können.

So wie beispielsweise bei Mohamed El-Erian, dem früheren CEO von PIMCO, einer der weltweit größten Investmentgesellschaften. „Als mein Vater Ägyptens Botschafter in Frankreich war, lebten wir in Paris. Wir bekamen jeden Tag mindestens vier Tageszeitungen, von Le Figaro auf der rechten Seite des politischen Spektrums bis zu L’Humanité, der Zeitung der kommunistischen Partei. Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Vater fragte: Warum brauchen wir so viele Zeitungen? Und er sagte: Wenn du nicht verschiedene Perspektiven kennenlernst, verengt sich dein Geist, und du wirst einer gewissen Sichtweise folgen, ohne sie jemals infrage zu stellen.“

Wie wahr, möchte man ausrufen, in einer Wirtschaft und Gesellschaft zunehmender Perspektivendifferenz und Fragmentierung. Darin Komplexität auszuhalten und zu ertragen ist für Generalisten wie Spezialisten gleichermaßen handlungsprägend und die Voraussetzung, sich leidenschaftlich einzubringen zu wollen.

Frank Arnold: Der beste Rat, den ich je bekam. Hanser Verlag, München 2016. Neuauflage; 14,90 Euro.

Womit wir am Ende unserer kleinen Wirtschaftsbuchreise bei Gunter Dueck ankommen. Der frühere IBM-Cheftechnologe und heute gefragte Innovationsexperte hat sich in seinem jüngsten Buch ausführlich mit der Schwarmdummheit beschäftigt. Messerscharf seziert er deren generalisierte Verblödungsinszenierung in Meetings und Besprechungen, die wie ein Damoklesschwert über der kreativen und innovativen Individualisierung schwebt.

Gunter Dueck: schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam. Campus Verlag, Frankfurt 2015; 24,99 Euro.

Das Buch ist ebenfalls ein großes Plädoyer, den einzelnen Menschen in Unternehmen freie Fahrt für deren unterschiedliche Selbstentfaltungslinien zu sichern. Und damit eine Absage an die Schwarmintelligenz generalisierten Managements. „Da das Management als Schwarm gesehen sehr ungeduldig ist und da es die Macht hat, steckt es die ganze Umgebung mit dem eigenen Stress unentwegt an und findet sich total gut dabei. Das wirkt auf alle Mitarbeiter desaströs, die geistig arbeiten wollen/sollen oder entspannt mit Kunden reden sollen.“ Kreativität und Erfolg brauchen Ruhe. Oder, wie die Ökonomin Olivia Mitchell am Ende des Buches zitiert wird: „Wenn du auf einem Pferd sitzt, dann stell dir vor, du wärst ein stolzer deutscher Eichenbaum, der sich mit zwei Wurzeln in die Erde gräbt und nach oben eine mächtige Baumkrone in den Himmel reckt.“ Generalist hin, Spezialist her! //